Interview / Archiv /

 

"Die deutsche Presse ist die bösartigste überhaupt"

Michail Gorbatschow kritisiert Medien im Umgang mit Russland

Michail Gorbatschow im Gespräch mit Sabine Adler

Der ehemalige sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow
Der ehemalige sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow (AP)

Nach Ansicht von Michail Gorbatschow verhindert vor allem die deutsche Presse einen gerechten Umgang mit Russland und seiner Politik. 20 Jahre nach dem Mauerfall müsse in Europa jedoch alles getan werden, um Russland zu verstehen, sagte der ehemalige Präsident der Sowjetunion.

Jochen Spengler: 1989, vor 20 Jahren, brach die DDR zusammen, ohne dass die Sowjetunion eingegriffen hätte. Verantwortlich dafür, dass eine friedliche Revolution und später auch die deutsche Einheit möglich wurde, Michaeil Gorbatschow – damals Generalsekretär der KPDSU, anschließend der erste Präsident der Sowjetunion. Meine Kollegin Sabine Adler hatte die Gelegenheit zu einem Interview mit Michail Gorbatschow in Moskau.

Sabine Adler: Michail Sergejewitsch, in Deutschland werden Sie bis heute sehr geschätzt, im Unterschied zu Russland. Ihre Verdienste für die Wiedervereinigung sind unvergessen, die Deutschen sind Ihnen bis heute dankbar dafür. Würden Sie sagen, dass sich Deutschland umgekehrt dafür ebenfalls erkenntlich gezeigt hat?

Michail Gorbatschow: Wir müssen uns dafür einsetzen, dass Europa beginnt, Russland zu verstehen. Das verhindern übrigens Sie und Ihre Kollegen. Die deutsche Presse ist die bösartigste überhaupt. Als Präsident Putin in München auftrat, hat er nichts Neues verkündet. Dass er das aber mit ziemlich vielen Emotionen verband, war vielleicht das einzig Neue. Und wie empfindlich haben darauf die Politiker reagiert. Russland will niemanden bekämpfen. Wozu auch? Russland hat alles, was es braucht.

Adler: Wie würden Sie das deutsch-russische Verhältnis heute beschreiben? Würden Sie sagen, dass so manche Enttäuschung das Verhältnis vielleicht getrübt hat?

Gorbatschow: Es war erstaunlich und auch enttäuschend, dass während der Jelzin-Jahre, als das Land darniederlag, Gehälter nicht gezahlt wurden, die Industrieproduktion um die Hälfte zurückging, Europa zusah und sich offensichtlich daran erfreute.

Adler: Der Vorsitzende des Föderationsrates von Russland, Mironow, hat Sie des Verrats bezichtigt - wegen der Abrüstungsverträge, die Sie 1991 unterzeichnet haben. Wie gehen Sie mit diesem sehr häufig in Russland geäußertem Vorwurf um, ein Vaterlandsverräter zu sein?

Gorbatschow: Ich höre das jetzt 20 Jahre lang. Halten sie doch ein öffentliches Tribunal ab, hängen sie mich auf. Nur bitte, wenn sie das schon tun, dann bitte nicht für das, was Jelzin angerichtet hat. Und bitte, wenn sie mich aufhängen wollen, dann bitte weit von Jelzin entfernt! Es ist wirklich schade, dass solche Leute heute derartig wichtige Posten in unserem Land bekleiden.

Adler: Wie schauen Sie auf die Osterweiterung der NATO? Empfinden Sie diese Erweiterung als Verrat des Westens, der seine Versprechen nicht eingehalten hat?

Gorbatschow: Das war ein großer Fehler. Über die NATO und ihre einseitigen Handlungen sollten viele Probleme gelöst werden. Das hat nicht funktioniert. Das ist typisch für viele westliche Politiker. Sie sagen irgendetwas ganz Allgemeines, erinnern daran ständig, was genau genommen Blödsinn ist.

Adler: Wie schauen Sie heute auf den Umgang Russlands mit seinen Nachbarn? Unterstützen Sie diese Politik?

Gorbatschow: Der Westen erinnert Russland permanent daran, was im August letzten Jahres geschah. Ich weiß nicht, welches Land ich mehr liebe, Russland oder Georgien. Ich stamme aus dem Kaukasus. Aber im vergangenen August zeigte sich, dass Georgien ein aggressiver Staat ist. Ich habe mehrmals vorgeschlagen, dass Georgien eine Föderation gründen soll. Das ist unmöglich geworden, seitdem die Osseten und Abchasier ihre Unabhängigkeit erklärt haben.
Wenn ich das höre, Russland soll ein Aggressor sein, ein Imperialist, das ist alles Quatsch. Es werden natürlich Fehler gemacht, wenn die Politik zum Beispiel viel zu heftig auf bestimmte Ereignisse reagiert, und das nicht nur was die Emotionen betrifft. Hierzulande befinden sich eine Menge Brandstifter, die die Atmosphäre vergiften wollen. Ich empfehle unseren Führern, nicht ständig zu viel Lärm um Nichts zu machen.

Adler: Sie haben sich letzten Endes vergeblich für den Erhalt der Sowjetunion eingesetzt. Was sagen Sie heute denen, die die Restauration des alten Imperiums, der Sowjetunion fordern?

Gorbatschow: Die Sowjetunion hätte man erhalten müssen und können. Leider haben meine Mitstreiter und ich verloren. Und was hat man versprochen, als man die GUS schuf, die Gemeinschaft unabhängiger Staaten? - Dass außer einem Zentralstaat, den es nicht mehr geben sollte, alles andere erhalten bleibt. Gemeinsame Streitkräfte, eine Währung, eine Außenpolitik. Und dazu erhält jede Republik ihre Unabhängigkeit. Das war ein einziger Betrug und niemand, nicht die Presse, nicht die Armee, hat etwas dagegen unternommen. Die Sowjetunion heute wiederherzustellen, ist völlig unrealistisch, denn lediglich neun Prozent der Bevölkerung sind nur dafür. Eine realistische und zeitgemäße Variante wäre allerdings ein Wirtschaftsverbund, bestehend aus Russland, Weißrussland, der Ukraine und Kasachstan. Das wären immerhin 80 Prozent der früheren Sowjetunion.

Adler: Wie schätzen Sie den neuen Präsidenten Medwedjew ein? Welche Noten würden Sie ihm geben?

Gorbatschow: Er gibt sich Mühe. Er ist interessiert an der weiteren demokratischen Entwicklung. Aber ich habe den Eindruck, dass er hinter sich noch mehr Kräfte versammeln muss. Er hat wenig Erfahrung. Als ich in das Zentralkomitee gerufen wurde, was mit dem Amt des Präsidenten nicht zu vergleichen ist, zu dieser Zeit hatte ich schon zehn Jahre im Kreisparteikomitee gearbeitet und als Bürgermeister und den Kreis zehn Jahre geleitet. Er muss Erfahrung sammeln und er tut es..

Spengler: Sie hörten Michail Gorbatschow im Gespräch mit Sabine Adler.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Stopp von "The Interview"Staeck: "Man darf nicht klein beigeben"

Klaus Staeck sitzt vor einem Mikrofon und hebt die Hand

Der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, hat die Entscheidung von Sony kritisiert, den Kinostart der Nordkorea-Satire "The Interview" wegen Terrordrohungen zu stoppen. Die Meinungsfreiheit müsse um jeden Preis verteidigt werden, sagte Staeck im Deutschlandfunk.

Edathy-Affäre"Skandal, wenn nicht gegen Ziercke ermittelt wird"

Der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Jörg Ziercke, wartet nach seiner Aussage im Innenausschusses des Deutschen Bundestages in Berlin vor einem Statement.

Der Obmann der Linken im Untersuchungsausschuss zur Edathy-Affäre, Frank Tempel, hält Ermittlungen gegen den ehemaligen BKA-Chef Jörg Ziercke für notwendig. Immerhin habe Sebastian Edathy ihn unter Eid schwer belastet, sagte Tempel im DLF. Er kritisierte zudem die Ausschuss-Vorsitzende Eva Högl (SPD).

CIA-Folterbericht"Beteiligung deutscher Dienste muss untersucht werden"

Die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin

In Deutschland müsse ermittelt werden, ob deutsche Institutionen oder Dienste an den Folterpraktiken des US-Geheimdienstes CIA beteiligt waren, sagte die ehemalige Justizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) im DLF. Auch der Bundestag sollte sich mit dem Thema beschäftigen.

 

Interview der Woche

TarifeinheitsgesetzBDA: Nur Rückkehr zu alten Regeln

Ingo Kramer, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände

Ingo Kramer, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände, begrüßt den Gesetzentwurf zur Tarifeinheit. Bei der Regelung, dass nur die mitgliederstärksten Gewerkschaften im jeweiligen Unternehmen Tarifverträge durchsetzen dürfen, gehe es keinesfalls darum, die Macht kleiner Gewerkschaften einzugrenzen, sagte Kramer im DLF.

Koalition in ThüringenKraft kann sich Rot-Rot-Grün im Bund nicht vorstellen - zurzeit

Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen

Auch nach der Wahl von Bodo Ramelow zum Ministerpräsidenten in Thüringen kann sich die stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende Hannelore Kraft ein rot-rot-grünes Bündnis auf Bundesebene nicht vorstellen. Die Linkspartei habe eine "sehr extreme Position im Bereich der Außenpolitik". Allein daran würde es letztendlich wohl scheitern.

SPD-Fraktionschef Oppermann"Wir sind nicht die Steuererhöhungspartei"

Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, steht am 11.02.2014 im Reichstag vor einem Mikrofon.

SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann ist dafür, den "Soli" beizubehalten - er warnt die Partei aber vor einer neuen Debatte über einen höheren Spitzensteuersatz und die Wiedereinführung der Vermögenssteuer. Zudem erklärt er, warum er die Linke auf Bundesebene nicht für regierungsfähig hält.