Montag, 11.12.2017
StartseiteBüchermarktDie Erfindung des Zweifels14.02.2003

Die Erfindung des Zweifels

Reclam Verlag Leipzig, 184 S., EUR 17,90

Dieser Roman ist ein Zukunftsroman, denn er spielt im späten 21. Jahrhundert. In jenen fernen Tagen hat die Biotechnik - so lautet die Spielidee des Romans - endlich auch im Reich der schöngeistigen Literatur zugeschlagen, und da alle neuen Techniken des Teufels sind, erweist sich auch hier ihr Zugriff als desaströs: Ein genetischer Test, der nach seinem Erfinder Zimmermann-Test geheißen wird, ermöglicht es nämlich, dichterisches Talent zweifelsfrei nachzuweisen - oder aber dessen Fehlen. Nun geht es los: Die Verlage verlangen von ihren Autoren fortan keine literarischen Talentproben mehr, sondern das naturwissenschaftliche Talentzertifikat; bislang erfolgreiche Autoren werden, falls nachgewiesenermaßen talentlos, annuliert und verschwinden vom Markt; solche negativ getesteten Autoren sammeln sich in einem Zweckverband Anonymer Annulierter; alle Kritiker werden arbeitslos; hochtalentierte Autoren bekommen hochdotierte Verträge, falls sie sich aber als schreibfaul erweisen, werden Ghostwirter angeheuert, die unter dem Namen der Talentierten erfolgreiche Bücher fabrizieren. Freilich ist die Kartographie des menschlichen Genoms von äußerstem Interesse, und wir alle gieren danach zu erfahren, für welche menschliche Eigenart welcher Chromosomenabschnitt die Verantwortung trägt. Noch sind allerdings Lücken zu beklagen: das Gen, das uns katholisch, evangelisch oder buddhistisch werden lässt; oder das Manager-Gen, dank dem die Weltwirtschaft ihre endlosen Höhenflüge verdankt. Und stellen wir uns vor, man hätte endlich das für´s Kochen zuständige Filetstück Erbinformation entdeckt, und wir hätten die Wahl zwischen einem Restaurant mit gentechnisch geprüftem Kochtalent - das freilich an Lustlosigkeit leidet und deshalb nicht zum Herd schreitet - oder einem Restaurant mit unzertifiziertem Koch, der aber aus lauter Übung lecker kocht. Wohin werden wir uns wenden? Das ist natürlich eine Suggestivfrage, denn, Hunger vorausgesetzt, in der Regel werden wir das Restaurant mit Essen dem ohne Essen vorziehen, und sei der Küchenchef, der dort nichts für uns zubereitet, noch so talentiert. Auf Panajotopoulos´ Buch übertragen hieße das: Warum sollten eigentlich Verlage, denen nicht nur nach Förderung der dichterischen Elite der Sinn steht, sondern hin und wieder auch nach dem Verkauf vieler Bücher, warum also sollten diese Verlage verkaufsträchtige Titel und Autoren aus dem Programm nehmen? Und dies zu Gunsten von genetisch talentierten, zum Schreiben aber wenig motivierten? Fragen wie diesen weicht der 1963 in Athen geborene Panajotopoulos mit großer Beharrlichkeit aus. Weil ein allwissender Erzähler so was aber wissen müsste, hat er einen Ich-Erzähler mit eigener Geschichte installiert. Dieser Ich-Erzähler ist der Schriftsteller James Wright, dessen biographisches Selbstportrait den größten Teil des Romans ausmacht. Wright, ich buchstabiere: w r i g h t, ist, wie der Name schon sagt, jemand, der schreibt und gleichzeitig das rechte will. Aufrechten Charakters, entzieht sich der ehemals erfolgreiche Autor dem Zimmermann-Test und leidet furchtbar dafür: gesellschaftlicher Niedergang, Verlust der Freundin, Verbitterung, endlich Einzug in ein heruntergekommenes Hotel, in welchem er von seiner Nachbarin, einer Hure mit Herz, wieder auf den rechten literarischen Weg gebracht wird. Er schreibt, wird Ghostwriter für einen hochtalenierten Dichter mit Dichtungsproduktionsdefiziten, und selbstverständlich wird das unter talentiertem Namen publizierte Werk mit dem höchsten Literaturpreis prämiert. Wirght schreibt diese seine Lebensgeschichte nieder auf dem Sterbebett, sein Arzt figuriert als Herausgeber; zu guter Letzt hat Wright sich übrigens doch noch testen lassen, der Arzt teilt das positive Ergebnis der Welt mit. Postum wird Wright zum Bestseller, doch das Nachwort informiert uns, dass des Doktors Testergebnis vielleicht bloß eine Fälschung ist. Dass vielleicht der ganze Roman vom Arzt verfasst sei. Und es unterzeichnet als Autor diese zweifelsäenden Nachwortes Panajotopoulos, der Autor des Buches. Der, man ahnt es spätestens hier, den Leser überhaupt in Zweifel stürzen möchte. Jedoch: Zweifel worüber? Über den literarischen Wert den Gentechnik? Oder die Frage, wie sich im Künstlertum Talent und Praxis mischen? Über die Gerechtigkeit der Kritiker? Die Lauterkeit des Verlagswesens? Aber was von all dem wäre uns hier überhaupt je etwas zweifelsfrei klar gewesen? Einen gentechnisch funktionierendes Teststäbchen habe ich im Augenblick nicht zur Hand, mit dem sich hier letzte Klarheit schaffen ließe. Aber über das Produkt selbst ist einiges zu sagen: In Panajotopoulos´ beziehungsweise Wrights Prosa wimmelt es von Figuren, die - ich zitiere: -"vom Ehrgeiz beflügelt" sind, da werden "Herzen von Hoffnung gewärmt", die "Zukunft leuchtet", das "niedliche Gesicht eines kleinen Mädchens" erscheint, und "eiskalte Stethoskope berühren die Rippen". Wrights nachbarschaftliche Musen-Hure macht, man ahnt es wohl bereits, in Sadomaso und verfügt als Domina über dominatypisches Zubehör wie Peitsche, Handschellen, Kautschukknüppel und dazu- Zitat -über "die winzigsten und wohlgestaltetsten Zehen, die man sich vorstellen kann" Mehr der Zehen als der Peitsche wegen werden sie und unser Mr. Wright alsbald intim. Immerhin verstehen wir allmählich, warum sich Wright so lange vor dem Zimmermann-Test gedrückt hat: Wer sich so schamlos auf dem Flohmarkt der Sprach- und Denk-Klischees bedient, hat möglicherweise manches zu verbergen, sicher aber kein großes literarisches Talent. Oder gehen wir damit diesem zum Roman aufgeblähten Gedankenspiel auf den Leim? Sollen die Leser in Anbetracht dieser Prosa, die betulich ausgeleierte Eigenschaftswörter ans Nomen häkelt, aufstöhnen, den für die Subventionierung des Kunstbetriebes zuständigem Mehrwertsteueramt reihenweise Briefe schreiben mit dem Appell, man möge in Zukunft die kulturpolitischen Gelder Bio-Laboren zuwenden, die sich fließig an die Herstellung eines talentzutagefördernden Lackmuspapieres machen sollten? Und zwar mit dem Ziel, Romane wie diesen in Zukunft in vitro zu verhindern? Oder ist gar dieser ganze Roman nichts als ein genialer Schachzug eben dieser Genkartographierungsindustrie, und Panajotopoulos ihr gekaufter Schönredner? Man sieht: "Die Erfindung des Zweifels" ist kein gutes Buch, zu denken aber gibt es zweifellos.

Hartmut Kasper

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