• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 19:10 Uhr Sport am Sonntag
StartseiteCorsoDie Droge der Verlierer11.10.2011

Die Droge der Verlierer

Dritte Staffel der US-Serie "Breaking Bad" auf Arte

Die hoch gelobte US-Fernsehserie "Breaking Bad" erzählt die Geschichte des krebskranken Chemielehrers Walter White, der mit einem Schüler zusammen "Crystal Meth" kocht und den Drogenmarkt in seiner Stadt aufmischt. Wie erschreckend nah an der Gegenwart die Handlung ist, berichtet Anthropologin Carolyn Nordstrom aus Iowa.

Von Florian Fricke

Die US-Schauspieler Aaron Paul (links) und Bryan Cranston, beide mit Emmy-Awards ausgezeichnet für ihre Rollen in der TV-Serie "Breaking Bad". (picture alliance/ dpa/ Paul Buck)
Die US-Schauspieler Aaron Paul (links) und Bryan Cranston, beide mit Emmy-Awards ausgezeichnet für ihre Rollen in der TV-Serie "Breaking Bad". (picture alliance/ dpa/ Paul Buck)

Jesse:
"Sie sagen, sie wollen Crystal Meth kochen. Sie. Sie und ich."
Walter:
"Ja genau."
Jesse:
"Wow."

So beginnt die amerikanische Fernsehserie Breaking Bad, die Geschichte der Metamorphose eines todgeweihten Losers zum skrupellosen Drogenboss. Hollywood lässt grüßen, könnte man meinen, doch der Hintergrund ist ziemlich nahe an der Realität. Crystal Meth, ein sehr aggressives Amphetamin, weltweit nach Cannabis die meist konsumierte Droge, ist in den USA seit 20 Jahren ein großes Problem. Breaking Bad spielt in Albuquerque in New Mexico, aber es wären viele weitere Orte denkbar. Die Anthropologin Carolyn Nordstrom, die über Drogenhandel und Schmuggelrouten forscht, stammt aus Iowa:

"Der Brotkorb Amerikas, wo es Getreide und Schweine in Fülle gibt, wo Familie und Religion groß geschrieben werden, hat momentan mehr Crytal-Meth-Labore als jeder andere Staat der USA - über 2000 nach einer letzten Zählung. Und warum? Weil wir der Staat der Farmen sind. In letzter Zeit wurden diese aber Opfer der Groß-Agrarindustrie, mittlerweile gibt es fünf riesige Unternehmen. Es gibt ein exzellentes Buch namens Methland, wenn man sich über die Hintergründe genauer informieren will. All die kleinen Unternehmen, die von den kleinen Farmen profitiert haben, trocknen regelrecht aus, wie Energieerzeuger oder all die Tante-Emma-Läden. Und es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als Arbeit in den neuen großen Agrar-Unternehmen anzunehmen."

Wenn sie dort überhaupt Arbeit finden, denn oft müssen sie sich den Markt mit illegalen Einwanderern teilen. Die Arbeit beispielsweise in einem Fleischverarbeitungsbetrieb ist sehr hart und stupide. Viele Menschen sehen irgendwann keinen anderen Ausweg, als Crystal Meth zu produzieren - auch wenn das nicht mehr so leicht ist wie in den 90ern, als man Grundstoffe wie Ephedrin noch im freien Handel beziehen konnte. Trotzdem hilft ihnen die ländliche Struktur des Mittleren Westens.

"In Iowa kennt man sich. Man ist miteinander über die Farmen verbunden, über das Geschäft, über die nähere und weitere Verwandtschaft. Man trifft sich also in der Bar und erzählt, dass man seinen Job verloren hat und alles tun würde, um einen neuen zu bekommen. Jemand sagt, komm mal rüber - und plötzlich kocht man zusammen Meth. Das unterscheidet sich doch sehr von einem armen Großstadt-Kid, das mehr in einer Gang verwurzelt wäre."

Schon im großartigen Spielfilm "Winter's Bone", der vor einem halben Jahr in Deutschland anlief, spielte Crystal Meth im Hintergrund eine Rolle. Angelegt in gottverlassenen Wäldern im benachbarten Missouri macht sich hier eine 17-Jährige auf, um ihren verschollenen Vater zu suchen: einen Meth-Koch, der es sich mit einigen Familienmitgliedern verscherzt hat. Familienbande, sozialer Absturz, Drogenproduktion: Die Motive der Drehbücher und die Beobachtungen von Carolyn Nordstrom ähneln sich. Auffällig dabei ist, dass auch gesellschaftliche Gruppen betroffen sind, die man gemeinhin nicht mit Drogen in Verbindung bringen würde.

"Der Autor von 'Methland' hat das sehr gut beschrieben: Methamphetamin ist eine Droge für konservative, hart arbeitende Menschen. Der Ethos dieser Droge ist, dass du richtig hart arbeiten kannst, und nicht etwa Party machst. Die Droge passt also in ihr konservatives und gottesfürchtiges Weltbild."

Jesse:
"Alle stehen auf das Meth, das wir kochen. Ich kenne Leute, die würden ihr linkes Ei für ein bisschen mehr davon geben."

Jede Gesellschaft schafft sich die Droge, die sie verdient. In den 70ern erstarben alle Hippie-Träume im Heroin, die hedonistischen 80er gehörten ganz dem kalten Chique des Kokain, in den 90ern tanzte man selbstvergessen auf bunten Ecstasy-Pillen in eine rosarote Zukunft.

Crystal Meth nun ist die Droge der Verlierer der neokonservativen Revolution. Vielleicht ist es kein Zufall, dass gerade in den strukturschwachen Gebieten Bayerns an der Grenze zu Tschechien Crystal Meth auf dem Vormarsch ist, was natürlich auch mit den tschechischen Methküchen im Zusammenhang steht.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk