Mittwoch, 20.06.2018
 
Seit 09:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKommentare und Themen der WocheNicht so schüchtern, bitte28.05.2018

Die EU und der Kampf gegen den PlastikmüllNicht so schüchtern, bitte

Dass die EU jetzt eine Reihe von Plastik-Wegwerfartikeln aus unserem Leben verbannen wolle, sei keine Einschränkung von Lebensqualität, sondern das mindeste, was wir im Kampf gegen den Plastikmüll tun können, kommentiert Kai Küstner. Hier sollte Brüssel mit weiteren Ideen nicht so schüchtern sein.

Von Kai Küstner

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Auf dem Foto ist der Strand der unbewohnten Henderson-Insel zu sehen - verschmutzt durch angeschwemmten Plastikmüll. (dpa/picture alliance/ Jennifer Lavers)
Müll am Strand der unbewohnten Henderson-Insel. (dpa/picture alliance/ Jennifer Lavers)
Mehr zum Thema

Kampf gegen Plastik Strohhalme aus Roggenstroh

Kampf gegen Verschmutzung EU-Kommission plant Verbot von Plastikbesteck und Co.

Umweltschutz Taiwan sagt Plastikmüll den Kampf an

Schweiz Tonnenweise Mikroplastik - auch im Hochgebirge

Schwimmende Müllhalden sind unsere Weltmeere schon jetzt. Nun will die EU zumindest verhindern, dass Fische in den Ozeanen bald eine Minderheit darstellen - zahlenmäßig könnten die nämlich den umhertreibenden Plastikartikeln schon bald hoffnungslos unterlegen sein. Es wird also höchste Zeit, dass wir Menschen etwas unternehmen - im Interesse der Meereslebewesen, der Umwelt und unserer eigenen Gesundheit. Denn schließlich essen wir ja zumindest über Umwege unseren eigenen Plastikmüll - wenn Fische, die auf unseren Tellern landen, zuvor umherschwimmenden Kunststoff verzehrt haben.

Dass Brüssel nun eine Reihe von Plastik-Wegwerfartikeln aus unserem Leben für immer verbannen will, an die wir uns so sehr gewöhnt haben, werden wir Verbraucher verkraften. Denn ausdrücklich will die EU nur das verbieten, was sich problemlos und preisgünstig ersetzen lässt: Dass wir unsere Grillwurst im Park also von Papp- statt von Plastiktellern essen, unseren Kaffee beim Bäcker mit Holzstäbchen umrühren und bald vielleicht wieder mithilfe echter Stroh-Halme Getränke schlürfen statt mit Plastikhalmen, ist keine Einschränkung von Lebensqualität - sondern das mindeste, was wir tun können.

Aus für Plastikgabeln und Luftballon-Halterungen

Unterschätzen sollte man die EU-Rettungsaktion nicht: Hat sich die Kommission doch jene zehn Einmal-Artikel herausgesucht, die am allerhäufigsten an unseren Stränden angespült werden. Und dazu gehören nun einmal auch Plastikgabeln und Luftballon-Halterungen.

Gleichzeitig wird Brüssel den Planeten nicht retten, wenn es sich allein an Strohhalme klammert. Nun muss man fairerweise dazu sagen, dass die EU-Kommission das nicht tut: Die Vorschläge gehen über die Verbotsliste weit hinaus. Nur will sie es den Einzelstaaten weitgehend selbst überlassen, ob die sich zum Beispiel für ein Kunststoff-Flaschenpfand entscheiden oder nicht.

Zwei Dinge sind klar: Wer den Müllberg zu Wasser und zu Land abtragen will, muss erstens mehr recyceln und zweitens dem Verpackungswahn Einhalt gebieten. Wer zum Beispiel in der EU-Hauptstadt Brüssel in Super-Markt-Regalen nach Selter-Flaschen sucht, findet kaum Glas, dafür aber jede Menge Plastik-Sechser-Packs – die dann extra noch mal mit ordentlich viel Folie verpackt sind. Dieser umweltpolitische Irrsinn muss enden. 

Abgabe auf nicht-wiederverwertbaren Plastikmüll

Vor vier Jahren hat sich Brüssel der Eindämmung der Plastiktüten gewidmet. Bei uns in Deutschland hat das über den Preis einigermaßen funktioniert: Wer im Supermarkt auch noch für den Tragebeutel zur Kasse gebeten wird, überlegt sich eben zweimal, ob bei ihm die Lebensmittel noch in die Plastiktüte kommen. Warum sollte das nicht auch bei anderen Kunststoffprodukten klappen? Brüssel sollte hier mit Ideen nicht zu schüchtern sein. Eine Abgabe auf nicht-wiederverwertbaren Plastikmüll, wie jetzt von Haushaltskommissar Oettinger angedacht, kann da durchaus hilfreich sein.

Wobei auch bei diesem Thema - im Unterschied zu unseren Weltmeeren - eins glasklar ist: Plastikmüll lässt sich nur europaweit bekämpfen. Viele Unternehmen lechzen geradezu nach EU-weiten Regeln, damit sie endlich wissen, woran sie sind. Wieder so ein Beispiel, bei dem sich erweist: Gebe es die Europäische Union nicht – man müsste sie erfinden.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk