Freitag, 15.12.2017
StartseiteBüchermarktDie Erinnerung lässt die Toten nicht los01.08.2011

Die Erinnerung lässt die Toten nicht los

Maja Haderlap: Engel des Vergessens, Wallstein-Verlag

Die Geschichte der Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Maja Haderlap dreht sich um eine Familie und auch um ein ganzes Volk. Im Mittelpunkt steht ein junges Mädchen und seine traumatisierte Familie. Denn sie gehören der slowenischen Minderheit in Österreich an, die auch nach dem Zweiten Weltkrieg unter den Folgen leiden.

Von Michaela Schmitz

Die österreichische Autorin Maja Haderlap, Gewinnerin des Ingborg Bachmann-Preises. (picture alliance / dpa / Gert Eggenberger)
Die österreichische Autorin Maja Haderlap, Gewinnerin des Ingborg Bachmann-Preises. (picture alliance / dpa / Gert Eggenberger)

Die Toten sind allgegenwärtig. An Allerseelen stellt Großmutter ihnen einen Laib Brot und eine Schale Milch auf den Küchentisch. Damit sie zu essen haben, wenn sie in der Nacht kommen. Und dass sie uns in Ruhe lassen, erklärt sie ihrer Enkelin. Doch die Verstorbenen lassen die Slowenen aus den Kärntner Gräben nicht los. Es sind einfach zu viele.

Die Toten sind überall. Auf dem Kartoffelacker, hinter der Scheune oder im Keller des Nachbarhofs, unter dem Holunderbusch oder der alten Wettertanne im Wald unweit der Grenze zu Jugoslawien. Wie seltsam, unter einem Kirschbaum zu fallen. ... Doch die Topografie des Krieges setzt ihre Markierungen nach ihren eigenen tödlichen Gesetzen; ungeachtet der bäuerlichen Idylle des Kärntner Hügellands. Später wird sich der Krieg in die Landschaft zurückziehen. Und in die Seelen und Körper der Menschen.

Die Toten bleiben Teil der Lebenden. Vergeblich versuchen diese, die Erinnerungen an den Krieg mit ihrem Schweigen auszuhungern. Doch vor allem die Großmutter ist es, die der Enkelin von all den Toten erzählt. Von den brennenden Höfen, dem Blut auf den Rüben im Keller und den Leichen ganzer Familien auf dem Misthaufen. Von Bica, die die Schuhe ihres eigenen toten Bruders im Schnee nicht erkennt. Und von Jurij, der vor seiner Enthauptung "ich warte, ich glaube, ich hoffe, ich liebe" in sein Taschentuch stickt.


Auf Himmlers Befehl werden slowenische Bauernfamilien während des Dritten Reichs von ihren Höfen vertrieben. Viele fliehen zu den Partisanen. Wenige aus politischer Überzeugung, die meisten aus Not. Man fragt den Pfarrer, bevor man in die Wälder geht. In Großvaters Partisanen-Einheit beten sie regelmäßig gemeinsam den Rosenkranz. Auch im Lager fleht man Gott um Hilfe an - mit Rosenkränzen aus eingespeichelten Brotkrümeln. Doch Brot gab es im Lager oft tagelang nicht, erinnert sich die Großmutter.

Ihr Sohn ist gerade zehn Jahre alt, als sie verhaftet wird. An einem Ast des Nussbaums neben der Mühle knüpfen die Nazi-Schergen den Schuljungen an einem Seil auf, bis ihm schwarz vor Augen wird. Dreimal ziehen sie ihn hinauf, dreimal lassen sie ihn wieder herunter. Den Aufenthaltsort seines Vaters verrät er nicht. Als erwachsener Mann wird er seiner eigenen Tochter namenlose Schrecken einjagen. Immer wieder muss die Familie erleben, wie der völlig verstörte Holzfäller mit einem Kälberstrick in den Händen schweigend zu den Balken der Scheune hinaufblickt. Von der Marter ihres traumatisierten Vaters erfährt die junge Frau erst spät und nur durch Zufall.

Auch sie selbst lassen die Toten nicht los. Von der Großmutter lernt sie ihre Namen und Geschichten. Als Mädchen schläft sie in Großmutters Kammer -Gedächtnisort und Keimzelle der Erinnerung. Inmitten der bäuerlichen Kindheitsidylle mit Hunden, Katzen, Ziegen, Kälbern und Schweinen, Zwetschgenbäumen und Bienenhaus. Weder diese, noch die Lieder, frommen Gebete und Engelbilder der Mutter über ihrem Bett können das Mädchen vor den erzählten Erinnerungen an die Schrecken der Vergangenheit beschützen.

Zu schwer wiegen die Erzählungen der Großmutter von den Greueltaten an den slowenischen Bauernfamilien, der Denunziation, aber auch der lebensgefährlichen Unterstützung der Partisanen und ihrer Familien. Sie zeigt der Enkelin Fotos, Briefe und ihre Aufzeichnungen aus dem Lager. Gemeinsam essen sie Kompott vom Lagerlöffel - auf der Rückseite des Löffelstiels die Gravur "Reichsarbeitsdienst". Im roten, fleckigen Lagerbuch hatte sie unbeholfen die Geschichte ihrer Deportation festgehalten, obwohl sie kaum schreiben kann. Für eineinhalb Jahre Konzentrationslager findet sie nur für drei kleine Seiten Worte. In Ravensbrück sei sie schon für die Vergasung selektiert in der Typhusbaracke gelegen. Eine Wienerin habe ihre Lagernummer mit der Nummer einer Toten vertauscht. Das habe ihr das Leben gerettet. Nie würde sie den Geschmack der ersten Milch nach ihrer Heimkehr vergessen, erinnert sich die alte Frau. Ihre Rückkehr in die Freiheit schließt die Großmutter mit dem Halbsatz "zu Haus das war Angst ja oder nein".

Ihre Enkeltochter schwebt in der Vergangenheit wie in einem Zeittropfen. Die unbekannten Toten aus Großmutters Erzählungen haben sich zwischen sie und die Welt gedrängt. Von Kind an vertraut mit dem Sterben, lernt sie schon früh das Einüben letzter Blicke. Sie fühlt sich in ihre Kindheit eingepflanzt wie ein Holzpfahl auf dem Hof. Die Heimat wird ihr mehr und mehr zur Falle. Im Wunsch, über die verlorenen Wörter zurück zu den unvermittelten Dingen und zu sich selbst zu finden, versucht sie schließlich, sich einen neuen Körper zu erschreiben. Und sie beginnt, die von der Großmutter gehörten Geschichten von den unbekannten Toten noch einmal zu erzählen. ...

Wie lange dauert ein Krieg? So lange, bis die Geschichten seiner Toten erzählt sind. Genau das tut die Erzählerin von Maja Haderlaps deutlich autobiografisch inspiriertem Roman "Engel des Vergessens". Sie folgt ihren Spuren und zeichnet diese hinein in die Erinnerungslandkarte ihrer Kindheit und in die Landschaft, in der sie aufgewachsen ist. Schlüsselfigur der schockierend präzisen poetischen Erinnerungsarbeit ist die Großmutter. In ihrem magischen Weltbild sind die Toten Teil des Lebens, Diesseits und Jenseits nur durch eine durchscheinende Membran getrennt. Doch indem die Erzählerin die Geschichten der Großmutter noch einmal erzählt, findet sie ihre eigene unverwechselbare Sprache gegen das allgemeine Vergessen.

Engel des Vergessens, Wallstein Verlag 2011, 250 Seiten, 18,90 EUR.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk