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StartseiteBüchermarktDie Ehre des Handkusses07.09.2012

Die Ehre des Handkusses

Abdellah Taia: Der Tag des Königs. Suhrkamp

Hassan II herrschte als Diktator über Marokko und zwar so allmächtig, dass seine Person fast zu einem mystischen Wesen wurde. Der Autor Abdellah Taia beschreibt, wie daran eine Liebe zerbricht.

Von Kersten Knipp

Der marrokanische Schriftsteller Abdellah Taïa (privat)
Der marrokanische Schriftsteller Abdellah Taïa (privat)

Da thront er, der allmächtige König: mächtig, erhaben, so ganz anders als jene, die er beherrscht. Ein mythisches Wesen fast, eine Figur nicht von dieser Welt. Doch ihm, Omar, ist es vergönnt, diesem König – seinem König: Hassan II von Marokko – die Hand zu küssen. Er, Omar, ist auserwählt, diesen Akt der Ehre auszuführen, stellvertretend für sein Land, stellvertretend für alle Marokkaner, Menschen seinesgleichen, unter denen er dank des bevorstehenden Ehrenaktes nun doch herausragt. Jedenfalls ist es im Traum so, denn der Handkuss ist bloß eine onirische Szene, eine Traumgeburt, geboren aus der engen psychologischen Beziehung, die in den 80er-Jahren die meisten Marokkaner zu ihrem König hatten. Eine seltsame, bizarre Beziehung, die weit über politische und Machtverhältnisse hinausreichte. Hassan II, erläutert Abdellah Taia, war für seine Untertanen viel mehr als nur ein König.

"Wir waren fasziniert von ihm. Und empfanden gleichzeitig eine ungeheure Angst vor ihm. Ich erinnere mich, dass er uns in manchen seiner im Fernsehen übertragenen Rede bedrohte. Wir lebten in Angst vor diesem König und konnten deshalb kein Verhältnis zu uns selbst entwickeln. Er herrschte nicht nur über die Marokkaner. Er beherrschte auch ihre Fantasie. Er sagte ihnen, was sie zu denken und zu träumen, wohin sie zu gehen hatten – das ist die höchst entwickelte Form der Diktatur. Er war mit uns, in uns – ohne anwesend zu sein."

Und so ist es nicht erstaunlich, dass an diesem König auch Freundschaften zerbrechen können. Etwa die zwischen Omar, 14 Jahre alt, und aus der armen Unterstadt von Rabbat stammend, und Khaled, gleichaltrig, doch Spross wohlhabender Eltern aus der marokkanischen Oberschicht. Ihre Freundschaft zerbricht, denn als König Hassan die Stadt eines Tages besucht, darf ihm tatsächlich ein junger Mann die Hand küssen – allerdings nicht Omar, sondern Khaled. Der zieht es vor, dem Freund die Auszeichnung zu verschweigen, ein Umstand, den Omar als absoluten Vertrauensbruch empfindet. Immerhin: Dass es so kommen würde, dass Khaled und nicht er selbst die Hand des Königs küssen dürfte, hätte er sich ausrechnen können. Denn das soziale und ökonomische Machtgefüge ist, wie es ist. Und unter diesen Verhältnissen ist klar, wem die Ehre des Handkusses zukommt. Die armen Klassen, erklärt Taia, führten nicht nur wirtschaftlich ein entbehrungsreiches Leben. Auch psychologisch, symbolisch und kulturell waren sie abgeschlagen. Etwa, indem sie auf die Ehre des Handkusses nicht hoffen durften.

"Der Krieg zwischen den verschiedenen sozialen Klassen, der Abgrund, der Reiche und Arme voneinander trennt, tobte in den 80er-Jahren sehr heftig. Die Kluft zwischen den beiden Klassen existiert bis heute. Ich wollte von Hassan II und zugleich von diesem sozialen Krieg sprechen wie auch dem Zusammenhang zwischen diesen beiden Phänomenen. Denn Hassan war dafür verantwortlich. Ich wollte das aber nicht auf eine allzu eindeutige, allzu eingängige Art darstellen. Darum wählte ich die Geschichte einer Freundschaft, eine Liebesgeschichte zwischen einem Armen und einem Reichen."

Eindrücklich schildert Abdellah Taia, was es heißen kann, unter absoluter Herrschaft zu leben. In dieser Herrschaft wird der König zur allmächtigen, alles überragenden Figur, zur mythischen Gestalt, der sich die Marokkaner auch psychologisch nicht entziehen können. Warum das so ist, deutet Taia auch durch die Bilder von Wäldern voller Blut an – entlegene Orte, an die Hassan die weniger repräsentativen Mechanismen seiner Herrschaft verlegte: die Verhaftung und/oder Ausschaltung seiner politischen Gegner, die gnadenlose Unterdrückung aller, die ihm zu widersprechen wagten. Das bittere Wort von den "geheimen Gärten" zeugt von der Brutalität von Hassans Herrschaft: Es meint die entlegenen Folterzentren, in die der König seine Gegner verschleppen ließ. Und wenn nach den Umbrüchen in der arabischen Welt in vielen Ländern – und eben auch in Marokko – islamistische Parteien zu den stärksten Kräften zählen, dann auch darum, weil die politische Linke in den letzten Jahrzehnten systematisch ausgeschaltet wurde. Die Menschen kannten kein anderes oppositionelles Forum als jenes, das die Religion ihnen bot. In den Jahren seiner Jugend, erklärt der 1973 geborene Taia, war in Marokko das kulturelle und politische Leben auf einem absoluten Tiefpunkt angekommen.

"Ich gehöre zu jener Generation, die unter Hassan II aufwuchs – einer Generation, der er jedes politische Interesse austrieb. Im Marokko der 80er-Jahre, der Zeit, in der ich aufwuchs, gab es in Marokko kaum mehr Intellektuelle und politische links stehende Menschen. Ihr Programm existierte beinahe kaum mehr. Es gab nur noch Hassan II. Im Fernsehen, in den Straßen: Überall waren seine Bilder. Er war mehr als ein König oder ein Vater: Er war fast ein Gott."

In diskretem, zurückhaltendem Ton umreißt Taia die Atmosphäre jener Zeit, die tiefen Verwebungen zwischen innerer und äußerer, politischer und psychologischer Macht. Zugleich erzählt er – wie in allen vorhergehenden Romanen auch – die Geschichte eines jungen Homosexuellen, die auch seine eigene ist: Taia hatte sich vor einigen Jahren in einer marokkanischen Zeitschrift öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt. In "Der Tag des Königs" umspielt er das Erwachen des homoerotischen Begehrens, das den beiden Freunden als solches kaum bewusst ist. Weil aber enttäuschte Liebe Menschen gründlichst entzweien kann, nimmt der Roman ein dramatisches Ende, das der zurückhaltende Erzähler Taia allerdings nur andeutet anstatt großartig auszumalen. Sodass dieses wie der gesamte Roman vor allem eines ist: wunderbar diskret, voller Anspielungen, die vorzugsweise zwischen den Zeilen stehen.

Buchinfos:
Abdellah Taia: "Der Tag des Königs". Aus dem Französischen von Andreas Riehle; Suhrkamp; 2012; 179 Seiten; 19,95 Euro

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