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Die Buchstabenmönchin

Ulf Erdmann Ziegler: "Nichts Weißes". Suhrkamp Verlag

In seinem dritten Roman erzählt Ulf Erdmann Ziegler die Geschichte von Marleen, die sich schon als Kind in die Welt der Buchstaben verliebt und alles daran setzt, die ideale Schrift zu erfinden. Er begleitet seine Heldin durch die 70er- und 80er-Jahre, als die Gutenberg-Ära allmählich zu Ende ging.

Von Melissa Beyel

"Nichts Weißes" erzählt auch vom Ende der Gutenberg-Ära. (picture alliance / dpa / Jan Woitas)
"Nichts Weißes" erzählt auch vom Ende der Gutenberg-Ära. (picture alliance / dpa / Jan Woitas)

"Die Typografie ist unter den Gestaltungsdingen das Geheimnisvollste, weil man ja Schrift, wenn man sie liest, nicht sieht. Und das, was Marleen sich vornimmt, eine Schrift zu erschaffen, die man nicht sieht, eine Tautologie. Trotzdem bleibt Schrift in ihrer Gestaltung, indem man sie als reines Objekt sieht, doch ein großes Geheimnis, bisweilen sogar ein Wunder. Und diese Antinomie zwischen Banalität und Geheimnis ist nirgendwo besser aufgehoben als im Bereich nun gerade der Schriftbildnerei, der Typografie."

Im Leben eines jeden von uns gibt es etwas, das uns alle tagtäglich begleitet: die Schrift. Doch ist sie etwas, über das kaum jemand länger nachdenkt. Sie ist eben einfach da. Nicht so für Marleen Schuller in Ulf Erdmann-Zieglers Roman "Nichts Weißes". Marleen hat nur ein Ziel: eine Schrift zu erfinden, die so normal ist, dass sie von niemandem bemerkt wird.

"Damit antwortet sie auf Gebote der Ära ihrer Kindheit, die sie selbst nicht durchschaut. Das ist das Gebot der Moderne, tabula rasa zu machen und noch einmal von vorne zu beginnen. Sie wird später erkennen, dass es nicht möglich ist, wobei es zwei Möglichkeiten gibt, warum es nicht möglich ist, das Buch entscheidet das nicht: nämlich entweder, weil es generell, quasi ideologisch ein Fehler ist, oder weil die Moderne bereits soweit fortgeschritten ist, dass alle Formideen bereits ausdifferenziert sind."

Marleens Kindheit ist geprägt von den Wirren der neuen Moderne. Ihre Mutter und ihr Vater sind in der Medienbranche tätig, sie entwerfen gemeinsam eine Werbekampagne für Tampons. Fortschrittlich möchte die Familie sein, immer der Zeit voraus. Sie lassen sich von einem Architekten ein individuelles Haus entwerfen, das in der Pomona als besonders modern hervortritt. Klare Formen, futuristische Linien, das alles steht für das Bild, dass die Schullers nach außen tragen möchten: geordnete Verhältnisse mit Blick nach vorn. Doch die Realität sieht anders aus. Auf seinen Geschäftsreisen wird Marleens Vater immer mehr zum Sinnsucher, der in der Spiritualität Indiens glaubt seinen Lebenssinn gefunden zu haben. Zuhause ist seine Frau mit den drei Mädchen und dem jüngsten Sohn ständig allein.

"Die Pomona 133, sowas wie ein Le Corbusier, ist ein perfekter, durchgestalteter Lebensentwurf. Das ist quasi die Moderne, die schon reif geworden ist. Aber die Familie, die sich den kompletten Neuanfang ihres eigenen Lebens denkt, oder vorstellt, imaginiert, wird daran scheitern, diese Form zu füllen. Und das allerdings ist typisch für alle Leute, die Dinge von vorne beginnen, für alle Revolutionäre, dass sie an ihrer eigenen Libido scheitern werden. Das gilt für die Familie Schuller auch."

Entgegen diesem Fortschritt, den die Familie trotz großer Anstrengungen nicht lebt, steht der Katechismus als unüberwindliche Instanz. Die älteste der Schuller-Schwestern, Johanna, frömmelt in ihrer Kindheit sehr stark. Für sie sind die Arbeit des Vaters und auch der moderne Umbruch der Gesellschaft ein unüberwindbares Hindernis für ihren eigenen Glauben. Auch Marleen gerät immer wieder in den Konflikt zwischen Glauben und Lebensrealität. Während ihres beruflichen Starts als Typografin in New York erlebt sie die Entwicklung der digitalen Schriften, das Streben, eine eigene Schrift zu erschaffen, wird immer aussichtloser. Es gibt eben nichts Weißes, alles ist bereits beschrieben. Das stürzt Marleen jedoch in keine Sinnkrise:

"Das kommt, weil sie in ihre Profession schon eingetaucht ist. Marleen ist umgeben von gestalterischen Schemen, die sie gelernt hat zu ordnen, und das hat sie mit einem gewissen Stolz besetzt. Sie weiß jetzt, dass sie Teil der Masse ist, die bewegt wird, und sie ist dicht an dem Geheimnis dessen, worum es bei der Schrift geht, nämlich nicht die Gestalt des Buchstabens, sondern sein Umfeld zu sehen. So kommt die Schrift in die Welt. Das hat sie schon begriffen, oder sie ist dabei, es zu begreifen, und sie weiß, dass daraus irgendetwas folgen wird."

Neuss, Nördlingen, Kassel, Paris, New York. Das sind die Stationen von Ulf Erdmann Zieglers Romanfigur. Doch lässt Ziegler seine Protagonistin diese Stationen im Roman nicht chronologisch durchlaufen. Stück für Stück erschließt sich dem Leser die Figur der Marleen. Doch nicht ihr Handeln, ihr Denken oder das Gesagte machen diese Figur aus. Vielmehr gelingt es Ziegler eindrucksvoll, Marleen über die Beziehungen zu charakterisieren, in denen sie sich befindet. Genau wie Marleen im Roman den Buchstaben von ihrem Inhalt löst, legt Ulf Erdmann Ziegler den Sinngehalt seines Romans zwischen die Zeilen.

Ziegler, der vor seiner Karriere als Schriftsteller essayistische Arbeiten zu Kunst und Fotografie verfasste, versteht es in diesem Roman meisterhaft, eine Architektur des Lebens zu entwerfen. Die Sprache, die er nutzt konstruiert das Gerüst eines Lebens, Beziehungsgeflechte trennen Räume voneinander, aber die Gestaltung der Räume liegt zwischen den Zeilen. Die Verbindung von Form und Inhalt ist seine Mission als Künstler:

"Mit über 40 habe ich erkannt, dass es wahrscheinlich meine Aufgabe ist, die physische, die haptische Welt, die Welt der Architektur, Typografie, der Fotografie und der bildenden Kunst und alles, was damit zusammenhängt, in die Erfahrungskunde der Gesellschaft mit hineinzugießen. Was natürlich eine relativ schwierige Aufgabe ist, für die ich aber bis dahin qualifiziert war, im Sinne des Übergangs."

Ulf Erdmann Ziegler: Nichts Weißes.
Suhrkamp Verlag 2012, 255 Seiten, 19,95 Euro

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