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StartseiteInterview"Die fünf Euro sind ein Tropfen auf den heißen Stein"07.06.2012

"Die fünf Euro sind ein Tropfen auf den heißen Stein"

Versicherungsexpertin über den Gesetzentwurf zur Förderung privater Pflegeversicherungen

Es bestehe eine große Lücke zwischen den gesetzlichen Leistungen der Pflegeversicherung und den tatsächlichen Kosten, sagt die Versicherungsexpertin Susanne Meunier. Eine private Pflegeversicherung könnten sich nur Leute mit hohem Einkommen leisten. Dies ändere auch ein staatlicher Zuschuss von fünf Euro pro Monat nicht.

Susanne Meunier im Gespräch mit Tobias Armbrüster

Die staatliche Pflegeversicherung deckt nicht alle Kosten ab, die entstehen, wenn ältere Menschen auf Kranken- oder Altenpfleger angewiesen sind.  (AP)
Die staatliche Pflegeversicherung deckt nicht alle Kosten ab, die entstehen, wenn ältere Menschen auf Kranken- oder Altenpfleger angewiesen sind. (AP)

Tobias Armbrüster: Das Bundeskabinett hat sich gestern auf einen Gesetzentwurf für eine Förderung von privaten Pflegeversicherungen geeinigt. Hintergrund dafür: Die staatliche Pflegeversicherung deckt bei Weitem nicht alle Kosten ab, die entstehen, wenn ältere Menschen auf Kranken- oder Altenpfleger angewiesen sind. Deshalb soll es nun ab dem kommenden Jahr für die private Zusatzversicherung einen staatlichen Zuschuss von fünf Euro im Monat geben. Am Telefon ist jetzt Susanne Meunier, sie ist Redakteurin bei der Zeitschrift "Finanztest" und Versicherungsexpertin. Frau Meunier, was glauben Sie, sind diese fünf Euro monatlich Anreiz genug?

Susanne Meunier: Die fünf Euro sind ein Tropfen auf den heißen Stein, denn wenn man sich anschaut, wie groß die Lücke ist, die jetzt bei den gesetzlichen Leistungen im Vergleich zu den tatsächlichen Kosten ist, dann wird man sehr viel drauflegen müssen, um eben hier eine Lücke zu schließen mit einem privaten Tarif, und das können sich nur Leute leisten, die sehr viel Geld verdienen.

Armbrüster: Was kosten denn solche privaten Zusatzversicherungen?

Meunier: Das hängt davon ab, welche Art von privater Zusatzversicherung man macht und welche Leistungen man vereinbart. Wir hatten zum Beispiel vor etwas über einem Jahr die Pflegetagegeldversicherung untersucht, um die geht es ja hier, die soll gefördert werden, Und da haben wir beispielsweise für 55-jährige Frauen, die eine Leistung bei der Pflegestufe Eins von 750 Euro monatlich haben wollen, 75 Euro im Monat gehabt. Und wir Männer, die zahlen im Augenblick noch weniger, die mussten 55 Euro zahlen, für eine Leistung zwischen 468 bis 1050 Euro. Wenn man allerdings schon 65 Jahre ist, dann muss man mit dem Doppeltem rechnen. Und die Tarife werden sich durch Unisex ab dem 21. Dezember, da kann man damit rechnen, dass es sich noch einmal verändert, wahrscheinlich eher teurer wird.

Armbrüster: Können Sie denn eigentlich zu solchen Zusatzversicherungen raten?

Meunier: Prinzipiell ist es gut, wenn man Vorsorge trifft. Natürlich ist das sinnvoll, das in jungen Jahren schon zu beginnen. Aber es gibt natürlich sehr viele Lebensrisiken, die die Menschen inzwischen absichern müssen. Also neben der, natürlich, Altersvorsorge müssen sie natürlich dafür sorgen, dass die Familie abgesichert ist, mit einer Risikolebensversicherung, dass ist selbstverständlich und Privathaftpflicht. Aber eben auch die Altersvorsorge, da müssen sie was drauflegen, mit der gesetzlichen reicht es nicht. Es ist auf jeden Fall wichtig, die Berufsunfähigkeit dafür Vorsorge zu treffen, denn in der gesetzlichen gibt es ja diesen Berufsunfähigkeitsschutz für die ab 1961 geborenen nicht mehr, das ist immer voranging. Und wenn dann noch Geld darüber hinaus da ist, natürlich sinnvoll Pflegezusatzversicherung, aber das können nur Leute bezahlen, die ausreichend verdienen.

Armbrüster: Was glauben Sie, wer wird so etwas in Anspruch nehmen?

Meunier: Was in dem Entwurf drinsteht, das ist sinnvoll, es soll einen Annahmezwang geben, die Versicherer sollen jeden nehmen müssen. Das ist erstmal prinzipiell gut, denn im Augenblick ist es so, dass auch Leute, die eben schon gesundheitliche Probleme in der Vergangenheit hatten, vielleicht überhaupt gar keinen Vertrag für die Pflegezusatzversicherung bekommen. Das soll mit diesen geförderten Verträgen nicht mehr möglich sein, das ist gut. Allerdings, das Problem dürfte eben weiter bestehen, dass es relativ viel kostet, das abzusichern.

Armbrüster: Sie meinen also, wenn die Versicherer sowieso jeden nehmen müssen, dann werden sie den Preis für diese Versicherung hochtreiben, weil unter den Versicherten dann auch viele sein werden, die möglicherweise relativ bald diese Pflegeversicherung in Anspruch nehmen?

Meunier: Das ist zumindest zu befürchten. Wir wissen natürlich nicht wie diese Tarife sich entwickeln. Auf jeden Fall sind fünf Euro vergleichsweise wenig um sozusagen diese Pflegelücke zu schließen.

Armbrüster: Können wir dann davon ausgehen, dass das hier tatsächlich so ein bisschen Klientelpolitik ist? Dass die FDP hier versucht hat, vor allem besser Verdienenden eine zusätzliche Versicherung zu geben, Leuten, die es ohnehin sich gut leisten können und außerdem der Versicherungswirtschaft ein Geschenk zu machen?

Meunier: Das sieht natürlich so aus, weil eben, na klar, die Versicherungswirtschaft dadurch mit ihrem Produkt der Pflegetagesgeldversicherung in den Fokus gerückt wird und das eben wahrscheinlich doch viele Leute das machen werden und Verträge abgeschlossen werden. Und das bedeutet natürlich für die Versicherungswirtschaft zusätzliche Einnahmen. Wir müssen abwarten wie diese Verträge dann aussehen, aber es ist natürlich auch sinnvoll, die auch gesetzliche Pflegeversicherung zu überdenken und hier Verbesserungen zu überlegen und dass ist eben dann im Solidarsystem, sozusagen, es beteiligen sich alle, und solche Überlegungen sind bestimmt noch viel sinnvoller.

Armbrüster: Susanne Meunier war das, Versicherungsexpertin bei der Zeitschrift "Finanztest". Vielen Dank für Ihre Einschätzung, Freu Meunier.

Meunier: Danke auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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