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StartseiteWissenschaft im BrennpunktDie Anwälte der Toten07.03.2010

Die Anwälte der Toten

Ein Blick in die Labors moderner Rechtsmedizin

Dem Tod durch Gewalteinwirkung begegnen wir am liebsten aus sicherer Distanz: im Fernsehen. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus als im "Tatort" und "Polizeiruf" - technischer. Die Kripo nimmt am Ort des Verbrechens die Szenerie mit einem 3D-Laserscanner auf; Schusskanäle lassen sich damit auch zehn Jahre später gerichtsfest nachweisen.

Von Maximilian Schönherr

Gewaltverbrechen kann die Kripo dank ausgereifter Technik oftmals detailgenau rekonstruieren.  (Stock.XCHNG / Nate Nolting)
Gewaltverbrechen kann die Kripo dank ausgereifter Technik oftmals detailgenau rekonstruieren. (Stock.XCHNG / Nate Nolting)

Heribert Schäfersküpper, Kriminalhauptkommissar LKA Düsseldorf:

"Wir sind die Anwälte der Toten. Wir versuchen mit unseren Tatsachen, die wir erheben können, dem Richter Hilfen zu geben, um mit seinem Urteil möglichst nah am Recht zu sein."

Wenn sich Rechtsmediziner und Kriminaltechniker als Anwälte der Toten verstehen, dann ist diese Sendung ein Anwalt für eine unabhängige Rechtsmedizin.

Burkhard Madea, Leiter der Rechtsmedizin Uni Bonn:

"Hier hat sich in den letzten Jahren eine ganze Menge getan."

Denn diese Wissenschaft ist in Gefahr. Sie soll im Rahmen von Sparmaßnahmen vielerorts aus dem Forschungsbetrieb der Universitäten ausgesondert und in Polizeibehörden integriert werden. Das ist kein neuer Gedanke.

Frank Mußhoff, Forensischer Toxikologe, Uni Bonn:

"Das ist eins der sensitivsten Geräte, was zurzeit auf dem Markt ist."

Die Rechtsmedizin, lateinisch "Forensik", schälte sich erst vor etwa 100 Jahren mühsam aus anderen, längst etablierten Forschungsdisziplinen wie den Sozialwissenschaften, der Rechtswissenschaft, Hygiene und Medizin als eigenständiges Fach heraus.

Michael Tsokos, Leiter der Rechtsmedizin an der Charité Berlin:

"Wenn das nicht vordiagnostiziert worden wäre, dann wäre ich sicher erstaunt über die Größe des Herzens der jungen Frau gewesen, das die bizarre Form einer Tintenfischfalle hat, mit ausgedehntesten Absterbebezirken des Herzens."

Für die meisten Medizin- und Jurastudenten gehört es zum unappetitlichsten Teil ihrer Ausbildung, einer Leichensektion zuzusehen.

Heribert Schäfersküpper, Kriminalhauptkommissar LKA Düsseldorf:

"Dazu gibt es Spezialisten, Blutspritzanalysten, die dann von der entsprechenden MK beauftragt werden, entsprechende Aussagen zu treffen. MK? Mordkommission."

Frank Mußhoff, Forensischer Toxikologe, Uni Bonn:

"Zwei, drei Stunden nach Auffinden einer Leiche ein komplettes Screening durchzuführen..."

Burkhard Madea, Leiter der Rechtsmedizin Uni Bonn:

"Eine relativ präzise Eingrenzung des Todeszeitraums im früh-postmortalen Intervall..."

Wie das Altern und den Tod, verdrängt unsere Gesellschaft auch die Forschungsdisziplin, die sich dem Tod am stärksten nähert. Im Rampenlicht stehen die Gerichtsmediziner nur in Fernsehkrimis, oft fälschlich "Pathologen" genannt, meist mit immer leicht schrulligen, eigenbrötlerischen, aber durchaus netten Personen besetzt, die in der Mittagspause Unmögliches leisten...

Frank Mußhoff, Forensischer Toxikologe, Uni Bonn:

"Da muss man sich auch ein bisschen lösen von diesen ganzen Berichten, CSI und so weiter, da wird ein ziemlich falscher Eindruck erweckt."

Nämlich eben mal das Komplettprogramm mit Spermien- und Haar-Analyse, Schusswaffenballistik und Vergiftungsprofil absolvieren. "Hier, Kommissar Wallander/Beck/Leitmayr, die Ergebnisse." Auch im Fernsehen sind diese Sympathieträger nicht Vertreter eines eigenen Fachs, sondern Zulieferer für die Kripo.

Frank Mußhoff:

"Derzeit werden viele Fälle aus den 80er-Jahren, teilweise davor, aufgeklärt, weil jetzt erst die Möglichkeit besteht, aus den geringen Spuren DNA zu isolieren und den ein oder anderen Fall aufzuklären."

Die Forensik selbst ist nicht ohne Highlights und Skandale. Im letzten Jahr legten DNA-Proben verschiedener Tatorte nahe, dass ein und dieselbe Täterin ganz Baden-Württemberg verunsicherte. Man nannte sie die große Unbekannte, "das Phantom von Heilbronn". Es war tatsächlich ein Phantom. Das Genom gehörte nämlich einer unbescholtenen Arbeiterin in der Verpackungsindustrie, die die Wattestäbchen, die die Polizei beim Annehmen von Proben benutzt, während des Eintütens angefasst hatte.

Michael Tsokos, Leiter der Gerichtsmedizin an der Charité in Berlin, stieß 2007 auf eine kopflose Leiche in seinem Fundus und dachte sofort an die 1919 ermordete Rosa Luxemburg. Er nahm Gentests, aber es fehlten ihm die Vergleichsmuster. Er versuchte deshalb, aus einem Kräutergarten, den die Kommunistenführerin im jetzigen Polen angelegt hatte, DNA-Spuren von ihr zu finden – ohne positives Ergebnis. Wie schön wäre es doch gewesen, endlich die Leiche von Rosa Luxemburg gefunden zu haben und in Ruhe begraben zu können. Hat man aber nicht. Forensik macht keine Träume wahr, Forensik ist Wissenschaft.

Das muss einen Gerichtsmediziner wie Michael Tsokos nicht hindern, sein Fach populärer zu machen. Nachfrage dafür gibt es. In einer sehr erfolgreichen Ausstellung "Vom Tatort ins Labor" im medizinhistorischen Museum der Charité zeigte er, wie Gerichtsmedizin wirklich funktioniert, abseits vom Fernsehidyll: Da sah man quer – und nicht längs – aufgeschnittene Pulsadern, Würgemerkmale, Schlagringe, Sektionsmesser, eine von Fischen angefressene, mit schwarzen Löchern übersäte Wasserleiche. All das hat Michael Tsokos selber gesehen, fotografiert. Der Gegenstand der Ausstellung, mit dem der Forensiker am meisten verbindet, ist völlig unscheinbar: ein Plastikfeuerzeug.

"Ja, dieses Feuerzeug war in einem ganz interessanten Todesfall ein wichtiger Schlüssel, wie sich dieser Todesfall ereignet hat. Es fuhr ein Pkw, von mehreren Zeugen beobachtet, auf einer Landstraße. Plötzlich gab es eine gewaltige Explosion, die Scheiben barsten, der Pkw rollte noch einige Meter, blieb dann stehen, brannte, schmolz richtig in den Asphalt ein."

Moment. Das ist doch ein Krimi. Kann der nicht klingen wie ein Krimi?

"Plötzlich gab es eine gewaltige Explosion, die Scheiben barsten, der Pkw rollte noch einige Meter, blieb dann stehen, brannte, schmolz richtig in den Asphalt ein. Als dann die Rettungskräfte kamen, wurde auf der Rückbank ein Skelett gefunden, ein fast vollständig skelettierter Leichnam mit schwersten Brandverletzungen."

Genau! Und, wer löst den Fall? Kommissar Beck?

Michael Tsokos, Leiter der Rechtsmedizin an der Charité Berlin löst den Fall. Und das ist kein Krimi, sondern Wissenschaft.

Schade.

"Das Fahrzeug konnte gar nicht bestimmt werden, weder der Typ, noch die Fahrzeugnummer, weil der Brandschaden eben so groß war. Letztlich konnten wir dann aufgrund einer Vermisstenanzeige den Verstorbenen über den Zahnstatus identifizieren und zusammen mit technischen Sachverständigen vom Branddezernat den Hergang rekonstruieren. Es handelte sich um einen Suizid. Der Mann hatte während der Fahrt im Fußraum zwei Fünf-Liter-Benzinkanister geöffnet. In dem Moment, wo Sie die richtige Konzentration zwischen Umgebungsluft und Benzindämpfen, also zwischen 8 und 16 Prozent, da ist es eben entflammbar. Und er hat genau dieses Feuerzeug während der Fahrt angezündet, und es hat eine unheimliche Explosion gegeben, die ihn als Fahrer eben auch auf die Rückbank schleuderte. Dieses Feuerzeug ist letztlich die Tatwaffe."

Das ist klassische Kriminalistik, klassische Gerichtsmedizin.

Fall zwei: Heribert Schäfersküpper, Kriminalhauptkommissar beim Landeskriminalamt Düsseldorf, Experte für 3D-Rekonstruktion von Tatorten. Eine Frau wurde erschossen, der Täter ist gefasst. Die Spuren wurden gesichert, DNA-Proben genommen. Es geht nur noch um die Schwere der Schuld, darum, wie nah der Täter die Pistole an seinem Opfer auslöste. Kripomann Schäfersküpper, der früher Gefahrguttransporte auf der Autobahn untersucht hat, war mit einem tragbaren Laserscanner am Tatort gewesen, hat die Örtlichkeiten zentimetergenau vermessen.

Jetzt lädt er die Wohnungsdaten in seinen PC. Er kann sich dann in den engen Räumen, in der Diele, im Wohnzimmer frei herum bewegen, ähnlich wie bei einem Computerspiel, und die Schusswinkel räumlich ausmessen. Aus einer Teppichleiste direkt hinter dem Opfer ragt ein Stab heraus – eine Sonde, die der Kriminalhauptkommissar am Tatort selbst hineingesteckt hatte. Sie dient als Vektor für die exakte Schussrichtung.

"Ich habe jetzt einen Tatort aufgemacht. Es geht um eine Schusswinkelrekonstruktion. Hier in der Diele, wo das Opfer aufgefunden wurde, lag ein hochfloriger Teppich. Und darin ist nichts gefunden worden. Als dann die Wohnung leergemacht wurde, stellte man in der Wohndiele einen sondierbaren Schusskanal fest. Das heißt, ich habe einen richtigen Kanal, wo ich ein Rohr hineinstecken kann. Wir sehen jetzt hier eine solche Sonde. Wir sehen jetzt von außen zum Fenster hinein. Jetzt gehen wir in die Wohnung, sind in der Diele.
Das ist die Tür, um die es geht. Dieser rote Schusskanal hätte also aus dem linken Winkel der Tür abgegeben sein müssen. Also hätte der Täter die Waffe so abstrus von oben nach unten halten müssen, um das Opfer so zu treffen. Genauso der zweite Schusskanal, er hätte durch die Wand geschossen haben müssen. Der Täter hat, soweit ich weiß, insgesamt sieben verschiedene Darstellungen abgegeben und behauptet, er hätte von der Couch aus hinter ihr her geschossen. Doch beide Schüsse konnten definitiv nachvollzogen werden. Sie wurden aus dieser kleinen Diele heraus abgegeben; das heißt, er hat aus unmittelbarer Nähe auf das Opfer geschossen. Er ist daraufhin neun Jahre eingefahren."

Wir sind hier, liebe Hörerinnen und Hörer, übrigens in einem Raum mit vielen Flachbildschirmen. Das heißt, das LKA hat immerhin so viel Geld, dass es auf Flachbildschirme upgedatet hat. Die Klimaanlage an der Decke haben wir aus akustischen Gründen abgeschaltet. Es gibt zwischen den beiden Kollegen, die hier sitzen, eine kleine Auseinandersetzung, wie stark die blasen soll. Die Kollegin hier hat eine Strickjacke an, und mein Gesprächspartner ist kurzärmlig.

Das ist jetzt aber doch ein Fernsehkrimi. Das lockere Geplänkel zwischen Kommissarin und Kommissar?

Nein, das ist kein Krimi. Das ist Düsseldorf, ein unscheinbares Gebäude hinter einer Autowaschanlage, vollgestellt mit PCs, deren Festplatten voll sind mit Bildern und Visualisierungen realer Fälle.

Hört sich aber so locker an. Ist auch locker.

"Nein, es ist mir hier nicht zu warm. Ich bin jemand, der sehr schnell friert, deswegen muss der Kollege meistens schwitzen."

"Ich hab kaum mehr Speck auf den Rippen."

"Okay, das kann ich jetzt nicht abstreiten."

Und was machen Sie gerade?

"Ich bearbeite eine Explosion."

Oh, das sieht schlimm aus. Von wo aus hat man das Foto aufgenommen?

"Das ist jetzt vom Hubschrauber aus aufgenommen. Wir haben zwei verschiedene Aufnahmen, eine vom Hubschrauber, eines von einer Leiter aus, einer Drehleiter der Feuerwehr. Darin hat sich eine Person befunden, es kam ja zu einer Explosion und dem entsprechend stellen wir jetzt das Schadensausmaß an dem Tatort fest. Ich zeichne gerade am rechten Bild die Umrisse der Häuser nach."

Und das geht dann auch in die Gerichtsverhandlung mit ein?

"Richtig."

Viele Fotos ordnet Eva Paridon hier an, um sich ein exaktes Bild des Explosionsorts zu verschaffen, von der Straßenecke mit dem Hydranten, dem Gully, der Mülltonne, dem Haus, der herausgesprengten Wand, dem auf die gegenüber liegende Straßenseite geschmetterten Fahrrad. Sie stammen alle aus einer geeichten analogen Fotokamera. Die Eichung betrifft nicht nur das Objektiv, sondern sogar die Wölbung des Filmnegativs; selbst dieses Detail, das einem Profifotografen nie auffiele, eben die Wölbung des Filmnegativs, wird in der Nachbearbeitung am PC berücksichtigt. Die beiden Kommissare nutzen schnelle PCs und frei am Markt erhältliche Programme, um die Tatorte detailgenau in den Rechnern zu rekonstruieren, gerichtsfest.

Kamerabilder können sie nicht genug haben. Sogar die unscharfen Bilder von Videoüberwachungskameras. Die sind nur gar nicht kalibriert, und sie mit den anderen Aufnahmen des Tatorts zu verbacken, ist ein Zukunftsthema der Kriminologen. Aber selbst aus Videos kann man handfeste Messgrößen ziehen, wenn man sie mit amtlichen Referenzaufnahmen vergleicht.

Heribert Schäfersküpper:

"Überwachungskameras können uns eine ganze Menge helfen, denn wir sind mit unserer Software auch in der Lage, Abbildungsgrößen von Tätern festzustellen, die sich in diesem Bereich bewegen. In einigen Fällen brauchen die Kollegen Angaben, wie genau die Zeugenangaben in Bezug auf die Größe des Täters sind. Und wenn ich sagen kann, der Täter ist 1,78 plus minus ein, zwei Zentimeter groß, dann ist das etwas anderes, als wenn die Zeugen von 1,50 bis 1,90 Meter reden. Wollen wir kurz runter gehen?"

... denn einen Stock tiefer liegt in einem etwas dickeren Aktenkoffer im Schrank das technische Prachtstück der Düsseldorfer Kripo – der 3D-Laserscanner. Heribert Schäfersküpper hatte ihn schon verpackt und die Akkus geladen, denn es geht gleich zu einem Einsatz. Jetzt packt er das Gerät doch nochmal für uns aus.

"Wir spielen jetzt einen Tatort nach. Wir hatten eine Anforderung, und die Kollegen wollten sich melden, sobald sie soweit sind."

Das heißt, es ist etwas passiert, man ist längst am Tatort?

"Sie wollten zunächst den Tatort von uns jungfräulich vermessen haben, aber wir waren aufgrund der Uhrzeit nicht zu erreichen, und deswegen werden wir, sobald die Spurensicherung gelaufen ist, angefordert."

Da ist ein Spiegel, der sich um eine horizontale Achse dreht.

"Ja, und der Scanner vertikal um sich selbst."

Ein Kasten also, der auf einem drehbaren Sockel steht. Ich könnte mich doch, quasi schussverletzt, jetzt hier auf den Stuhl legen, rücklings, und Sie fangen jetzt mit dem Scan an.

Eine Minute und 50 Sekunden später hat das an die 100.000 Euro teure Gerät die Abstellkammer, den stillsitzenden Kriminalhauptkommissar, und mich, regungslos rückwärts über den Stuhl gebeugt, vermessen. So präzise vermessen, dass man sogar den Stundenzeiger von Heribert Schäfersküppers Armbanduhr sieht.

Warum ist jetzt ein Teil meines weißen Hemds blau, ein anderer grün?

"Das ist die Reflexion des Laserstrahls. Sieht man Sie?"

Etwas.

"Sie haben sich kaum bewegt!"

Etwas, den Kopf.

"Aber wir sehen zum Beispiel Ihre Armbanduhr."

Können wir da näher rangehen? Da könnte man sehen, wie viel Uhr es ist.

"Ja, wenn man sich nicht bewegt, kann man das ohne Probleme sehen. Es gibt einen Scanner im österreichischen Raum, der bis auf 800 Meter misst. Aber es gibt auch andersherum Streifenlichtscanner, die in den Mikrometerbereich gehen."

Das heißt, die Mordkommission ruft Sie heute häufiger als früher an und sagt, hier können wir den 3D-Laserscan brauchen?

"Das auf jeden Fall. Aufgrund des Bildmaterials und der Daten, die wir haben, sind wir in der Lage, Staatsanwälten, Rechtsanwälten, Richtern, Sachverständigen den Tatort vorzuspielen, wie er damals war. Denn wenn ein solcher Sachverhalt im wiederholten Berufungsverfahren dann nach fünf oder sechs Jahren aufgerufen wird, ist der Tatort nicht mehr vorhanden. Das heißt, alle Personen sind auf unsere Arbeit angewiesen."

Letzte Frage: Sehen Sie an einem Tatort eigentlich andere Dinge als zum Beispiel ihre Frau?

"Mit Sicherheit. Ein normaler Bürger, sag ich mal, meine Frau ist Krankenschwester, sieht das aus einem ganz anderen Blickwinkel."

Was würde die denn bei dieser Explosion zum Beispiel sehen?

"Ich denke mal, sie würde dabei das Schicksal des Opfers sehen. Für mich ist es nicht der erste Explosionstatort, den ich sehe. Und deswegen gucken Sie den Gully nicht als einen Wasserabfluss an, sondern ... als Fixpunkt."

Als Fixpunkt?

"Ja, weil der Gully da bleibt, wo er ist, auch bei einer Explosion. Die Mülltonnen um die Ecke bewegen sich aber vielleicht schon. Die 3D-Technik friert den Tatort ein und ermöglicht eine virtuelle Begehung Jahre später."

Vergangenheitsbewältigung betreiben auch die Professoren eines der ältesten gerichtsmedizinischen Institute Europas, dem der Universität Bonn. Das Gebäude befindet sich mitten in der Stadt, in einem Nebentrakt finden gerade Leichensektionen an zwei Männern statt, zu denen wir später kommen werden.

Muss das sein?

Musst ja nicht mitkommen!

In dem Forschungsinstitut in Bonn selbst befindet sich ein Sicherheitsbereich, wo laufend Blutproben von der Polizei, Gewebeproben von den sezierten Leichen nebenan, Kleidungsfetzen und Haare von Tatorten eintreffen. Und nach der Analyse mindestens zwei Jahre aufbewahrt werden, in Kühlschränken, in Tresoren, Gläschen und Fläschchen.

Können wir eins öffnen?

"Das geht, aber Sie werden nicht allzu viel erkennen können, insbesondere jetzt in der Tiefkühlfrierung. Nehmen wir hier einmal die Leber."

Es sieht aus wie Tomatenpüree.

"Gut, wenn Sie’s so bezeichnen."

"Für mich sieht’s aus wie Leber."

Sieht auch ähnlich aus wie im Supermarkt. Machen wir mal einen Test. Öffnen Sie irgendein anderes Glas, ob er erraten kann, was es ist.

"Könnte Muskulatur sein."

"Nee. Hypothalamus."

Der bei unserem Geplänkel den tiefgefrorenen Hypothalamus mit Muskulatur verwechselt hat, ist eine der großen Persönlichkeiten in der Forensik, Burkhard Madea, Leiter der Rechtsmedizin an der Universität Bonn, ein strenger Verfechter der unabhängigen forensischen Forschung, einer, der sich gegen Pläne von Landesregierungen und Universitätsverwaltungen wehrt, die Gerichtsmedizin von der Uni rüber zur Kripo zu schieben. Diese Pläne gibt es. Einige deutsche Rechtsmedizininstitute – und auch das in Bonn – leiden seit kurzem unter unverhältnismäßigen finanziellen Einschnitten; so als würde die Hochschulverwaltung die Rechtsmedizin austrocknen wollen. Für Madea wäre das ein Ende der freien Forensik-Forschung.

Im dem Bonner Institut steht Spitzentechnik, die speziell für die forensische Analytik hergestellt wurde. Burkhard Madeas rechte Hand ist sein auf forensische Toxikologie, also auf Rauschmittel und Vergiftungen spezialisierter Kollege Frank Mußhoff. Die Wissenschaftler können hier im Labor winzige Materialproben auf ihre Bestandteile hin untersuchen und damit auch auf ihre Vergangenheit schließen.

Frank Mußhoff

"Das sind also die sogenannten Chromatographiegeräte, und was Sie hier sehen, sind vier GCMS-Systeme – Gaschromatographie/Massenspektrometrie ist die Technik. Was Sie hier sehen, entsprach einmal einem Milliliter Blut. Das ist überhaupt nicht mehr rot, sondern eine fast klare Flüssigkeit, wenige Tropfen, die man aufkonzentriert hat, um das aus diesem einen Milliliter Blut herauszuholen. Und da sind wir dann in der Lage, Cannabinoide oder Opiate oder dergleichen quantitativ zu messen."

Warum heißen die Maschinen Heidi und Max?

"Das ist zur besseren Unterscheidung, das ist persönlicher, als wenn man irgendwelche Zahlen oder Buchstaben vergeben würde."

Die Gaschromatographie und Massenspektrometrie sind zwei Verfahren, Substanzen auf ihre chemische Zusammensetzung hin zu untersuchen, indem man sie trennt und ihre Erregungsspektren betrachtet. Die Auflösung dieser Maschinen ist in den letzten Jahren um den Faktor 1000 besser geworden. Wenn es zum Beispiel um die Analyse von Haaren ging, musste man bis vor kurzem einen bleistiftdicken Büschel, am besten mit Haarwurzeln entnehmen; inzwischen lässt sich aus einem einzelnen Haar Information darüber gewinnen, ob eine peruanische Mumie geraucht hat – und ob eine vergewaltigte Frau vor dem Verbrechen Ko-Tropfen bekam.

Hat die Mumie geraucht?

Sie wurde angeraucht.

Burkhard Madea:

"Nikotin konnten wir nachweisen, allerdings nicht das Stoffwechselprodukt. Das heißt, dass nicht unbedingt geraucht worden sein muss, sondern dass es auch von außen zu einer Antragung von Nikotin an die Haare gekommen sein kann."

Passiv rauchen?

"Passiv rauchen, möglicherweise im Rahmen von Zeremonien, wo jemand, der krank gewesen ist, von einem Schamanen beraucht worden ist."

Und die Ko-Tropfen?

"Ko-Tropfen sind sedierende Mittel, Medikamente, mit denen ein potenzielles Opfer außer Gefecht gesetzt, die Willenskraft gebrochen wird. Darauf folgt dann eine Anschlussstraftat, das heißt ein Sexualdelikt oder ein Raubdelikt. Es ist gerade bei Sexualdelikten häufig so, dass Opfer, die häufig auch noch unter einem Erinnerungsverlust leiden und erst relativ spät die Polizei aufsuchen. Wenn dann bei den betroffenen Personen eine Urin- und Blutprobe entnommen wird, sind wir nicht mehr in der Lage, einen Substanznachweis zu führen. Das können wir jetzt aber doch tun. Mit den neuen, sensitiven Analyseverfahren sind wir in der Lage, entsprechende Untersuchungen durchzuführen. Diese Personen werden dann gebeten, vier Wochen nach der Tat bei uns in der Rechtsmedizin oder der Polizei nochmal zu erscheinen. Dort wird dann eine Haarprobe gewonnen. Die Haare sind dann aus der Kopfhaut gewachsen, und wir können dann nachweisen, was vor ungefähr vier Wochen passiert ist, ob da ein bestimmtes sedierendes Mittel aufgenommen worden ist. Das können wir anhand der Haare nachprüfen und solche Fälle entsprechend aufklären."

Das Haar quasi als Zeitachse, wie die Ringe eines Baums bewahrt es unsere chemische Vergangenheit auf. Man sollte bei den Messungen wissen, wonach man sucht, und es kann durchaus sein, dass ein altes Gift übersehen wird. Insgesamt betrachtet aber sind die Untersuchungsmethoden in den letzten zwei, drei Jahren so empfindlich geworden, dass jetzt zahlreiche ungeklärte Verbrechen aus den 1980er- und 1990er-Jahren neu aufgerollt werden können; einige sind schon nachträglich aufgeklärt.

In den Asservatenkammern der Polizei wimmelt es von Überbleibseln alter Ermittlungen, Hautfetzen, Kleidungsstücken, Messern. Die Proben, also die Asservate werden heute auch anders genommen als früher. Zum Beispiel gibt es Behälter, in denen oben ein bisschen Platz ist, um Gase der Umgebungsluft mit aufzunehmen und aufzubewahren. Headspace-Behälter.

Fall fünf?

Oder Fall sechs. Waren die Mumien ein Fall?

Die Mumien waren ein Fall!

Burkhard Madea:

"Da war ein Ehepaar tot in einer Wohnung aufgefunden worden. Bei der Obduktion fielen Hautvertrocknungen um die Nase und den Mund bei beiden auf. Das sind keine todesursächlichen Verletzungen, aber es war ein Hinweis darauf, dass möglicherweise den Verstorbenen über flüssigkeitsgetränkte Handtücher flüchtige Substanzen beigebracht worden sind. Wenn hier nicht speziell asserviert wird, nämlich in solchen luftdichten Headspace-Gefäßen, dann wäre der Nachweis solcher Substanzen zumindest erheblich erschwert. Und hier war es in der Tat so, dass dieses Ehepaar überfallen und betäubt worden ist und dann Wertgegenstände aus der Wohnung geraubt worden sind."

Burkhard Madeas Kollege Frank Mußhoff muss jetzt gehen. Er ist als Sachverständiger in einem Strafprozess geladen und hat eine Stunde Fahrt vor sich, die Ergebnisse der Proben in der Aktentasche. Ich gehe mit Burkhard Madea hinüber in die Prosektur. Es riecht schon im Flur, bevor wir eintreten, übel. Madea sagt, der Geruch fällt ihm nur noch auf, wenn er aus dem Urlaub zurück in sein Institut kommt.

Kann ich draußen warten?

In dem Raum, der sich von den meisten Fernsehkrimis darin unterscheidet, dass er Tageslicht hereinlässt, liegen zwei Männer. Der linke, vielleicht 40 Jahre alt, war bei einem Fahrradunfall ums Leben gekommen. Es gibt offene rechtliche Fragen über den Unfallhergang, die jetzt geklärt werden sollen.

Leichensektionen verlaufen seit 100 Jahren nach einem standardisierten Muster; auch ihre Diktiergeräte besprechen die Gerichtsmediziner nach Schema. Der Tote liegt auf dem Rücken, der Körper ist vom Hals bis zum Schambein geöffnet worden, aufgeschnitten, aufgesägt. Zwei Ärzte entnehmen gerade die inneren Organe, die linke Niere, wiegen sie, 200 Gramm, legen sie in ein vorbereitetes Gefäß. Die Lunge 740 Gramm, das Gehirn dieses Toten 1720 Gramm. Dass ihm das Gehirn fehlt, ist ihm nicht anzusehen. Seine Frisur ist intakt, sein Kopf liegt weit zurückgedehnt, der Mund ist aufgerissen.

Ein Kriminalpolizist, der mit dem Fall vertraut ist, sitzt auf einem Stuhl. Ihm ist unwohl, nicht wegen der Leichen, sondern wegen des Reporters, der hier Ton aufnimmt. Madea sagt, das ist eine Wissenschaftssendung im Deutschlandfunk, man würde in der Sendung keine Daten nennen, das gehe schon in Ordnung.

Du bist ja immer noch da?

Ja, warum nicht? Der junge Mann rechts, was ist mit dem?

Darauf gibt dir kein Rechtsmediziner hier eine Antwort. Das ist quasi ein Gerichtssaal. In der Prosektur wird außerdem nur protokolliert, nicht interpretiert.

"Fäulniszeichen noch nicht erkennbar / Punkt / Neue Nummer / Todeszeichen / Doppelpunkt / Die Totenstarre in den großen und kleinen Gelenken kräftig ausgeprägt / Punkt / Die Totenflecken entsprechend einer Rückenlage an der Körperrückseite zusammengeflossen unter Aussparung typischer Aufliegeflecken im Rücken und Gesäßbereich / Punkt /"

Uralte forensische Berufsethik. Ergebnisse stehen später im Gutachten, hier wird nur beschaut, geschnitten, gewogen, betrachtet, protokolliert.

Der rechte Tote ist deutlich jünger, und auch er liegt nackt da, seine Bekleidung befindet sich in einem Beutel am Fußende.

Im Fernsehen hätte man ihm ein grünes Tuch übergeworfen.

Hier gibt es keine Decken. Die Gerichtsmediziner sind ganz nah am Verstorbenen. Angesichts all der Spitzentechnik, die darum herum passiert, wirkt diese Szenerie fast wie aus längst vergangenen Jahrhunderten. Aber es war in diesem rundum gekachelten Raum, wo Burkhard Madea die trockenen Hautpartien des ermordeten Ehepaars entdeckte. Und der Berliner Charité-Chef Michael Tsokos konnte auf einem solchen Sektionstisch nachweisen, dass der Tote sich mit dem langen Messer selbst getötet hatte, auch wenn es gar nicht danach aussah. Er hatte sich zahlreiche Stiche beigebracht, bis er endlich die Stelle zwischen den Rippen traf, die die Klinge direkt ins Herz führte.

Fall acht?

Oder neun.

Sowohl Madea als auch Tsokos forschen auf dem Gebiet der Forensik und sind Verfechter feinster Nachweisverfahren. Ein Punkt, den sie beide kritisch sehen, ist ein Trend mancher Institute, die Leichen durch die Röhre zu schieben und sich damit vielleicht die Sektion zu sparen. Michael Tsokos:

"Bildgebende Verfahren spielen natürlich in der Rechtsmedizin, was röntgenologische Untersuchungen anbelangt, natürlich schon immer eine Rolle. Zunehmend gewinnt jetzt die Computer- oder Kernspintomografie Land in der Rechtsmedizin. Der Trend kommt insbesondere aus der Schweiz, aus Bern. Aber letztendlich werden sie nie den Obduzenten ersetzen können, denn Sie müssen mit all Ihren Sinnen arbeiten, Sie müssen sehen, fühlen, tasten können bei einer Obduktion. Und ich selbst kenne Fälle, die wir hier in Berlin obduziert haben, bei denen wir zuvor Computertomografische Untersuchungen, zum Beispiel von drei Opfern eines Bombenanschlags im Ausland gemacht haben. Wir haben dann unsere Obduktion gemacht und zusätzliche Befunde gefunden, relevante Befunde, die sich im CT nicht dargestellt haben."

Zum Beispiel?

"Zum Beispiel entsinne ich Frakturen des Unterschenkels in einem Fall."

Das sieht doch aber ein Röntgenbild sofort!

"Ja, wir haben das dann auch mit den Radiologen diskutiert. Es war auf den Bildern nicht sichtbar."

War’s das?

Fall zehn oder so. Ich denke, das war’s. Sie hörten:

Die Anwälte der Toten. Ein Blick in die Labors moderner Rechtsmedizin. Von und mit Maximilian Schönherr.
Sprecherin: Bettina Scholmann
Redaktion: Christiane Knoll


Gehen wir was essen? Saure Nierchen?

Also komm, lieber ein Käsebrötchen.

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