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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Die bekannteste Stimme des Großdeutschen Rundfunks16.04.2007

Die bekannteste Stimme des Großdeutschen Rundfunks

Biographie über Hans Fritzsche

Die Lebensgeschichte von Hans Fritzsche, Radio-Kommentator und zugleich im Propagandaministerium zuständig für den gleichgeschalteten NS-Rundfunk, fördert sowohl Interessantes über die Strukturen der NS-Propaganda wie auch über das Schicksal von hohen Nazis in der Nachkriegszeit zutage. Martin Hartwig hat die Fritzsche-Biographie gelesen und mit ihrem Autor Max Bonacker gesprochen.

Eine Familie hört 1933 gemeinsam Radio (AP Archiv)
Eine Familie hört 1933 gemeinsam Radio (AP Archiv)

"Ich weiß nicht, ob die Stimme aus dem Kampflärm Berlins noch in den Äther dringt. Aber ich weiß, dass der Geist, in dem dieser Kampf geführt wird, in dieser Welt nicht verschwinden wird."

Hans Fritzsche, Leiter der Abteilung Rundfunk im Propagandaministerium und Rundfunkkommentator am 28. April 1945 - wenige Tage vor Kriegsende. Bis zum bitteren Ende wurde aus einem Bunker in Berlin Programm gemacht. Den verbliebenen Hörern war der Klang von Fritzsches Stimme vertraut. Er war der prominenteste Sprecher des nationalsozialistischen Rundfunks und nach Hitler, Goebbels und Göring sicher die bekannteste Stimme des Dritten Reiches.

"Das habe ich ja auch in der Einleitung zu dem Buch ein bisschen referiert, dass man schon merkt, dass unsere Vorstellung von NS-Propaganda manchmal ein bisschen monokausal gestrickt ist, und dass Fritzsche eigentlich eine andere Wellenlänge bedient. Und da hab ich mich gefragt: wenn jemand von seiner Tonlage und von der Art wie er - sagen wir mal - politische Propaganda oder als Information getarnte Propaganda vermittelt, schon doch so ein bisschen anders ist, als das, was ich mir vorstelle. Hat so jemand überhaupt Gestaltungsspielräume gehabt, hat er vielleicht irgendeine Persönlichkeitsstruktur aufgewiesen, die ihn von anderen eher stiernackigen Propagandisten unterscheidet?"

Max Bonacker, Autor der ersten Biographie Hans Fritzsches, die in diesen Tagen unter dem Titel "Goebbels Mann beim Radio - Der NS-Propagandist Hans Fritzsche" im Oldenburg Verlag erscheint. Über 280 Seiten beschäftigt er sich darin mit dem Wirken eines Mannes, den heute kaum noch jemand kennt - obwohl er einer der Hauptangeklagten im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess gewesen ist, was er allerdings eher seiner Bekanntheit als seiner Bedeutung verdankte.

"Man musste diesen Bereich besetzen - zumal man der Propaganda ja einen sehr hohen Stellenwert in der Beeinflussung des deutschen Volkes eingeräumt hat. Da man nun niemand hatte von den wirklichen Leitern, musste man sich im Grunde auf das beschränken, was man griffbereit hatte, und das war Fritzsche. Fritzsche hatte einen entscheidenden Vorteil gegenüber anderen von der Entscheidungsbefugnis angemesseneren Angeklagten: Den kannten sehr viele."

Das Nürnberger Tribunal maß Fritzsche jedoch keine überragende Bedeutung im nationalsozialistischen Vernichtungsapparat bei und sprach ihn frei: Bei genauerer Betrachtung von Fritzsches Funktion stellt sich die Frage, ob er überhaupt "biographiewürdig" ist. Bonacker schreibt dazu:

Es hat durchaus seinen Reiz, die Entwicklung, Karriere und persönliche Verantwortung eines Mannes nachzuvollziehen, der wie so viele andere leitende Ministerialbeamte den Auftrag hatte, die andernorts getroffenen Entscheidungen im Tagesgeschäft umzusetzen. Eine Untersuchung über Hans Fritzsche ist daher ebenso eine Studie über die Vorstellungswelt, den Charakter und das Handeln eines NS-Propagandisten wie über Aspekte des Alltags in der nationalsozialistischen Herrschaft.

Der Autor hat gleich am Anfang seines Buches ein für einen Biographen beträchtliches Problem: Es gibt nur sehr wenige verbürgte Informationen über Fritzsches Kindheit und Jugend: 1900 als Beamtensohn in Bochum geboren, viele Umzüge, 1918 freiwillig zum Krieg gemeldet, aber nicht mehr eingesetzt, Studium, dabei Kontakt zu völkischen Kreisen. Der Autor füllt die Lücke mit einem Streifzug durch die Geschichte und die Ideologie der nationalistischen und antidemokratischen Organisationen, mit denen Fritzsche Kontakt hatte und zieht von dort aus Rückschlüsse auf dessen Denken. Die sind zwar sicher nicht falsch, dennoch wünscht man sich bisweilen eine engere Anbindung an die Person Fritzsche. Kontur gewinnt die Biographie mit dem Beginn von Fritzsches publizistischer Tätigkeit. "Ein Mann bei der Arbeit" wäre insofern ein besserer Buchtitel gewesen als der vom Verlag ausgewählte "Goebbels Mann beim Radio", was Fritzsche zudem gar nicht war - er war, wie der Autor ausführt, nämlich als eine Art Vermittler zwischen Reichspressechef Dietrich und Goebbels in sein Amt gesetzt worden.

"Was seine Qualität sicherlich war, ist, dass er doch mit den Limitationen, denen er unterworfen war, durchaus einen persönlichen Stil entwickelt hat, dass er das in eine relativ leicht wiedererkennbare schlüssige Form gebracht hat, dieses Rundfunkgespräch, was aber im Prinzip ein durchgehender Kommentar war, und dass das eben auch von ihm reibungslos über einen sehr langen Zeitraum und in einer unglaublichen Menge von Material bewältigt worden ist. Es müssten zwischen 900 und 1000 Kommentare allein während der Kriegsjahre gewesen sein."

1932 wechselte Fritzsche, der zuvor Leitartikler bei der "Telegraphen Union" einer vom Hugenbergkonzern kontrollierten Nachrichtenagentur gewesen war, zum Rundfunk. Im selben Jahr wurde die erste "Politische Zeitungsschau" ausgestrahlt - das Sendeformat, das ihn berühmt machen sollte. Ab 1939 kommentierte er in seiner "Politischen Zeitungs- und Rundfunkschau", drei mal wöchentlich die gegnerische Presse und den gegnerischen Rundfunk.

"Wir sind fanatische Vertreter der Überzeugung, dass in unseren Händen die geheimnisvolle Lösung liegt für die Probleme des nationalen und des internationalen Zusammenlebens, die in den letzten Jahrhunderten mit so viel Hass und so viel Blut, mit so viel Tapferkeit und so viel Leidenschaft nicht gelöst werden konnten."

In der materialreichen Darstellung des Alltagsgeschäfts der Presse- und Rundfunklenkung und der Arbeitsweise Fritzsches liegt die Stärke von Bonackers Biographie. Wir betrachten den Propagandaapparat quasi aus der Abteilungsleiterperspektive: die Probleme, eine immer schlechter werdende Kriegslage angemessen zu verkaufen, der ständige Konkurrenzkampf zwischen dem Reichspressechef und Propagandaminister und die Bemühungen, den unterschiedlichen Anforderungen von Wehrmacht, Partei und Auswärtigem Amt zu genügen. Die im Deutschen Rundfunkarchiv liegenden Mitschnitte der täglichen Rundfunkarbeitsbesprechungen, auf denen Fritzsche die Redakteure über die aktuellen politischen Vorgaben unterrichtet, geben davon einen Eindruck.

"Wir malen, um es auf einen primitiven Nenner zu bringen, die Dinge im Osten schwarz in schwarz. Wir malen sie ganz dunkel, im Ausland, und im Inland nehmen wir nur die hellen Lichter, die wir eben mit Rücksicht auf das deutsche Volk ganz entbehren können und die wir da immer genommen haben. "

Soweit es in seiner Hand lag, bevorzugte Fritzsche einen kooperativen Arbeits- und Personalführungsstil. Die von ihm in anderen Positionen erzielten Erfolge rechtfertigten seine Methode. Im Wesentlichen wurde dieses Binnenklima nur beeinträchtigt, wenn man von oben an Fritzsche Kritik herantrug. Er setzte sich durchaus an höherer Stelle für seine Mitarbeiter ein, solange dieses Engagement nicht problematisch wurde.

Fritzsches Qualitäten brachten ihm schließlich 1942 den Posten des Leiters der Rundfunkabteilung im Propagandaministerium und des Beauftragten für die politische Gestaltung des großdeutschen Rundfunks ein. Dies war die Schlüsselposition für die politische Steuerung des Rundfunks überhaupt. Fritzsches Aufgabe war es, die politischen Vorgaben in Programm umzusetzen. Damit war er nicht nur eine bekannte Stimme, sondern tatsächlich ein wichtiger Mann.

"Er hätte sicherlich einige Möglichkeiten gehabt, rechtzeitig, in ethischer Sicht rechtzeitig aus dem Spiel auszusteigen. Gerade diese Entscheidung, die ihn dann zum Beauftragten für die politisch-propagandistische Führung des Rundfunks gemacht hat Ende 42, das war wirklich so ein Zugreifen: Jetzt ist es mir eh egal. Hauptsache, ich muss jetzt nicht nochmal in einem Kriegseinsatz raus, oder ich muss mich in der Presseabteilung verschleißen, und vor allen Dingen - dann bin ich auch so richtig wieder noch eine Etage weiter oben. Also von daher war auf jeden Fall ein Karrierist."

Dass Fritzsche in ethischer Hinsicht sehr wenig Skrupel hatte, zeigt Bonackers umfassende und sehr instruktive Inhaltanalyse der Kommentare und Reden Fritzsches. Obwohl er im Ton sanfter war als viele seiner Kollegen im Rundfunk, gehörte das ständige Verhöhnen der englischen Führung auch zu Fritzsches Repertoire - er wollte dies als Ironie verstanden wissen. Auch Fritzsche zeichnete das Bild des entmenschten Sowjetsoldaten und seine antisemitischen Ausfälle können es durchaus mit denen von Goebbels aufnehmen

"Mandel weiß, dass eine Beendigung des Krieges ohne Sieg Frankreichs für ihn und seine Rassegenossen die Vernichtung bedeutet. Darum ist dieser Jude bereit, alles einzusetzen für die Rettung der jüdischen Plutokratie ohne Rücksicht auf das französische Volk."

Obwohl Fritzsche in Nürnberg freigesprochen wurde, musste er nach dem Krieg eine lange Haftstrafe verbüßen. Eine deutsche Spruchkammer verurteilte ihn zu neun Jahren Haft, aus der er 1950 wegen guter Führung entlassen wurde. Da ihm jede publizistische Tätigkeit untersagt war, arbeitete er als Werbefachmann für ein französisches Kosmetikunternehmen. Unter dem Namen seiner Frau veröffentlichte Fritzsche noch zwei Bücher - Rechtfertigungsschriften, denen allgemein wenig Glauben geschenkt wurde. 1952 kam er noch einmal ins Gerede, weil er Kontakte zum so genannten "Naumann Kreis" hatte - einem Zusammenschluss von Nationalsozialisten, die versuchten, in der FDP Einfluss zu gewinnen. Ein Jahr später starb Fritzsche in einem Düsseldorfer Krankenhaus an Krebs. Durch den frühen Tod blieb es ihm versagt, seine letzte Karriereoption einzulösen und als Zeitzeuge und Chronist der NS-Zeit wieder dort zu stehen, wo er seiner Meinung nach hingehörte: in der Öffentlichkeit.

"Als Zeitzeuge hätte er sicherlich, wäre er überall dabei gewesen, wir hätten ihn irgendwie nett gefunden. Er wäre im Grunde so ne Art netter Speer gewesen."

Bonackers Buch ist vor deshalb lesenswert, weil es einen Einblick in die Praxis der NS-Propaganda gibt. Ob man über Hans Fritzsche als Person allerdings mehr wissen muss, als in dem siebenseitigen Schlusswort der Biographie steht, bleibt die Frage.

Martin Hartwig über Max Bonacker: Goebbel's Mann beim Radio. Der NS-Propagandist Hans Fritzsche. Veröffentlicht im Oldenbourg Verlag München, 280 Seiten für 24 Euro und 80 Cent.

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