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Die Ausgegrenzten der Moderne

Zygmunt Bauman über "überflüssige Menschen"

Von Ruth Jung

Bei tiefen Minus-Temperaturen schläft ein Obdachloser unter vielen Decken in der Frankfurter Innenstadt.
Bei tiefen Minus-Temperaturen schläft ein Obdachloser unter vielen Decken in der Frankfurter Innenstadt. (AP Archiv)

Zygmunt Bauman wurde 1925 in Polen geboren, das er Ende der 60er Jahre verlassen musste, und lebt seither in Großbritannien. In Leeds hat er Soziologie gelehrt. Zahlreiche Bücher hat er geschrieben. Sie befassen sich vorzugsweise mit der Moderne oder der Postmoderne, wobei Bauman die Postmoderne als "illusionslose Moderne" interpretiert. Die Begriffe werden bei Bauman in angelsächsischer Manier gelegentlich recht großzügig verwendet, was angesichts der Größe der Themen manchmal eher verwirrend wirken kann. "Die Moderne und der Holocaust", "Das Unbehagen in der Postmoderne", "Moderne und Ambivalenz" oder "Dialektik der Ordnung" sind bekannte Titel. Nun ist wieder ein neues Buch des Soziologen erschienen, in dem er sich diesmal der Ausgegrenzten der Moderne anzunehmen verspricht. Ruth Jung hat Baumans "Verworfenes Leben" gelesen:

Sie haben sich eingeprägt, die Bilder dieses Herbstes: afrikanische Flüchtlinge mit aufgerissenen blutigen Händen hinter Stacheldrahtverhau in der spanischen Enklave Melilla, vermummte junge Männer bewaffnet mit Molotowcocktails vor brennenden Autowracks in französischen Vorstädten. Mit diesen Bildern vor Augen schlägt man das neue Buch des 1925 in Polen geborenen renommierten Soziologen und Holocaustforschers Zygmunt Bauman auf, verspricht er doch, sich den "Ausgegrenzten der Moderne" zuzuwenden und…

"...die vermeintlich allzu vertraute moderne Welt, die wir uns teilen und gemeinsam bewohnen, auf eine neue und etwas andere Art zu betrachten."

Erwarten könnte man also eine kritische Analyse des zentralen sozialen, politischen und moralischen Problems moderner Konsumgesellschaften, eine Auseinandersetzung nämlich mit den Hintergründen der zunehmenden Ausgrenzung. Diese Erwartung jedoch wird gründlich enttäuscht. Denn Zygmunt Bauman, der für seine bisherigen Arbeiten 1998 mit dem Adorno-Preis der Stadt Frankfurt ausgezeichnet wurde, kommt ganz ohne kritische Theorie aus: Seine hier dargelegten Betrachtungen sind gewissermaßen "theoriefrei". Nach dem Prinzip eines Zettelkastens und der freien Assoziation entfaltet Bauman über vier Kapitel einen mit vielen Exkursen versehenen Streifzug durch die Literatur. Es ist der Streifzug eines belesenen Flaneurs, geleitet vom Stichwort Abfall. Über weite Strecken liest sich das Buch wie der Versuch einer Begriffsgeschichte des Wortes Abfall und dessen Varianten. Bei der Leserin hingegen steigern sich langsam Gefühle von Verwirrung und Unbehagen: War nicht etwas ganz anderes in Aussicht gestellt worden? Sollte es nicht um eine soziologisch-historisch fundierte Beschäftigung mit den Produktionsbedingungen von Abfall gehen, und gemeint ist hier ja in erster Linie "menschlicher Abfall", das heißt die "Produktion von überflüssigen Menschen", für Bauman das Charakteristikum moderner Gesellschaften:

"Die Produktion "menschlichen Abfalls" – korrekter ausgedrückt: nutzloser
Menschen - ist ein unvermeidliches Ergebnis der Modernisierung und eine untrennbare Begleiterscheinung der Moderne. Sie ist ein unvermeidlicher Nebeneffekt des Aufbaus einer gesellschaftlichen Ordnung und des wirtschaftlichen Fortschritts. "

Nun will der Autor keineswegs behaupten, dass er dies richtig finde. Er wertet nicht, sondern nimmt durchweg die Position des Betrachters ein, der sich bloß eine Beschreibung dieser so schlecht eingerichteten modernen Welt vorgenommen hat. Angesichts der Thematik eine doch allzu bequeme Haltung, möchte man meinen. Eine auffallend ahistorische Perspektive prägt das Buch, auch die Globalisierung als letzte Stufe moderner "Abfallproduktion" vollzieht sich demnach wie von Geisterhand gesteuert:

"Ein schicksalhafter Aspekt des Umgestaltungsprozesses (durch die Globalisierung) zeigte sich relativ früh, und er ist seitdem auch gründlich dokumentiert worden: der Übergang von einem "Sozialstaats"-Modell einer alle Menschen umfassenden, inklusiven Gemeinschaft zu einem (...) "mit Strafe drohenden" (...) und zum Ausschluss neigenden Staat. "

Dass die konsequente Ausblendung von Theorie und Geschichte zwangsläufig auf ein totes Gleis führt, erweist sich am deutlichsten bei den Ausführungen zum Stichwort Überbevölkerung. Ein Begriff, der 1798 von dem englischen Ökonomen Thomas Malthus geprägt worden war und der Ende des 19. Jahrhunderts erstmals im Oxford English Dictionnary auftauchte. Im Vorwort zur Erstausgabe von Thomas Malthus’ "Versuch über die Grundregeln der Bevölkerung" heißt es:

"Ein Mensch, der in eine bereits in den Besitz anderer übergegangene Welt hineingeboren wird und dessen Eltern nicht in der Lage sind, ihm die Subsistenzmittel zu bieten, die er mit Fug und Recht von ihnen einfordern kann, hat keinerlei Anspruch, auch nur die geringste Nahrung zu verlangen. Und wenn die Gesellschaft dann noch seiner Arbeit nicht bedarf, ist er überflüssig: An der großen Tafel der Natur gibt es kein Gedeck mehr für ihn. "

Zwar wurde dieser Passus in der zweiten Ausgabe nicht mehr gedruckt, zu groß war die Entrüstung, aber die von Malthus maßgeblich beeinflussten Positionen englischer Liberaler überdauerten das Jahrhundert. Bauman schreibt:

"Die Zurückweisung von Malthus’ Behauptungen und das Zerpflücken seiner Argumente waren ein beliebter Zeitvertreib der Wortführer des aufstrebenden, lärmenden und selbstbewussten modernen Zeitgeistes. Malthus' Bevölkerungsgesetz richtete sich tatsächlich gegen alles, was die Moderne versprach – gegen ihre Gewissheit, dass jegliches menschliches Elend behebbar sei. "

Zu diesen "Wortführern des aufstrebenden, lärmenden und selbstbewussten modernen Zeitgeistes", wie Bauman sie nennt, gehörte auch Flora Tristan, die sich weder mit der vorgegebenen Gesellschaftsordnung abfinden noch einer gemütlichen Abstraktion von den Klassengegensätzen das Wort reden wollte. Die französische Schriftstellerin und Frühsozialistin hatte in den 1830er Jahren mehrmals England und London bereist und beschreibt in ihrem 1838 erschienenen viel beachteten Buch "Im Dickicht von London" aus eigener Anschauung die Misere der Ausgegrenzten und "Überflüssigen". Als Warnung an die französischen Arbeiter wollte Flora Tristan ihre Sozialreportage aus der bedeutendsten Großstadt des 19. Jahrhunderts verstanden wissen, wurde ihnen doch der englische Wirtschaftsliberalismus als vorbildlich gepriesen:

"Wenn das Volk leidet…"

…schreibt Flora Tristan,…

"...muss es bedenken, dass die Ursachen seiner Leiden nur ihm selbst zuzuschreiben sind, die Gesellschaft kann nichts dafür. Reicht der Lohn eines Arbeiters nicht aus, um seine Familie zu unterhalten, ist das ein offenkundiges Zeichen dafür, dass das Land keine neuen Bürger braucht." Diese Worte stammen von Malthus, und Ricardo mitsamt der ganzen Schule der englischen Nationalökonomen bekennt sich zu denselben Prinzipien. Lord Brougham, einer der fanatischsten dieser modernen Menschenfresser, hat im Oberhaus mit der Kaltblütigkeit eines Mathematikers geäußert: "Da es nicht gelingen kann, den Umfang der Lebensmittel auf das Niveau der Bedürfnisse der Bevölkerung zu bringen, müssen wir eine Senkung der Bevölkerungszahl auf das Niveau der Lebensmittel anstreben." So wissen denn in England die Moralisten und Staatsmänner kein anderes Mittel, das Volk aus seinem Elend zu erlösen, als ihm das Fasten zu verordnen, ihm die Heirat zu untersagen und die neugeborenen Kinder in die Gosse zu werfen. "

Vergegenwärtigt man sich die Bilder aus Melilla, wissend, dass den marokkanischen Behörden zur Lösung des Problems nichts anderes eingefallen ist, als die afrikanischen Flüchtlinge in der Wüste auszusetzen, kommt man nicht umhin, der Analyse Flora Tristans eine gewisse Aktualität zu bescheinigen. Und die Frage nach den Konstanten einer so beschaffenen gesellschaftlichen Ordnung drängt sich auf.

"Das bürgerliche Denken ist so beschaffen, dass es in der Reflexion auf sein eigenes Subjekt mit logischer Notwendigkeit das Ego erkennt, dass sich autonom dünkt. "

Heißt es in Max Horkheimers Aufsatz zur Kritischen Theorie:

"Es ist seinem Wesen nach abstrakt, und die als Urgrund sich aufblähende, vom Geschehen abgeschlossene Individualität ist sein Prinzip. Das kritische Denken hat vielmehr bewusst ein bestimmtes Individuum in seinen wirklichen Beziehungen zu anderen Individuen und Gruppen, in seiner Auseinandersetzung mit einer bestimmten Klasse und schließlich in der so vermittelten Verflechtung mit dem gesellschaftlichen Ganzen und der Natur zum Subjekt. "

Man wird den Eindruck nicht los, dass Zygmunt Bauman in genau diesem individualistischen und abstrakten Denken befangen bleibt und den eigentlichen Fragen ausweicht. Jedenfalls bringt den Leser sein belesener Streifzug zum Stichwort Abfall keinen Schritt weiter bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage, warum immer mehr Menschen ausgegrenzt auf der Strecke bleiben und warum viele der Intellektuellen zu einer Ästhetisierung der verheerenden Zustände neigen. Eine Variante der Lust am Untergang?

Ruth Jung besprach "Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne" von Zygmunt Bauman, übersetzt aus dem Englischen von Werner Roller. Es ist in der Hamburger Edition erschienen, hat 196 Seiten und kostet 20 Euro.

Andruck

Ronald DworkinPlädoyer gegen religiösen Fanatismus

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Bis heute werden Glaubensgrundsätze für kriegerische Handlungen bemüht - wie unter anderem im Nahost-Konflikt. In den USA und in Europa geraten Gläubige und Nichtgläubige verbal aneinander. Das muss nicht sein, meinte der amerikanische Philosoph Ronald Dworkin, der kurz vor seinem Tod seine Gedanken über eine "Religion ohne Gott" entwickelte.

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Juli-PutschPutsch der Pannen und Hitlers Beteiligung

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TschernobylWanderung durch eine Geisterwelt

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Seit 1993 hat der Fotograf Gerd Ludwig immer wieder die Menschen besucht, die von der Explosion des Atomkraftwerks Tschernobyl 1986 direkt oder indirekt betroffen waren. Die großformatigen Bilder in seinem Buch "Der lange Schatten von Tschernobyl" zeigen ihre Trauer und Hoffnungslosigkeit.

Tabu-ThemaDen Tod ins Leben holen

Grabstätten auf dem jüdischen Friedhof in Warschau. (Undatierte Aufnahme).

Es gelingt nicht vielen Journalisten, mit ihren Texten die Grenze der üblichen Halbwertszeit von einem Tag zu überwinden und sich in die kollektive Erinnerung zu schreiben. Doch Bartholomäus Grill, Afrika-Korrespondent des "Spiegel", ist einer von ihnen. "Um uns die Toten" ist alles andere als der übliche Sterbebett-Voyeurismus.

Juristen im Dritten ReichDie Rechtfertigungen des Unrechts

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Literatur

BüchermarktDer Moment der Erleuchtung

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant ("Kritik der reinen Vernunft") in einem Stich von Johann Leonhard Raab nach einem Gemälde von Gottlieb Döbler aus dem Jahr 1781.

In "Geistesblitze. Eine andere Geschichte der Philosophie" thematisiert Manfred Geier den wundersamen Moment eines philosophischen Geistesblitzes. Dabei schafft er es, auch schwer nachvollziehbare Persönlichkeitstypen, von Kant bis zu Nietzsche, für jeden Leser zugänglich zu machen.

Elias CanettiLebenslanges Anschreiben gegen den Tod

Elias Canetti, der deutschsprachige Schriftsteller bulgarischer Herkunft.

Elias Canetti hat den Tod gehasst und gefürchtet wie kein Zweiter. Sein Leben lang schrieb er in Notizen dagegen an, wollte den Todes als Etwas Natürliches nicht akzeptieren. Seine Tochter hat nun mit seinem Biografen aus diesen Notizen das "Buch des Todes" zusammengestellt. Ein erstaunlich klares Dokument der Todesfeindschaft.

Matthias Nawrat"Stehen an der Schwelle zur postkapitalistischen Gesellschaft"

Matthias Nawrat, Träger des Adelbert-von-Chamisso-Förderpreises 2013

Matthias Nawrat zeichnet in seinem Buch "Unternehmer" eine post-apokalyptische Vision der kapitalistischen Gesellschaft. Erzählt wird die Geschichte einer Familie, in dem sich schon die Kinder dem Unternehmertum widmen.