• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 11:35 Uhr Umwelt und Verbraucher
StartseiteKultur heuteDie Choreografie des Protestes09.12.2011

Die Choreografie des Protestes

Fotografien von Julian Röder in der Berliner Guardini-Stiftung

Protestbewegungen sind Versammlungen von Menschen, die stehen, gehen, sitzen, singen, pfeifen, Sprechchöre formulieren und mehr oder weniger synchron Zeichen setzen. Die Aktionen, oder anspruchsvoller gesagt, auch ungeplanten Choreografien, hat der Fotograf Julian Röder dokumentiert. Inszeniert hat er das aber wie Historiengemälde.

Von Carsten Probst

Röder inszeniert seine Bilder teilweise wie Schlachtengemälde. (Stock.XCHNG / Nik Frey)
Röder inszeniert seine Bilder teilweise wie Schlachtengemälde. (Stock.XCHNG / Nik Frey)

In den Bildern seiner Serie "The Summits" zeigt Julian Röder die Aktionen und Choreografien von Protestaufmärschen an den Orten von G-8- oder NATO-Gipfeln, die er mit dem Blick altmeisterlicher Schlachtengemälde inszeniert.

Die Serie "World of Warfare" zeigt dagegen eine Waffenmesse im Emirat Abu Dhabi, auf der den Scheichs durchaus nicht nur Sammlerstücke oder Jagdgewehre angeboten werden, sondern auch schweres Kriegsgerät, vom Kampfpanzer bis zum Abfangjäger.

Für seine Serie "Human Resources" wiederum hat Röder teilweise undercover auf Handelsmessen gearbeitet und Aufnahmen von Messeständen gemacht, anschließend die Firmenlogos und Werbebanner entfernt, sodass die Körper der Firmenvertreter mit den anonymen Messearchitekturen zur Staffage für Angebot und Nachfrage verschmelzen.
Der 1981 in Erfurt geborene und seit Kurzem zum festen Stamm der Berliner Fotoagentur Ostkreuz gehörende Julian Röder ist mit diesen Aufnahmen schon recht viel herumgekommen, wird immer wieder eingeladen zu großen Sammelausstellungen etwa in den Deichtorhallen Hamburg, im Deutschen Historischen Museum oder in der Fotogalerie c/o Berlin – und das hat sicher mit der kunstvoll komponierten, politischen Aussage seiner Bilder zu tun, die durchaus aktuell ist.

In "The Summits" zeigt Röder kaum einmal wirklich drastische Szenen vom Aufeinanderprallen von Staatsmacht und Demonstrantenmassen. Es sind nicht die üblichen Bilder von Steinewerfern und prügelnden Polizisten, sondern sowohl Panoramen als auch intime Einzelstudien aus der Distanz. Die Panoramen, in denen man oft die gegnerischen Reihen zu klassischen Choreografien des Kampfes angeordnet sie, hat Röder mit der Strenge altmeisterlicher Schlachtengemälde komponiert, aus der Aufsicht, das dem Geschehen Strenge und eine historische Dimension verleiht.

So jedenfalls erlebt es Röder, der von sich sagt, dieses seien die Konflikte von Gesellschaft und Staatsmacht, mit denen er aufgewachsen sei, und sie hätten seit jeher eine große Anziehungskraft auf ihn ausgeübt, zumal sie fotografisch über die tagesaktuellen Aufnahmen hinaus schwer darstellbar seien. Das Medium der Fotografie verleiht Röders Schlachtenpanoramen bei allen kunsthistorischen Assoziationen eine Nüchternheit, die durchaus ironisch wirkt. Das gilt auch und gerade für manche seiner Einzelstudien, wenn er etwa ein Demonstrantenpaar in Heiligendamm zeigt, dass sich in einer Plastikplane zum Schlafen gelegt und die von Wasserwerfern durchnässten Socken neben sich auf einem Stapel Europaletten zum Trocknen abgelegt hat.

Seine Messefotografie in der Serie "Human Resources" zeigt Röder zufolge auch den Innenraum der Macht, den Kern jener Systemordnung aus Angebot und Nachfrage, die von den Polizeitruppen während der NATO- und G-8-Gipfel gegen die Demonstranten geschützt werden soll. Hier verwendet Röder eine andere Herangehensweise, eine Mischung aus Porträt und Produktfotografie, die er dann in Goldrähmchen und mit Hintergrundbeleuchtung in der Ausstellung präsentiert. Die Firmenlogos und Banner hat er von den Messeständen sorgsam entfernt, doch die Körper der Firmenvertreter wirken so noch mehr wie ein Teilstück der Messearchitektur - Sinnbilder des sich selbst enteigneten Individuums im angeblich so individualistischen System des Marktes.

Die Waffenmesse in Abu Dhabi in "World of Warfare" fungiert dabei wie eine thematische Klammer zwischen den beiden anderen. Sie funktioniert wie eine gewöhnliche Handelsmesse, nur das hier Kriegsgerät inmitten der animierten und von Hostessen verschönerten Messearchitektur steht. Und natürlich denkt man an die Befreiungsbewegungen der arabischen Länder, während sich Generäle und Polizeichefs gerade bei Schnittchen und Schampus über neueste Militärausrüstungen für ihre Armeen und Polizeieinheiten informieren. Die Ironie, die zeitweilige Skurrilität der Szenen, die Röder fotografiert, verschärft ihre Abgründigkeit dabei noch.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk