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StartseiteMarkt und MedienDie Bild-Zeitung als Kulturproblem23.09.2006

Die Bild-Zeitung als Kulturproblem

Im "Gossenreport" rechnet Gerhard Henschel mit dem Massenblatt ab

Obszönität, Skrupellosigkeit und Niedertracht sind für Gerhard Henschel die wichtigsten Erkennungsmerkmale der größten Medienmacht in Deutschland. In "Gossenreport. Betriebsgeheimnisse der Bild-Zeitung" wirft er dem Blatt vor, den Verfall der journalistischen Sitten ungehindert voranzutreiben.

Von Agnes Steinbauer

Die "Bild" zur Papst-Wahl (AP)
Die "Bild" zur Papst-Wahl (AP)

"Das sind heute Obszönität, Skrupellosigkeit und Niedertracht..."

Für Gerhard Henschel die wichtigsten Erkennungsmerkmale der größten Medienmacht in der Bundesrepublik. Die "Bild"-Zeitung habe sich einen "Gossenreport" deshalb redlich verdient, findet der Autor. Schließlich wird’s "von Tag zu Tag schmutziger". Deshalb, so Henschel, müsse die Bild-Zeitung als ernstzunehmendes "Kulturproblem" betrachtet werden:

"Ich erinnere mich an diese Schlagzeile im so genannten Türck-Prozess – Daneben stand in riesengroßen Lettern: Kniete sie vor ihm nieder und befriedigte ihn? – Es handelte sich um einen Vergewaltigungsprozess und meiner Meinung nach wird hier die Menschenwürde mit Füßen getreten..."

"Die ungebrochene Schirmherrschaft der Bild-Zeitung über die Gehirne und die Unterhosen der Deutschen" sei "ein europäischer Sittenskandal" nie gekannten Ausmaßes beschwert sich Henschel im "Gossenreport":

"Es ist ja nicht nur einfach ekelerregend, wenn darüber berichtet wird, dass Paris Hilton ins Taxi gepinkel habe, oder dass sich die Freundin eines britischen Thronfolgers am Hintern gekratzt habe. Das ist einfach geschmacklos, aber es geht um mehr: Es geht darum, dass ein Kretinismus in die Öffentlichkeit Einzug gehalten hat und auch auf andere Medien übergreift..."

Die Bild-Führungsmannschaft treibe so den Verfall der journalistischen Sitten munter und vor allem ungehindert voran, klagt "Gossenreporter" Henschel. Dass "zwölf Millionen Schwachköpfe wissen möchten, wer nun wem am drallen Allerwertesten gefummelt habe" und dass es, so der Autor, ein "ehrloses Klatschblatt" gebe, das "die Ehekrise primitiver Schlagerfuzzis bekochlöffelt", damit könnte Henschel ja leben. Der eigentliche Skandal ist für ihn jedoch, dass die Spitzen der Gesellschaft so bereitwillig mit Bild paktieren:

"Helmut Schmidt hat einmal gesagt, es sei politischer Selbstmord, sich mit der ‚Bild’-Zeitung anzulegen und danach richten sich bis heute nahezu alle deutschen Politiker..."

Auch hohe Vertreter beider Kirchen trügen merkwürdigerweise die "scheinheilige Doppelmoral" aus Sex and Crime und konservativen Werten mit. So durfte der "Bettlakenvampir" und Chefredakteur Kai Diekmann dem Papst sogar die "Bild-Volksbibel" überreichen, empört sich Henschel -oder:

"Wenn beispielsweise der evangelische Bischof Wolfgang Huber lustig der ‚Bild’-Zeitung ein Interview nach dem anderen gewährt, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, was in der Rubrik Telefonservice drinsteht, wo Kai Diekmann und der Rest der ‚Bild’-Zeitung ständig so genannte telefonische ‚Bumskontakte’ vermitteln – ich erkenne hier doch einen gewissen Widerspruch..."

Um an der Macht der "Bild"-Zeitung teilzuhaben, breiteten Volksvertreter sogar ihr Intimleben in dem 50-Cent-Blatt aus, beklagt Henschel:

"Mir wären verkrampfte Politiker, die mir nichts über ihre Orgasmusschwierigkeiten erzählen, lieber, als das, was ich heute zu hören bekomme..."

Fazit: Der "Gossenreport" deckt keine neuen "Betriebsgeheimnisse der ‚Bild’-Zeitung" auf – wie im Titel angekündigt. Er ist jedoch eine grandios geschriebene Polemik auf den Geisteszustand einer Nation, die sich zunehmend auf "Bild"-Zeitungsniveau begibt. Inspiriert von den Schlagzeilen, über die er jeden Tag auf der Straße stolperte, beschloss Henschel, das "Martyrium" der täglichen Bild-Lektüre auf sich zu nehmen. Was dabei herauskam, konnte nur ein "Gossenreport" werden, der – selbstverständlich ohne den leisesten Versöhnungsversuch, dem Bild-Imperium die Stirn bietet:

"Nein, das läge gar nicht in meinem Interesse. Mein Buch wirbt ja dafür, die diplomatischen Kontakte zur ‚Bild’-Zeitung einzufrieren und diese Menschen zu ächten."

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