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StartseiteTag für TagDie Bedeutung Abrahams im Judentum19.08.2013

Die Bedeutung Abrahams im Judentum

Serie: Jüdische Identität und die abrahamitischen Religionen (Teil 1 von 5)

Abraham gilt als Stammvater des Judentums. Zugleich beziehen sich auch Christen und Muslime auf den altestamentarischen Erzvater. Was folgt daraus für das Verhältnis der abrahamitischen Religionen zueinander und die jüdische Identität? Darüber spricht Rüdiger Achenbach mit der jüdischen Religionshistorikerin Edna Brocke in einer fünfteiligen Gesprächsreihe in "Tag für Tag".

Edna Brocke im Gespräch mit Rüdiger Achenbach

Jüdische Intellektuelle diskutieren immer wieder darüber, was überhaupt die jüdische Identität ausmacht. (Deutschlandradio - Daniela Kurz)
Jüdische Intellektuelle diskutieren immer wieder darüber, was überhaupt die jüdische Identität ausmacht. (Deutschlandradio - Daniela Kurz)
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Serie: Jüdische Identität und die abrahamitischen Religionen

Rüdiger Achenbach: Frau Brocke, im Zusammenhang mit dem interreligiösen Dialog ist auch immer wieder die Rede vom Trialog der abrahamitischen Religionen, weil sich das Judentum, das Christentum und der Islam auf Abraham beziehen. Welche Rolle kommt denn Abraham im Judentum zu?

Edna Brocke: Also Abraham ist natürlich der erste Erzvater. Sein Sohn Isaak und dessen Sohn Jakob, die drei Erzväter, haben sowohl im Bewusstsein als auch in der Liturgie eine zentrale Rolle, und insofern ist Abraham der Stammvater der meisten Juden. Nicht alle verstehen es so, aber die Mehrheit der Juden verstehen sich als Nachfahren Abrahams.

Achenbach: Und die Verbindung mit dem Namen Israel kommt die dann über Jakob?

Brocke: Genau, die Umbenennung Jakobs in "weil du mit der Gottheit gestritten oder gekämpft hast" und "und du hast gesiegt". Da wurde ja der Name von Jakob in Israel verwandelt. Das ist dann die Verbindung zum jüdischen Volk.

Achenbach: Das heißt, es gibt eine Verheißungslinie über Abraham, seinen Sohn Isaak und dessen Sohn Jakob. Und diese Verheißungslinie bezieht sich natürlich auf eine Heilszusage und diese Heilszusage betrifft das Volk Israel.

Brocke: Es betrifft Abraham und seine Nachkommenschaft, die so zahlreich wie der Sand am Meer und wie die Sterne am Himmel sein werden. Und diese Verheißung wurde ja dem Abraham zu einem Zeitpunkt in seinem Leben gegeben, als er den Ismael hatte, aber seine Frau Sarah noch kein Kind hatte. Dies bekräftigt ja eigentlich die Bedeutung dieser Zusage oder dieser Verheißung, dass seine Nachkommenschaft so zahlreich sein wird. Diese Kette, wir sagen immer die Kette der Generationen geht von Abraham über Isaak zu Jakob und dessen zwölf Söhne. Die Tochter Dina ist leider nicht so stark in die Tradition eingegangen.

Achenbach: Die zwölf Söhne stehen dann auch für die zwölf Stämme?

Brocke: So ist es. Von diesen zwölf Söhnen stammen dann die zwölf Stämme Israels ab. Insofern ist das eine genealogische Vorstellung, die jetzt aber weder rassistisch, noch medizinisch, noch genetisch gedacht ist, sondern ideell. Diese Kette der Generationen, in die viele Juden über ganz unterschiedliche Zeiten und ganz unterschiedliche Ortschaften und Länder sich immer verbunden wissen, in dieser Kette der Generationen mit Juden, die vor mir gelebt haben, und Juden, die nach mir leben werden. Diese Verbindung stellt dann dieser Name Israel dar.

Achenbach: Die Kinder Israels, die Kinder Abrahams, kann man in dem Zusammenhang auch sagen. Obwohl es ja, genau gesehen, in dieser Genealogie nur ein Teil der Nachkommen Abrahams ist.

Brocke: Das ist richtig. Vielleicht, in Klammern der Hinweis darauf, wenn ein Nicht-Jude zum Judentum übertritt und männlich ist, bekommt er einen jüdischen Namen, zusätzlich zu seinem vorherigen Namen, nicht anstatt, sondern zusätzlich. Und in der Regel heißt er dann Ben-Avraham, Sohn Abrahams. Durch diesen formellen religiösen Übertritt zum Judentum ist er in diese Kette der Generationen aufgenommen, als Sohn Abrahams.

Richtig ist, dass das nur einen Teil seiner Nachkommenschaft betrifft, denn von seinem Sohn Ismael stammen andere Gruppierungen oder andere Stämme ab. Und die Araber berufen sich auf ihre Abstammung von Abraham als die Söhne Ismaels.

Achenbach: Was nun die Heilszusage an das Volk Israel angeht, sieht man, es geht einmal um Religion, aber auf der anderen Seite spielt auch der Landbegriff eine Rolle. Das heißt also, man könnte sagen, hier gibt es eine theologische und eine politische Konstruktion.

Brocke: In der Tat. Ich glaube, das kennzeichnet jüdische Existenz überhaupt. Ich versuche das immer mit einem Begriff zu verdeutlichen: dem Binom. So wie ein Binom, wie Null und Eins im Computer eigentlich das ganze Wesen der Programmierung ausmacht, sind es im Judentum diese beiden Pole. Zum einen – man kann den Begriff Religion verwenden, der sicherlich in der Antike nicht zutrifft, so wie wir heute den Begriff Religion verwenden, aber in diesem Sinne, ein Aspekt von Theologie, von Glauben und Tradition. Und auf der anderen Seite die politische Dimension, die auf einer ontischen Ebene, das heißt auf einer Seins-Ebene, gründet. Und nur beide zusammen machen die Identität von Juden als Juden aus. Man ist als geborener Jude automatisch zweierlei. Man ist Mitglied in dieser – in unseren Begriffen – Religionsgemeinschaft und man ist Mitglied im jüdischen Volk. Und beides zusammen macht meine Identität als Jude oder Jüdin aus.

Achenbach: Was ist die Bedingung, um ein geborener Jude zu sein?

Brocke: Die Bedingung ist, dass man Sohn oder Tochter einer jüdischen Mutter ist.

Achenbach: Egal, ob man religiös ist oder nicht?

Brocke: Das ist völlig egal. Man ist als Sohn oder Tochter einer jüdischen Mutter, automatisch jüdisch. Und ob man nun von der Mitgliedschaft in der Religionsgemeinschaft Judentum persönlich großen Gebrauch, mittleren Gebrauch, kleinen oder keinen Gebrauch machen will, ist die Entscheidung eines jeden. Mitglied im jüdischen Volk bleibt er so oder anders. Vielleicht mit Ausnahme solcher Leute, die behaupten, dass es so etwas wie ein jüdisches Volk gar nicht gibt oder dass das eine theoretische Erfindung sei. Die würden das, was ich eben gesagt habe, nicht so befolgen oder nicht nachvollziehen, wie ich es sehe.

Achenbach: Die würden das wahrscheinlich als reine Theologie bezeichnen und sagen, es ist nur eine Religionsebene vorhanden?

Brocke: Ja.

Achenbach: Sie haben deutlich gemacht, geborene Juden bilden primär keine Glaubensgemeinschaft, sondern eine Seins-Gemeinschaft.

Brocke: Natürlich wird man in ein Milieu hineingeboren. Und in diesem Milieu bekommt man als Kleinkind, als Heranwachsender, als junger Erwachsener, ganz vieles mit von der Umgebung, in die man hineinsozialisiert wurde. Wenn jetzt das Elternhaus oder die Umgebung, in die man hineingeboren wurde, eine eher religiöse ist, wird man dann selber auch zunächst einmal eher ein religiöser Jude sein. Wenn man eher in eine profane Umgebung hineingeboren wurde, wird man zunächst erst einmal ein profaner Jude sein. Wie man sich nachher als Erwachsener entscheidet, von beiden Richtungen kann man natürlich jeweils in die andere Richtung natürlich umschwenken, das entscheidet dann jeder Jude, wenn er erwachsen ist, für sich selbst.

Achenbach: Die Konsequenz daraus wäre ja, dass jüdisches Leben bedeutet: man beschränkt sich eigentlich auf die eigene Gruppe.

Brocke: Man versteht die eigene Identität als Teil einer Gruppe. Inwieweit man sich da wirklich hineinbegibt, das wiederum sind persönliche Entscheidungen. Man kann entweder an den Rändern existieren oder man kann versuchen ins Zentrum oder das, was man selber als Zentrum versteht, hinein- oder vorstoßen. Was aber nicht gleichzeitig bedeutet, dass man sich deswegen gegenüber der nicht-jüdischen Umwelt abgrenzt. Das ist damit nicht gesagt.
Achenbach: Bezogen auf die jüdische Identität bedeutet es, man bewegt sich erst einmal im Judentum in der eigenen Gruppe. Man hat nicht das Bedürfnis, andere in diese Gruppe aufzunehmen, wenn sie keine geborenen Juden sind.

Brocke: Das ist richtig. Also ein Wunsch, andere aufnehmen zu wollen oder gar zu missionieren, besteht im Judentum nicht. Es hat eine ganz kurze Phase in der Antike gegeben, aber die kann man eigentlich als irrelevant ausklammern. Wahrheitshalber muss man benennen, dass es diese Phase gab, aber sie ist nicht konstitutiv für theologisches Denken, und schon gar nicht für politisches Denken im Judentum.

Achenbach: Jüdisches Leben bleibt auf die eigene Gruppe begrenzt. Dennoch es gibt auch Konvertiten.

Brocke: Ja, man kann als Nicht-Jude zum Judentum übertreten. Natürlich kann man die Mutter nicht auswechseln, insofern kann man auf der Schiene den Übertritt nicht vollziehen. Was man natürlich kann, und das ist durchaus eine Möglichkeit, auf der religiösen Ebene zum Judentum übertreten. Es wird einem Konversionswilligen ausgesprochen schwer gemacht überzutreten, denn die Idee ist, wer sich in diese schwierige und einzigartige Existenzform wirklich hineinbegeben will, muss ganz sicher sein, dass er das auch tatsächlich möchte. Insofern wird der Weg für jemanden, der übertreten will, nicht leicht gemacht. Wenn der Konversionswillige wirklich dabei bleibt, und wiederkommt und noch mal, dann wird er angenommen in den Prozess des Lernens. Das heißt, der Kandidat muss sehr viel erst einmal Theoretisches lernen, über jüdische Geschichte, über jüdische Traditionen. Wenn er männlich ist, muss er eine Menge an Liturgie lernen, denn am Ende soll er ja Teil einer jüdischen Gemeinde werden, dann muss er ja mitmachen können. Und wenn der Konversionswillige weiblich ist, muss sie eine Menge im Hinblick auf koschere Küchenführung und koscheres Kochen lernen. Wenn der männliche Kandidat seine Prüfung bestanden hat, wird dann noch eine medizinische Beschneidung vorgenommen. Und wenn die Frau ihre Prüfung bestanden hat, kommt noch ein Tauchbad hinzu. Wenn das alles vollzogen ist, ist der betreffende Kandidat aufgenommen als volles Mitglied im Judentum und gehört dann auch zu der anderen Mitgliedschaft dazu.

Achenbach: Das heißt, der Kandidat kommt über die Dimension des Glaubens ins Judentum, über die religiöse Schiene, gehört aber dann, wenn er aufgenommen wird, auch zur Seins-Gemeinschaft.

Brocke: Genau so.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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