Kalenderblatt / Archiv /

 

Die erste deutsche Tenniskönigin

Vor 80 Jahren gewann Cilly Aussem als erste Deutsche in Wimbledon

Von Eduard Hoffmann

Cilly Aussem, erste deutsche Wimbledon-Siegerin (1931)
Cilly Aussem, erste deutsche Wimbledon-Siegerin (1931) (picture alliance / dpa)

Tennis, das war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine elitäre Angelegenheit. "Höhere Töchter" schwangen die sogenannte "Verlobungskelle" meist nur, um eine gute Partie zu machen und unter die Haube zu kommen. Doch das Talent und der Ehrgeiz der Mutter trieben die Kölnerin Cilly Aussem von Erfolg zu Erfolg - mit tragischem Ende.

3. Juli 1931, 20.000 Zuschauer sehen das Finale des Damen-Einzels in Wimbledon. Die Sonne brennt vom Himmel und der trockene Rasen ist hart wie Beton. Auf dem Centre Court des All England Lawn Tennis and Croquet Clubs kämpfen überraschend zwei deutsche Spielerinnen um den Weltturnier-Sieg, was ein BBC-Reporter kurz und bündig wie folgt zusammenfasst:

"The women's final was an all german affaire between Fräulein Aussem and Krahwinkel, won by Fräulein Aussem.”"

Die Essenerin Hilde Krahwinkel hat im Halbfinale die starke US-Amerikanerin Helen Jacobs ausgeschaltet. Und Cilly Aussem war gegen die Französin Simone Mathieu erfolgreich. Das Finale gewinnt die Kölnerin in zwei Sätzen mit 6:2 und 7:5. Vom Rhein telegrafiert Kölns Oberbürgermeister Konrad Adenauer:

""Cilly, ganz Köln gratuliert zum großen Sieg. Ihre Heimatstadt ist stolz auf Sie."

Und die bescheidene Cilly selbst sieht sich plötzlich ganz hilflos den jubelnden Massen und den unzähligen Journalisten gegenüber.

"If I knew that I had to speak today … Wenn ich gewusst hätte, dass ich heute hier reden muss, hätte ich gestern vielleicht gar nicht versucht, zu gewinnen, weil ich das überhaupt nicht mag. Aber ich bin total glücklich, Wimbledon gewonnen zu haben. Seit ich Tennis spiele, war das immer mein größter Traum … to win Wimbledon once."

Seit 1877 finden alljährlich im Sommer die prestigeträchtigen Tennis-Wettbewerbe im Londoner Stadtteil Wimbledon statt. Damen werden 1884 zugelassen. Bis zu Cilly Aussems Sieg 1931 hatten außer der Französin Suzanne Lenglen ausschließlich US-Amerikanerinnen und Engländerinnen das Dameneinzel des ältesten Tennisturniers der Welt gewonnen.

Cäcilia Edith, genannt Cilly, wurde am 4. Januar 1909 in Köln geboren und stammte aus wohlhabender Familie. Vater Johann Aussem war ein erfolgreicher Kaufmann. Standesgemäß besuchte Cilly ein Internat für "höhere Töchter" in der Schweiz. Ihren ersten Tennisunterricht erhielt die junge Dame in Köln, unmittelbar nach der Rückkehr vom Genfer See im Sommer 1923, im renommierten Kölner Tennis- und Hockey Club Stadion Rot-Weiß, wo sie Mitglied wurde und auch des Öfteren mit Paul-Ernst Bauwens zusammen spielte. Der spätere Präsident des Tennisverbandes Mittelrhein erinnerte sich in einem Zeitungsinterview an die charmante Clubkollegin:

"Die Cilly spielte sich nicht in den Vordergrund. Sie war ein zurückhaltendes, freundliches, liebenswürdiges Mädchen, aber immer unter der Fuchtel der Mutter."

Die ehrgeizige Helen Aussem engagierte nur die besten Trainer für ihre Tochter: den Kölner Willi Hannemann etwa und den Berliner Roman Najuch. Später konnte sie sogar die Nummer eins der Weltrangliste für den Unterricht gewinnen, den US-Amerikaner "Big Bill" Tilden.

Bereits 1925 wurde Cilly überraschend deutsche Juniorenmeisterin. Und 1927 gewann die 18-Jährige am Hamburger Rothenbaum erstmals die Deutsche Meisterschaft im Damen-Einzel.

Viele Experten waren von Cilly Aussems Spiel und ihrer Erscheinung angetan, so auch der damalige Weltklassespieler Roderich Menzel.

"Ihre pagenhaft anmutende Gestalt bewegte sich so leichtfüßig auf den roten und grünen Spielflächen, dass man den Eindruck hatte, eine Balletttänzerin spiele Tennis."

Ende 1930 belegte die Kölnerin bereits den zweiten Platz der Tennis-Weltrangliste. Als die Rheinländerin ein Jahr später überraschend das Finale der internationalen französischen Meisterschaften gegen die Engländerin Betty Nuthall gewann, jubelte das Fachorgan "Tennis und Golf":

"Der große Sieg, den Fräulein Aussem in Paris errungen hat … entschädigt uns Deutsche für viele Enttäuschungen und Misserfolge, die wir in letzter Zeit bei den Herrenspielen in Kauf nehmen mussten."

Nach dem Wimbledon-Gewinn von Cilly Aussem im gleichen Jahr hatte ganz "Tennis-Deutschland" noch mehr Grund zu jubeln. Erstmals war eine Deutsche im Damen-Einzel bei dem weltweit renommiertesten Turnier erfolgreich gewesen.

Der grandiose Sieg markierte aber gleichzeitig auch das Ende der noch jungen Karriere. Zeitlebens gesundheitlich stark angeschlagen, beendete Cilly Aussem bereits 1935 ihre Tennislaufbahn. 1963 starb sie im Alter von 54 Jahren an einem schweren Leberleiden.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kalenderblatt

Dorothea SchlegelErfinderin der romantischen Ehe

Die Ausstellung "Felder im Frühling" mit Bildern des impressionistischen Malers Claude Monet in der Staatsgalerie in Stuttgart. Zu sehen ist das Bild "Im Moor von Giverny" aus dem Jahr 1887.

Heiraten, weil er eine Haushälterin und sie einen Versorger braucht – praktische Gründe waren um 1800 Ausgangspunkt vieler Vernunftehen. Die Schriftstellerin und Übersetzerin Dorothea Schlegel ermutigte andere Frauen zur Emanzipation - und lebte die "wilde Ehe" direkt vor. Vor 250 Jahren wurde sie geboren.

Bill of RightsPetitionsrecht, Waffenbesitz und Redefreiheit

Das Foto vom Mittwoch (24.11.2010) zeigt die Roben der Richter des Ersten Senats sowie ein Richterbarett beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe während der Urteilsverkündung zum Gentechnikgesetz.

Nach dem Sieg in der Glorreichen Revolution in England wurde Wilhelm von Oranien die Krone angeboten - unter Bedingungen: In der "Bill of Rights" hatte das Parlament sich neue Rechte ausbedungen, Mitbestimmung über Steuern und die Einberufung eines Heeres. Am 23. Oktober 1689 traten die neuen Regeln in Kraft.

Jean Paul SartreSehnsucht nach Unberührtheit

Jean Paul Sartre 1979. Schwarz-Weiß-Aufnahme.

Der Schriftsteller und Philosoph Jean Paul Sartre gilt als Hauptvertreter des Existenzialismus. Eine Behauptung, die er zurückgewiesen hätte, wehrte er sich doch zeitlebens gegen den Status einer "Institution". Das zeigte sich besonders, als er vor 50 Jahren den Literaturnobelpreis ablehnte.