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StartseiteBüchermarkt"Die anderen und sich selbst bewusster wahrnehmen"19.06.2008

"Die anderen und sich selbst bewusster wahrnehmen"

Henryk Bereska: Kolberger Hefte, Tagebücher 1967-1990

<strong>Henryk Bereska war einer der herausragenden deutsch-polnischen Literatur- und Kulturvermittler. Bereska übertrug fast alle großen Autoren aus dem Polnischen ins Deutsche und schrieb selbst Gedichte, Prosa und Essays. Jetzt, drei Jahre nach seinem Tod, könnte ihm die Veröffentlichung seiner Tagebücher späten Ruhm verschaffen.</strong>

Von Matthias Kußmann

Füllfederhalter auf Notizblock (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
Füllfederhalter auf Notizblock (Stock.XCHNG / Christy Thompson)

Henryk Bereska wurde 1926 im schlesischen, damals polnischen Katowice geboren. Nach dem Krieg war er zunächst Lektor im ostdeutschen Aufbau-Verlag, dann zog er sich in die Übersetzer-Nische zurück:

"Ich musste mich an vorgegebene Muster halten, konnte bestimmte Autoren nicht übersetzen. Die Lyrik-Anthologie, die ich gemacht habe, "50 Jahre polnische Lyrik", da mussten die Exilanten draußen bleiben, das ist ziemlich fürchterlich - aber man konnte im Rahmen dessen, was möglich war, was tun."

Seit den 50er Jahren übersetzte er Texte von Autoren wie Milosz oder Zbigniew Herbert ins Deutsche. Er verstand sich als "poetischer Fährmann", der "kostbare Fracht" zwischen den Ländern hin- und hertrug. Bereska reflektierte die schwierige Beziehung der Nachbarländer permanent - und wollte mit seiner Arbeit zur Annäherung beitragen:

"Es war auch reizvoll, eine polnische Literatur dem Leser anzubieten, der, was meine Generation betrifft, keine Ahnung hatte von der polnischen Literatur. Diese 13 Jahre Hitlerei hatten genügt, in der jungen Generation ein Vakuum entstehen zu lassen. So war für mich dieser Sprung ins Übersetzerische und in die Beschäftigung mit polnischer Literatur etwas völlig Notwendiges und nachgerade Verpflichtendes - und etwas, was mir auch Spaß machte."

Von 1949 bis zu seinem Tod führte Bereska Tagebuch, rund 4000 Seiten. Eine Auswahl ist jetzt in der Edition Büchergilde erschienen. Die Herausgeberin Ines Geipel nannte den Band "Kolberger Hefte", da der märkische Ort für Bereska "Sehnsuchts-, Lebens- und Kreativraum" gewesen sei. Er hatte dort eine Hütte gekauft, wohin er sich oft aus Berlin zurückzog. In Kolberg entstand ein großer Teil des Tagebuchs.

"Das ist schon ein originäres Zeitdokument. Brigitte Reimann ist bekannt geworden mit ihren Tagebüchern, einige andere auch, aber letztlich gibt es gar nicht so viele Tagebücher aus diesen DDR-Zeiten, die danach nicht umgeschrieben wurden. Es ist sein Zeitausdruck, sein Ausbrechen, sein Sichkonzentrieren - sein Versuch, einen Modus für diese Art von Leben zu finden."

Die Auswahl beginnt im Februar 1967; Bereska ist 40 Jahre alt. Gleich eingangs heißt es programmatisch:

Tägliche Notizen zur Gewohnheit machen. An Abenden, die frei sind, irgendwo an den Stadtrand fahren. Leute aufsuchen, die mir über unbekannte Gebiete Aufschluss geben. Darüber ins Reine kommen, dass ich nicht ewig jung bleibe. Und die Jahre nutzen. Mit der Zeit geizen. Unbehagen und Missstimmungen produktiv machen. Sich Wünsche versagen. Die anderen und sich selbst bewusster wahrnehmen. Mit der leichtfertigen Zerstörung meines Rufs als unpünktlicher und unverlässlicher Mitarbeiter ein Ende machen.

Er nimmt sich viel vor - es gelingt nicht alles. Immer wieder geht es um Kämpfe mit dem Alkohol und der Arbeit, er klagt über Phasen, in denen er zwar manisch liest, aber nicht übersetzt. Daneben gibt es Begegnungen mit Freunden und Kollegen wie Erich Arendt oder Peter Huchel - und Beschreibungen der märkischen Landschaft, die er liebt. Die Notate reichen von 1967 bis 1990, also etwa vom Prager Frühling bis zum Fall der Mauer - wenngleich Politik weitgehend ausgespart bleibt:

Vielleicht ist es gar nicht so dumm, sich aus allem herauszuhalten und dem Aggressiven als Schemel zu dienen...

... notiert er einmal. Gut verständlich bei einem Autor, der nie in die SED eintritt und weiß, dass ihn die Stasi überwacht - wegen Verdachts "staatsfeindlicher Tätigkeit". Seine engsten Freunde sind der Bulgarist Norbert Randow und der Autor Werner Kilz: einer "Republikflüchtling", der andre sitzt aus "politischen" Gründen im Knast. Bereska selbst darf zwar Übersetzungen, aber keine eigenen Texte publizieren. 1979 schreibt er:

Eine der vergessenen Heimsuchungen des sozialistischen Systems: Man durfte kein ehrliches Tagebuch führen, weil man als Bespitzelter jederzeit die Beschlagnahme fürchten musste, Tagebuch als Anklagematerial.

So sind die "Kolberger Hefte" keine politische Anklage und, was die persönlichen Begegnungen angeht, auch kein "Schlüsselroman". Aber sie sind ein wichtiges Dokument über den Alltag in der DDR - und darüber, wie man das Regime integer überstehen konnte. Ohne Heroismus mit "aufgerissener Brust", aber eben auch, ohne mitzuspielen. Wie ein Leitmotiv wiederholen sich Klagen über die materielle Lage. Dazwischen erlaubt Bereska seine Arbeit als Übersetzer kleine Fluchten ins Ausland: ein Kongress in Krakau und Warschau, dann nach Wien. Der Wohlstand beeindruckt, aber macht auch trotzig und lässt das heimische Grau in neuem Licht erscheinen:

Wien, wo wieder alles funktionierte. Aber am Ende der fünf Tage kotzte mich das an. Zu viel an Wohlstand, Kunst, Eleganz, Angebot. Zu wenig Beschädigtes: Keine dicken Männer oder Frauen. Keine Promenadenmischungen. Keine kleinen Kinder. Kein kaputtes Telefon. Es gibt da nichts auszuhalten.

1976 unterschreibt er mit anderen Autoren, Künstlern und Musikern die heute legendäre Petition gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Da man ihn als Übersetzer nicht verlieren will, schikaniert die Stasi seine Frau, die beim Fernsehen arbeitet und die Familie ernährt. Sie soll sich von Bereska trennen, was sie nicht tut. Die Familie übersteht die DDR.

"Das wusste man ganz genau, dass man ihn nicht weichklopfen können würde. Dass er wie in seinem Interregnum in Kolberg auch überleben konnte, in seiner Holzhütte. In dieser Spannung hat er ja auch gelebt. Zwischen Ostberlin - diese Straße, diese Sackgasse, in der er gewohnt hat, war ja direkt an der Mauer, er ist im Grunde immer wie mit dem Kopf an die Mauer gestoßen. Und ist dann in die S-Bahn gestürzt und hat versucht, in Kolberg und in der Natur mit seinen Pilzen, Wäldern, Himmeln und Tieren wieder Luft zu kriegen. Ich glaube, das ist ein Überlebensmodell gewesen, mit diesem Pendeln zwischen der Mauerstraße und Kolberg."

Im Herbst 1989 fällt die Mauer. Die Ereignisse davor und danach begleitet Bereska im Tagebuch. Entgegen der Skepsis vieler Kollegen ist er zuversichtlich. Er bereist die westeuropäischen Länder, pflegt Kontakte, die vorher nur brieflich möglich waren - und erhält mit dem "Transatlantyk" den wichtigsten polnischen Übersetzerpreis. Henryk Bereska stirbt am 11. September 2005, mit 79 Jahren. Manche seiner Übersetzungen werden noch aufgelegt. Seine eigenen Texte sind leider weitgehend unbekannt. Da kommt die Edition der Tagebücher gerade recht. Und wer dadurch neugierig geworden ist, findet Bereskas Werke in zwei Berliner Kleinverlagen. In der Corvinus Presse gibt es drei bibliophile Bände mit lakonischen, auch ironischen Gedichten und Aphorismen. Und im Aphaia Verlag erschien ein Querschnitt durch sein Werk: "Der Himmel legt die Stirn in Falten", heißt der Band, er enthält Gedichte, Aphorismen, Essays und Autobiografisches.

Henryk Bereska: Kolberger Hefte. Tagebücher 1967-1990.
Mit einem Nachwort von Ines Geipel.
Edition Büchergilde, 364 Seiten

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