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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDie Einstellung der Eliten zu sozialen Fragen19.08.2013

Die Einstellung der Eliten zu sozialen Fragen

Michael Hartmann: "Soziale Ungleichheit - Kein Thema für die Eliten?", Campus Verlag

"Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein". Der Soziologe Michael Hartmann ist der Frage nachgegangen, inwieweit dieser berühmte Satz von Karl Marx auf die deutschen Eliten zutrifft. Dazu hat er knapp 1000 Männer und Frauen in Spitzenpositionen befragt.

Von Detlef Grumbach

Eliten rekrutieren sich zum Großteil aus sich selbst heraus. (AP)
Eliten rekrutieren sich zum Großteil aus sich selbst heraus. (AP)
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Finanzkrise erhöht Ungleichheit und Armutsrisiko

"Die Hartz-Reformen waren nur in einem Punkt wirklich erfolgreich, als Motor zur Senkung von Löhnen, Gehältern und Sozialleistungen."

Das ist der eine Aspekt der gesellschaftlichen Realitäten, den Michael Hartmann zu Beginn seiner Studie diagnostiziert. Der andere:

"Die reale steuerliche Belastung der 450 reichsten Deutschen mit einem Jahreseinkommen von durchschnittlich 36 Millionen Euro hat sich nach Untersuchungen des DIW allein durch die Steuerreformen der rot-grünen Bundesregierung zwischen 1998 und 2005 von 43,1 auf nur noch 31 Prozent verringert."

Immer mehr Bürgerinnen und Bürger halten diese Entwicklungen für absolut ungerecht. Trotzdem wurden sie ohne große Widersprüche aus dem Kreis der Eliten als alternativlos durchgesetzt. Welche Einstellungen liegen dieser Einigkeit zugrunde, welche Faktoren speisen sie? Diesen Fragen geht der Elitenforscher Michael Hartmann – nach Untersuchungen aus den Jahren 2002 und 2007 – in seiner aktuellen Studie "Soziale Ungleichheit – kein Thema für Eliten?" nach. In der Einleitung definiert er seinen Forschungsgegenstand und legt dar, wer dazugehört:

"Man guckt sich an, wenn es um die Kernelite geht, welche Positionen sind wirklich typisch für die allererste Ebene von Führungspositionen. Und da kann man sagen, das sind dann eben die Bundesregierung, die Ministerpräsidenten, das ist unstrittig, die Vorstandsvorsitzenden, die Aufsichtsratsvorsitzenden der großen Unternehmen, die vorsitzenden Bundesrichter. Also das sind alles Positionen wie in den Medien die Intendanten, die Programmdirektoren bei den Hörfunkmedien, die Chefredakteure und Herausgeber bei den Printmedien."

999 Persönlichkeiten aus den Sektoren Wirtschaft, Politik und Verwaltung, Militär, Massenmedien und Gewerkschaften addieren sich nach Hartmanns Ansatz zur Kernelite Deutschlands. Über sie hat der Professor für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt biografische Informationen zusammengeführt, sie hat er mit Fragebögen und teilweise mit Interviews zu ihrer sozialen Herkunft, ihrem Bildungsabschluss, ihrem Karriereverlauf befragt. Erstmals hat er aber auch Punkt für Punkt ihre Einstellungen zur sozialen Lage und zur Finanzkrise erhoben. Im zweiten Kapitel zeichnet er ein nach den einzelnen Sektoren differenziertes Sozialprofil der Führungskräfte. Vergleiche zu früheren Studien zeigen hierbei eine große Stabilität, aber auch spürbare Veränderungen innerhalb der letzten zehn, 15 Jahren. Im dritten Kapitel folgen dann die Analysen ihrer Einstellungen zur sozialen Ungleichheit und zur Finanzkrise. Insgesamt kommt Hartmann zu dem Ergebnis:

"Die meisten Eliten eint eine relativ hohe soziale Herkunft aus bürgerlichen oder großbürgerlichen Kreisen. Das trifft für zwei Drittel zu, in den wesentlichen Kreisen sogar für mehr. Und es eint sie eine Einstellung zu sozialpolitischen Fragen, die deutlich anders ausfällt als bei der Masse der Bevölkerung."

Zeigen zahlreiche Ergebnisse Hartmanns schwarz auf weiß, was der interessierte Beobachter schon ahnte, lässt dieser Befund aufhorchen. Denn eine genauere Betrachtung zeigt: Erstens rekrutieren sich die Eliten überwiegend aus sich selbst heraus. Zweitens werden ihre sozialen Einstellungen nicht durch den Bildungsweg oder die erreichte Position geprägt. Auch Hartmann war überrascht, welche wirkungsmächtige Rolle allein die soziale Herkunft spielt. Als gravierende Beispiele nennt er,

"... dass bei den Spitzenmanagern bei der Frage "Höhere Steuern auf hohe Einkommen und Vermögen?" bei den Arbeiterkindern unter den Spitzenmanagern eine Mehrheit dafür war und bei den Großbürgerkindern eine überwältigende Mehrheit dagegen. Das heißt, dass die soziale Herkunft auch bei Managern, die nun wirklich alle gut verdienen, so einen Unterschied macht. Und das letzte, das war für mich die größte Überraschung, auch wieder bei der Frage "Höhere Steuern auf hohe Einkommen und Vermögen?": Bei den Spitzenpolitikern, die aus Arbeiterfamilien kommen, gab es keinen einzigen, der dagegen war, und bei denjenigen, die aus bürgerlichen und großbürgerlichen Familien kommen, keinen einzigen, der dafür war."

Brisant wird diese Feststellung, weil Kinder aus der Mittelschicht oder der Arbeiterschaft in der Wirtschaftselite sowieso kaum eine Rolle spielen und weil sie sich aus den politischen Prozessen immer weiter zurückziehen. Der Grund, so Hartmann im vierten Kapitel über "Eliten, Bevölkerung und Demokratie": ihre Enttäuschung über die Politik von Rot-Grün. Die Folge: Auch in den politischen Eliten wächst der Einfluss des Bürger- und Großbürgertums, geht die Zahl der Arbeiter- und Mittelschichtsvertreter zurück.

"Das bedeutet, dass die Eliten in ihrer Gesamtheit sich von der Bevölkerung sowohl in ihrer sozialen Zusammensetzung als auch in ihrer gesellschaftspolitischen Grundhaltung deutlich unterscheiden."

Wenn sich diese Entwicklung ungebrochen fortsetzt, so Hartmann, kann sie sogar die Demokratie gefährden.

"Die Gefährdung besteht eben darin, dass zunehmend größere Teile der Bevölkerung aus Entscheidungsprozessen vollkommen rausfallen. Das gilt vor allem für die Politik, weil sie da ja noch am stärksten dringehangen haben. Wenn sie irgendwann Wahlbeteiligungen haben von unter 50 Prozent und das untere Drittel der Bevölkerung geht so gut wie gar nicht mehr wählen, ist also praktisch aus dem demokratischen System ausgeschlossen, dann sage ich, ist der Inhalt so dürftig geworden, dass man sich Gedanken darüber machen muss, wie man das dann nennt. Das ist im Augenblick nicht so, aber wir haben einen Trend, der nun schon seit über einem Jahrzehnt anhält, der in diese Richtung geht."

Die angebliche Alternativlosigkeit wichtiger Entscheidungen und der wachsende Politikverdruss in den unteren Schichten sind seit Langem ein Thema. Wer wissen will, wieso wichtige Entscheidungen so einmütig und gegen die Einstellungen und Interessen der Bevölkerung getroffen werden, findet in Michael Hartmanns Eliten-Studie wichtige Erklärungen – und auch Ansätze dafür, wie man den Trend wieder umkehren könnte. Das Urteil des Rezensenten: unbedingt empfehlenswert!

Buchinfos:
Michael Hartmann: Soziale Ungleichheit - Kein Thema für die Eliten?, Campus Verlag, 250 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 978-3-593-39948-5

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