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StartseiteBüchermarktDie Auswanderer01.05.2003

Die Auswanderer

Edition Nautilus, 256 S., EUR 22,-

Der Jude Kantor flieht mit seiner Familie vor den Pogromen aus Osteuropa nach Hamburg, dort grassiert die Cholera, die Grenzen werden geschlossen, der Weg auf das Schiff der HAPAG in die Neue Welt scheint verbaut. Eine Frau brennt mit ihrem Geliebten durch, ein Scheckbetrüger flieht vor der Polizei, eine Nonne ist vom Glauben abgefallen und weiß nicht, wohin, ein sozialdemokratischer Arbeiter hält es im wilhelminischen Deutschland nicht mehr aus und schließlich geht ein junger Arzt aufs Schiff, der sich nicht von seinem Vater verkuppeln lassen will.

Detlef Grumbach

Die existenzielle Radikalität dieses Schritts hat mich interessiert. Die Auswanderer in meinem Buch wollen alle nach Amerika. Und Amerika ist ein Synonym für Hoffnung, für ein neues Leben. Amerika ist eine Utopie, und zwar eine Hoffnung, die sich gar nicht so in Worte fassen lässt. Bei einer Figur wird gefragt: Was wusste er von Amerika? Nichts! Und doch wusste er alles!

Die Auswanderer nennt der 1932 im Saarland geborene und in Hamburg lebende Gerd Fuchs seinen neuen Roman, in dem er verschiedene Aspekte seines bisherigen Schreibens fokussiert. Im ersten Teil des Romans zeigt Fuchs seine Figuren im Fokus der Flucht. Sie haben keine Geschichte, nur der Augenblick zählt und Tatlin, der in Russland als Werber für die HAPAG unterwegs ist, von Amerika erzählt und Fahrkarten verkauft und der sich schließlich selbst auf den Weg nach Hamburg macht, führt ihre Geschichten zusammen. Der zweite Teil handelt vom Aufbruch in die Neue Welt, der dritte schließlich von der Überfahrt, vom Schwebezustand im Niemandsland, bis endlich die Silhouette von New York am Horizont auftaucht.

Fuchs hat sich immer als politischer Schriftsteller verstanden und greift die Form des historischen Roman auf, um das Hier und Heute schärfer in den Blick zu bekommen. Nicht wissen, wo man hingehört, Weggehen, Auswandern aus großer Not, mit großen Hoffnungen - schon immer ist dieses Motiv präsent im Werk dieses Autors. Wenn er es jetzt in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung rückt, wo die Hoffnungen der Linken begraben scheinen, verstärkt dies zu einen eine düstere Tendenz in seinem Werk. Zum anderen aber - und dies hebt das Resignative in einer für den Autor typischen Dialektik wieder auf - bringen die Figuren die Kraft auf, eine Entscheidung zu treffen, verdinglicht sich in ihrem Traum von Amerika ihr Wunsch nach Veränderung. Wenn auch getrieben und aus der Not, so haben sie doch ein Ziel vor Augen, das eine eigene Dynamik entwickelt, neue Kräfte freisetzt. So wie bei dem Juden Kantor, der mit seiner Frau und seinem Sohn in letzter Minute den Zug erreicht, bevor der Mob ihn totschlagen kann. Gerd Fuchs:

Ja durchaus, erwandert ja einfach notgedrungen aus. Er flieht vor Pogromen. Aber als er in aufgeklärtere Verhältnisse kommt, also in die erste Stadt, da bricht etwas auf, was immer schon gewusst hat eigentlich, aber immer nicht wahrhaben wollte: die ungeheure Enge des SchtetI, die auch geistige Enge der jüdischen Orthodoxie. Das ist kein Entschluss, den er freiwillig trifft, sondern nur notgedrungen. Aber schon während der Reise ging dieser Prozess der Säkularisierung wenn man so will. Er nimmt sich den Bart ab, er kauft sich einen neuen Hut. Das sind alles Zeichen. Seine Frau merkt, was in ihm vorgeht.

Im Zentrum des Romans steht allerdings, auch wenn dies erst nach und nach deutlich wird, Tatlin, eine Figur, mit der Fuchs deutlich an seinen Schinderhannes-Roman anknüpft. Wie der Räuberhauptmann, der von den Reichen nimmt und mit den Armen teilt, stellt sich der heimatlose Vagabund über das Gesetz, versorgt zum Beispiel russische Rekruten mit falschen Pässen und hilft ihnen, zu desertieren. Wie Schinderhannes verkörpert Tatlin so etwas wie Trotz gegen übermächtige Verhältnisse, Lebenslust und Anarchie. Fuchs:

Ja, die beiden sind sicher verwandt. Sie haben sicher etwas miteinander zu tun. Und zwar haben sie sicher die Lust an dem Regelbruch gemeinsam, sie haben gemeinsam die Lust an der Individualität, der Unverwechselbarkeit. Und das sind eigentlich Eigenschaften, mit denen sie sofort in der bürgerlichen Gesellschaft anecken und folgerichtig haben sie ja auch beide ausgesprochen kriminelle Karrieren gemacht. Aber gerade dieses rebellische Moment ist etwas, worin sich noch Spontaneität halten kann und Lebendigkeit. Das sind sicher Figuren, die diese Resignation zwar kennen, aber nicht in ihr versinken, die Trauer empfinden, aber nicht darin untergehen. Schinderhannes, wie die meisten anderen Romane von Fuchs zwar modern, in frei montierter Form, doch einer übergeordneten Wahrheit verpflichtet und aus auktorialer Perspektive erzählt, war ein Gejagter, der am Ende untergeht. Auch Tatlin ist auf der Flucht, doch er - und man spürt die Freude, die dies dem Autor gemacht hat - triumphiert dabei als diejenige, die das Heft des Handelns in der Hand hält und mit ihm die subjektive Perspektive eines Icherzählers. Als Werber für die Schiffspassagen erzählt Tatlin von Amerika - er erzählt praktisch für Geld, verdient seinen Lebensunterhalt mit den Provisionen. Ironisiert Fuchs hier auch die eigene Rolle als Autor auf dem freien Markt, bricht er vor allem aber auch dem Erzählen selbst, seinem Verständnis vom Erzählen eine Lanze. Denn Tatlins Geschichten sind es, die den Utopien und Hoffnungen eine Gestalt geben. Ob sich die Hoffnungen erfüllen, bleibt ungewiss, der Roman bricht vorher ab und Skepsis ist nicht von der hand zu weisen. Aber wenn den Reisenden am Ende der Überfahrt plötzlich klar wird, dass Amerika, so wörtlich, "nur ein Wort ist für sie, nicht mehr", so sind es Tatlins Worte, auch wenn dieser ihren Träumen nur die Stimme leiht. "Eigentlich bin ich es gar nicht, der erzählt", so stellt er einmal fest: "Die anderen, die ich nur beobachte, sind es, die erzählen. Sie bedienen sich meiner."

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