• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 05:30 Uhr Nachrichten
StartseiteForschung aktuellDie Bohrung versalzen01.10.2012

Die Bohrung versalzen

Das vorzeitige Ende eines Geothermie-Projekts in Hannover

Energie.- Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe wollte ihr Verwaltungsgebäude in Hannover geothermisch beheizen - also mit Erdwärme. Dieses Projekt endete nun im Fiasko. Im Bohrloch bildete sich ein Salzpfropf, der die Zirkulation des Warmwasserkreislaufs verhinderte. 20 Millionen Euro an Steuergeldern sind für die Katz.

Von Michael Engel

Die Bohrstelle in Hannover (aufgenommen im Dezember 2009). (picture alliance / dpa)
Die Bohrstelle in Hannover (aufgenommen im Dezember 2009). (picture alliance / dpa)
Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Das verstopfte Bohrloch
Blick in den Untergrund

Vor drei Jahren ging die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in die Tiefe. Direkt vor der Haustür in Hannover bohrten die Geologen rund vier Kilometer in die Erde. Rund 170 Grad Celsius herrschen dort unten – heißer als vermutet. Mit der Wärme wollte man Wasser erhitzen und das 14-stöckige Verwaltungsgebäude nebenan beheizen. Doch der Plan ging gehörig daneben. Denn tief unten lagen Unmengen an Salz, genauer gesagt Steinsalz, das durch das nach unten gepumpte Wasser ausgewaschen wurde, erklärt Projektleiter Dr. Johannes Peter Gerling.

"Und dann war dieses Wasser massiv aufgesalzen mit mehr als 300 Gramm pro Liter. Also es war etwas, was wir nicht erwartet hatten in der Konzentration. Natürlich wissen wir, dass dort unten hochsaline Formationswässer sind. Aber in der Konzentration haben wir es nicht gesehen. Und aufgrund von – sagen wir mal – Rahmenbedingungen konnten wir nur mit bestimmten Fördermengen pro Zeiteinheit fahren. Und dann war nach etwa drei Tagen unser Förderstrang durch Salzkristallisation zugesetzt und dann war das Bohrloch nicht mehr operabel."

Soll heißen, in der Bohrung hatte sich ein Salzpfropfen gebildet. Anfangs hoffte man noch, das Projekt retten zu können. Ein Gutachten kam zu dem Ergebnis, dass die Versalzung mit einem zweiten Rohr umgangen werden könnte. 20 Millionen Euro waren zu diesem Zeitpunkt schon investiert. Noch mehr Geld in die Hand zu nehmen, bei deutlich geringerer Wärmeausbeute, das wollte in Hannover dann doch niemand mehr verantworten. Vergangene Woche wurde das ehrgeizige Erdwärmeprojekt "GeneSys" für gescheitert erklärt - vorerst.

"Wir werden das Bohrloch jetzt eine Zeit lang "einschließen" – sagen wir dazu – das heißt, das Bohrloch wird konserviert. Es wird sicherheitstechnisch natürlich jetzt vorgehalten, dass wir ein paar Jahre Zeit gewinnen, um über Technologiefortschritte aber auch durch Veränderungen der Energiepreise die Rahmenbedingungen für Geothermie günstiger zu machen."

Immerhin – so die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe – habe das Projekt der Wissenschaft weitergeholfen. Das Projekt liefert wichtige Erkenntnisse und Erfahrungen für zukünftige Vorhaben:

"Die zuerst zu nennende wichtige Erkenntnis ist, dass wir hier auf einer thermischen Anomalie sitzen. Wir sind jetzt im Raum Hannover. Hier haben wir es verifiziert. Aber nach unserer Vorstellung zieht sich dieses Gebiet bis nach Celle sicherlich hin. Wir sitzen hier auf einer thermischen Anomalie. Anstatt vielleicht 140 oder 130 Grad in 4000 Meter Tiefe haben wir hier 170 Grad. Und das ist erstmal eine positive Erfahrung. Und diese geothermische Energie, die erhöhte geothermische Energie, steht natürlich für die Geothermie zur Verfügung."

Während anderswo, insbesondere in Bayern, aber auch im Rheingraben, viele geothermische Projekte erfolgreich gelaufen sind, sogar Gewinne abwerfen, muss die 1000 Mitarbeiter starke Bundesanstalt für Geowissenschaft und Rohstoffe nun ausgerechnet vor der eigenen Haustür einen 20-Millionen-Euro kostenden Dämpfer einstecken. Für den BGR-Präsidenten, Prof. Hans-Joachim Kümpel, hat das eine gewisse Tragik:

"Ja, das sehen wir auch so, wobei wir ein endgültiges Scheitern noch nicht prognostizieren. Wir haben durchaus noch Hoffnungen, dass mit Technologieentwicklung hier noch einiges zu retten ist. Es ist aber tatsächlich so, dass die tiefe Geothermie in einigen Gebieten sehr großen Erfolge zeitigt. Und dass in anderen Regionen die Kirschen wohl etwas höher hängen. Und dieses bedeutet, dass wir das natürlich auch erfahren und lernen, und das können wir auf jeden Fall sagen, dass wir in diesem Projekt viel Erfahrung gesammelt haben, was auch für andere nützlich sein wird."

Das Bergrecht verlangt, dass das Bohrloch vom Salz freigeräumt werden muss. Dann wird die Bohrung verschlossen, um in Abhängigkeit von der Energieentwicklung und des technischen Fortschritts über die weiteren Nutzungsmöglichkeiten entscheiden zu können. Solange die Preise für fossile Energieträger nicht exorbitante Höhen erreichen, soll das Loch verschlossen bleiben.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk