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Die C14-Illusion

Grenzen der Radiokarbondatierung

Von Dagmar Röhrlich

Ein im Neandertal gefundener Urmensch-Knochen
Ein im Neandertal gefundener Urmensch-Knochen (AP)

Die Chauvet-Höhle im Tal der Ardèche. Ein rotes Mammut tanzt auf einer Felsnase. Schwarze, massige Nashörner stürzen kämpfend ineinander. Fein schattierte Löwenköpfe lauern auf Beute, ein Pferd trabt gemächlich durch das Steppengras, Bisons wandern die Wand entlang.

Die Zeichnungen in der Chauvet-Höhle sind perspektivisch, wunderbar, sogar die Gräser der längst verschwundenen Trockensavanne jener Tage sind gemalt. Aus einer Nashorn-Zeichnung haben die Archäologen einen Holzkohleflitter für die Datierung abgekratzt. Das Ergebnis war angesichts der künstlerischen Qualität eine Sensation. Dieses Bild ist uralt: 30- oder 32.000 Jahre. Damals, vor mehr als 30.000 Jahren, im "Aurignacien", entstand in Europa die Kunst. Zu jener Zeit sollen hier zwei Menschenarten gelebt haben: der moderne Mensch und der Neandertaler. Wer war der Künstler von Chauvet?

Das alte Bild des Neandertalers ist geprägt von diesem Mythos aus dem 19. Jahrhundert. Ein Wilder, ein Barbar, ohne Kultur, ohne Sprache, mit der Keule bewaffnet, behaart und halbnackt.

Christian Weniger, Leiter des Neandertalmuseums in Mettmann. Unzivilisiert, dumpf und grobschlächtig, da kommt der Neandertaler nicht als Schöpfer der Zeichnungen von Chauvet in Betracht. Zumal es ja mit den modernen Cro-Magnon-Menschen Kandidaten aus der jüngeren Linie gibt - oder? Olaf Jöris vom Römisch-Germanischen Zentrum in Mainz:

Von den Fossilfunden ist die Verknüpfung des modernen Menschen mit dem Aurignacien sehr vage. Das wichtigste Indiz war die Fundstelle Cro-Magnon, ein Felsdach in der Dordogne, in Südwestfrankreich, und nach diesem Felsdach ist eben auch der Cro-Magnon-Mensch, der dort gefunden wurde, benannt worden. Und nun haben eben jüngste Datierungen an einer Grabbeigabe, einer Muschel, gezeigt, dass der Cro-Magnon-Mensch, also das Typfossil des frühen homo sapiens sapiens, des frühen modernen Menschen, dass dieses eben wesentlich jünger datiert, nämlich auf 28.500 14C-Jahre vor heute.

Weniger ergänzt:

Der Alte von Cro-Magnon, der immer dargestellt wird als das Gegenstück zum Neandertaler, wir wissen ja heute, der hat gar nichts mit diesem Übergang zu tun, obwohl er immer als Ikone präsentiert wird.

Higham:
Die Maschine ist schätzungsweise zehn bis 15 Meter lang und in ihrem Zentrum liegt eine Spannung von 2,5 Millionen Volt an.

Für die Einordnung steinzeitlicher Kunstwerke oder Fossilien muss ein gewaltiger apparativer Aufwand getrieben werden. Eines der Laboratorien, in denen das passiert, ist das archäologische Forschungslabor in Oxford, eine der drei Topadressen für die Altersbestimmung von Proben aus dieser Zeit. Leiter Tom Higham führt sie stolz vor: "seine" AMS, ein Beschleuniger-Massenspektrometer zur absoluten Altersdatierung mit Radiokarbon. Sie füllt einen riesigen Raum im schlichten 70er-Jahre-Anbau des altehrwürdigen, viktorianischen Instituts. Die Maschine ist beeindruckend, mit all ihrem grau lackierten Metall, dazwischen blitzt Stahl, Kabel sind kilometerweise verlegt, im Nebenraum stehen die Rechner zur Steuerung.

Die Zeichnungen in der Chauvet-Höhle haben ein Alter von 30- oder 32.000 Jahre. Das klingt verlässlich wie ein Auszug aus dem amtlichen Geburtsregister. Jenseits der Geschichtsschreibung bringen Datierungen oft als einzige Licht ins Dunkel der Vergangenheit: Sie können Weltbilder schaffen - oder zerstören. Aber die Radiokarbonjahre sind Ergebnis von technisch höchst diffizilen Prozeduren - und vor allem sind sie Resultat von vielen, vielen Annahmen:

Je weiter sie in die Zeit zurückweisen, um so größer wird die Unsicherheit.

1960 erhielt Willard Frank Libby den Nobelpreis für Chemie - für die C14-Datierung. An einem Stück Akazienholz aus dem Sarg des Pharaos Djoser hatte er seine neue Methode erprobt. 4600 Jahre alt war dieses Stück Holz- und damit waren der Pharao und seine Stufenpyramide datiert. Es war ein Meilenstein in der Archäologie. Jetzt gab es endlich naturwissenschaftlich-präzise Daten: Bis dahin half nur der Vergleich von Stilen bei der Entscheidung, was älter oder jünger war. Aber: Wenn in einer fernen Zukunft nur ein Bild von Picasso und eines von Michelangelo übrig wäre - welches Werk würde als das frühere eingeordnet? Die C14-Datierung war eine Revolution: Sie legte das Alter absolut und unbestechlich fest.

Wirklich?

Chemisch gesehen basiert die Radiokarbondatierung darauf, dass es Kohlenstoff in mehreren Varianten gibt. Das Gros stellt der stabile Kohlenstoff 12, in sehr viel geringeren Mengen gibt es auch ein radioaktives Isotop, den Kohlenstoff 14 - und mit seiner Hilfe wird datiert. Radiokarbon - also eben C14 - entsteht in der oberen Atmosphäre, wenn kosmische Strahlung auf Stickstoff trifft.
Von der oberen Atmosphäre muss das C14 dann in die Biosphäre gelangen, und das läuft vor allem über die Photosynthese,

erklärt Robert Hedges, Archäologe an der Universität Oxford. Damit wird das Radiokarbon Teil der Nahrungskette. Solange ein Organismus lebt, nimmt er Radiokarbon auf und speichert es. Stirbt er, stoppt der Kohlendioxid-Austausch mit der Luft: Ab jetzt wirkt nur noch der Zerfall. C14 hat eine Halbwertzeit von 5730 Jahren. Geht man davon aus, dass man die C14-Konzentration in einem Lebewesen ungefähr kennt und misst Jahrtausende später, was noch übrig ist, lässt sich daraus das Alter des Fossils berechnen.
Doch das hat so seine Tücken.

Je weiter wir zurück in die Zeit gehen, desto weniger radioaktiver Kohlenstoff ist übrig, und man kommt an die Grenzen des Messbaren. Zwischen 40 und 50.000 Jahren geht der Gehalt sehr schnell zurück. So altes Material können wir nur datieren, wenn es vollkommen frei ist von Verunreinigungen durch modernen Kohlenstoff, der schon in geringsten Mengen das Signal überdeckt. Und es gibt noch mehr Schwierigkeiten, wenn man bei Proben, die immer älter werden, genaue Datierungen bekommen will.

So geht beispielsweise die Radiokarbon-Uhr ungenau. Statt absolut sind ihre Daten relativ - sind nur mehr oder weniger genaue Altersabschätzungen. Belastbar werden die Daten erst durch Hilfsgerüste.

Der Radiokarbon-Datierung liegt die nur mehr oder weniger richtige Annahme zugrunde, dass etwa die C14-Entstehung in der oberen Atmosphäre konstant ist. Das ist nicht so. Das Ausmaß variiert.

Etwa, weil das einzig Konstante am Erdmagnetfeld seine Veränderlichkeit ist. Durch Prozesse tief im Erdinneren wird es mal stärker, mal schwächer. Das Magnetfeld aber schirmt die Erde vor der kosmischen Strahlung ab. Je schwächer das Magnetfeld ist, desto tiefer dringt die Strahlung ein - und umso mehr Stickstoff wird in C14 umgewandelt. Vor allem im Aurignacien, der Zeit vor 30 bis 40.000 Jahren, als in Europa Neandertaler und moderne Menschen aufeinander treffen sollen, muss das Erdmagnetfeld sehr variabel gewesen sein, denn der Radiokarbon-Gehalt in der Atmosphäre schwankt immens.

In der Archäologie ist es jedoch ein besonders interessante Aufgabe, mit C14 die Bevölkerung Europas in der Zeit zwischen 30 und 40.000 Jahren zu datieren. Aber leider ist es recht schwierig herauszubekommen, wie sich das C14 während dieser ganzen Zeit in der Atmosphäre verhalten hat.

Das macht gerade in diesem Kapitel der Menschheitsgeschichte Altersabschätzungen schwierig - besonders schwierig.

C14-Daten sind prinzipiell interpretationsbedürftig. Weil der schwankende Radiokarbongehalt in der Atmosphäre die Ergebnisse verfälscht, müssen sie also geeicht werden:

Es gibt so genannte Eichkurven, die zeigen, wie der C14-Gehalt in der Atmosphäre schwankte. Das passiert für die letzten 11.850 Jahre über Baumringe. Für diese Zeit haben wir also eine recht gute Kalibrierung. Wenn wir weiter zurückgehen, gibt es andere Korrekturfaktoren, aber die sind unzuverlässiger.

Das gelte sowohl für die Warwen, also Jahresschichten in Seesedimenten, als auch für die Eisbohrkerne aus Grönland oder Tiefseeablagerungen, die ebenfalls zur Korrelation herangezogen werden. Sie alle haben Unzulänglichkeiten:

Es gibt verschiedene Beweisketten, die wir verbinden, um bei der Eichung der C14-Datierungen weiter zurück zu kommen. Sie alle stimmen mehr oder weniger überein, aber leider nur mehr oder weniger: Sie streben weiter auseinander, als sie es dürften, um für eine sichere Korrelation zu taugen. Inzwischen haben wir allerdings für die vergangenen 25.000 Jahre brauchbar gute Korrekturen. Aber bei allem, was älter ist, wird es schwierig. Ich glaube jedoch, dass wir dieses Problem in den nächsten fünf bis zehn Jahren lösen.

Gerade ist es US-Forschern gelungen, einen Tiefsee-Bohrkern, der 55 000 Jahre weit zurückreicht, mit ebenso so weit zurückreichenden Eisbohrkernen aus Grönland zu korrelieren: Das ist ein wichtiger Schritt hin zu einer Referenzkurve. Aber - noch ist diese Tabelle von der Forschergemeinschaft nicht abgesegnet worden. Mit allen Überprüfungen ist das wohl erst in zwei Jahren der Fall.

Das Radiokarbon-Alter hat bewiesen, dass der Alte von Cro-Magnon - diese Ikone für die Überlegenheit des modernen Menschen über den Wilden Mann - zu jung ist, um im Aurignacien die Kunst erfunden zu haben. Ein Weltbild stürzte in sich zusammen. Wer aber ist der Schöpfer der Felszeichnungen? Nachdem der Cro-Magnon-Mensch heraus gefallen ist, gibt es für diese kritische Zeit keine gesicherten Fossilien - weder für die eine, noch die andere Art.

Die Vogelherdhöhle im Lonetal bei Ulm. Diese schwäbischen Karsthöhlen haben Menschen schon vor mehr als 30.000 Jahren aufgesucht - und sie hinterließen uns hier die ältesten bekannten Kunstwerke der Menschheit: Knapp 20 Figürchen aus Mammutelfenbein, die meisten kleiner als ein Daumen. Einige der schönsten steckten im Bodenlehm der Vogelherdhöhle: Etwa ein Wasservogel mit einem lang gestreckten Körper, wie im Flug gespannt, mit angelegten Beinen, feinziselierten Federn und tief eingeschnitzten Augen, die schwarz und lebendig wirken. Es sind Schnitzereien voller Dynamik. Die Radiokarbon-Datierung ergab ein Alter von vielleicht 30.000, vielleicht 36.000 Jahren.

Vor fast 100 Jahren, 1912, hatte Gustav Riek in einer Karsthöhle im schwäbischen Lonetal den Schädel eines Cro-Magnon-Menschen und einige andere Schädelfragmente gefunden. Werden diese Funde die "Ehre" des Alten von Cro-Magnon wiederherstellen?

Weniger:
Wir warten auf den Befund aus dem Vogelherd, der ja verbunden ist mit den wunderbaren Schmuckstücken, diesen kleinen Elfenbeinfigürchen, diesen Fund aus dem Vogelherd einmal direkt zu datieren, dass man weiß, gehört der zu diesen Objekten oder ist dieser anatomisch moderne Mensch vielleicht viel jünger, stammt der aus den jüngeren Schichten?

Jöris:
Das Problem ist, das Riek, der Entdecker dieser Funde, 1912, diese Funde in einem sehr schematischen Profil dargestellt hat, dort eben in die Profilskizze eben den Schädel reingezeichnet hat, aber eben die genaue Provenienz ist nicht ganz klar, und es wäre von Nutzen, diesen möglichen ältesten modernen Menschen in Europa eben direkt datieren zu kommen.

Genau das könnte unmöglich sein, weil der Schädel - wie damals üblich - zur Konservierung mit Schellack überzogen worden ist.

Das hat wahrscheinlich alles ruiniert. Überhaupt: Es gibt viele Gründe, warum C14-Datierungen scheitern können. Etwa durch Verunreinigungen oder durch falsche Lagerung, durch die im Knochen das Kollagen - also das Material, das bei C14 datiert wird - zerfallen ist. Außerdem steht vor der Datierung die Chemie. Viel Chemie. Um etwa an das Kollagen in den Knochen zu kommen, wird der Kalk mit Salzsäure gelöst, erläutert Bernhard Weninger, Leiter des C-14-Labors an der Universität Köln:

Wir müssen sehr, sehr vorsichtig den Knochenkalk weglösen vor der Datierung, weil die Proben in aller Regel im Kalkuntergrund liegen, sodass ein Austausch stattgefunden hat, der Knochen enthält Kalk von dem Höhlenboden, und dieser Kalk enthält atmosphärisches Kohlendioxid, sodass wir in direkt eine Verjüngung des Alters kriegen. Unsere Aufgabe im Labor besteht darin, die Proben so weit zu reinigen, dass wir allen modernen Kohlenstoff entfernen.

Vor 20 Jahren ging man viel unkritischer mit den Proben um als heute. Die modernen, hochgenauen Datierungen, für die ein gewaltiger Reinigungsaufwand betrieben wird, bringen das alte Weltbild ins Wanken. Bislang sind alle Fossilien von Homo sapiens sapiens jünger als gedacht - sie sind alle zu jung für das Aurignacien. Weniger:

Wirklich direkt datiert und älter als 30.000 Jahre ist bis heute nur der Fund aus Kents Cavern, der anatomisch moderne Mensch.

Und der hat in seiner Höhle in Devon keine Kunst hinterlassen. Weninger:

Alle anderen, wenn es um direkte Daten geht aus dem Zeitraum, sind letztlich Neandertaler. Es fehlt eigentlich nur noch der kleinen Sprung, dass wir zugeben oder ernsthaft diskutieren, ob nicht schon der Neandertaler Felszeichnungen angelegt hat.

Für Europa wird darüber gestritten, ob sich Neandertaler und moderner Mensch von Angesicht zu Angesicht begegnet sind. Für den Vorderen Orient ist das erwiesen. Dort haben beide 60.000 Jahre lang neben- oder vielleicht auch miteinander gelebt. Dabei zeigt sich etwas Aufschlussreiches: In den Fundstätten dort ähneln sich die Hinterlassenschaften von Homo sapiens neanderthalensis und homo sapiens sapiens sozusagen aufs Haar. Weniger:

Wenn man sich deren Fundstellen anschaut und ihre Hinterlassenschaften, dann kann man diese nicht trennen. Ich kann nicht entscheiden, ist das Material von Neandertalern hergestellt worden oder von anatomisch modernen Menschen? Diese Unterscheidung kann ich tatsächlich nur dann treffen, wenn ich Humanfossilien vergesellschaftet habe mit den anderen Funden.

Ob Neandertaler oder moderner Mensch - beiden waren damals wohl schmutzig und rochen nicht gut: Sie müssten sich wohl verstanden haben, scherzen die Forscher.

Es ist manchmal schwierig, weil wir daran denken müssen, dass wir nur etwas messen können, was einmal gelebt hat. Bei einer Mumie ist so etwas kein Problem. Aber wenn man nur eine winzige Elfenbeinschnitzerei hat und weiß, dass der organische Bestandteil bei nur fünf Prozent liegt, müsste man für eine genaue Bestimmung größere Proben nehmen, als es möglich ist. Außerdem verlieren Knochen und Zähne mit der Zeit ihr Protein, so dass schließlich nur noch wenig übrig ist, das wir datieren können.

Oxford-Professor Robert Hedges bringt es auf den Punkt. Wenn die Probe 30- oder gar 40.000 Jahre hinter sich hat, lässt sie sich nur mit höchstem Technikeinsatz messen: durch ein Beschleuniger-Massenspektrometer, eine AMS, wie sie in Oxford steht. Die Methode beruht auf der Tatsache, dass die Kohlenstoffvarianten C12 und C14 unterschiedlich schwer sind, weshalb der Beschleuniger sie über die Schwerkraft voneinander trennt. Das ist sehr viel genauer als die alten Methode, die den radioaktiven Zerfall von C14 gemessen hat. Das Beschleuniger-Massenspektrometer kommt mit winzigen Mengen aus: ein Splitter eines Fossils oder Flitter eines Kunstwerks reichen, um genügend Kohlenstoffatome für die Messung zu bekommen:

Die Kohlenstoffionen werden direkt nach dieser Ionenquelle über ein kurzes Stück beschleunigt. Dann fliegen sie durch eine Serie von Magneten und in den eigentlichen Beschleuniger. Hier werden die Ionen über eine Strecke von acht Metern beschleunigt. Sie erreichen dann sehr hohe Geschwindigkeiten. Die aktuellen Messungen finden direkt hinter dem großen Analysemagneten statt, wo wir den Kohlenstoff-12-Strahl in einem Faradayschen Käfig messen. Der Kohlenstoff 14 wird gemessen, wenn er in ein dünnes Gas geleitet wird. Dabei gibt es einen Elektronenpuls, den wir zählen und durch den wir auch einige Eigenschaften der Atome messen können.

So hochgenau die Messung auch ist: Je weniger C14-Atome in einer Probe noch übrig sind, desto anfälliger ist sie für Verunreinigungen. Wird von einer uralten Felsmalerei ein Flitterchen Holzkohle abgekratzt, ist diese Probe unvorstellbar klein - und die Zahl der C14-Atome in Relation zu den anderen ist noch viel winziger. Da reicht es, wenn einmal mit frischem Kohlendioxid gesättigtes Regenwasser über diesen Flitter gelaufen ist - und die Datierung ist verdorben.

Wenn das Material älter wird und immer weniger Radiokarbon darin ist, wird gleichzeitig die Kontamination durch modernes C14 beispielsweise aus der Luft immer wichtiger und schließlich dominant. Schon eine geringe Kontamination mit modernem Kohlenstoff verjüngt das Alter - und dann sind wir am Ende.

Die Liste dessen, worauf die Forscher achten müssen, ist deshalb lang. Wie gut ist die Geländeaufnahme? Stammt diese Probe wirklich aus der Schicht, um die es geht? Wie ist das Material gelagert worden? Sind die Proben mit organischen Stoffen konserviert und damit verdorben worden? Dann das Labor: Wie gut ist die Aufbereitung? Bekommt man alle Kontaminationen heraus - und vermeidet man neue? Manchmal bleibe trotz Beschleuniger und Massenspektrometer ein mulmiges Gefühl, so Robert Hedges.

Um ehrlich zu sein: Wir sind uns nicht immer sicher, und zwar aus einer Reihe von Gründen. Etwa, weil das Kollagen mit der Zeit immer weniger wird und gleichzeitig die Einflüsse von außen stärker. Wir wissen, dass in der Höhle, oder wo auch immer die Knochen gefunden werden, Huminsäuren das Kollagen verändern können. Dieser Effekt wird so ab 30.000 Jahren spürbar. Bei noch älteren Fossilien kann schon ein Prozent modernen Materials das Alter ausradieren. Deshalb reinigen wir unsere Proben so aufwendig, um Kontaminationen unter dieses eine Prozent zu drücken. Aber wir wissen nie, ob es gelingt. Wir sind da ein wenig blind. Ich hoffe, dass das Material, das unsere Proben kontaminiert, altersmäßig nicht so verschieden ist von dem, was wir messen wollen. Aber man kann sich in diesem Sinn nie sicher sein.

Die Höhle XVI in Südwestfrankreich, am Zusammenfluss von Céou und Dordogne. Diese Höhle wurde vor 65.000 Jahren von den Neandertalern entdeckt. Dann, vor vielleicht 30.000 Jahren, machte es sich der moderne Cro-Magnon-Mensch hier gemütlich - und seine Nachfahren blieben bis zum Ende der jüngsten Eiszeit. Unzählige Generationen haben im Lehm des Höhlenbodens Tierknochen und Steinwerkzeuge hinterlassen. Die Werkzeuge des Neandertalers sehen dabei genauso aus wie die des Cro-Magnon-Menschen Jahrtausende später. Beide jagten vor allem Rentiere, Hirsche, Pferde und Gemsen. Je kälter es wurde, um so öfter gab es Rentierfleisch. Die Menschen vor 12.000 Jahren erlegten nichts anderes. Auffällig sind die Schnittmarken an den Knochen: Ob Neandertaler oder Cro-Magnon-Mensch, beide verstanden sich aufs Metzgerhandwerk, und die Schnittmarken gleichen sich. Das ändert sich am Ende der jüngsten Eiszeit: Die Knochen wurden zerschmettert, das Fleisch grob heruntergesäbelt. Keine Spur von der sauberen Arbeit der Jahrzehntausende zuvor. Die Menschen damals müssen halb verhungert gewesen sein. Aber: Was bei homo sapiens sapiens ein Zeichen für Stress gilt, wäre bei homo sapiens neanderthalensis als "mangelnde Feinmotorik" oder "primitive Werkzeuge" interpretiert worden.

Homo sapiens neanderthalensis und Homo sapiens sapiens stammen vom Homo erectus ab. Der verließ vor zwei Millionen Jahren Afrika und breitete sich über die Steppen Asiens nach Westeuropa aus. Er passte sich den Eiszeiten an - und so entstand der Neandertaler:

Weniger:
Dann ist etwa vor 100.000, 120.000 Jahren der anatomisch moderne Mensch entstanden in den Savannen im Osten Afrikas, und hat sich von dort aus dann allmählich in den Norden bewegt, er war vom Körperbau her grazil, schlank, und nicht mehr so kompakt wie die Neandertaler.

Auf seiner langen Wanderung hat sich auch der moderne Mensch an die endlosen Kältesavannen angepasst. In Süd- und Westeuropa könnte er auf den Neandertaler getroffen sein - irgendwann in der Zeit vor 30- bis 40000 Jahren. Weninger von der Uni Köln:

Wir sehen den modernen Menschen kommen, allerdings nicht direkt auffolgend auf den Neandertaler, sondern möglicherweise 10.000 Jahre später, und in dieser zwischen Periode von 10.000 Jahren haben wir eben das Forschungsproblem. Zum einen haben wir da keine Schädel, den einen oder anderen, wir können auch nicht zwischen den Artenfakten, zwischen den Geräten unterscheiden, wir haben ja keinerlei Aussage, dass wir sagen können, da sind Neandertaler oder das sind schon modernen Menschen.

Überall in Europa gibt es aus der Zeit vor 40.000 Jahren Steingeräte, die dem Neandertaler zugeschrieben werden. Darauf liegen die Schichten des Aurignacien, die vom modernen Menschen stammen sollen. Der hat Europa von Osten nach Westen erobert - und soll hier die Kultur des Aurignacien entwickelt haben. Das Aurignacien hat in Afrika keine Vorläufer, so Jöris:

Wir können also nicht sagen, dass der moderne Mensch mit dem Aurignacien aus Afrika kommt, sondern er kommt nach Europa und macht dann in Europa die typischen Gerätschaften, also Knochen- und Steingeräte, sowie die Kunst des Aurignacien.

Die ältesten Aurignacien-Fundstätten liegen einerseits in Ungarn und Tschechien und andererseits in Nordspanien und Südfrankreich.
Dort datieren sie auf 38.300 bis 36.000 14C-Jahre vor heute, wenig jünger sind dann die Funde aus dem Vogelherd, wobei einzelne Daten auch sehr alt ausfallen, aber das kann auch mit Verlagerungen im Schichtkörper zu tun haben, die Masse der Daten liegt bei 33.000, 34.000 14C-Jahre vor heute.

Obwohl der "Kultur bringende" moderne Mensch aus dem Osten kam, sind die westeuropäischen Aurignacien-Fundplätze älter. Das ist ungewöhnlich:

Wenn wir die ältesten Aurignacien-Fundplätze mit den jüngsten Neandertaler-Fundplätzen vergleichen, dann stellt man fest, dass die ältesten Aurignacien-Fundplätze genau dort liegen, in den Regionen, wo eben auch die jüngsten Neandertaler-Fundplätze liegen. Das könnte dafür sprechen, dass das Aurignacien doch vielleicht aus dem späten Mittelpalolithikum, also Industrien, die wir mit dem Neandertaler verknüpfen, erwachsen ist.

All' diese Erkenntnisse und Ideen basieren auf Datierungen. Dabei werden viele ältere C14-Daten heute kritisch betrachtet.

Weninger:
Das Problem ist, dass 70, 80 Prozent aller 14-C-Daten im Altersbereich 30 bis 50.000 sind meines Erachtens unberechenbar unzuverlässig. Das würde bedeuten, dass wir ungefähr 30 Jahre Forschung sehr, sehr kritisch angehen müssen.

Aber die Datierungen können nicht wiederholt werden - und deshalb sind wichtige Informationen für immer verloren. Die Archäologen müssen also bei der Frage: Wer trug das Aurignacien? - mit dem leben, was sie haben. Immerhin haben die modernen C14-Datierungen zumindest Überraschungen gebracht:

Weniger:
Es gibt inzwischen mehrere Neandertaler-Funde, die jünger sind als 30.000 Jahre, die also diesen Zeitraum zwischen 27.000 und 30.000 Jahren datieren. Es streut über das gesamte Verbreitungsgebiet, dass es plötzlich sehr junge Neandertaler gibt. Und auf der anderen Seite hat man inzwischen einige der frühen anatomisch modernen Menschen datiert, von denen man annahm, dass sie in den Zeitraum zwischen 30- und 40.000 Jahren nach Europa eingewandert sind, und die sind zum Teil bedeutend jünger geworden, die sind gar nicht mehr eiszeitlich, die sind mesolithisch oder sind noch jünger. Das heißt, die C14Methode hat uns mit diesem neuen Verfahren jetzt ganz andere Chancen aufgetan und auch das Weltbild, das wir bisher hatten, ordentlich durcheinander gebracht.

Vorläufig - und den C14-Isotopen zufolge - und vielleicht stürzen die Messungen ja das Weltbild vom Neandertaler als Wildem Mann.

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