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StartseiteBüchermarktDie fiktive Aufbereitung ausgewählter Fakten23.02.2010

Die fiktive Aufbereitung ausgewählter Fakten

Gerold Frank, Sheilah Graham: "Die furchtlosen Memoiren der Sheilah Graham". Eichborn Verlag

Sheilah Graham war die Geliebte von F. Scott Fitzgerald. Sie war aber auch eine der berühmtesten Klatschkolumnistinnen Hollywoods. Und so enthalten ihre Memoiren nicht die volle Wahrheit, sondern sind bloß der Wirklichkeit entlehnt - wie sie auch selber freimütig zugab.

Von Sacha Verna

Sheilah Graham und F. Scott Fitzgerald begegneten sich erstmals 1937. (AP Archiv)
Sheilah Graham und F. Scott Fitzgerald begegneten sich erstmals 1937. (AP Archiv)

"Sollte man sich überhaupt an mich erinnern, dann wegen Scott Fitzgerald", hat Sheilah Graham einmal über sich gesagt. Damit hatte die Frau zum Teil recht. Aber nur zum Teil. Denn an Sheilah Graham, geboren 1904 im englischen Leeds, gestorben 1988 in Palm Beach, Florida, erinnerte sich zumindest der Nachrufschreiber der New York Times auch wegen ihrer 35 Jahre währenden Karriere als berühmteste Klatschkolumnistin Hollywoods. Die Information über Grahams Liebesaffäre mit F. Scott Fitzgerald lieferte der Autor zwar schon im zweiten Absatz seines Artikels nach. Doch hatte für die Verbreitung dieser Tatsache Sheilah Graham schon selber gesorgt.

"Beloved Infidel" hieß ihr autobiografischer Roman im Original, der nun unter dem Titel "Die furchtlosen Memoiren der Sheilah Graham" auf Deutsch erschienen ist. Er wurde 1958 zu einem Bestseller und sogar verfilmt, mit keinen Geringeren als Gregory Peck und Deborah Kerr in den Hauptrollen. Zudem verfasste Sheilah Graham später drei weitere Bücher über ihre Beziehung mit jenem Mann, der 1940 einige Tage vor Weihnachten in ihrem Wohnzimmer an einem Herzinfarkt starb.

Sheilah Graham und F. Scott Fitzgerald begegneten sich erstmals 1937 an einer Verlobungsfeier in Hollywood. Es war Sheilah Grahams Verlobungsfeier. Sie wollte demnächst nach England zurückkehren und einen Adligen ehelichen. Daraus wurde nichts, und stattdessen aus Graham und Fitzgerald ein Paar, was sie bis zu Fitzgeralds Tod auch blieben. Von dieser Zeit handelt die zweite Hälfte dieses Buches. In der ersten Hälfte schildert die Autorin das, was dem vorausgegangen war – nämlich die Erfindung der Sheilah Graham.

"Mein wirklicher Name ist Lily Sheil, ein Name, der mich bis zum heutigen Tag in einem Ausmaß entsetzt, das ich nicht zu erklären vermag." Mit diesem Paukenschschlag eröffnet Sheilah Graham ihre "furchtlosen Memoiren". Im Folgenden erklärt sie sehr wohl, weshalb ihr beim Klang ihres Taufnamens noch immer "der kalte Schweiß" ausbricht: Er steht für ihre Kindheit in den Slums von London, für Jahre im Waisenhaus, für Anstellungen als Hausangestellte, Zahnbürstenverkäuferin und Revuetänzerin, für einer Ehe mit einem viel älteren Mann. Lily Sheil hat sich im klassischen Sinn aus der Gosse hochgearbeitet, wobei diese Arbeit vor allem im geschickten Einsatz ihrer Schönheit und ihrer Intelligenz bestand.

Als sie 1933 mit 100 Dollar und einem Rückfahrbillett in der Tasche, von dem sie keinen Gebrauch zu machen gedachte, in Amerika ankam, war die Verwandlung der Lily Sheil in Sheilah Graham schon so weit fortgeschritten, dass sie dem Leiter des bedeutendsten Pressesyndikats des Landes mehrere eigene Artikel vorlegen konnte und prompt einen Job bei einer New Yorker Zeitung landete. Drei Jahre später war sie in Hollywood, und 1964 wurden ihre Bissigkeiten über die Stars und Sternchen der Traumfabrik in 178 Zeitungen gedruckt. Sie hatte eine eigene Radio- und eine Fernsehshow.

Und F. Scott Fitzgerald? Die dreieinhalb Jahre, die sie mit ihm verbrachte, waren geprägt von Fitzgeralds Kampf gegen den Alkohol, von seinen Selbstzweifeln und Geldsorgen. Aber auch, so Sheilah Graham, von echter Leidenschaft. Sie zeichnet das Bild einer prekären Idylle: Fitzgerald entwirft für Sheilah Graham einen Lehrplan, damit sie die Bildung nachholen kann, nach der sie sich so lange vergeblich gesehnt, deren Mangel sie so verzweifelt zu verbergen versucht hat.

Gemeinsam studieren sie die Evangelien und Darwin, Cervantes und Joyce. Sie verbringen Monate fernab des gesellschaftlichen Rummels in Häusern, die Sheilah Graham für sie findet. Sie nehmen größten Anteil an der Arbeit des jeweils anderen. Von Zelda Fitzgerald, die in einer Irrenanstalt, und der Tochter Scottie, die in einem Internat untergebracht ist, weiß Sheilah Graham von Anfang an. Fitzgerald wiederum kennt die wahre Geschichte der Sheilah Graham.
Die wahre Geschichte? Die kennt am Schluss natürlich niemand außer Sheilah Graham. Und diese verhehlt nicht, dass sie dem Leser in ihren "Memoiren" nicht die Wahrheit präsentiert, sondern die fiktive Aufbereitung sorgfältig ausgewählter Fakten.

Dass der Autorin bei der Niederschrift Gerold Frank zur Hand gegangen ist, von dem unter anderem Biografien von Zsa Zsa Gabor und Judy Garland stammen, trägt zur Glaubwürdigkeit dieses Werks nicht unbedingt bei. Doch ist Glaubwürdigkeit in diesem Fall auch nicht das Ziel. Dies ist der Roman eines Lebensabschnitts, oder besser, disparater Lebensabschnitte, routiniert und unterhaltsam dargestellt. Man sollte ihn genießen wie einen guten Hollywoodfilm: als zweidimensionale und eben deshalb vergnügliche Version einer vermutlich viel zu komplizierten, weil mehrdimensionalen Vorlage. Und über Hollywood wusste Sheilah Graham nun wirklich Bescheid.

Sheilah Graham/Gerold Frank: "Die furchtlosen Memoiren der Sheilah Graham. Ein autobiografischer Roman". Aus dem Englischen von Hans Hennecke. Die andere Bibliothek im Eichborn Verlag, Frankfurt a.M. 2010. 380 Seiten. 52 Franken/32 Euro.

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