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StartseiteBüchermarktDie bizarren Auswüchse der Geldwelt17.06.2013

Die bizarren Auswüchse der Geldwelt

John Lancester: "Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückzahlt"

In seinem neuen Werk wirft der Autor John Lancester einen erfrischend unkonventionellen Blick auf eine außer Kontrolle geratene Geldwelt und den Wahnsinn ihrer Protagonisten. Die Lektüre macht deutlich, dass die Analyse von Finanzkrisen nicht allein Wirtschaftsexperten überlassen bleiben sollte.

Von Holger Heimann

Autor John Lanchester führt die verwirrenden Tüfteleien der Mathematiker in den Finanzetagen mit leichter Hand zurück auf ihre verständlichen Ursprünge.  (AP)
Autor John Lanchester führt die verwirrenden Tüfteleien der Mathematiker in den Finanzetagen mit leichter Hand zurück auf ihre verständlichen Ursprünge. (AP)

Sollte in einem einzigen Buch festgehalten werden, was unsere heutige Welt ausmacht, wovon wir bestimmt und getrieben werden, dann wäre es sicher nicht die schlechteste Idee, vom Geld und der Gier der Menschen danach zu erzählen. Genau das hat der englische Autor John Lanchester in seinem furiosen Roman "Kapital" getan, der im vergangenen Herbst auf Deutsch erschienen ist. Nicht von ungefähr wurde Lanchester denn auch Balzac der Gegenwart genannt. Jahrelang hat der Londoner dafür recherchiert. Auf der Basis eines riesigen Fundus an Informationen errichtete er sein Romangebäude. Parallel zu seiner großen Erzählung über das London unserer Tage entstand die gerade herausgekommene und auf ganz andere Art ebenso unterhaltsame Studie "Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückzahlt", in die seine Nachforschungen zur Finanzkrise unmittelbar eingeflossen sind. Der Autor, lässig gekleidet, mit offenem Hemd und schwarzen Sneakers, erinnert sich:

"Die Fähigkeit, direkt zum Leser zu sprechen, war eine Art von Befreiung. Mein Kopf war voll von Dingen, die ich nicht im Roman unterbringen konnte. Ich glaube, die Finanzwelt zumindest bis zu einem gewissen Grad verstanden zu haben, und ich wollte sie dem Leser erklären – und auch mir selbst. Man kann das im Roman nicht, Erklärungen zerstören ihn. Dieses andere Schreiben war auf eine bestimmte Art schwierig und intensiv, aber es hat auch Energien freigesetzt. Ich fühle mich nicht sicherer, nicht geschützter vor der Realität. Aber ich glaube, einen besseren und interessanteren Blick auf sie zu haben."

An dieser Sicht lässt er den Leser teilhaben. Gerade weil Lanchester kein Ökonom ist, sondern selbst immer wieder staunt über die bizarren Auswüchse der Geldwelt, ist das Buch so lesbar und unterhaltsam wie interessant und im besten Sinne erhellend. Seine Lust am Erzählen, das Gespür des Romanciers für einprägsame Bilder und provokante Vergleiche heben die Arbeit heraus aus der nicht kleinen Zahl von Titeln, die sich mit der Finanzkrise beschäftigen. Lanchesters Ausgangspunkt ist klassisch aufklärerisch: Es genüge nicht, sich von der Kaste der Banker demonstrativ abzuwenden oder deren Handeln impulsiv zu verdammen. Notwendig sei es stattdessen, selbst vertrauter zu werden mit der Welt der Finanzen, denn nur so bestehe die Chance, zumindest ein Mindestmaß an Kontrolle zurückzugewinnen.

Dabei hilft Lanchester eine Erkenntnis, der er selbst die Unmittelbarkeit einer Erleuchtung zuschreibt: Moderne Finanzinstrumente, wie Derivate und deren berüchtigt gewordene Spielform, die Credit Default Swaps, zu Deutsch Kreditausfallversicherungen, sind derart komplexe Kreationen menschlicher Fantasie, dass sie im Detail kaum zu durchschauen sind. Die ihnen zugrunde liegenden Ideen jedoch erweisen sich als so alt wie einfach. Lanchester führt die verwirrenden Tüfteleien der Mathematiker in den Finanzetagen mit leichter Hand zurück auf ihre verständlichen Ursprünge. Er beschreibt den Irrsinn eines Systems, das zu immer aberwitzigeren Spekulationen einlädt. Und er plädiert schließlich für rigidere Sicherheitschecks, um Risiken zu minimieren.

"Es gibt einen Wirtschaftswissenschaftler aus Cambridge, der den glänzenden Vorschlag gemacht hat, die Regeln des Wirtschaftslebens so zu verändern, dass sie jenen aus dem Gesundheitswesen gleichen. Ein jeder kann Medikamente erfinden, aber es ist verboten, sie zu verkaufen, solange nicht erwiesen ist, dass sie sicher sind. Das ist eine sehr radikale, aber zugleich einfache Vorschrift, die auch für die Finanzen gelten könnte. Nichts darf legal auf den Markt kommen, solange nicht strenge Tests durchgeführt wurden, die vor allem zeigen sollten, was geschieht, wenn Dinge schief laufen. Die Regeln, die wir dafür finden müssten, wären nicht übermäßig kompliziert."

Aber ist eine Implementierung solcher oder ähnlicher Vorschriften tatsächlich praktikabel? Stolpern wir nicht viel eher von einer Krise in die nächste – weil letzten Endes doch unbelehrbar beziehungsweise immerfort angetrieben von der Aussicht auf Profit? Lanchester mag zwar die Hoffnung nicht begraben, bleibt aber Skeptiker:

"Ich glaube, es stehen uns strukturelle Veränderungen im globalen Finanzsystem bevor. Wir können dahin jedoch nicht ruhig und vernünftig gelangen. Es wird Krisen geben. Ich hoffe, deren Konsequenzen sind nicht allzu schrecklich für die meisten von uns. Aber es ist eine schwere Reise."

Ihr finales Ziel findet Lanchesters Studie im Nachdenken über die immer radikalere Ökonomisierung unseres gesamten Lebens. Seine Analyse der Finanzkrise berührt sich hier mit dem Kern seines Romans. Der enthemmte Siegeszug der Ideologie des schrankenlosen freien Marktes nach dem Scheitern des kommunistischen Systems verdankt sich demzufolge nicht allein rücksichtslosen Gelddesperados, sondern einem grundlegenden Kulturwandel: "Die Idee des Wertes wurde durch die Idee des Preises ersetzt", schreibt Lanchester am Ende seines Buches. In einer Welt immer knapper werdender Ressourcen gehe es darum, ein einziges Wort zu lernen: "Genug!" Doch glaubt er selbst daran?

"Ich ändere meine Ansichten diesbezüglich immer wieder. Die letzte Alternativkultur, die gegen den Wachstumsglauben und gegen das System agierte, war die Hippie-Bewegung. Ich glaube, etwas Ähnliches werden wir wieder erleben. Eine Art kollektive Revolte gegen die Richtung, in die sich die Gesellschaft entwickelt. Ich bin kein Fan der Hippies. Da gibt es manches zu kritisieren, aber es bleibt festzuhalten, dass zu jener Zeit Grundannahmen der Konsumgesellschaft zurückgewiesen worden sind. Das ist 50 Jahre her. Es ist bemerkenswert, dass wir etwas Vergleichbares seither nicht mehr erlebt haben. Ich glaube, das Gefühl, es ist genug, wird sich auf ähnliche Weise Ausdruck suchen. Ich vermute, ich stelle eher Fragen, als Antworten zu geben."

John Lanchester: "Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückzahlt. Die bizarre Geschichte der Finanzen."
Aus dem Englischen von Dorothee Merkel.
Klett Cotta Verlag 2013, 304 Seiten, 19,95 Euro

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