• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 22:05 Uhr Historische Aufnahmen
StartseiteGesichter EuropasDie Arena der Skandale10.05.2008

Die Arena der Skandale

Fußball in Italien

Das von Fußballskandalen geschütellte Italien hat vieles von seinem ursprünglichen Glanz eingebüßt. Kommerz, Gewalt und Verbote haben der Serie A stark zugesetzt. Trotzdem stehen die Tifosi zu ihren Idolen, Vereinen und Rivalitäten untereinander. Für ausländische Spieler gilt Italien immer noch als eine der reizvollsten Talentschmieden, auch wenn es nur wenige schaffen und der Rassismus einige der Erstliga-Vereine davon abhält, Talente aus dem Ausland zu verpflichten.

Mit Reportagen von Karl Hoffmann, am Mikrofon: Bettina Nutz

Italienische Fußballfans. (AP)
Italienische Fußballfans. (AP)
Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Fußball für das Leben

Ein eingefleischter Fußball-Fan aus dem Mezzogiorno:

"Ich war bei keiner Hochzeit und keiner Taufe, immer kam zuerst das Stadion. Ich bin ein Verrückter. Meine einzige Liebe gilt dem Verein Palermo. Meine Stadt ist Palermo."

Und ein Politiker der Linken in Rom:

"Italiens Hauptproblem ist, dass als einzige glaubwürdige Institution eigentlich nur noch der Staatspräsident übrig geblieben ist. Auf die Kirche verlassen sich noch 70, auf die Politiker gerade mal 15 Prozent. Und der Fußball liegt noch darunter."

"Die Arena der Skandale", Thema heute in der Sendung "Gesichter Europas" über Fußball in Italien. Mit Reportagen von Karl Hoffmann. Am Mikrofon begrüßt Sie Bettina Nutz.

Der 5. Juli 2006. Im Dortmunder Westfalenstadion treten Italien und Deutschland im WM-Halbfinale gegeneinander an. 1400 Kilometer weiter südlich: In der Pizzeria eines kleinen toskanischen Städtchens drängen sich die Fußballfans vor dem Maxischermo, dem Großbildschirm und drücken die Daumen. 119 lange Minuten. Endlich fällt das befreiende Tor. Grosso schießt das 1:0.

Italiens Einzug ins Finale bahnt sich an. Gekrönt wird die Szene von Juve-Ass del Piero. Unhaltbar hebt er den Ball über Torhüter Lehmann und in Italien bricht unbeschreibliche Begeisterung aus.

"Die deutsche Mannschaft hinterlässt einen optimalen Eindruck. Und dem Gegner den Triumph" - in die Freude der Tifosi mischt sich immer gerne eine gute Portion Spott. Die Squadra Azurra triumphiert wenige Tage später, wird Weltmeister 2006.

"Fußball ohne Fans funktioniert nicht, das ist unwirklich."
Luciano Spalletti, Trainer

Der internationale Erfolg hinterlässt daheim wenig Eindruck. Er geht unter im Sumpf der Skandale: Spielmanipulationen, Wettbetrug, Steuersünden, Korruption, Dopingvorwürfe, Gewalt und Zerstörungswut der Hooligans in und außerhalb der Stadien. Italiens Fußball-Industrie manövriert in einer unseligen Teamleistung den Nationalsport ins Abseits. Mit von der Partie sind gierige Vereinsbosse, skrupellose Funktionäre, Schiedsrichter, Polizisten und Journalisten. Die politische und juristische Aufarbeitung beginnt, strenge Gesetze werden verabschiedet. Das Ansehen des Calcio, des Lieblingssports der Nation, steht auf dem Spiel. Am System, in dem viel Geld bewegt wird, hat sich indessen nicht viel verändert. So wirkt das Image des Fußballs auf die italienischen Calcio-Begeisterten bereits so ramponiert wie das der Politik.

Dabei sind die Leistungen der Kicker auf dem Rasen beständig gut und damit um Klassen besser als der Ruf der Liga. Sie kann man sich, wenn schon nicht mehr im Stadion, wenigstens noch im Fernsehen anschauen. Und sich an die guten Zeiten des Calcio erinnern. An das italienische Glaubensbekenntnis, die Fede Calcistica. An die Gläubigen, die nicht einfach Fans sind, sondern Tifosi. Dabei bleibt das Zugehörigkeitsgefühl zum Lieblingsclub eines der tieferen Geheimnisse der italienischen Seele.


Arena der Leidenschaft - was macht den Tifoso aus?

Flavio di Caruccio hat einen Namen wie ein italienischer Landadeliger. Dabei ist er von morgens bis abends auf den Beinen, um seinen bescheidenen Lebensunterhalt zu verdienen. Seine kleine Bar liegt in einem Vorort von Neapel, direkt unter der Stadtautobahn. An den Wänden Plakate, Fotos von Fußballspielern, aufgespannte Trikots. Caruccio besitzt keine üppigen Ländereien, sein Reichtum ist die Leidenschaft zu seinem Fußballclub Napoli. Der beeinflusst die Stimmung der Millionenstadt am Vesuv, mehr als Müll und Camorra. Vor allem, wenn er gewinnt:

"Letzten Samstag haben wir gesiegt. Wenn unser Club gewinnt, dann ist die Stadt tagelang viel lebendiger, viel glücklicher, alle Leute kaufen die Sportzeitungen, alle reden nur noch von Fußball. Wenn es dagegen eine Niederlage war, dann kann man es den Leuten am Gesicht ablesen, alle sind traurig. Keiner will vom Fußball reden. Und Zeitungen kauft auch keiner. Wenn Neapel gewinnt wird die Welt plötzlich schöner und sympathischer. In England oder Deutschland endet der Spaß nach dem Schlusspfiff, bei uns nicht. Die ganze Stadt Neapel ist nach einem Sieg unserer Mannschaft viel angenehmer. Wir konnten unsere Mannschaft feiern. Das ist nämlich das Schönste: Wenn die Spieler ihr Bestes gegeben haben."

Flavio ist schmächtig und hoch aufgeschossen, um die 30 und auf den ersten Blick sympathisch, seine flinken, dunklen Augen unterstreichen noch das herzliche Lächeln seiner blitzenden Zähne. Eifrig erfüllt er die Wünsche seiner Kunden, immer einen flotten Spruch auf denn Lippen. Meistens über den Fußball: Beim Sieg gegen die Norditaliener aus Udine vor ein paar Wochen gab es auch Spaß mit den gegnerischen Tifosi.

"Die kamen alle mit nacktem Oberkörper und Atemschutzmasken. Man weiß ja, dass wir zurzeit ein Problem in Neapel haben, in der Stadt riecht es. Deshalb kamen sie mit den Masken, um uns auf den Arm zu nehmen. Wir haben vor ein paar Jahren das gleiche gemacht, in Mailand und Turin, als dort das Smogproblem aufkam. Kamen mit Masken und Bergarbeiterhelmen an. Mal abgesehen vom Spiel selbst macht der Fußball grade auch deshalb Spaß, weil man sich gegenseitig auf die Schippe nimmt."

Doch die goldenen Zeiten der Fußballanhänger sind vorbei. Die Tifoseria als eingeschworene Gemeinschaft ist den strengen Kontrollen zum Opfer gefallen, meint Flavio.

"Wir sind wie Menschen, die sich verstecken müssen. Wir haben keine Spruchbänder mehr, keine Vereinsabzeichen - nichts. Wir dürfen nur noch namenlose Zuschauer sein. Viele werden von der Polizei immer wieder zur Feststellung der Personalien festgenommen. Oft auch ohne Grund. Nur weil sie dich kennen und wissen dass du Tifoso bist. Ich bin gegen unsinnige Gewalt und Vandalismus. Ich bin für eine ehrliche Auseinandersetzung, nicht zehn gegen einen sondern jeder gegen jeden mit bloßen Händen, wenn es zum Streit kommt. Für die wirklichen Prügel sorgt inzwischen die Polizei, das heißt der Staat, der uns derart zusetzt."

Mit Sehnsucht schaut Flavio auf das Foto an der Wand. Diego il divino. Er ist das Genie, das alles überlebt - Probleme mit der Steuer, Vaterschaftsprozesse, Alkohol, Drogen, Schlägereien mit Fotografen: der einzige und unübertreffliche Diego Armando Maradona.

Hätten die Fans in der sizilianischen Metropole Palermo so einen wie Maradona gehabt, dann hätten sie wohl nicht fast vier Jahrzehnte auf die Rückkehr in die Erstliga warten müssen. Der Club in den Vereinsfarben Schwarz-Rosa ist seit 2005 endlich wieder unter den Besten und sorgt für den dringend benötigten Stolz im Süden, der notorisch unter dem Ruf von Ineffizienz und Mafia leidet.

Im Ballarò, einem der besonders heruntergekommenen Altstadtviertel, haben die Rosa-Nero Tifosi ein bescheidenes Vereinslokal, aus Brettern zusammengezimmert, mit ein paar alten Stühlen und angegrauten Fans wie Franco, der ein Glas Bier in der Hand hält. Aber die Stimmung ist gut, der Spitzenverein AC Mailand wird erwartet.

"Wir haben es verdient, das wir von jetzt an immer in der Erstliga mitspielen. Und welchen Platz wollt ihr dort einnehmen? Natürlich am liebsten die Tabellenspitze. Wir wollen eigentlich die Ersten sein. Heute gewinnen wir drei zu eins, ihre werdet schon sehen. Der Fußball in Palermo war immer schon eine besonders feine Sache. Auch als Fans sind wir viel herzlicher als alle anderen. Bei uns passiert nie was Schlimmes, bei uns schlagen sich die Fans garantiert nicht die Köpfe ein wegen eines Fußballspiels."

Palermo gilt trotz des schlechten Rufs als friedlich, vor allem im Stadion. Aber stolz sind die Sizilianer. Piduzzo ist ein beredtes Beispiel. Der beleibte Mittvierziger im gestreiften Hemd mit Pilotensonnenbrille wohnt praktisch in dem kleinen Vereinslokal. So stolz ist er auf seine Mannschaft, dass er ihr auch dann treu blieb, als sie sogar in die C-Klasse abzusteigen drohte. Piduzzo bezeichnet sich als Italiens leidenschaftlichsten Tifoso:

"Ich bin 51 Jahre alt, und seit 45 Jahren gehe ich ins Stadion. Ich habe bisher kein einziges Spiel versäumt. Wie oft habe ich die Familie im Stich gelassen - ich war bei keiner Hochzeit und keiner Taufe, immer kam zuerst das Stadion. Ich bin ein Verrückter. Meine einzige Liebe gilt dem Verein Palermo. Meine Stadt ist Palermo."

In Italien gibt es immer noch 27 Millionen Fußballbegeisterte, praktisch das halbe Volk gehört in die Kategorie Fan. Calcio hat etwas von einer zweiten Religion, entstanden mit der Industrialisierung des Landes, wandelte sich vom Elite- zum Volkssport. So sind die Vereinsfarben den Tifosi wichtiger als die Nationalflagge. Fußball gehört allen, die ihn verehren. Armen wie Reichen, Arbeitern wie Intellektuellen. Pier Paolo Pasolini war Regisseur und Schriftsteller und bekennender Anhänger des Clubs seiner Geburtsstadt, des FC Bologna. Das Kino und die Romane Pasolinis erzählen von der Armut in den Vorstädten, von kickenden Straßenjungs auf staubigen Plätzen. Über eine Passion, die selbst beim Tischfußball um sich greift.

"Vita Violenta

Hinter einem Platz mit Gerüsten und Ausschachtungen etwas oberhalb der "Batterie” (...) mündete die kleine, steinige Straße in die große Via Nomentana. Genau an dieser Gabelung breitete sich ein großer, pinienbestandener Platz aus, auf dem man Karussells aufgebaut hatte; (...) die meisten (Schaulustigen) drängten sich noch um die Bude mit dem Tischfußball.
’Machen wir das Spiel, was Lè?’ schrie Zuccabo, als diese Bude vor ihnen auftauchte, in der es schon von anderen Lausejungen wimmelte. Lello nickte zustimmend mit dem Kopf und lief auf die Spieltische zu, die alle dicht besetzt waren.
Zwei gegen zwei kämpften die Jungen verbissen mit dem kleinen Holzball, breitbeinig, schwitzend und lärmend, (...)
Tommaso und seine Gefährten mengten sich sogleich unter die wartende Horde, die ungeduldig darauf lauerte, dass einer von den Tischen frei würde. In der Zwischenzeit feuerten sie die Spieler, um selbst in Schwung zu kommen, mit lauten Zurufen an: ‘Gib’s ihm, Veleno! - Los, Trerè, zeig, was du kannst!’ Dabei lag in ihren Rufen mehr Ärger und Ungeduld als sonst etwas, und ihr Mundwerk lief nur aus Gewohnheit."


"Wir sind verbittert, aber die Show muss weitergehen. Die Toten im Fußballsystem sind Teil dieser großen Bewegung, die die Sicherheitskräfte nicht kontrollieren können."
Antonio Matarrese, Fußballfunktionär

Nach den Steuer- und Schmiergeldskandalen sollte 2007 ein noch düsteres Jahr für den italienischen Fußball werden. Drei Menschen kommen bei Krawallen rund um die Spiele ums Leben. Der Polizist Filippo Raciti in Catania, der Amateurfunktionär Ermanno Licursi in Kalabrien. Und schließlich Gabriele Sandri, Fan von Lazio Rom. Sandris Tod gerät zum Fanal. Es ist Auslöser und Vorwand für eine beispiellose Welle der Gewalt, die das ganze Land erfasst. Die Brutalität und Zerstörungswut demonstrieren auf dramatische Weise den hohen Organisationsgrad und die Schlagkraft der gewaltbereiten Tifosi zwischen Mailand und Neapel. Sie nennen sich Ultras, gehören in der Mehrheit zur extremen Rechten, beherrschen den lukrativen Fanartikel-Markt und pflegen beste Beziehungen in die Politik. Von rund 80.000 Ultras gilt etwa ein Viertel als besonders gewalttätig. Eine Minderheit zwar, aber mit gefährlichem Potential. Ihre Attacken haben nichts mehr mit dem Fußballsport zu tun.

Der harte Kern der Tifosi von Lazio Rom nennt sich Irriducibili, die "Unbeugsamen". Sie sind als besonders rechts, besonders radikal, besonders gut organisiert bekannt und berüchtigt. Bis zu den staatlich verhängten Stadionsperren und den Reiseverboten für radikale Fans konnten sie unbehelligt die "Curva" dominieren - mit nazistischem Gegröle und antisemitischen Spruchbändern. Ihre Zusammenstöße mit den Ultras des Lokalkonkurrenten AS Rom sind gefürchtet. Die Irriducibili haben wesentlich zum Skandal-Image von Lazio beigetragen.
Die Vereinsführung, inzwischen selbst Objekt rechter Schikane, bemüht sich auf Distanz zu den Neofaschisten zu gehen. Den gemäßigten Ultras bleibt vorerst nur, einen eigenen Weg aus der Krise zu finden.



Arena des Zorns - Ultras attackieren Staat und Gesellschaft

Gianluca Tirone ist ein unwandelbarer Lazio-Tifoso. Im Stadion wirkt er wie der typische Rowdy, auf der Piazza Navona, wo er nach langem Zögern zu einem Treffen erscheint, dagegen wie verloren. Er ist Ende 20, klein und ausgesprochen robust. Er hat kurzes, dunkles Haar, einen Dreitagebart. Beim Sprechen gibt er sich Mühe, seinen römischen Vorstadtdialekt so verständlich wie möglich zu machen. Die manchmal so ruhmlose Karriere eines Ultrà beginnt im Kindesalter, schildert Gianluca:

"Jeder von uns entwickelt von klein auf eine fede calcistica, die lebenslange Treue zu einem bestimmten Verein. Die Vereinsfarben haben oft schon Familientradition. Der Vater, der Onkel oder Freunde nehmen dich mit zu den ersten Spielen. Und so wird man Tifoso eines bestimmten Clubs. Später trennen sich dann die Wege, die einen werden zu wirklich leidenschaftlichen Fans im Stadion, andere wiederum erwärmen sich weniger. Aber Fan bist du tief im Inneren schon wenn du erst vier oder fünf Jahre alt bist. Die Begeisterung hat in den letzten Jahren nachgelassen, vor allem seit den Skandalen von Calciopoli."

Calciopoli, eine gigantische Affäre um getürkte Spiele, gekaufte Spieler und Schiedsrichter, bestochene Linienrichter, illegale Spielgewinne. Ein derart schamloser Betrug der Fußballmacher, dass bei vielen die Begeisterung in Gewalt umschlug, da ist sich Tirone sicher. Denn die Spiele wirkten plötzlich abgekartet und es wurde immer klarer, dass reines Kalkül der Fußballmächtigen die Tabelle bestimmte.

"40 Jahre lang haben die Leute in den Bars über den Fußball ihre Witze gemacht und dann stellt sich plötzlich heraus, dass das alles tatsächlich geschehen ist. Man hat schon immer vermutet, dass es Mannschaften gab, die mehr Einfluss hatten als andere und am den Ergebnissen irgendwie drehen konnten. Heute wissen wir, dass wir jahrelang hinters Licht geführt wurden und Zuschauer eines abgekarteten Spielchens waren. Das ist so als würdest du ins Kino gehen, wo ein Film abläuft, dessen Ende längst feststeht."

Wütend wird Tifoso Gianluca wie viele andere auch, wenn ihre Idole, teuer bezahlte Stars, sich schonen, weil sie mehr an ihre Karriere denken, als an die Fans. So wie die Führung der großen Vereine, die sich teure Fernsehrechte gesichert haben, aufs zahlende Publikum verzichten können, dass mehr Ärger als Geld bringt. Schuld an der Gewalt in den Stadien sind nicht nur die Tifosi, sondern vor allem die Gesellschaft, sagt Gianluca.

"Das was in den Stadien passiert, ist nur sehr viel sichtbarer. Wie viele Tausend Jugendliche kriegen sich an jedem Wochenende in den Diskotheken in die Haare, darüber spricht man nicht. Im Stadion prügeln sich zehn Fans und die Kameras übertragen das überallhin. Ich will nicht bestreiten, dass auch wir Fehler gemacht haben. Heute versuchen wir dem Nachwuchs in den Stadien beizubringen, wie man ehrenvoll eine Niederlage hinnimmt. Im Stadion kann man gewinnen oder verlieren. Wichtig ist, dass sich die Spieler Mühe geben und sich den Applaus der Fans verdienen, auch wenn sie vier zu null verloren haben. Das versuchen wir zu vermitteln. Aber in unserer Gesellschaft zählt nur der Sieg um jeden Preis, auch mit Doping und Korruption - daran sind die Fans nicht schuld. Oft sind sie noch die Ehrlichsten im Fußball, denn sie haben noch echte Leidenschaft."

In den Stadien ist es dank strenger Vorschriften ja inzwischen ruhig geworden. Die Gewaltbereitschaft ist geblieben. Nun macht sie sich außerhalb der Stadien Luft. Zum letzten Mal im November 2007, als ein Fußballfan weitab vom Geschehen im Stadion von einem Polizisten getötet wurde, versehentlich wie es offiziell heißt. Trotzdem stürmten Fußballfans spontan auf die Straße und lieferten sich Straßenschlachten mit den Ordnungskräften. Sogar zwei Polizeiwachen gingen in Flammen auf. Das sind keine wirklichen Fans, beharrt Gianluca. Dann steht er auf, es ist Zeit ins Studio zu gehen. Gianluca hat inzwischen einen verantwortungsvollen Job, mit dem er aktiv gegen die Gewalt in den Stadien kämpft.

Täglich zweieinhalb Stunden lang sitzt Gianluca Tirone vor dem Mikrofon des römischen Privatsenders "Radio 6". Er hat die Plauderstunde für Tifosi im Lokalsender erfunden, um Fußballbelange zu diskutieren, die Fans aufzuklären und künftige Ausschreitungen zu vermeiden. Längst hat er eingesehen, dass die Gewalt viel Gegengewalt erzeugt und den Spaß am Fußball kaputt macht.

"Man kann den Fußball praktisch nicht mehr genießen. Die Behörden haben einfach alles verboten, auch wenn es gar keinen Sinn macht. Man darf nicht mal mehr Fahnen benützen oder farbige Rauchkerzen. In Deutschland ist das viel besser. Dort darf man noch Fußballfan sein, Farbe ins Stadion bringen, nach bestimmten Regeln, bei uns ist wieder mal alles anders gelaufen. Erst gab es überhaupt keine Vorschriften und jetzt darf man gar nichts mehr machen. Der Besuch im Stadion sollte doch eigentlich Spaß machen, stattdessen ist er zu einem Hindernislauf zwischen Tausend Vorschriften geworden, man wird wie ein Verbrecher behandelt. Und auf der anderen Seite gibt der Staat Unsummen aus für all den Polizeiaufwand bei den Fußballspielen."

"Das Problem ist wirklich, dass Du in die veralteten Stadien alles reingeschmuggelt kriegst - ob Brandbomben oder eben auch Mopeds."
Giovanni Trappatoni, Trainer

Allein 16 schwere Vorfälle durch Fan-Randale zählt die Statistik für die ersten vier Monate der Saison. Jetzt, im Mai, wurde in Verona ein Junge von Ultras zu Tode geprügelt. Doch der Profi-Fußball interessiert sich zuallererst für sich selbst. Abzulesen an der Vielzahl der Affären, die sich um Geld, Einfluss und Seilschaften drehen. Für den bislang größten Coup verantwortlich: Luciani Moggi, Sportdirektor von Juventus Turin und mächtiger Strippenzieher im Fußball wie in der Politik. Er habe "mafiaähnliche Strukturen" aufgebaut, heißt es, in denen Schiedsrichter geschmiert, Spiele manipuliert, der Transfermarkt für Spieler monopolisiert und Auf- wie Abstiege in der teuersten Liga der Welt dirigiert wurden. 2006 flog das System auf, das als "Calciopoli" in die Skandalchronik der italienischen Fußballgeschichte einging. Die juristischen Konsequenzen waren dagegen milde: Juve ist nach kurzem Zwangsabstieg wieder obenauf, andere Top-Ligisten wie der AC Mailand oder Lazio Rom mussten Punktabzüge verkraften. Moggi schließlich ist, trotz fünfjähriger Berufssperre, wieder als Berater und Kolumnist in der rechten Presse aktiv.

Andere Skandale wie Dopingvorwürfe, Bilanzfälschungen, Steuerschulden und Misswirtschaft der Vereine wirken daneben wie die gewohnten Hiobsbotschaften vom Apennin. Lazio Rom verfolgt seit der eigenen Beinahe-Pleite 2004 einen strengen Sparkurs. Geld für die Sanierung der eigenen Arena oder ein Konzept zur Ausgrenzung der militanten Ultras sind hier wie bei anderen Clubs immer noch nicht vorgesehen.


Arena der Gier - Lazio Rom und die Skandale der Profi-Liga

Immer am Mittwoch trainiert die Mannschaft des SS Lazio, auch am Nachmittag auf dem riesigen Sportgelände in Tormello, 25 Kilometer nördlich von Rom. Deshalb steht jeden Mittwoch ein Grüppchen von Jugendlichen am eisernen Tor, um die Idole abzufangen, Autogramme zu erbetteln und Fotos mit der Handykamera machen zulassen, kniend vor der geschlossenen Autotür, mit einem gezwungen lächelnden Fußballstar hinter dem Steuer seiner Luxuskarosse.

Jetzt kommt der Mittelstürmer Christian Daniel Ledesma angebraust, natürlich hält auch er, Foto, und Autogramm mit Widmung - Tifosi, werden gut behandelt, das ist in Grundprinzip des Vereins.

"Da steht sein Name, und der Rest, das ist in argentinisch, karido oder so. Soll wohl herzlich bedeuten."

Weiter als bis zum Tor dürfen sie aber nicht, die Fans. Streng dreinblickende Wachmänner mit Pistolen schützen die Privatsphäre der Spitzenspieler, die in einem luxuriös umgebauten, ehemaligen Reitstall Essen, schlafen und ihre Freizeit verbringen. Fernsehschirme und mehrere Playstations füllen den Aufenthaltsraum.

Aber das Herz von Lazio schlägt in einem hässlichen Betonbunker unter der Tribüne der Trainingsfelder. Der Verein muss sparen und das sieht man. Kleiderkammer, Umkleideräume, drei kleine Büros. Eines gehört Maurizio Manzini. Schwarze Jeans, schwarzes T-Shirt, Goldketten um den Hals, braungebrannt: Er wirkt topfit, trotz der grauen Haare. Seit über 30 Jahren gehört er zu Lazio, seit fast zehn Jahren als Team Manager, einer von nur drei nach dem finanziellen Zusammenbruch noch übriggebliebenen, hauptamtlichen Vereinsfunktionären.

"Hallo Andrea, jetzt der Kleiderwart. Also, meine Aufgabe besteht darin, die Belange der Mannschaft zu organisieren. Organisation, Logistik, Materialbeschaffung. Alles bis aufs Fußballspielen, darum kümmert sich der Trainer. Das kann man nur machen, wenn es einem Spaß macht. Ich habe keine freie Zeit, keine Feiertage und keine Ferien. Sich um einen Club von dieser Größenordnung zu kümmern ist ein ‘demanding job‘."

Kurz gesagt: Maurizio Manzini muss eine Herde von Primadonnen hüten und verhindern, dass einer auf den anderen neidisch werden könnte. Und was noch schwieriger ist: Er muss ständig aufs Image aufpassen.

"Die Fernsehkameras verfolgen die Spieler nicht nur im Stadion, sondern praktisch jederzeit und überall. Beim Training, zusammen mit dem Publikum. Also müssen sie immer ordentlich gekleidet sein, sich vernünftig benehmen, und beim Reden aufpassen, denn mithilfe des Fernsehens können sie dir von den Lippen ablesen. Man muss ständig auf der Hut sein, eine Fußballerkarriere kann man im Handumdrehen zerstören. Wir leben praktisch ständig wie beim Big Brother."

Und schon klingelt wieder eines der Handys. Maurizio Manzini, hat drei davon, eine zusammenhängende Unterhaltung ist praktisch unmöglich. Ständig schaut er auf die Armbanduhr, er trägt an jedem Handgelenk eine. Er muss Faxe schicken, der Sekretärin Anweisungen geben, den Kleiderwart empfangen, Nachrichten hinterlassen - und sofort zum Flughafen, um das nächste Sommerquartier der Mannschaft in den Dolomiten zu begutachten. Kaum sitzt er in seinem schwarzen Mercedes, gibt er telefonisch weitere Anweisungen.

Die Sekretärin muss den Flug noch buchen, noch vor drei Jahren schien es so, als würde Manzini niemals mehr für Lazio würde reisen können:

"Wir kamen grade aus Japan zurück, hatten sowieso nur noch 15 Spieler, von denen uns nur noch neun gehörten. Und man sagte uns, der Verein sei pleite. Ich hatte keine Arbeit mehr, und der Verein keine Mannschaft mehr, das war nach über 100 Jahren Vereinsgeschichte ein großer Verlust für den italienischen Sport."

Lazio ist nicht nur Fußball - der Club hat 35 Abteilungen und jede Menge Olympiasiege und Weltrekorde eingefahren. Den schlechten Ruf verdankt der Verein nur ganz wenigen gewalttätigen Fans, die durch immer strengere Vorschriften in den Stadien inzwischen ausgegrenzt wurden. Dort geht die Gewalt weiter, wie etwa nach dem Tod von Gabriele Sandri im vergangenen November. Die Ultras stürmten daraufhin zwei Polizeiwachen und setzten sie in Brand. Dagegen sei der Club machtlos, sagt Manzini. Dass Lazio Tifosi als Rassisten und Neonazis verschrien sind, sei das kleinere Problem:

"Der Grund ist, dass solch ein Verhalten in einer Stadt mit zwei großen konkurrierenden Clubs eben besser auffällt. Apropos Rassismus: Gehen Sie mal nach Verona. Oder nach Treviso. Die konnten es sich nicht mal erlauben, schwarze Spieler einzukaufen. Der Rassismus ist leider weit verbreitet und muss auch ernsthaft bekämpft werden. Es stimmt schon, dass es immer ein paar Schwachköpfe gibt, Gott sei Dank werden es aber immer weniger."

Und so Manzini: Neonazis würden in den Stadien von den wirklichen Fans regelmäßig ausgepfiffen. Um das Übel an der Wurzel zu packen gebe es aber ein wichtiges Rezept: die Fairness auf dem Rasen. Wenn die Vorbilder überzeugen, dann sind auch die Tifosi weniger gewalttätig.

"Man kann immer wieder unfaires Verhalten der Spieler erleben. Genau da muss man ansetzen und für ein immer vorbildlicheres Verhalten auf dem Rasen sorgen. Das wird zunehmend auch den Spielern klar, die bei Interviews inzwischen meist zugeben, dass sie sich mehr Mühe geben und aufpassen müssen, um den jugendlichen Zuschauern keine schlechten Beispiele zu liefern."

Spricht es und beginnt wieder zu telefonieren.

"Tifo" wird mit Typhus übersetzt. Eine heimtückische Krankheit, ein Bazillus der Elendsquartiere. Er grassierte einst im armen, agrarischen Italien. Die Begeisterung, die Liebe für den Fußball, sie griffen bald wie ein Bazillus um sich. Die fröhliche Variante einer Epidemie tauchte mit Beginn der 1920er Jahre auf. Sie hielt sich und ist bis heute so ansteckend wie der Typhus-Erreger. Der Tifo als tiefe Leidenschaft. Nicht umsonst hat der Lieblingsverein eines Italieners dessen Herz befallen, heißt "squadra del cuore".

"Einige waren, wie Tommaso und dessen Freunde, Kinder armer Leute; vor allem aber sah man feine Jungens, Oberschüler, die in Montesacro wohnten oder in den Hochhäusern der "Batteria Nomentana". Als endlich die vier Spieler eines Tisches aufbrachen, stürzten Lello, Tommasino, Zuccabo, Sergio und Carletto auf ihn zu, quetschten die Bäuche gegen den Rand und besetzten den Tisch ohne auf das Protestgeschrei der vier oder fünf Typen zu achten, die schon vor ihnen gewartet hatten. (...)
Die vier Jungen aus "Klein-Shanghai" sahen nicht einmal hin, blickten angestrengt den Spielaufseher an, einen Hungerleider gleich ihnen, der mager wie ein abgenagter Flügel war und nun wortlos seine Hand ausstreckte, das Geld entgegennahm und die Klappe für die Bälle öffnete. Nur Tommasino wandte sich müde nach dem Oberschüler um und drohte: ‘Los hau ab, mach, dass du wegkommst!,’ und wollte zu spielen beginnen. Doch die vier anderen hatten schon, als wären sie sich von vornherein darüber einig gewesen, an den Griffen Aufstellung genommen, Lello und Carletto auf der einen Seite, Zuccabo und Sergio auf der anderen. (...) ‘Nein, nein, so einfach geht das nicht, erst müssen wir uns einig werden,’ erklärte Tommaso aus tiefster Überzeugung. ‘Verpiss dich doch!’ schrie Zuccabo und gab ihm einen Rippenstoß, dass er von der Brüstung des billardähnlichen Spieltisches taumelte."


"Wir verdienen es nicht, Gastgeber der Europameisterschaft 2012 zu werden"
Gianni Mura, Sportjournalist

Die italienische Fußballliga wurde 1898 gegründet, erste Kategorie nannte sie sich damals, später gab sie sich ihren heutigen Namen: Serie A. 76 mal wurden darin Meisterschaften ausgetragen. Und der einzige Club, der dabei nie gefehlt hat, war Inter Mailand, gefolgt von Juventus Turin, AS Rom und AC Mailand. Aus diesen Traditionsvereinen kommen die meisten Spielerlegenden der Squadra Azzurra, von Gianni Rivera bis Luca Toni, von Guiseppe Meazza bis Alessandro Del Piero. Vier mal gewannen die Azurri die Welt- und ein mal die Europameisterschaft.

Ausländische Stars wie der beliebte Brasilianer Kaká, finden die Serie A trotz aller Skandale immer noch attraktiv, fordern allerdings Reformen. Jungen, noch unbekannten Talenten aus Entwicklungsländern, bedeutet die Fußballnation Italien nach wie vor eine große Verheißung. Calcio und eine vielversprechende Kickerkarriere - das ist für sie ein Weg hin zu einer besseren Zukunft im reichen Europa. Professionelle Headhunter entdecken die kleinen Sportler in Afrika und anderswo in der Welt. Fußballerschulen, wie die des Erstligisten Empoli in der Toskana, bilden die Jungen aus. In Italien dürfen pro Club allerdings nur zwei Extracommunitari, also Nichteuropäer unter Vertrag genommen werden. Und so verkaufen kleine Vereine, die auf ausländische Spieler verzichten können, ihre Quoten teuer an die Großen. Ein regelrechter Handel mit der Ware Mensch beginnt.


Arena der Talente - Headhunter auf der Suche nach gewinnbringenden Spielern

Mit seiner massigen Gestalt im hellen, weiten Trenchcoat wirkt Andrea Innocenti wie ein Kommissar auf Spurensuche. In gewissem Sinne hat er ja tatsächlich einen vergleichbaren Job. Andrea Innocenti lässt sich auf die schmale Bank unter der Plexiglashaube am Rand des Trainingsfeldes fallen. In den Tiefen seines Trenchcoats sucht er ein Feuerzeug und zündet sich eine Zigarette an, er raucht Hunderter. Und dann beobachtet er - nicht ohne Stolz - die zehn Jungen, die unter der Anleitung ihres Trainers auf dem Kunstrasen schwitzen.

"Tja, die habe alle ich aufgespürt in den letzten drei Jahren. Sie kommen von überall her. Aus Turin, Rom Neapel, aus Sizilien, aus der Toskana und dann ist da noch unser Neuzugang, ein Exot. Er kommt aus Kenia."

Tiefdunkel glänzt die Haut des flinken Jungen mit kurzen schwarzen Locken. Er steht am Spielrand, schaut zu, wartet auf seinen Einsatz.

"Mein Name ist Paul, ich komme aus Kenia. Wie lang bist du schon hier? Seit drei Monaten? Und wie gefällt es dir? Sehr gut. Das Training macht mir viel Spaß. Es ist hervorragend."

Paul ist Andrea Innocentis besonderer Schützling. Er hat ihn bei einem Turnier in Frankreich entdeckt und sofort in die Fußballschule nach Empoli geholt.

"Er ist technisch unheimlich stark, hat einen sehr guten Überblick über das Spiel - zwei Eigenschaften, die einem sofort ins Auge stechen. Er ist Jahrgang 1995, also noch sehr jung."

Paul ist erst 13, Fußball war schon immer sein Lebenstraum.

"Ich kann mich erinnern, ich spielte schon mit sechs in einer Mannschaft, dann mit acht fragte ich einen Schulkameraden, ob er nicht einen guten Club kenne und wir gingen gemeinsam hin, er hieß Impala. Aber eigentlich war ich noch zu klein, spielte mit Großen, die schon 15 Jahre alt waren und auch immer nur in den letzten Spielminuten. Und so wuchs ich heran, habe immer dazugelernt und hart trainiert."

Eines Tages sah ihn Andrea Innocenti. Ein Zufall möchte man meinen. Doch weit gefehlt. Andrea Innocenti macht nichts anderes im Leben, als um die Welt zu jetten, um Fußballtalente aufzuspüren. Ein Headhunter, er nennt es Scouting, er ist ein Spürhund, der auf der Jagd nach den Spitzenfußballern von morgen ist, bevor andere sie finden.

"Ich habe etwa 40 Mitarbeiter in Italien und im Ausland, die mir Talente melden. Seit elf Jahren ist das mein Hauptjob. Und seit sechs Jahren arbeite für den Club von Empoli. Ausbildung, Studium - das gibt es nicht in diesem Job. Ich fahre am besten mit sehr intensiver Arbeit. Alleine im letzten Jahr habe ich mir weltweit zehntausend Spieler angesehen und sie beurteilt. Pro Monat bin ich gut drei Wochen unterwegs."

Der jettende Talentsucher hat inzwischen einen meisterhaften Blick für die Perlen in einem Meer von bolzenden Knaben. Denn er muss gnadenlos sieben.

"Man muss die Spieler vor allem im Verhältnis zu ihrem Alter beurteilen. Bis zwölf Jahre ist das technische Können entscheidend, darüber muss man sich den Körperbau genau anschauen, ab 14 schaut man auf den Charakter und die spielerische Intelligenz, denn erst in diesem Alter beginnt das Heranreifen eines guten Spielers."

Und dann zeigt sich ob sich der gigantische Aufwand von Andrea Innocenti auch gelohnt hat. Denn von zehntausend werden jährlich nur ein paar Dutzend Spieler eingeladen zum Probespielen nach Empoli, aber gerade mal drei bis fünf schaffen es, im Fußballinternat aufgenommen zu werden. Eine strenge Auswahl, die unerlässlich ist, will man künftige Stars züchten, in einem Business mit hohen Risiken und noch höheren Gewinnchancen.

"Mit unseren Nachwuchsspielern haben wir Schwindel erregende Gewinne eingefahren. Marchionni, der zu Juve und dann zu Parma wechselte konnten wir für 13 Millionen Euro verkaufen. Wen haben wir noch? Bresciano wurde nach Palermo und Grel nach Turin verkauft. Für die beiden haben wir um die 18 Millionen Euro bekommen. Alle aus unserem Nachwuchs, der uns pro Jahr 2 Millionen Euro kostet. In Italien ist inzwischen allgemein bekannt, dass wir gute Spieler heranbilden, die sehr schnell in der Erstliga spielen dürfen und die ihren Preis haben, wenn man sie kaufen will."

Paul aus Kenia muss noch lange Jahre trainieren, bis auch er die Kosten für seine Ausbildung wieder hereinspielen kann. Und selbst wenn er nur in der B- oder C-Klasse spielen wird, sein sozialer Aufstieg ist gesichert:

"Wir haben ihn deshalb so früh zu uns geholt, damit er später auch mal in Europa spielt. Sein sportliches Ziel kann er nur hier verwirklichen."

Paul träumt nicht nur davon, ein Star zu werden:

"Ich würde gerne etwas für andere tun, freiwillig, auf eigene Faust. Wenn ich nach Gottes Willen mal Profispieler sein werde, dann möchte ich gerne anderen jungen Fußballern in Afrika helfen, hierher nach Europa zu kommen, damit sie wenigstens einmal die Chance haben, ihr Talent zu zeigen."

Pier Paolo Pasolini, Autor des Romans, "Vita Violenta", wurde 1975 - wahrscheinlich von einem Strichjungen - ermordet. Auf einem Fußballplatz.

"Da blieb (Tommasino) (...) abseits stehen, stammelte unverständlich Worte und kämpfte gegen einen Brechreiz an. ‘Diese verdammten Arschlöcher! Was bilden die sich ein!’ Allmählich erlahmte sein Widerstand, angewurzelt stand er da und schaute mit kritischer Miene, wenn auch noch immer in voller Verachtung, dem Spiel zu.
’Wo habt Ihr denn spielen gelernt!’ rief er ironisch, als einer der Gefährten sich ungeschickt anstellte.
Die vier hörten ihm gar nicht zu, er war für sie Luft, sie brannten nur darauf, mit den Füßen der kleinen Holzfiguren den Ball zu treffen.
‘Habt Ihr das gesehen! So ein verdammter Trottel!’ schrie Tommasino bei einem Stoß Carlettos, der danebenging. ‘Wie die ersten Menschen!’ Und er brüllte vor Lachen, überschlug sich fast, damit ihn ja nur alle Umstehenden hörten.
‘Hahahaha!’ Er presste die Hände in den Taschen gegen seinen Bauch und krümmte sich wie ein Irrer.
’Ihr kotzt einen ja an!’ rief er dann, als er sich etwas beruhigt hatte, und sein Grinsen war noch verächtlicher als vorher. ‘Da mach ich lieber, dass ich wegkomme! Ist ja doof, hier rumzustehen und solchen Stümpern zuzugucken.’ Nach einem letzten Hohngelächter zog er ab, tauchte unter der Plane der Bude auf und spazierte um die Karussells herum."


"Wenn große Klubs gegeneinander spielen, sind alle Stadien gefüllt und die Fernsehsender melden die höchsten Einschaltquoten. Das würde dem italienischen Fußball gut tun."
Silvio Berlusconi, Ministerpräsident und Chef des AC Mailand

Die Instrumentalisierung des Calcio durch die Politik hat in Italien eine lange Tradition. Sklaven lieferten sich in der Arena des antiken Rom blutige Kämpfe mit wilden Löwen. Die Cäsaren hielten mit dem brutalen Spektakel ihre Untertanen bei Laune. Im Faschismus des 20. Jahrhunderts erfuhr der Fußball die erste umfassende Politisierung der Moderne. Für die Austragung der Weltmeisterschaft 1934 im eigenen Land hat Diktator Mussolini viel Geld fließen lassen. Heute hält Silvio Berlusconi im demokratischen Italien alle Fäden in der Hand. Gerade ist er zum dritten Mal Ministerpräsident geworden, gilt aber seit mindestens zwei Jahrzehnten als Patron der italienischen Fußballindustrie. Er hat ein Kartell aus Politik, Wirtschaft und Medien geschaffen, in dem der Calcio als Werbeträger und Milliardeneinnahmequelle dient. Mit ihm ist der Fußball schließlich zum Fernseh-Sport geworden. Juventus, Mailand, Rom und Co. - alle Top-Vereine haben sich finanziell vom Kommerz-Fernsehen abhängig gemacht.

Wie immer zählt am Ende das Ergebnis. Die Stars der Squadra Azzurra sind vier Wochen vor Beginn der Europameisterschaft 2008 in akzeptabler Verfassung. Der neue, alte Regierungschef, Unternehmer, Chef des AC Mailand, reichster und mächtigster Mann Italiens, Silvio Berlusconi, wird mit taktischen Finessen die Ware Fußball gut verkaufen.


Arena des (Medien-)Spektakels - Silvio Berlusconi und das Fußballkartell

Geduldig schwenkt der Mann im blauen Arbeitsanzug die Motorsense durchs dichte grüne Gras, hin her hin her. Um zu sprechen, muss er sich erst einmal aus der Schutzkleidung schälen. Erst der Hut, dann der Lärmschutz, schließlich das Netzgitter, das von der Stirn bis zum Kinn reicht. Francesco wischt sich den Schweiß von der Stirn und beginnt lebhaft zu palavern. Der Freizeitbauer ist eigentlich Berufspolitiker und seine Passion ist der Fußball.

"Ich war ja immer ein Fan von Juve, bis dieser Moggi kam. Als er ging, bin ich wieder Juve-Fan geworden. Moggi, das war ein Betrüger, der den italienischen Fußball ruiniert hat."

Als er noch Bürgermeister der kleinen Stadt Fano an der Adria war, ging Baldarelli natürlich oft zu den Spielen des heimischen C-Klasse Vereins. Der Fußball ist in jedem Italiener tief verwurzelt, meint der Ex-Kommunist Baldarelli.
Bis 2003 war Baldarelli Europaabgeordneter, ist viel herumgekommen und hat inzwischen verstanden, wie anders Italien im Vergleich zu den übrigen Europäischen Ländern beschaffen ist:

"Der Fußball ist immer wieder wichtiger Teil der politischen Auseinandersetzung. Und zwar nicht nur weil Berlusconi Vereinspräsident ist. Bei uns wird Politik auch damit gemacht, dass man sich als Fan eines bestimmten Clubs offenbart. Es ist ganz klar, dass linke Politiker in Rom die Mannschaft des AS Rom unterstützen, während die Rechten eindeutig Anhänger von Lazio sind. Es haben sich Fangemeinschaften etabliert, die mehr politisch als rein sportlich orientiert sind. Was bedeutet, dass der Fußball auch benutzt wird, um politischen Konsens zu erzielen."

Diese Anziehungskraft hat allerdings schwer gelitten. Die Einheit von politischem Glaubensbekenntnis und Vereinszugehörigkeit ist seit Calciopoli, dem Fußballskandal vor zwei Jahren, zerbrochen.

"Als die Fans feststellen mussten wie sehr sie betrogen worden sind, durch getürkte Spielergebnisse, hat auch ihr Vertrauen in die staatlichen Institutionen gelitten. Italiens Hauptproblem ist, dass als einzige glaubwürdige Institution eigentlich nur noch der Staatspräsident übrig geblieben ist. In ihn haben immerhin noch 80 Prozent der Bürger Vertrauen. Während das Parlament nur noch bei 30 Prozent der Bürger Ansehen genießt. Auf die Kirche verlassen sich noch 70 Prozent, auf die Politiker grade mal 15 Prozent. Und der Fußball liegt noch darunter. Das ist Italiens Problem: ein weit verbreiteter Vertrauensverlust der Bürger."

Francesco Baldarelli bringt den kleinen lärmenden Motor zum Stillstand und setzt sein Arbeitsgerät ab. Schließlich zieht er die Handschuhe aus und schaut zufrieden auf sein Werk, eine Reihe Weinreben hat er bereits freigelegt. Bald wird er 54 Jahre alt, nach langen Jahren in Partei und Parlament war er zuletzt Experte für Kommunikation im römischen Innenministerium. Für ihn bilden korrupter Fußball und Politik in Italien eine Symbiose.

"Um heute Fußball betreiben zu können, braucht man Geld. In England zum Beispiel haben internationale Geldgeber viel investiert, weil der Fußball dort Zuschauer anzieht. Und Gewinn abwirft. In Italien wird es dagegen immer enger. Unsere Unternehmer können die Kosten des Fußballs nicht mehr tragen. Warum, weil der Fußball in die Krise geraten ist. Moratti von Juventus Turin steht das noch durch, weil sein Bruder ein reicher Erdölunternehmer ist. Der anderen haben alle kein Geld mehr. Berlusconi, na ja, der hat ja vorgeschlagen eine Superliga zu bilden, was ungefähr so wäre wie ein Superparlament. Ihm passt es nicht, dass sein Verein auch mal gegen eine kleine Mannschaft wie Livorno verlieren könnte. Er will, dass ein paar Spitzenvereine unter sich sind, Berlusconi schwebt so eine Art Fußball-Oligarchie vor. Deswegen hat er die Superliga vorgeschlagen."

Jetzt, da er wieder mal die Wahlen gewonnen hat, könnte Berlusconi vielleicht auch seine letzten Fußballambitionen verwirklichen. Francesco Baldarelli wird das nur noch als Zaungast erleben. Seit seine Partei die Wahlen verloren hat, ist seine politische Karriere endgültig zu Ende.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk