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StartseiteBüchermarktDie Fabulierlust des Franzobel09.10.2005

Die Fabulierlust des Franzobel

Buch der Woche: "Das Fest der Steine oder Die Wunderkammer der Exzentrik"

Mit unbändiger Erzählfreude jagt der österreichische Autor Franzobel die Leser durch seine "Wunderkammer der Exzentrik" und verliert dabei allzu oft den roten Faden einer durchgehenden Handlung. Franzobel ist ein ernster Schelm, legt falsche Fährten, schlägt Haken, und sprengt mit Respektlosigkeit und im übermütigen Bewusstsein seiner schöpferischen Freiheit jeden Erzählzusammenhang sprengt.

Von Michaela Schmitz

Der Autor Franzobel in jungen Jahren bei der Verleihung des Ingeborg-Bachmann- Literatur-Preises im Jahr 1995 (AP Archiv)
Der Autor Franzobel in jungen Jahren bei der Verleihung des Ingeborg-Bachmann- Literatur-Preises im Jahr 1995 (AP Archiv)

Nu, begrüßt uns ein jüdischer Zwerg aus Kattowitz in Franzobels "Fest der Steine". Danny Milchmann nennt er sich. Wirres Zeug redet er: von Nazis, israelischem Geheimdienst, Buenos Aires, Entführungen, fliegenden Menschen, Orgien, Patagonien und dem Diskus von Phaistos. Ihm, prahlt er, sei es gelungen, sein Geheimnis zu lüften. Denn er besitze telepathische Kräfte. Nu, fragt sich der Leser, wo sind wir denn hier gelandet? Aber schon hat der kleinwüchsige Erzähler seine Zuhörer fest im Griff. Und lenkt ihre Aufmerksamkeit auf Oswald Mephistopheles Wuthenau, die Hauptfigur des Romans. Ein Riese. 160 Kilo schwer. Heil, brüllt er, der Hitleranhänger mit chronischer Verstopfung. Ein Fleischfresser ist er. Einer, der nie genug bekommen kann. Ein Gargantua mit Riesenbauch. Nu, wundert sich der Leser, ist das hier ein Riesenmärchen? Und fragt sich:

" Wie es weitergeht? Also gut. Warum wird man fett? (...) Warum wächst ein Bauch? Weil der Bauch die sentimentalste, melancholischste Körperstelle ist? Eine Mole, wo die Heimat anlegen kann, wenn sie angetrieben kommt. Wuthenaus Bauch war fest und aufgetrieben wie ein Schildkrötenpanzer. (...) Aber wozu? Ist der Bauch bloß eine großkotzige Großmannssucht (...)? Oder ist er ein verzweifelter Versuch, sich Heimat anzuessen, der abgetrennte Teil von einem selbst? (...) Ist der Körper der Ort des Verdrängten, der alles aufsaugt, das Unterbewusste auswächst (...)? (...) Wenigstens Oswald war in seinem Inneren ungeschützt. Was immer er zeit seines Lebens unternommen hatte, alle seine Eskapaden und Exzentrizitäten waren im Grunde nichts anderes als ein Überspielen dieser Unsicherheit, dieser Angst (...), noch einmal vor Tante Millis Tür gestellt zu werden. Der Bauch war sein Panzer. Der Bauch samt practikal jokes, Zynismus und seiner Nazikruste hielt alles auf Distanz, sogar die Angst."

Der Gigant von bedenklicher Gefräßigkeit ist also ein sensibler Koloss. Ein Heimatloser. Woher kommt er? Und wer ist Tante Milli?

Das und noch einiges andere phantastische Zeug verrät uns der Zwerg in abenteuerlich verdreht erzählten Geschichten. Unglaublich, aberwitzig und haarsträubend. Eine, wie bei Rabelais, mit skurill-weitschweifigen Überschriften versehene monströse Flut von Eskapaden, Exkursen, Anekdoten, Sprachorgien und Spielparodien. Ein Riesen-Spaß von komischen, grotesken und absurden Einfällen, die jeder Nacherzählung spotten. Versuchen wir es dennoch:

Oswald Mephistopheles Wuthenau wächst im Zweiten Weltkrieg bei der Mutterschwester Tante Milli in Wien auf und wird auf nationalsozialistischen Schulen erzogen. Ossi verschlägt es als junger Mann nach Argentinien. In Buenos Aires wartet aber nicht nur das versprochene Erbe von Großvater und Edelholzhändler Urwaschl auf ihn, sondern auch eine übel riechende Gefängniszelle. Vor der Entlassung des Unschuldigen prophezeit ihm ein indianischer Wahrsager die baldige Hochzeit. Und tatsächlich trifft er kurz darauf seine zukünftige Gattin Gucki samt Schwiegervater Franz Schwammenschneider. Ossi war dabei, als der an chronischem Durchfall leidende Schwammerl im "Bauch von Wien" von Zugführer Kaysalek verdroschen wurde. Vorsehung oder Zufall? Unwichtig. Denn Franzobels "Wunderkammer der Exzentrik" hält weit Erstaunlicheres bereit. Aber erstmal heiratet Wuthenau, bekommt einen Sohn und macht in der Zementfabrik von Direktor Schwammerl Karriere. Währenddessen häufen sich die seltsamsten Zufälle. Kaysalek ist in Buenos Aires. Außerdem Ossis erste Leidenschaft, die Wiener Hure Madlen. Und Horst Billig, eine jüdische Kriegsbekannschaft. Aber damit nicht genug. Denn: "Jetzt wird es wüscht". Immer mehr Figuren tauchen auf. Ein Panoptikum von Umbanda-Priesterinnen, perversen Kriminalassistenten, geflügelten Engeln, erotischen Liftführerinnen, Transvestiten, genialen Idioten und dauererigierten Feschaks. Sie begegnen sich auf Rummelplätzen, in Gefängniszellen, Freudenhäusern, Narrentürmen, Unterwelt-Höhlen, auf Friedhöfen und an magischen Wasserfällen. Nichts wird ausgelassen. Keine der sieben Todsünden, mit denen die Kapitel des Buches überschrieben sind: Völlerei, Wollust, Neid, Zorn, Stolz und Habgier. Nur Trägheit ist durch Traurigkeit ersetzt. Die Figuren suchen einander, lieben, morden und quälen sich, driften auseinander und kommen wieder zusammen. Und es wird noch wüster: Opfer und Täter fallen schließlich im ultimativen Höhepunkt, der "geilen Keilerei", übereinander her, um sich in einer ausschweifenden Orgie kollektiv zu vereinigen. Und zum Abschluss einen von ihnen, Tarek Wassertrüdinger, ein Überlebender des Lidice-Massakers, auf bestialische Weise zu steinigen. Versprochen: "Jetzt wird es wüscht". Monströs, brutal, derb geschlechtlich, und drastisch fäkalisch. Nu, möchte sich der Leser entsetzt abwenden, das ist jetzt aber etwas zu arg.

Aber schon hat Zwerg Danny wieder seine telepathischen Fühler ausgestreckt und zwingt zum Weiterlesen. Der Leser muss gehorchen. Auch "zum Gehorchen", so Orgienteilnehmer Ricardo Klement, alias Adolf Eichmann, "braucht man Charakterfestigkeit." Und schließlich schwimmen alle auf der braunen Ursuppe. Ob sie wollen oder nicht. Ein Erbe, dem man nicht entgeht, wie der in Argentinien untergetauchte, für die Endlösung verantwortliche Nazi-Technokrat weiß. Denn:

"Die Dinge sind aus dem Ruder gelaufen. Persönlich hatte ich nichts gegen Juden, nichts, ich war nie ein Antisemit. (...) In meinen Träumen sehe ich mich im Gerichtssaal sitzen und schwören, ich habe niemals jemanden umgebracht. Nie habe ich an einen einzigen Hand angelegt. (...) im Kriege gibt es nur eines, gehorchen. (...) Ich musste gehorchen. Gehorchen ist eine Form von tun. "

Und: "Was getan werden muss, muss getan werden," so der Eichmannsatz zum Massaker von Lidice.

Tarnung, weiß Friedrich, Wuthenaus missratener Sohn, ist das Wichtigste im Leben. Damit man die Angst nicht sieht und niemand dahinter kommt, was für einen Namen, was für eine Bestimmung man da mit sich schleppt. Sich hinter seinem Bauch verstecken, wie Ossi, und brüllen: "Scheiße! Kurs halten! Das Schicksal annehmen und Schwamm drüber! Nicht zerbrechen!" Nicht nachdenken. Nicht über Onkel Hans, der sich als kleiner Garagenbesitzer an den Nazis eine goldene Nase verdient hat. Wer ist eigentlich schuldig? Was heißt da Moral? Gibt es Sünde überhaupt? Sind nicht alle Opfer? fragt Schwammerl in seiner Todesvision. Eine Erleuchtung, in der ihm klar wird:

" Man wähnt sich ein Leben lang an dem Punkt, wo man aufgebrochen ist, obwohl man längst fortgetrieben worden ist. Weißt du, jetzt sah er Oswald an, (...) du glaubst, du bist ein Künstler, ein österreichischer Freidenker? Alle Österreicher sind so stolz auf ihr Österreich (...). (....) Österreich ist ein schönes Land (...). Und doch erschrickt man, weil man überall auf Leute trifft, die mit dem Nazitum hausieren, Nazidadaisten überall, (...) Und du? Du bist (...) ein Vorzeigenazidadaist, ein Transvestit von Nazi und eine Travestie von Dadaist. Es hängt von den Eltern, von Freunden oder sonst wem ab, auf welche politische Seite es wen schlägt. Hätte der Kaltenbrunner nicht zum Eichmann gesagt: Kommst zu uns, wir haben's lustig, wer weiß, wohin es ihn getrieben hätte. Nein, das ist keine freie Entscheidung, aber was er dort dann macht, das kann und muss jeder selbst entscheiden, daran muss er sich messen lassen, ob er ein Mensch oder ein Arschloch ist."

Ach was! Kurs halten! ist Wuthenaus Devise, der niemals etwas werden, aber immer etwas sein wollte. Während andere an der Vergangenheit interessiert sind, an ihrer Herkunft, geht es Oswald um Stammbaumerfindungen. Bis sie sich im Nichts auflösen: seine Phantasien von adeliger Abstammung, vom geglückten Nachwuchs, von ungebrochener Karriere und Erfolg. Er ist ein Kuckucksei. Ein Verbrecher-Sohn. Ein Verlierer. Plötzlich ist die Angst da. Soll er sich, wie Alois Gründler, vor der Apokalypse in einen Bunker verkriechen? Oder wie Umbanda-Priesterin Madlen in den Okkultismus flüchten? Wie Zellen-Genosse Ramelow schon zu Lebzeiten ein eigenes Mausoleum errichten? Oder wie Ramelow-Gattin Deliah seinen Kummer in Weihwasser ertränken? Doch was, wenn die Endzeitvision nicht eintrifft, die Utopie des Gleichgewichts der Kräfte in einer Ersatzreligion versagt, die Grabstätte zur Tourismus-Attraktion wird und selbst das heilige Wasser nicht mehr hilft? Nichts, Leere, Horror Vacui. Der Tod. "Relativ? Nichts ist relativ" angesichts des Todes, hören wir den Inspektor aus dem Off. "Auch der Tod ist relativ", kontert ein anderer. Und der Dritte zieht das paradoxe Fazit: "Relativ relativ ist subjektiv objektiv." Trotzdem: Wenn man stirbt, ist es vorbei mit der Relativität. Dann ist man objektiv erledigt. Das Ende des Scheins. Das muss im Sterben auch Transvestit Lorena erkennen:

" Der Wandel geschieht abrupt. Übergänge gibt es nicht. Es ist wie das Ja oder Nein in einer Bank, wenn man fragt, ob die Kreditkarte noch gültig ist. Der Raum wird Zeit und umgekehrt. Und jemand, der sich immer wandeln wollte, der die Maskerade liebte, ist trotz aller Übung ob des Wandels genauso überrascht. Denn wer kann mehr als Gott? Der Bankbeamte schüttelt nur den Kopf und grinst, nein, leider, die Kreditkarte kann man nicht nehmen. (...)
Nein, gilt nicht mehr. (...) Nichts. Denn wer kann mehr als Gott? Man bekommt kein Geld, hat keine Potenz, ist ungültig. Es ist vorbei, der Dauersteife schlaff. Der Wandel ist vollzogen. Schweiß bricht aus, aus Raum wird Zeit, aus Sprache Schweigen und aus Leben Tod."

Letztlich lebt jede dieser zahllosen Figuren in ihrer eigenen Verrücktheit. In ihrer eigenen Ersatzrealität. Sucht einen Ausweg zurück nach vorn. Ins verlorene Paradies. In den Urzustand. Zurück zum Ei. Daher ihre drastisch gelebte Körperlichkeit. Die Durchfälle und Verstopfungen, die monströse Geschlechtlichkeit, die Dauererektionen und Fleischskulpturen als Lustersatz. Denn hinter aller Logik, hinter allen Werten stehen, so Nietzsche, "physiologische Forderungen". Und umgekehrt: Das Verlangen nach Kunst und Schönheit ist das indirekte Verlangen nach den "Entzückungen des Geschlechtstriebes". Daher also der Drang zurück in den Mutterkuchen, folgert Zwerg Danny in seinem Exkurs über postmoderne Philosophie. Die Herkunft zu erforschen hieße nach Nietzsche, "Physio-Psychologie" zu betreiben. Die Suche nach dem Ursprung, muss deshalb zwangsläufig über den Körper erfolgen. Den Bauch. Denn, so Michel Foucault "Von der Subversion des Wissens": "Dem Leib prägen sich die Ereignisse ein (...). Am Leib löst sich das Ich auf (...). die Genealogie (...) muss zeigen, wie der Leib von der Geschichte durchdrungen ist und wie die Geschichte am Leib nagt." Genau das ist der Grund, so der jüdische Zwerg, warum man dem Antisemitismus rational nicht beikomme: Weil er direkt im Bauch entsteht. Eine Bauchkrankheit, nur auf Bauchebene zu nähern. In Bauchhöhlen wie in Wuthenaus dickem Wanst entstehen sie. Die generationen- und kontinentalübergreifenden Lebensmuster. Sich schicksalhaft wiederholend in der ewigen Wiederkehr des Immergleichen.

Und Erlösung? Bleibt sie Utopie? Ragen wir, wie Danny fühlt, einsam mit dem Kopf voran in die Unendlichkeit des Weltraums? Oder gibt es Rettung? Vielleicht in einer sinnlichen Religion. Eine religiöse Sinnlichkeit, von der Schwammenschneiders kurz vor ihrem schrecklichen Unfall träumen:

"- Das Universum ist ohne Ende und doch begrenzt. Es verschlingt sich selbst so wie beim Liebemachen, ist innen und außen zugleich, was wir nie verstehen. Alles, was wir sehen, ist eine sternenklare Nacht, ein immer gleicher Mond. (...)

- Ich weiß nicht, sagte Schwammerl, ob ich an Gott glaube oder nicht. Ich glaube an das Leben, an das Fließen, an die Schöpfung. Vielleicht ist Gott ja eine Energie, die alles antreibt? (...) Was eigentlich, Sophia, ist für dich der Sinn des Lebens?

- Glücklich werden, äh, glücklich sein!, schoss es aus ihr, um gleich zu relativieren, dass das zu einfach sei. Ganz in meinem Körper wohnen und das Leben selbst, den Alltag, mit Unendlichkeit beseelen.

Und Schwammerl (...) fühlte sich auf einmal glücklich, fühlte, dass diese einzigartige Lähmung seines immer auf Ausgewogenheit bedachten Lebens, dieses seltsame Nichthandeln, dem er nur bei der Emigration und der Wassertrüdinger-Geschichte kurz entkommen war, nun zu Ende war. Er fühlte, dass seine ewige Angst vor Durchfall (...) nicht mehr weiterginge, dass er nun leben könnte, leben wie noch nie. (...)

Und wie sich Bopi leicht verwundert zu ihm hinbeugte, (...) gab es einen Knall, (...) spritzten Splitter aus der Windschutzscheibe, (...) kippte Schwammerl mit dem Kopf auf das Lenkrad (...)."

Kein Happy End also. Kein Gleichgewicht. Kein Versprechen. Nur der ewige Wunsch nach einem Gott, die endlose Suche nach dem Vater: "Ein Reiter will ich werden, wie auch mein Vater einer war", hören wir Kaspar Hauser aus dem Off. Und das feixende Echo aus dem Nichts: "Auf di werdns grod woartn".
Nu, sagt Danny, der Zwerg aus Kattowitz, damit sind wir fertig. Es ist nichts geblieben. Nu, sagt er, denkt an Mama, und stirbt. Lässt den verwirrten Leser mit dem rätselhaften "Fest der Steine" und dem unaufgelösten Geheimnis des Diskus von Phaistos allein. Nu, damit sind wir fertig.

Das ist ein starkes Stück! Denkt der Leser, und lehnt sich, vom hypnotischen Zwang befreit, erschöpft zurück. Nachdem er, oft genug weit über seine Nervenkräfte hinaus, durch die "Wunderkammer der Exzentrik" und ihre ausufernde Handlung getrieben worden ist. Traktiert von einer Sprachwut, in der sich eine überwältigende Flut von Nuancen, Neuschöpfungen, Wiener Dialekt, Redensarten und Sprichwörtern über den Leser ergießt. In ein menschliches Panoptikum und die monströsesten Ausschweifungen, schockierendsten Skurilitäten und Blasphemien, absurdesten Verrücktheiten, derbsten Schoten und plattesten Kalauer. In dem Franzobel mit seiner unbändigen Erzählfreude den roten Faden einer durchgehenden Handlung allzu oft verliert oder verwirrt. Mit der Ironie eines Erzählers, dem das äußere Geschehen wenig bedeutet. Franzobel ist ein ernster Schelm, ein Falsche-Fährten-Leger, ein Haken-Schläger, der mit Respektlosigkeit und im übermütigen Bewusstsein seiner schöpferischen Freiheit jeden Erzählzusammenhang sprengt. Einer, der sein Spiel treibt. Mit der Geschichte. Mit der Sprache. Mit dem Leser. Einer, dem man nicht übel nehmen kann, wenn er übers Ziel hinausschießt. "Aber geh!" hören wir Schwammerls Stimme aus dem Off, "Wer viel verliert, findet auch viel. Das hat alles seine Logik."

Denn bei Franzobel liegen absurde Farce, messerscharfer Realismus und philosophische Genealogie eng beieinander. Die offene und bewegliche Form ist überschäumende Fabulierlust, aber auch Methode. Weil sie die parallele Darstellung einer Unmenge genauestens recherchierter politischer, sozialer und religiöser Zeiterscheinungen und komplexer physio-psychologischer Prozesse erlaubt. Mit allem gebotenen Ernst und der notwendigen Ironie, versteht sich. Lachen ist allemal das beste Heilmittel für kranke Zeiten. So Rabelais, dessen gigantisches Werk "Gargantua und Pantagruel" in Franzobels "Fest der Steine" sein postmodernes Gegenstück gefunden hat. Denn Franzobels Roman ist gleichermaßen riesenhaft: in der Maßlosigkeit des Anspruchs, im Ideenreichtum, der Abenteuerlichkeit der Verknüpfungen, in der Übertreibung und der Sprachgewalt. Ein Erzähl-Riese und ein Riesen-Buch, an dem so leicht keiner vorbeikommt. Süffig und sperrig, klar und verrätselt, ein Riesen-Spaß und schockierend traurig. Kurz: Franzobels "Fest der Steine" ist unnachahmlich. Und was kann man von einem Roman mehr behaupten?

Franzobel: Das Fest der Steine oder Die Wunderkammer der Exzentrik. Zsolnay 2005. 649 Seiten, 24,90 Euro

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