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StartseiteKultur heuteDie Berliner Philharmoniker im Dritten Reich26.08.2007

Die Berliner Philharmoniker im Dritten Reich

Dunkles Kapitel des berühmten Orchesters untersucht

Zur Eröffnung der kommenden Saison haben die Berliner Philharmoniker in ihrem 125. Jubiläumsjahr einen bemerkenswerten Schwerpunkt gesetzt: die in der Geschichtsschreibung wie Selbstdarstellung bisher vernachlässigte Rolle des Spitzen-Orchesters während der Nazizeit. Die Jahre zwischen 1933 und 1945 standen mit einer Ausstellung und mit der Präsentation eines Buches von Mischa Aster im Zentrum der Eröffnungsveranstaltung.

Von Dieter David Scholz

Wilhelm Furtwängler dirigiert die Berliner Philharmoniker auf dem Berliner Presse-Funkball, der am 9. Februar 1952 in der Festhalle am Funkturm stattfand. (AP Archiv)
Wilhelm Furtwängler dirigiert die Berliner Philharmoniker auf dem Berliner Presse-Funkball, der am 9. Februar 1952 in der Festhalle am Funkturm stattfand. (AP Archiv)

Mitglieder der Berliner Philharmoniker spielten Musik der in Nazideutschland als entartet geächteten Komponisten Pavel Haas, Walter Braunfels und Erwin Schulhoff. Das war der musikalische Rahmen einer langen Veranstaltung zur Eröffnung der Jubiläumssaison der Philharmoniker im Kammermusiksaal der Philharmonie. Der Andrang des Publikums hielt sich in Grenzen. Kein Wunder. Es ging um das unrühmlichste Kapitel in der Geschichte des Renommierorchesters, dessen Image bisher vor der Konfrontation mit seiner braunen Vergangenheit verschont wurde. Das Orchester selbst und auch die Stiftung Berliner Philharmoniker zeigen allerdings keinerlei Berührungsangst mit dem Thema. Die Intendantin Pamela Rosenberg bringt die Aufgeschlossenheit und Neugier gegenüber dem Tabu Nazizeit auf den Punkt:

"Ich glaube, in keiner Familie ist es gut, wenn es eine geschlossene Kammer gibt wo ein Geheimnis aufbewahrt bleibt."

Wirkliche Geheimnisse allerdings wurden dann aber doch nicht gelüftet, weder in dem Buch "Das Reichsorchester" des 29-jährigen Autors Misha Aster, noch in der soliden, aber eben auch nicht sensationellen Foto- und Text-Ausstellung im Foyer der Berliner Philharmonie. Der Soziologe Wolfgang Lepenies, der das Vorwort zu dem mit Spannung erwarteten Buch geschrieben hat, war auch der Festredner der gestrigen Veranstaltung. Er offenbarte der Öffentlichkeit das eher nüchtern-bescheidene Ergebnis der Auseinandersetzung mit den Berliner Philharmonikern während der Nazizeit folgendermaßen:

" Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus: Eine aufregende Geschichte. Nur in dem Sinne, dass das Verhalten des weltberühmte Orchesters sich vom Verhalten der meisten Deutschen nicht unterschied. Es gab keinen Widerstand gegen das Regime, aber auch keinen Enthusiasmus für die Partei und ihre Führung. Es gab keinen ausgeprägten Antisemitismus. Aber auch keinen Versuch, sich gegen den Rassenwahn aufzulehnen. Führerprinzip und Leistungsprinzip ließen sich nach der Machergreifung leicht in Einklang bringen."

Nichts Neues also in Sachen Philharmoniker, so scheint es. So sieht es auch Helge Grünewald von den Berliner Philharmonikern:

"Das Offenbarende ist ja nicht, dass man jetzt völlig neue Entdeckungen macht. Das offenkundigste ist für mich, dass es diese eigenartige Ambivalenz gibt, es gibt einen philharmonischen Normalbetrieb inmitten eines gesellschaftlichen Chaos. Und das spiegelt eigentlich auch wider, was in der Gesellschaft war. Viele sind ihrem Beruf nachgegangen, haben so getan, als ob nix wäre, aber in Wahrheit herrschte Diktatur, herrschte Terror, das ist schon erstaunlich. Und das wird natürlich noch deutlicher und spitzt sich zu, wenn man schaut, wo die Philharmoniker in okkupierten Gebieten waren. Da werden sie einerseits mit Freuden empfangen, aber auf der anderen Seite gab s natürlich auch Proteste. Es hat Proteste in Paris gegeben, in London, in Belgrad, wo dann gesagt wurde, ihr, die ihr da gerade Beethoven spielt oder die großen musikalischen Heroen, ihr repräsentiert einfach als ein Orchester dieses Landes auch dieses Terrorregime."

Am enttäuschendsten ist eigentlich Misha Asters Buch über das Reichsorchester, wie Hitler das Berliner Philharmonische Orchester nach seiner Verstaatlichung am 1. November 1933 nannte. Ein Buch, das sich auf weitgehend altbekannte Darstellungen stützt und nur wenige essenziell neuen Archivforschungen vorweisen kann, voller Fehler im übrigen und äußerst diplomatisch im Tonfall, um das renommierte Orchester nicht zu düpieren. Der 29-jährige Autor, Opernregisseur, Historiker und Tausendsassa, hat die Aufarbeitung der Nazigeschichte des Orchesters, so scheint es, eher lauf die leichte Schulter genommen:

"Natürlich ist die Begegnung zwischen die Kunst und die Politik irgend was Aufregendes. Und das Thema so nicht besonders die Berliner Philharmoniker, aber diese Beziehung zwischen Kunst und Politik, zwischen Künstler und ihrer gesellschaftliche Umgebung. Und das war immer für mich eine spannende Frage."

Nur leider gibt Misha Aster keine spannenden Antworten. Man erfährt: Es gab Kompromisse auf beiden Seiten, die Nazis wollen das renommierteste deutsche Orchester zu ihrem propagandistischen Aushängeschild machen. Das Orchester, bisher selbständig erhält dafür als Reichsorchester finanzielle Sicherheit. Die wenigen vier Juden unter den Orchestermitgliedern sind schon 1935 verschwunden. Das Repertoire bleibt weitgehend identisch. Und der deutsche Vorzeigedirigent Wilhelm Furtwängler, der wegen des Verbots der Hindemith-Oper "Mathis der Maler" 1934 all seine offiziellen Ämter inklusive des Ersten Dirigenten niederlegt, stand schon ein halbes Jahr später wieder am Pult des Orchesters. Hitler und Goebbels im Publikum. Man hatte sich arrangiert, auf beiden Seiten. Daran wird sich bis 1945 nichts ändern. Misha Aster:

"Der Zweck war, die Berliner Philharmoniker nicht als Nazi-Orchester darzustellen, sondern als das beste Orchester als Vertreter Deutschlands zu behalten."

Die Nazis hatten, was sie wollten, ein kulturpolitisches Propaganda-Flaggschiff, doch die Berliner Philharmoniker hatten sich verrechnet, wie Wolf Lepenies ausführt:

"Die Idee des Orchesters, was es verwirklichen wollte, war, wie bei seinem Dirigenten , der Versuch zur Rettung eines bereits Verlorenen. Der Irrtum des Dirigenten wie seiner Musiker bestand im Glauben, die Freiheit ließe sich teilen und in der Kunst bewahren, während sie sich doch in der Gesellschaft und in der Politik längst verloren und aufgegeben worden war."

Die Geschichte des Berliner Philharmonischen Orchesters während der Nazizeit lässt sich mit einem Wort beschreiben, das viele Institutionen, Künstler und gewöhnliche Staatsbürger jener Zeit kennzeichnete: Opportunismus.

"Es kam wohl zu Kompromissen, moralische Kompromisse auf jeden Fall. Opportunistisch ? Es gab vielleicht bessere Gründe, mitzumachen, als Widerstand zu leisten."

Misha Asters Aufarbeitung der Nazizeit der Berliner Philharmoniker ist unspektakulär und tut niemandem weh, am wenigsten den Berliner Philharmonikern. Aber sie macht immerhin deutlich, dass die heute so genannte "Leuchtturmfunktion" des Orchesters - einmal abgesehen von seiner überragenden musikalischen Qualität - als staatlich verankerte Vorzeigeinstitution ein Erbe der Nazizeit ist:

"Natürlich, wenn man jetzt bei diesem Anlass über 125 Jahre Berliner Philharmoniker schaut, kann man vielleicht jetzt feststellen, dass eigentlich der größte Bruch, organisatorisch, in der Gestaltung der Institution, 1933 kam, nicht 1945. Die Umwandlung des Orchesters von einer unabhängiger GmbH ins staatliche Betrieb, ins Reichsbetrieb, von 1933/34 hatte eigentlich die Gestalt festgelegt, die zumindest bis zur Gründung der Stiftung vor einigen Jahren das Modell für die Organisation, die Struktur und die Verwaltung des Orchesters gestaltet hat."

Immerhin ein handfestes Ergebnis seiner Nachforschungen. Man hätte sich von Mischa Aster ein paar Ergebnisse mehr gewünscht, auch etwas mehr Mut und Sorgfalt in der Aufarbeitung der Nazigeschichte des Berliner Philharmonischen Orchesters.

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