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Seit 20:10 Uhr Hörspiel
StartseiteBüchermarktDie Belagerung14.05.2002

Die Belagerung

Aus dem Englischen von Gerald Jung und Sky Nonhoff

Unverkennbar trägt der Brite James Lasdun den Londoner Nebel im Blut. Obwohl in seinen Erzählungen das Wetter eine untergeordnete Rolle spielt, ja sich einzelne Geschichten sogar im sonnigen Amerika zutragen, speist sich die Atmosphäre seiner modernen "Gothic Novels" aus dem nebulösen Gefühl, in Fragen der menschlichen Seele wenig sehen zu können und viel ahnen zu müssen. Sind die Schlachtfelder des sozialen Miteinanders nicht stets etwas verhangen, auch wenn Soziologie und Psychologie an ihrer exakten Vermessung arbeiten? Je nach Stand der Technologie darf dann das aktuelle Maschinenmodell als Leitmetapher herhalten - bei Freud die Dampfmaschine, heute der Computer.

Florian Felix Weyh

Nicht so bei James Lasdun. Seine Helden verhalten sich irrational, vollkommen unvorhersehbar und dennoch von den Verhältnissen beherrscht. Es ist, als würden sie die gängigen psychologischen Zuweisungen kennen und sich ihnen bewußt widersetzen. Der namenlose Atheist, der an einem Sonntagmorgen in den anglikanischen Gottesdienst gerät und sich dort in die Reihe der Abendmahlsempfänger einordnet, erlebt plötzlich eine spirituelle Offenbarung: "Ich, ein Ungläubiger, hatte die Energien eines Rituals angezapft, ohne mich im Gegenzug dem Akt des Glaubens unterworfen zu haben." Nach den psychologischen Regeln der Suggestion dürfte dies außer einem schlechten Gewissen keine weiteren Folgen hervorbringen. Doch der Held verspürt etwas, das er Ate und Menos nennt. Begriffe der alten Griechen für eine übernatürliche, von den Göttern hervorgerufene Kraft. In dieser Selbstüberschätzung wundert er sich nicht, auf der Straße für einen berühmten Theaterregisseur gehalten zu werden, ja er glaubt, sein Ate und Menos rufe diese Verwechslung aktiv hervor, um ihm - die Verwechselnde ist natürlich weiblich - in falscher Gestalt die Freuden eines unerwarteten sonntäglichen Geschlechtsverkehrs zuzuführen. Kaum ist dieser vollzogen, spürt er die dämonischen Kräfte auch schon wieder schwinden.

Eine bestechende Variante des Amphitryon-Themas, und eine wunderbare Art, die Realität den Realisten zu entwinden. Denn Lasdun ist ein außerordentlich genauer Erzähler, der das, was sein könnte, nur ein paar Millimeter neben dem ansiedelt, was tatsächlich ist. In all seinen Geschichten stolpern die Figuren in Situationen, deren Bewältigung einen Sinn fürs Dämonische erfordert - oder vielleicht das Dämonische in sein altes Recht setzen, mehr an der Steuerung der Welt beteiligt zu sein, als uns die Wissenschaft glauben macht. Seit Isaac Bashevis Singer hat kein Autor mehr so überzeugend vorgeführt, daß die Psychologie vielleicht nur eine vorübergehende Modeerscheinung darstellt, und wir bald wieder an unsere Hausgeister appellieren, sich doch ein bißchen mit ihren Scherzen zurückzuhalten. Und ist es nicht die Wahrheit, so ist es doch vorzüglich gelogen.

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