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StartseiteKultur heuteDie Asche meines Philosophen18.07.2003

Die Asche meines Philosophen

Ein Kolloquium über Herbert Marcuse, dessen Urne heute auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin beigesetzt wurde

Es lohnt sich nicht zu leugnen: Die Geschichte hat etwas Skurriles. Das fängt schon mit der Website der Familie Marcuse an. Dort findet sich der Hinweis, dass menschliche Asche "körnig" und nicht etwa "flockig" aussieht. Das haben gleich mehrere Familienmitglieder überprüft und zwar an der Asche von Herbert Marcuse, die vor einiger Zeit wieder aufgetaucht war.

Von Arno Orzessek

Der Philosoph Marcuse, Mitglied der Frankfurter Schule und als Erotiker der Vernunft geschätzt, war 1979 während eines Deutschlandbesuchs ins Starnberg gestorben und in Österreich eingeäschert worden. Doch die Urne, die nach Amerika abging, geriet über eine Reihe von anderen Todesfällen in Vergessenheit. Erst die Nachfrage eines Marcuse-Fans und die anschließende Suche förderte zu Tage, dass die Asche in einem Friedhofsgebäude in New Haven, Connecticut, lagert.

Der Familienrat beschloss darauf hin, in Marcuses Heimatstadt Berlin wegen einer würdigen Bestattungsmöglichkeit nachzufragen. Für gute Lobby an der Spree sorgte Kultursenator Thomas Flierl, der seit der Wende mit Peter Marcuse, dem Sohn des Verewigten, befreundet ist. Dem Einspruch einer Verwandten, es gäbe schon genug jüdische Asche in Deutschland, gab man nicht nach.

Und so kam es, dass am Montag dieser Woche der selbe schwarze Cadillac, in dem bereits Marlene Dietrich und Benno Ohnesorg zur letzten Ruhe chauffiert worden waren, am Gate 14 des Flughafens Tegel die via New York eingeflogene Asche abholte. Heute morgen wurde sie auf dem polizeilich abgesperrten Dorotheenstädtischen Friedhof bestattet - und zwar in bester Gesellschaft: Auch die Gebeine von Fichte, Hegel und Brecht liegen in der Nähe.

Für Harold Marcuse, den Enkel, ist die Sache nun rund. Es sei ihm um die "symbolische Ordnung" gegangen, gab er zu verstehen - und immerhin bekam sein Großvater ein Ehrengrab. Indessen erreichte auch der Cadillac das letzte Ende der Fahrbahn: Das Asche-Mobil kommt ins Technikmuseum.

Wem diese Geschichte zu schräg ist, der kann sich an den wissenschaftlichen Nebeneffekt halten. Das Institut für Philosophie an der Freien Universität nahm die Bestattung zum Anlass, um über die Aktualität Herbert Marcuses nachzudenken. Dazu traf man sich im legendären Audimax des Henry-Ford-Baus, im der Autor von "Triebstruktur und Gesellschaft" im Juli 1967 den aufgewühlten Studenten das Gefühl gegeben hatte, "von weltgeschichtlicher Bedeutung zu sein", wie es Hartmut Häußermann nannte, der damals Asta-Vorsitzender gewesen war.

Der jüdische Emigrant, amerikanische Staatsbürger und Sowjetunion-Kritiker Marcuse ließ sich trotz seiner dezidierten USA-Schelte nicht so einfach in der stalinistischen Ecke abstellen, wie es den linken, gegen den Vietnam-Krieg protestierenden Studenten von Seiten der Konservativen widerfuhr. Sie waren entsprechend begeistert. Marcuses Auftritt wirkte laut Eberhard Lämmert, später Präsident der Freien Universität, wie ein Funken im Pulverfass.

Und Marcuse selbst gefielen die Teach-Ins auch sehr gut. Er schrieb an seinen Freund Leo Löwenthal, er sei wie "ein Messias" empfangen worden, woraufhin sich Löwenthal mit einem Hinweis auf Zeitungsberichte revanchierte. Dort sprach man bereits von einer neuen "M-Tradition", nämlich "Marx, Mao und Marcuse". "Das hat mich zutiefst ehrfürchtig gemacht", setzte Leo Löwenthal hinzu.

Junge Linke glaubten unter dem Einfluss von Marcuses prophetischen Denkfiguren gern, dass die Revolution schon in der Tür stehe. Der Guru selbst sah in Hippies und anderen Lustmenschen den Vorschein jener von Arbeit und sexuellen Zwängen erlösten Gesellschaft, in der allein die Freiheit Normen und Gesetze diktiert. Und allein die Ahnung davon, so Eberhard Lämmert auf der Tagung, sei hinreißend gewesen, aber auch illusionär und trügerisch.

Man kam nicht um die Frage herum, was der Taumel denn auf lange Sicht bezweckt habe und inwiefern Marcuses Denken noch heute greife. Dabei schieden sich die Referenten flugs in Realos und Revoluzzer, die auf immer und ewig am marxistischen Erlösungsballon über den Verhältnissen schweben. Zu letzteren zählt Frieder-Otto Wolf, ehemals Europa-Abgeordneter der Grünen. Seine Gegenwartsanalyse will partout nicht über Fordismus und die Kolonisierung der Lebensverhältnisse hinaus.

Angela Davis, die einst verfolgte Kommunistin, Freiheitskämpferin und berühmteste Marcuse-Schülerin, machte es besser. Sie mobilisierte bei der Tirade auf George W. Bush ihren Charme, einer der wichtigen Marcuse`schen Kategorien, und bekam viel Beifall. Eberhard Lämmert hielt immerhin am Naturrecht auf Widerstand fest, währen Wolfgang Lefévre, auch er ein ehemaliger FU-Asta-Vorsitzender, nur noch sagen konnte, dass ihm nach dem Untergang des Sozialismus zu Gerechtigkeitsfragen nichts mehr einfalle.

Natürlich reichte die Nachmittagsveranstaltung nicht aus, den ganzen Marcuse systematisch auf Tauglichkeit für gegenwärtiges Denken abzuklopfen. Doch einen Zweck hat die Tagung mit Sicherheit erfüllt. Die skurrile Urnen-und-Asche-Geschichte rückte in ein seriöses Licht.

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