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StartseiteBüchermarktDie Arche Noah und Moses25.02.2006

Die Arche Noah und Moses

Zwei neue und zeitgemäße Interpretationen der Bibelgeschichte

Zwei biblische Gestalten, Moses und Noah sind die Protagonisten zweier atemberaubender Romane. Geraldine Mc Caughrean und Frederik Hetmann haben die Reise auf der Arche Noah und den Auszug aus Israel neu und zeitgemäß interpretiert.

Von Simone Hamm

"Noahs Arche wird hier nachgebaut" steht auf einem Schild in Frostburg, USA (AP)
"Noahs Arche wird hier nachgebaut" steht auf einem Schild in Frostburg, USA (AP)

Geraldine Mc Caughrean nimmt uns mit auf eine Arche, wie wir sie noch nie gesehen haben. Dies ist keine Arche Noah aus dem Bilderbuch. Die Tiere haben Schwären an den Füssen. Sie stinken. Die Löwen riechen die Antilopen. Sie zittern vor Hunger. Die Mäuse vermehren sich wie toll. Hungernde, sterbende Vögel fliegen mit letzter Kraft an Deck. Heuschrecken, vom Futterrausch getrieben, fallen über die Kadaver her.

Noah und seine Familie sind grausam. Sie schlagen auf verzweifelte Menschen ein, die sich an der Arche festklammern. Sie sehen mit eisigen Blicken zu, wie Schiffbrüchige ertrinken: Männer, Frauen, Kinder. Denn sie sind auserwählt. Gott weiß, was er tut.

Die Söhne Noahs sind: Sem, Ham und Jafet heißt es im Alten Testament. Eine Tochter wird nicht erwähnt. Geraldine Mc Caughren gibt Noah eine Tochter, Timna. Aus der Sicht der Tochter Timna wird der Großteil der Geschichte erzählt. Timna kann die Brutalität ihrer älteren Brüder, die Überheblichkeit ihrer Frauen, die Selbstgerechtigkeit des Vaters Noah nicht ertragen. Der hat ihr gesagt, alle außerhalb der Arche seien gottlose Dämonen. Sie versteht nicht, warum die älteren Brüder Pfeile auf ein Fischerboot abschießen, in dem freundliche Menschen sitzen, die ihnen Milch und Obst angeboten haben. Denn die Familie auf der Arche ist krank, die Zähne fallen ihnen aus, sie haben Durchfall. Kein Dämon darf an Bord der Arche gebracht werden.

Alles Treibgut neigt dazu, sich in Wasserwirbeln anzusammeln, so dass sich alles Ertrunkene zu großen Klumpen von ruhelosem Tod zusammenschiebt. Beine, die sich mit Armen, Hörnern, Flügeln und Zeltstangen überschneiden - alles dicht an dicht, Mund an Ohr.

Aber in diesem Horrorszenario gibt es doch einen Funken Hoffnung, eine Spur Liebe und Mitleid: Zusammen mit ihrem jüngeren Bruder Jafet rettet Timna einen kleinen Jungen und dessen Schwester, die noch ein Baby ist. Sei verstecken die Kinder auf der Arche zwischen den Tieren. Als die blinden Passagiere entdeckt werden, ist die Rache des Vaters grausam.

Zwar heißt Geraldine Mc Caughrean packender Roman "Nicht das Ende der Welt", aber es ist ein Buch der Apokalypse, ein Roman über Verblendung und Selbstherrlichkeit, über die Grausamkeit der Menschen, die sich für auserwählt halten. So muss es gewesen auf der Arche - kein Zweifel. Geraldine Mc Caughrean räumt ein für allemal auf mit dem süßlichen Bild der friedlichen Tiere, die brav in Zweierreihen auf die Arche klettern. Und mit dem Bild des guten von Gott erwählten Menschen auch. Kritische Kinder, die schon immer daran gezweifelt haben, dass Fuchs und Hase, Lama und Löwe friedlich auf der Arche zusammenlebten und die es schon immer grausam fanden, dass Noahs Familie tatenlos dabei zu sah, wie um sie herum Freunde und Nachbarn in den Fluten versanken, werden ihr dafür danken.

Frederik Hetmann, Biograph von Che Guevara, Rosa Luxemburg, Karl May und Walter Benjamin hat ein Buch über den alttestamentarischen Moses geschrieben. Moses ist für ihn eine der großen Befreiergestalten der Menschheit überhaupt. Im ersten Teil seines Buches erzählt Hetmann die Mosesgeschichte so nach, wie sie in der Bibel überliefert ist. Dabei geht er auch auf die unterschiedlichen Interpretationen der Mosesgestalt ein. Laut Freud muss Moses aus einer vornehmen ägyptischen Familie gestammt haben und aufgezogen worden sein von einer niederen.

Dieses Muster dient nach Freud dazu, zu erklären, warum der Betreffende später so mächtig, einflussreich, erfolgreich wird, warum er trotz aller Schicksalsschläge und Behinderungen später zu Größe und Ruhm gelangt.

Ausführlich geht Hetmann auf eine der eindringlichsten, aber auch eine der schwerverständlichsten Stellen aus der Bibel ein: die Geschichte vom brennenden Dornbusch:

In solchen Zuständen, wie sie das alte Testament verschiedentlich schildert, offenbart sich Gott den Menschen. Während dieses außergewöhnlichen Zustands geschieht etwas, das nicht alle Tage - und in manch einem Leben überhaupt nie - geschieht. Mensch und Gott begegnen einander. Es hat sich die Gewohnheit herausgebildet, die Dimensionen von Ort und Zeit, in denen so etwas geschieht, heilig zu nennen.

Moses sieht in der Wüste einen Dornbusch, der brennt, aber nicht verbrennt. Aus diesem Busch spricht Gott zu Moses. Er gibt ihm den Auftrag, die Hebräer aus Ägypten ins gelobte Land zu führen. Der Pharao will sie nicht ziehen lassen und Gott schickt ihm Plagen. Frederik Hetmann begibt sich auf Spurensuche. Neuere Forschungsarbeiten machen in diesen Plagen einen historischen Kern aus:

Ein ungewöhnlich hoher Wasserstand macht aus dem träge dahin fließenden Nil einen reißenden Strom, der die karmesinrote Erde der Berghänge mit sich führt. Die Flutwelle reißt Frösche mit sich. Hagelgewitter verwüsten das Land. Heuschrecken fallen über die Felder her, wahrscheinlich angelockt von den vielen Froschkadavern. Sandstürme verfinstern die Sonne, eine Seuche rafft die Kinder dahin. Als die Hebräer schließlich losziehen dürfen, setzt ihnen eine Armee des Pharaos nach. Sie fliehen durch einen See. Ob die Krieger des Pharao mit ihren schweren Streitwagen im Schlamm eingesackt und versunken sind oder ob eine große Tsunami über sie gekommen ist, wissen wir nicht. Aber es sind zwei mögliche Erklärungen dafür, wie die Hebräer trockenen Fußes ans andere Seeufer gelangt sind, die Ägypter aber ertranken.

Im zweiten Teil seines "Moses" fasst Frederik Hetmann das zusammen, was über die Entstehung der Mosesgeschichte bekannt ist. Ist Moses überhaupt eine historische Gestalt? Wenn ja, hat er zur Zeit Echnatons gelebt, jenes Pharaonen, der als erster ein Monotheist war? Ist er so dazu gekommen, zu einem einzigen Gott zu beten? Oder war er Zeitgenosse von Ramses II., dem großen Bauherrn und Krieger? Wann wurde was geschrieben?

Der dritte Teil ist der spannendste. Die geschichtlichen und bibelexegetischen Exkurse des ersten und zweiten Teils sind die Grundlage dafür. Jetzt lernen wir einen Moses kennen, so wie ihn sich Frederik Hetmann vorstellt. Jetzt lesen wir die Mosesgeschichte, wie sie auch hätte sein können. Hetmann lässt sie erzählen von Schaphan, einem niedrigen hebräischen Schreiber. Schaphan will nichts als die Wahrheit zu Papyrus bringen:

Wer sich nach bestem Wissen und Gewissen in unserer irdischen Zeit der göttlichen Wahrheit anzunähern versucht und die Lüge meidet, erzeugt wenigstens einen Vorschein jenes Zustandekommens vollkommener Wahrheit, die am Ende der Menschheitsgeschichte enthüllt werden wird.

Moses ist ein Kind der Pharaonin Hatschepsut. Und damit lehnt sich Hetmann eng an die Freudsche Interpretation an, der zufolge Moses aus edler Familie sein muss. Hatschepsut wird ermordet, während Moses an der afrikanischen Küste weilt. Als er zurückkehrt, ist auch sein Leben in Gefahr. Er wird ins Gefängnis geworfen. In tiefster Verzweiflung betet er zu dem Gott Jhwh der Hebräer, dem Gott seiner Amme:

Wenn man jeglicher Hilfe und Hoffnung beraubt war, musste es jemanden geben, der einem vielleicht Hoffnung schenkte.

Und der Gott der Hebräer hilft ihm. Es gelingt Moses zu fliehen. Er geht in die Wüste. Er steigt auf einen Berg. Es ist heiß, glühendheiß. Er wird ohnmächtig. Da hört er die Stimme Jhwhs, die ihm befiehlt die Hebräer in das Land zu führen, in dem Milch und Honig fließen. Moses macht sich auf den Weg. Manchmal hadert er mit Gott, er sei nicht der Richtige für diese große Aufgabe, denn er habe gesündigt, er habe sogar gemordet. Aber er wird Gottes Willen erfüllen.

Frederik Hetmanns Moses Buch ist großartige Lektüre für alle die, die an Geschichte, an Religionsgeschichte, an der Figur des großen Moses interessiert sind. Fast überflüssig zu sagen, dass sein Buch nicht nur für Jugendliche geschrieben ist.

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