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StartseiteBüchermarktDie erste Frau, die ein Freitagsgebet leitet27.05.2013

Die erste Frau, die ein Freitagsgebet leitet

Katajun Amirpur: "Den Islam neu denken. Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte", Verlag C.H.Beck

Sie kommen nicht aus den arabischen Kernländern, sondern aus der Peripherie des Islams: Muslimische "Neudenker" - Frauen als auch Männer - dringen auf neues Gebiet der koranischen Interpretation vor - und wagen wichtige Gegenentwürfe zum demokratiefeindlichen Image des Islam.

Von Beate Hinrichs

Katajun Amirpur, Publizistin und Islamwissenschaftlerin, hält ein Plädoyer für Pluralität im Islam. (picture alliance / dpa)
Katajun Amirpur, Publizistin und Islamwissenschaftlerin, hält ein Plädoyer für Pluralität im Islam. (picture alliance / dpa)
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Vor nicht ganz zwei Jahren, im Juni 2011, traf sich in Essen eine Gruppe der international profiliertesten und progressivsten Islamwissenschaftler zu einer Konferenz mit dem Titel "Islamic Newthinking". Bei der Tagung zu Ehren des verstorbenen ägyptischen Koranexperten Nasr Hamid Abu Zaid ging es nicht um Reden vor großem Publikum, sondern um den Austausch untereinander, die Diskussion verschiedener wissenschaftlicher Interpretationen und Reformansätze im Islam - eben um: "Den Islam neu denken". Dafür bot Deutschland ausreichend Freiraum.

Dass Katajun Amirpur nun ein Buch gleichen Titels vorlegt und den Begriff "Den Islam neu denken" damit noch weiter etabliert, ist kein Zufall: Denn sie selber hatte dieses reform-islamische Gipfeltreffen mit organisiert. Jetzt stellt sie jene Theologen einer breiteren Leserschaft vor, die sich speziell der Koraninterpretation widmen.

"Der Koran ist der Referenztexte der islamischen Kultur schlechthin. Also, man kann zwar nicht sagen, dass wenn der Koran erst mal neu interpretiert ist, sich alle Probleme lösen würden, denn an dieser Interpretation an sich liegt es ja nicht; diese Interpretation ist machbar. Aber auf der anderen Seite glaube ich, dass eine große Veränderung nur stattfinden kann, wenn sie auch koranisch legitimiert ist."

Bei diesen muslimischen "Neudenkern" fallen mehrere Besonderheiten auf: Zwei sind Iraner, zwei stammen aus Pakistan, eine aus den USA - und nur einer ist Araber. Dieser Fokus ist untypisch für die Islamwissenschaft - sie beachtet sonst vor allem arabische Theologen. Für Katajun Amirpur, selber Professorin für Islamische Studien an der Universität Hamburg, zählt hingegen...

"... so wie Nasr Hamid Abu Zaid immer gesagt hat: dass tatsächlich die originellsten, innovativsten Ansätze islamischen Denkens nun mal eben leider gerade nicht aus den arabischen Kernländern kommen, sondern von der Peripherie. "

Eine konvertierte Afro-Amerikanerin erreichte eine große Relevanz

Nächste Besonderheit: Wir begegnen zwei Frauen - offenbar den Einzigen, die sich an den Koran selber heranwagen. Die meisten muslimischen Feministinnen beziehen sich eher auf Tradition und Gesellschaft. Dass Katajun Amirpur zwei Islamwissenschaftlerinnen vorstellt, ist bemerkens- und begrüßenswert - und sie hätten mehr Aufmerksamkeit verdient; das zeigt das Beispiel von Amina Wadud:

"Amina Wadud ist Afro-Amerikanerin; sie ist konvertiert im Alter von 20-irgendwas zum Islam, und es gibt natürlich eine ganze Reihe von Frauen - von Männern auch -, die sie sehr, sehr ernst nehmen. Sie war zum Beispiel maßgeblich beteiligt am Aufbau der "Sisters of Islam", das ist die weltweit größte Frauen-NGO; die haben im rechtlichen Bereich in Malaysia extrem viel bewirkt. Da muss man sagen, wirkt das, was sie tut in der Theorie, auch ganz stark in die Praxis hinein. Das hat einfach 'ne ganz große praktische Relevanz. Auch in vielen anderen Ländern der islamischen Welt, wo's ganz konkret um den Kampf für Frauenrechte geht, hat sie 'ne sehr, sehr große Relevanz. "

Die streitbare Amina Wadud hat weltweit Aufsehen erregt, weil sie als erste Frau ein Freitagsgebet leitete, in New York City.

"Andererseits sind natürlich auch die Vorurteile und Polemiken, gerade in ihrem Fall, extrem stark. Zum einen ist sie eine Frau - das wird immer schon mal abgehandelt unter "ferner liefen", sie wird ganz anders behandelt zum Teil innerhalb dieses Diskurses; dann ist sie eine Schwarze, das ist innerhalb des doch immer noch sehr rassistischen Diskurses in den USA durchaus ein Problem; also es gibt auch da immer noch ein Gefälle von Muslimen aus der islamischen Welt, die meinen, sie seien die "originäreren" Muslime, und den Afro-Amerikanern, die ja nun eigentlich die wirklich einheimischen, amerikanischen Muslime sind; dann hat sie Arabisch als Fremdsprache gelernt."

Als "originäre" Muslima gilt vielen Kritikern auch Asma Barlas nicht, obgleich sie als solche in einem islamischen Land geboren worden ist. Heute lebt die Professorin in New York:

"Asma Barlas kommt aus Pakistan; die erste Sprache, die sie gelernt hat, war Englisch; und sie kann gar kein Arabisch. Über sie wird natürlich gesagt: "Wie kann jemand, der überhaupt kein Arabisch kann, sich anmaßen, überhaupt den Koran zu lesen?" Das wird aber natürlich auch pariert von diesen Damen. Asma Barlas sagt: "Warum? Der Koran richtet sich ja nicht nur an arabisch sprechende Menschen, der Koran hat einen universalen Anspruch; er richtet sich gerade auch an Leute, die eine andere Muttersprache haben, insofern: Wieso sollte ich mir nicht herausnehmen, ihn selber zu lesen, und sei es in Übersetzungen, und mir dann eine eigene Meinung bilden zu können?! "

Neben den beiden Frauen porträtiert Amirpur auch die iranischen Theologen Abdolkarim Soroush und Mohammad Shabestari und den Ägypter Nasr Hamid Abu Zaid, der Schlagzeilen machte, als er 1995 zwangsweise geschieden wurde. Alle drei haben zeitweise in Deutschland geforscht und sind in der hiesigen Debatte keine Neulinge. Bei uns weitgehend unbekannt ist dagegen der Pakistani Fazlur Rahman. Seine Geschichte zeigt einmal mehr, dass diese Denker keineswegs im wissenschaftlichen Elfenbeinturm leben, sondern in die Gesellschaft hineinwirken.

"Fazlur Rahman beispielsweise musste irgendwann sein Heimatland Pakistan verlassen; er war dort ursprünglich eingesetzt worden an einer Stelle, wo er genau diese Reformarbeit leisten sollte, vom Staat aus. Dann musste er irgendwann gehen, hat lange in den USA gelebt und ist Ende der achtziger Jahre gestorben; das ist aber jemand, der bis heute massiv rezipiert wird von allen Leuten, die sich mit islamischer Theologie beschäftigen. Er war sehr, sehr oft in der Türkei, hat in Ankara gelehrt, und war dort maßgeblich beteiligt am Aufbau der sogenannten Ankaraer Schule. "

Die Ankaraer Schule arbeitet an sehr weitgehenden Neu-Interpretationen des Islams und bildet zudem den theologischen Nachwuchs in der Türkei aus - kommen diese Lehrer nach Deutschland, bringen sie Fazlur Rahmans Ideen mit.

Die gemeinsame Grundannahme lautet: Der Koran ist nicht ewig

Wie die sechs "islamischen Neudenker" ihre Interpretation des Korans begründen, variiert im Detail - sie teilen jedoch eine Grundannahme: Der Koran ist nicht ewig, sondern Gott hat ihn dem Propheten offenbart, mithin einem Menschen in dessen Sprache, die folglich interpretiert werden muss. Den Prozess der Offenbarung untersuchen sie akribisch, denn die Frage ist zentral und fast so alt wie der Islam selber: Schon im achten und neunten Jahrhundert argumentierte die Denkschule der Mu'tazila, dass der Koran erschaffen sei. Machtpolitisch konnte sie sich allerdings nicht durchsetzen gegen jene Rechtsschulen, die den Koran wörtlich auslegen. Heute berufen viele Reformer sich wieder auf die Mu'tazila.

Egal, welche Methodik diese Denker bevorzugen: Heraus kommt immer, dass auch im Islam die Menschenrechte unveräußerlich sind, dass ein muslimischer Staat demokratisch verfasst sein muss und dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind - denn, wie Asma Barlas schreibt: Gott ist

weder Vater noch Ehemann noch männlich.

Sie argumentieren als gläubige Muslime und völlig säkular, gerade um Schaden von ihrer Religion abzuwenden; darum werden sie oft als "post-islamische" Denker etikettiert. Einige der Sechs haben ihre Thesen mit dem Exil bezahlen müssen, wie die Porträts zeigen:

"Es ging eben gerade darum, auch den Menschen vorzustellen. Um dem Leser tatsächlich eine Person nahezubringen, sodass sich vor dem geistigen Auge dessen, der jetzt etwas über eine Theorie liest, auch sich irgendwie eine Person abzeichnet. Und man sich vorstellen kann, wer ist das jetzt eigentlich. Was bringt der da mit hinein. Und manche dieser persönlichen Details, glaube ich, sind sehr entscheidend."

Auch die Wissenschaftlerin Katajun Amirpur schreibt übrigens explizit als Muslima und wirbt für einen Islam, der sich flexibel an das 21. Jahrhundert in Europa anpasst - ein Plädoyer für jene Pluralität, die auch ihre Protagonisten demonstrieren.

Buchinfos:
Katajun Amirpur: "Den Islam neu denken. Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte", Verlag C.H. Beck, 256 Seiten, Preis: 14,95 Euro.

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