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StartseiteBüchermarktDie erste Ehefrau von Max Ernst05.06.2012

Die erste Ehefrau von Max Ernst

Luise Straus: "Eine Frau blickt sich an. Reportagen und Erzählungen 1933-41". Greven Verlag

Luise Strauss war die erste Ehefrau von Max Ernst und öffnete ihm die Türen in die Kunstszene. In ihren Feuilletons aus den Jahren 1933 bis 1941 blickt sie hinter die schöne Glitzerfassade der Mode- und Boheme-Metropole Paris.

Von Gisa Funck

Der deutsche Maler Max Ernst und Luise Straus waren das Glamourpaar der Kunstszene in Köln. (AP Archiv)
Der deutsche Maler Max Ernst und Luise Straus waren das Glamourpaar der Kunstszene in Köln. (AP Archiv)

"Sie hat ihm Türen geöffnet, sie hatte die Kontakte in die Kunsthistoriker- und auch Kritikerszene in Köln. Max war ein aus Brühl kommender Provinzler, der zwar begabt war und als Autodidakt ja ihr hier und da geholfen hat aber die Szene kannte sie. Die Museen kannte Luise. Das bürgerliche Haus führte Luise. In Köln kannte sich Luise Straus aus und nicht Max Ernst, also, da hat die Luise Straus wirklich in den ersten Monaten und Jahren dem Max unglaublich viel geholfen."

Jeder kennt heute Max Ernst. Aber Luise Straus?! Dabei war sie es, die dem später weltberühmten Surrealisten den Zutritt zur Kunstszene verschaffte. Unter dem Fantasienamen "Armada von Duldgedalzen" gehörte Luise Straus als einzige Frau zum Kreis der Kölner DADA-Künstler. Und sorgte als Verfechterin für eine neue, provokative und sozialkritische Kunst nach dem Ersten Weltkrieg für Furore, erzählt Professor Jürgen Wilhelm, Mitherausgeber des neuen Sammelbandes Eine Frau blickt sich an mit wiedergefundenen Zeitungstexten von Luise Straus:

"Das Kölner DADA-Treffen mit Arp, aus Zürich kommend, und Tristan Tzara und vielen anderen, das hat in der Wohnung von Luise Straus stattgefunden. Und sie hat es mit initiiert. Also da war sie ein lebender Teil dieser ganz aktuellen Kölner Kunstszene. Sie ist halt nur durch Kunstwerke nicht bekannt geworden, weil sie keine Künstlerin war. Sie war eben diejenige, die schrieb über die Kunst. Sie war ja zum Beispiel eine Zeit lang stellvertretende Direktorin des Wallraff-Richarz-Museums, sie hat ganz wegweisende, manchmal auch ein bisschen mutige kunsthistorische Essays geschrieben."

Die 1893 in Köln geborene Luise Straus, Tochter eines jüdischen Hutfabrikanten, war zweifellos eine für ihre Zeit ungewöhnlich emanzipierte, gebildete und selbstbewusste Frau. Als eine der ersten Frauen Deutschlands überhaupt schloss sie ihr Kunstgeschichtsstudium 1917 mit einer Promotion ab. Den zwei Jahre älteren Lehrersohn Max Ernst hatte sie zuvor an der Uni Bonn beim Zeichenunterricht kennengelernt. Obwohl die Eltern beider Seiten strikt gegen diese jüdisch-katholische Verbindung waren, heirateten Max und Luise gleich nach Kriegsende 1918. Und stiegen schnell zum Glamourpaar des Kölner DADA-Kreises auf. Die Ehe währte allerdings nur kurz, auch wenn zwei Jahre später Sohn Jimmy geboren wurde. Denn Max Ernst verliebte sich Hals über Kopf in Gala, die notorisch Männerverschlingende Ehefrau seines Dichterfreundes Paul Elouard. Und trennte sich schon 1922 wieder von Luise, die von da an gezwungen war, ihren Sohn Jimmy alleine groß zu ziehen:

"Sie fiel sicher tief. Mental und sozial auch, aber nicht notwendigerweise geriet sie in materielle Not. Das kam dann erst später, als eben Überweisungen und Hilfestellungen der Eltern nicht mehr möglich waren, weil eben die Nazis dies alles untersagt hatten."

Trotz der sozialen Ächtung als alleinerziehende Mutter schaffte es Luise Straus, sich in den zwanziger Jahren zur anerkannten Kunstkritikerin hochzuarbeiten, die deutschlandweit für renommierte Zeitungen, etwa den "Querschnitt", schrieb. Nach 1933 aber wurde die Lage für sie als Jüdin so bedrohlich, dass Straus – wie viele andere verfolgte Intellektuelle – vor den Nazis nach Paris floh. Hier musste sie sich als Autorin noch einmal völlig neu erfinden. Denn Kunstkritiken aus dem Land des Erzfeindes waren in deutschen Zeitungen verpönt. Also schrieb Straus nun Alltagsreportagen, Porträts und kleinere Erzählungen aus Paris, das damals als Inbegriff der modernen Großstadt galt:

André sah seine junge Frau mitleidig an. Sie saßen an einem Tischchen auf der Terrasse des Café du Dome. Die Stühle um die winzigen Tische waren alle besetzt mit meist jungen Leuten, die betont elegant und, öfter noch, betont nachlässig gekleidet waren, wie es eben ihre Vorstellung vom Künstlerleben verlangte. Kellner eilten hin und her. "Du hast recht, Maggie", sagte André. "Wir sitzen wirklich schon lange genug hier, aber wir können doch nicht einfach so fortgehen." Maggie nickte resigniert. "Wenn wir gewusst hätten, dass Fred uns hier versetzt, hätten wir vielleicht den Rahmen für dein Bild um drei Franken runtergehandelt und könnten jetzt immerhin unseren Kaffee bezahlen."

"Sie war keine Promi-Frau, die sozusagen selbst bekannt werden wollte, indem man über Bekannte schreibt. Heute ist es ja gang und gäbe, dass man viele sogenannte Prominente interviewt, fotografiert, um dann irgendwie selbst bekannt oder prominent zu werden. Dazu hatte sie überhaupt keinen Trend. Sie war selbstbewusst genug zu sagen: Ich habe das nicht nötig. Und ich habe ein Interesse daran, wie eben andere Menschen einfache Lebensverhältnisse, wie die zurechtkommen. Und das hat sie in der Tat mit großer Menschenfreundlichkeit beschrieben."

Tatsächlich blickt Luise Straus in ihren Feuilletons aus den Jahren 1933 bis 1941, die man nun im neuen Sammelband Eine Frau blickt sich an noch einmal nachlesen kann, ganz bewusst hinter die schöne Glitzerfassade der Mode- und Boheme-Metropole Paris. Mit ausgeprägtem, psychologischem Gespür beschreibt die Exilantin hierin oft gerade die gescheiterten, finanziell abgebrannten oder verzweifelten Glücksucher der Stadt. Dabei bleibt sie aber im Tonfall meist verblüffend humorvoll. Ist oft auf Schlusspointen bedacht. Und macht sich immer wieder gern, durchaus auch selbstironisch über die Selbsttäuschungen und Schnorrermentalität vieler Pariser Möchtegernkünstler lustig:

"Na ja, sie hat keineswegs ununterbrochen tieftraurig und deprimiert da in Frankreich vor sich her gelebt – im Gegenteil. Sie hatte einen Freund, sie hatte mehrere Freunde also: Sie hat das Beste daraus gemacht. Aber das war dann nach 41/42 natürlich immer mehr mit mehr Lebensrisiken verbunden, die sich dann ja auch leider verwirklicht haben."
Tragischerweise hat Luise Straus selbst die Gefahr der Verfolgung unter dem Vichy-Regime wohl lange unterschätzt. So schreibt sie in ihrer Autobiografie Nomadengut rückblickend:

Bezaubert von der heiteren, ungebundenen, aber im Grund völlig aussichtslosen Existenz habe ich vielleicht damals einen Fehler begangen. Ich hätte nach Amerika gehen sollen. Freund Hans, der 1936 dorthin übergesiedelt war, schrieb und mahnte immer. (...) "Komm jetzt, solange es noch geht.", schrieb er. "Wenn du später in die Katastrophe hineingerätst, ist es zu spät." Aber wir in Paris glaubten nicht an eine Katastrophe, wollten nicht daran glauben."

Als Straus diese bitteren Sätze irgendwann 1941 oder 1942 hinschreibt, ist die Rettung für sie tatsächlich kaum noch möglich. Mit ihrem neuen Partner, dem Fotografen Fritz Neugass, ist sie 1939 vor den Deportationen weiter nach Südfrankreich geflohen. Doch, während Neugass dank seiner US-Verwandtschaft ein Visum für die Vereinigten Staaten erhält, wird der Ausreiseantrag von Luise Straus abgelehnt. Völlig verzweifelt überredet ihr, bereits 1938 nach New York emigrierter Sohn Jimmy daraufhin den ebenfalls in die USA ausgereisten Max Ernst, die in Frankreich festsitzende Mutter doch mittels einer erneuten Pro-forma-Heirat nachzuholen. Doch dieses Heiratsangebot von Max Ernst lehnt Luise Straus strikt ab. Stattdessen taucht sie 1941 im Haus des Schriftstellers Jean Giono in Manosque unter und schreibt fieberhaft an ihrer Autobiografie. Ende April 1944 wird sie dann schließlich doch noch verhaftet. Und im Juni, in einem der letzten Züge von Paris aus nach Auschwitz deportiert. Nur fünf Wochen, bevor die Alliierten in der Normandie landen.

Luise Straus: Eine Frau blickt sich an. Reportagen und Erzählungen 1933-41. Mit einführenden Beiträgen von Jürgen Pech, Achim Sommer, Werner Spies und Jürgen Wilhelm, 200 Seiten, Greven Verlag Köln, 18 Euro.

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