Interview / Archiv /

 

Die "Bild"-Zeitung als gemeingefährlicher Triebtäter

Der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff über Macht und Schuld des deutschen Boulevardblatts

Günter Wallraff im Gespräch mit Jasper Barenberg

Die "Bild"-Berichterstattung über Griechenland hätte dort geradezu eine Deutschlandfeindlichkeit verursacht, kritisiert der Journalist Günter Wallraff
Die "Bild"-Berichterstattung über Griechenland hätte dort geradezu eine Deutschlandfeindlichkeit verursacht, kritisiert der Journalist Günter Wallraff (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)

Zum <papaya:addon addon="d53447f5fcd08d70e2f9158d31e5db71" article="209134" text="60. Jubiläum" alternative_text="60. Jubiläum" /> landet heute eine kostenlose Ausgabe der "Bild"-Zeitung in jedem Briefkasten. Stattdessen wäre eine Spende für eine gute Sache besser gewesen, meint dazu Günter Wallraff, der 1977 unter falschem Namen bei der "Bild"-Zeitung gearbeitet und anschließend schwere Vorwürfe gegen das Boulevardblatt erhoben hatte.

Jasper Barenberg: Es wirkt ein wenig wie ein schwacher Abglanz alter Schlachten, wie ein lieb gewonnenes Kampfritual von einst erbitterten Gegnern: Zum 60. Jubiläum lässt der Springerverlag heute eine kostenlose Ausgabe der "Bild"-Zeitung an jeden Haushalt verteilen – insgesamt 41 Millionen Exemplare. Auf der anderen Seite hat sich im Netz eine Gemeinde formiert und die Zustellung schriftlich abgelehnt. Über 200.000 sollen das bereits gemacht haben – der Konter des Verlages im Vorfeld: Sie erhalten heute einen adressierten roten Umschlag mit bisher unbekanntem Inhalt.

Am Telefon ist jetzt Günter Wallraff, der einst, 1977 war es, unter dem falschen Namen Hans Esser bei der "Bild"-Zeitung in Hannover angeheuert hat und danach schwere Vorwürfe erhoben hat in dem Buch "Der Aufmacher – der Mann, der bei 'Bild' Hans Esser war". Einen schönen guten Morgen, Herr Wallraff!

Günter Wallraff: Ja, guten Morgen!

Barenberg: Haben Sie denn heute Morgen ein Exemplar der "Bild"-Zeitung im Briefkasten gefunden oder einen roten Umschlag?

Wallraff: Die Post kommt immer später und reagieren will ich, von daher war ich nicht bei der ansonsten zu begrüßenden Aktion. Ich möchte mir selber da meine Meinung bilden.

Barenberg: Und was erwarten Sie sich von der Jubiläumsausgabe der "Bild"-Zeitung heute?

Wallraff: Oh, weitere Umweltverschmutzung, als wenn nicht schon genug Papier herumfliegt, unverlangte Postsendungen, Reklame – nein, ich finde, neben der publizistischen Umweltverschmutzung jetzt auch noch eine direkte, da hätten sie sich was anderes einfallen lassen sollen. Eine Spende für eine gute Sache, das hätte ihnen besser angestanden, da ist doch zu viel, was sie aufzuarbeiten haben, was sie angerichtet haben.

Ich bin im Besitz von Abschiedsbriefen von Menschen, die sich umgebracht haben nach verleumderischer Berichterstattung, also im wortwörtlichen Sinne Rufmordopfer sind. Das liegt zwar schon lange zurück, aber sie werden auch immer wieder rückfällig. Ich sehe sie – ja, ich sehe sie so ein bisschen in der Rolle eines gemeingefährlichen Triebtäters, wo das Potenzial immer noch vorhanden ist, auch wenn er lange Zeit unauffällig bleibt, aber er kann jederzeit wieder zuschlagen. Die Macht ist da, die Möglichkeit, und es passiert ja auch immer wieder.

Barenberg: Es war ja die einst auflagenstärkste Tageszeitung in Europa, jetzt schwächelt das Blatt, die Auflage sinkt schon seit Jahren – 5,6 Millionen Exemplare waren es noch 1985, jetzt gerade einmal 2,7 Millionen. Sie haben vom Triebtäter "Bild"-Zeitung gerade gesprochen. Für Sie also die sinkende Auflage ein Grund zur uneingeschränkten Freude?

Wallraff: Ach, schon, ich dachte immer, das Blatt erübrigt sich mal von selbst, wenn es mehr aufgeklärte Menschen gibt und man diese Form der Unterhaltung zum Teil, aber auch der Sensationsgier und der – ja, wie nenne ich das? Ist ja eine Mischung, es erfüllt ja nicht den Tatbestand einer Zeitung. Der Bundesgerichtshof hat auch mal in meinem Fall, als sie gegen mich prozessierten, wo ich den Prozess gewonnen habe, hat erklärt, dass es sich bei "Bild" um eine Fehlentwicklung im deutschen Journalismus handle. Da ist schon was dran, auch wenn sie sich bemüht haben, in letzter Zeit – vielleicht auch wegen des Jubiläums, wo sie so unter Beobachtung stehen –, sich etwas zu ändern.

Allerdings, die reine Ausländerfeindlichkeit, die Hetze, die zum Teil betrieben würde in den 90er-Jahren, wo Schlag auf Schlagzeile Asylbewerber verteufelt wurden und als Bedrohung angesehen wurden und dann auch die Morde in Mölln und Solingen sozusagen, ja, wo sie auch mit Brandstifter waren vorher, das hat nachgelassen, da haben sie zum Teil sogar positive Berichte drin – die Zeit ändert sich ja auch, auch unsere Politiker spielen ja nicht mehr mit der Karte, zum Glück.

Aber was die Berichterstattung über Griechenland angeht, da sind sie rückfällig geworden, da haben sie die Griechen an und für sich, jeden einzelnen Griechen – das waren die Pleitegriechen, das war sozusagen der Begriff –, und sie haben alle Griechen als faul, arbeitsscheu, uns auf der Tasche liegend bezeichnet. Das hat gerade in Griechenland das Deutschland-Bild nicht nur verzerrt, sondern geradezu eine Deutschfeindlichkeit verursacht. Da hat die "Bild"-Zeitung ihren Anteil.

Barenberg: Die "Bild"-Zeitung hat sich geändert, haben Sie gerade selber eingeräumt. Das hört man ja auch hier und dort in dem, was man dieser Tage so zur "Bild"-Zeitung lesen kann. Ein beredtes Beispiel dafür ist ja wohl der Henri-Nannen-Preis für zwei "Bild"-Journalisten, die hartnäckig, besonders hartnäckig am Fall Christian Wulff recherchiert haben damals. Sind da – muss man schlicht sagen – zwei Könner ihres Handwerks ausgezeichnet worden?

Wallraff: Ich habe großen Respekt vor Leyendecker und Klaus Ott und, glaube ich, noch einen dritten Kollegen. Das hat innerhalb dieser ganzen Festgesellschaft, die sich da versammelt hatte, hat das auch Unmut hervorgerufen. Das zeigt eigentlich, wie angepasst schon sehr viele sind und wie "Bild" eigentlich schon den Journalismus auch mitversorgt hat, wie viele das als Leitmedium sehen, und morgen schon in Redaktionen wird geblättert, was geben die uns vor, müssen wir dem nachrechnen. Also das, finde ich, wirft ein Bild auch auf den gesamten Journalismus. Der Henri-Nannen-Preis hat dadurch Schaden genommen. Vielleicht könnte man den gar nicht mehr annehmen.

Barenberg: Ist es auf der anderen Seite vielleicht so, dass das ein Beispiel dafür ist, dass der allgemeine Trend bei den Medien eben ein wenig in diese Richtung geht und deswegen auch die große Feindschaft zur "Bild"-Zeitung ein wenig nachgelassen hat?

Wallraff: Das mag eine Rolle spielen. Ja, die Boulevardisierung, Personalisierung bis zur Hysterisierung, und wenn "Bild" dann das Feindbild einmal schafft, dann hechelt alles hinterher, dann möchte jeder als Erster den Fangschuss geben. Und wenn dann noch der "Spiegel" mit einsteigt, dann kann es eine gnadenlose Jagd werden. Also das sehe ich schon auch, aber "Bild" erübrigt sich vielleicht aus anderem Grund: Diese Sensationsbedürfnisse und diese, ja, niederen Instinkte, die da bedient werden, das geschieht zum Teil auch heute doch kostenlos übers Internet, und auch die Gerüchteküche, die Wahnwelten, die da aufgebaut werden, oder auch durch bestimmte Boulevardsendungen im Fernsehen.

Barenberg: Der Journalist Günter Wallraff heute Morgen im Deutschlandfunk, 60 Jahre Bildzeitung – vielen Dank für das Gespräch!

Wallraff: Gerne!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

UKIP-Wahlerfolg"Camerons Haltung gegenüber UKIP war falsch"

Mark Reckless (Mitte) and seine Frau Catriona Brown (links) in Medway Park, Gillingham bei Rochester, Kent. UKIP gewann einen zweiten Sitz im britischen Unterhaus bei einer Nachwahl in Südengland.

Mit dem zweiten Sitz von UKIP im britischen Unterhaus sei der Wählerprotest im Parteiensystem etabliert, sagte Anthony Glees, Politikwissenschaftler an der Universität Buckingham, im Deutschlandfunk. Der Auflösungsprozess der etablierten Parteien Tory und Labour habe begonnen.

Treffen der Grünen"Stärker an der Mitte orientieren"

Boris Palmer, Oberbürgermeister Tübingen (Bündnis 90/Die Grünen), aufgenommen am 26.09.2013 während der ZDF-Talksendung "Maybrit Illner" zum Thema: "Zum Regieren verdammt - in der Not hilft nur Schwarz-Rot?" im ZDF-Hauptstadtstudio im Berliner Zollernhof Unter den Linden.

Der Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, fordert eine Neuausrichtung seiner Partei. Die Grünen müssten sich stärker Richtung Mitte der Gesellschaft orientieren und einen pragmatischen Kurs verfolgen, sagte Palmer im Deutschlandfunk. Mit dieser Ausrichtung hätten die Grünen in Umfragen lange Zeit zwischen 15 und 20 Prozent gelegen.

Legalisierung der Krim-Annexion"Die EU würde jede Glaubwürdigkeit verlieren"

Jean Asselborn ist im EU-Außenministerrat mit dem Konflikt zwischen der EU und Russland befasst.

Mit der Annexion der Krim durch Russland sei Unrecht entstanden, das nicht zu Recht erhoben werden könne, sagte der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn im Deutschlandfunk. Die EU dürfe das nicht anerkennen, sie "würde jede Glaubwürdigkeit im internationalen Recht verlieren".

 

Interview der Woche

Klimaschutz-Aktionsprogramm"Eine Ohrfeige für die Klimapolitik"

Simone Peter, Bundesvorsitzende der Partei Bündnis 90/Die Grünen

Die Ko-Vorsitzende der Grünen, Simone Peter, hat das Klimaschutz-Programm von Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) kritisiert. Es fehle an Regelungen zu klimafreundlicher Energieversorgung, sagte sie im Interview der Woche des Deutschlandfunks. Sie erwarte ein klares Bekenntnis zum Kohleausstieg.

Bundesministerien in BonnWowereit fordert Umzug nach Berlin

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) vor dem Brandenburger Tor.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit fordert, alle noch in Bonn ansässigen Bundesbehörden in die Hauptstadt zu holen. Im Interview der Woche des Deutschlandfunks sagte er, die Arbeitsfähigkeit der Bundesregierung und des Bundestags leide unter der räumlichen Trennung.

Lothar de Maizière"Die Mauer ist wegdemonstriert worden"

Lothar de Maiziere, erster demokratisch gewählter und zugleich letzter Ministerpräsident der DDR, aufgenommen am 15.09.2014 während der Aufzeichnung der RBB-Talksendung "Thadeusz" in Berlin.

Das Ende der DDR vor 25 Jahren sei zuerst ein "Akt der Selbstbefreiung" und danach "ein Akt der Selbstdemokratisierung" gewesen, sagte Lothar de Maizière (CDU), der letzte Ministerpräsident der DDR, im Deutschlandfunk. Das hätten sich die Menschen selbst erarbeitet. "Die Mauer ist nicht gefallen, die ist wegdemonstriert worden."