Dienstag, 12.12.2017
StartseiteAus Kultur- und Sozialwissenschaften"Postfaktisch" - Wort des Jahres 201615.12.2016

Die gefühlte Wahrheit"Postfaktisch" - Wort des Jahres 2016

Im November erklärte die britischen Wörterbuchreihe Oxford Dictionaries "Post-Truth" also "postfaktisch" zum Wort des Jahres. Die Gesellschaft für Deutsche Sprache schloss sich dem in der vergangenen Woche an. Postfaktisch, das bedeutet, dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen eine Entwicklung von der Wahrheit zur "gefühlten Wahrheit" gibt.

Von Ingeborg Breuer

"Postfaktisch" ist "Wort des Jahres" 2016. (dpa / picture alliance / Susann Prautsch)
"Postfaktisch" ist "Wort des Jahres" 2016. (dpa / picture alliance / Susann Prautsch)
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Und das Internet dient dabei als Beschleuniger der Desinformation. Jeder, der sich für befugt hält, kann seine Sicht auf die Realität, aber auch bewusste Falschmeldungen an die Öffentlichkeit bringen und wird Tausende finden, die ihm in seinen Ansichten folgen.

Doch was bitte ist "das Faktische", das vom Postfaktischen verleugnet wird? Ist nicht jede vermeintliche Wahrheit eine Interpretation der vorliegenden Realität? So jedenfalls die These sogenannter postmoderner Denker, die seit Jahrzehnten den intellektuellen Diskurs bestimmen.


"Es heißt ja, wir lebten neuerdings in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sondern folgen ihren Gefühlen."

Angela Merkel war eine der ersten, die das Wort benutzte. Das war im September. Da wusste kaum jemand, was das war – postfaktisch!  Doch – auf einmal – sprachen alle davon.

"Es gibt ein neues Wort. Meine Damen und Herren: Postfaktisch!"

"Jetzt haben wir die Zeit des Postfaktischen, es tauchen Politiker auf, die keine vernünftigen Lösungen mehr präsentieren."

"Postfaktisch. Das ist angekommen in der Mitte der Gesellschaft.  Benutzen Sie das Wort! Wenn Sie nicht genau wissen, was das ist: das ist eigentlich so’n bisschen doof."

"Dass Fakten im Sinne von bewiesenen Evidenzen nicht mehr den Lauf der Dinge beeinflussen"

Im November erklärte die britische Wörterbuchreihe Oxford Dictionaries "Post-Truth" also "postfaktisch" zum ‚Internationalen Wort des Jahres‘. Und die Gesellschaft für Deutsche Sprache schloss sich dem in der vergangenen Woche an. Auch sie kürte "postfaktisch" zum ‚Wort des Jahres‘. Und was bedeutet es nun? Der Medienethiker Prof. Alexander

Filipovic von der Hochschule für Philosophie in München versucht eine Erklärung:

"Meines Erachtens meint das, dass Fakten im Sinne von bewiesenen Evidenzen nicht mehr den Lauf der Dinge beeinflussen, sondern das Gefühle, Vermutungen, Gerüchte eher den Lauf der Dinge beeinflussen."

Claus Leggewie, Professor für Politikwissenschaft und Leiter des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen formuliert es drastischer:

"Dass es bestimmte Leute gibt, die uns belügen oder sagen wir bescheißen, wie ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat oder ein österreichischer oder eine französische. Dafür hat ein amerikanischer Philosoph, Harry Frankfurter, einen Begriff geprägt. Der hat gesagt, dass ist Bullshit, da gibt es ein Buch drüber, das hört sich ein bisschen brutal an, Bullenscheiße."  

Der Blogger und Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo sah übrigens schon den amerikanischen Wahlkampf 2012 geprägt von "post-truth-politics", einer wahrheitsunabhängigen Politik, in der Meinungen und Tatsachen verschwimmen. Er erläuterte das so:

"Man verfolgt nicht im Sinne der Aufklärung eine Information über die Welt, wie sie wirklich ist, sondern man versucht sich nur die Teile der Realität rauszusuchen, die einem wirklich in den Kram passen und alles andere blendet man aus."

Zu boomen begann das Wort aber zur Zeit des Brexit-Referendums und des Wahlkampfs von Donald Trump. Auch Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan oder Vertreter der AfD sind schon mit dem Attribut "postfaktisch" versehen worden. Und was in sozialen Netzwerken verbreitet wird ist eben auch oft - post-faktisch! - Zur Wahrheit erklären, was einem gerade in den Kram passt. Z.B.: wir sparen Milliarden beim EU-Austritt und stecken das Geld in den Gesundheitsfond! Der Klimawandel ist eine Erfindung der Chinesen! Es gibt keine russischen Besatzungstruppen auf der Krim! Alexander Filipovic erläutert:

"Das was wir im Kontext von Brexit erlebt haben oder wie Trump agiert hat, da gibt es doch Zeichen, dass Leute sich überhaupt nicht mehr von wissenschaftlich bewiesenen Fakten beeinflussen lassen …   und eher auf der Suche sind nach denen, die ihre Emotionen, ihre Gefühle aufnehmen und dann umsetzen."

"Es geht nicht um die reine Statistik, sondern es geht darum, wie das der Bürger empfindet …"

so der Berliner AfD-Spitzenkandidat Georg Pazderski nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus  im September 2016. In der "Elefantenrunde" wurde er gefragt, warum seine Partei nie erwähne, dass 95 -98 % der Migranten in Deutschland friedlich lebten:

"Im Englischen gibt es ein schönes Wort, das heißt, Perception is Reality, also, was man fühlt ist Realität. Wir dürfen nicht über die Angst der Bürger hinweggehen."

Gefühlte Wahrheiten und Wahrheitsverdrehungen - insbesondere in Wahlkämpfen - sind nichts Neues

"Gefühlte"  Wahrheiten seien wichtiger als Fakten, die durch Statistiken belegt werden, so die Aussage. Ein weiterer Indikator für eine "postfaktische" Politik? Nun sind gefühlte Wahrheiten und Wahrheitsverdrehungen - insbesondere in Wahlkämpfen - nichts Neues. Zur ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl 1990 versicherten CDU-Spitzenpolitiker, dass die Steuern zur Deutschen Einheit nicht erhöht werden. Vor der Bundestagswahl 2005 versprach der damalige Kanzler Gerhard Schröder , die SPD werde nicht an der Mehrwertsteuer-Schraube drehen. 2009 beteuerte Guido Westerwelle, er werde einen Koalitionsvertrag nur unterzeichnen, wenn darin ein niedrigeres und gerechteres Steuersystem aufgeschrieben worden ist. Alle Beteuerungen blieben uneingelöst.

"Natürlich wird gelogen, in Wahlkämpfen wird gelogen."

Prof. Wolf Jürgen Schünemann, Politikwissenschaftler an der Uni Hildesheim

"Wenn Sie sich Wahlkampfkommunikation anschauen, dann ist das, was auf der einen Seite  als Überzeugung und als Argument beginnt, durch die Zuspitzung in der Kampagne wird es zur Halbwahrheit und kommt auf der anderen Seite als Lüge an. Wenn ich das vieldiskutierte Beispiel mit den 350 Milliarden, die nach dem Brexit in den National Health Fond gehen in Großbritannien, handelt es sich hier um eine Lüge? Es handelt sich zunächst einmal um ein legitimes Argument der Brexetiers, dass die EU-Mitgliedschaft Geld kostet und dass bei einem harten Brexit dieses Geld freigesetzt würde. Dabei ausklammernd viele Folgewirkungen, die  die Rechnung auch wieder verändern können. Nun ja, das ist dann ne Zuspitzung, ne Vereinfachung und kann so nicht eingelöst werden."

Für Claus Leggewie haben allerdings die heutigen Vereinfachungen eine andere Qualität:

"Ich sage den Menschen, die Renten sind sicher oder 2008, die Finanzkrise wird euch nicht treffen, wohlwissend, dass ich das nicht sicher sagen kann, ich würde das als Notlüge bezeichnen, die  oft sogar angebracht ist. Denn was wäre gewesen, wenn Merkel und Steinbrück sich nicht hingestellt hätte und gesagt hätte, euer Geld ist sicher? Was heute passiert, was in totalitären Regimen geschieht, ist die systematische Verfälschung von Wahrheiten, das systematische Leugnen von Wirklichkeit. Was wir im Augenblick erleben mit dem Postfaktischen, das ist eine Massenpsychose. Wenn, Millionen von Menschen behaupten, dass das was in der Tagesschau läuft Unsinn ist, nicht stimmt, dass es Teil einer politischen Manipulationsabsicht ist, dann ist das eine Massenpsychose."

Claus Leggewie sieht sich in seinen Analysen in Übereinstimmung mit Hannah Arendt. Die Philosophin beschrieb schon 1955, dass totalitäre Propaganda darauf basiere, dass "Massen an die Realität der sichtbaren Welt nicht glauben, sich auf eigene, kontrollierbare Erfahrung nie verlassen, … und darum eine Einbildungskraft entwickeln", die sich von Tatsachen nicht länger überzeugen lässt. Ist also das Phänomen des Postfaktischen der Vorbote eines neuen Totalitarismus, wie Leggewie damit nahe legt? Oder ist seine Position die eines hochmütigen Vertreters des 68er-‚Establishments‘, der mit der Deutungsmacht des angesehenen Politologieprofessors Trump- und AfD-Sympathisanten zu Idioten erklärt.

"Die Massen reagieren pathologisch, ich meine das mit der Psychose ernst. Die Massen sind verrückt, wenn ich einem Milliardär der Steuern hinterzogen hat, der ein Unternehmen nach dem anderen vor die Wand gesetzt hat, wenn ich dem glaube, dass er Amerika wieder groß machen wird, wenn ich das wirklich glaube, gegen alle Evidenz, dann bin ich ein pathologischer Fall."

Warnung: Missliebigen politischen Ansichten von rechts nicht das Etikett einer quasi pathologischen Realitätsverdrehung anhängen

Wolf Jürgen Schünemann warnt dagegen davor, missliebigen politischen Ansichten von rechts das Etikett einer quasi pathologischen Realitätsverdrehung anzuhängen. Und gar eine "Post-Truth-Era", also ein Zeitalter des Postfaktischen auszurufen.

"Mich stört eben sowohl dieser Epochenbegriff als auch die Stoßrichtung in der es in diesem Jahr verwendet wurde. Ich sehe die Neuerung nicht. Ich sehe die Verunsicherung. Und diese Irritation wird dadurch aufgelöst, das war auch früher nicht anders, dass man die andere Meinung jetzt in ein anderes Licht setzt und sich damit erhebt. Auf der einen Seite stehen Vernunft und richtige Informationen und auf der anderen Seite stehen nur Emotion und Missinformationen. Ich kann auch aus persönlicher Bindung an das europäische Projekt oder aus einer europäischen Perspektive auf den amerikanischen Wahlkampf die Irritation verstehen. Aber ich bin nicht bereit mich in dieser Weise zu erheben und das umzumünzen zu diesem Totschlagargument. Übrigens ähnlich wie der Populismusbegriff, der in vielen Verwendungen ein Kampfbegriff ist."

Zudem, so Wolf Jürgen Schünemann weiter, stelle sich die Frage, was eigentlich "das Faktische" sei, das dem "Postfaktischen" gegenüber gestellt werde? Ist doch seit einigen Jahrzehnten der intellektuelle Diskurs stark von der postmodernen Idee geprägt, dass jede Wahrheit nur Ausdruck eines "Dispositivs" sei. Das heißt, es gebe keine Fakten, sondern nur kulturell geprägte Interpretationen von Ereignissen.

"Wann bitte sehr lebten wir in diesem faktischen Zeitalter und was ist das Faktische? Wenn wir suchen, dann werden wir in den Zeiten der Postmoderne nicht fündig werden. Postmoderne und postfaktisch, das Anerkennen  postmoderner Gewissheiten und das Erstaunen über das postfaktische Zeitalter passen nicht gut zusammen."

Dass Fakten auch im herkömmlichen öffentlichen Diskurs umstritten sind, erkennt man an jeder Diskussion um Gentechnik, Atomkraft oder die regelmäßig erscheinenden Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung. Und wie ist der Umgang mit Fakten zu bewerten, wenn z.B. in Schweden Kriminalfälle, an denen Flüchtlinge – sowohl als Täter als auch als Opfer - beteiligt sind, mittels des "Code 291" unter Verschluss gehalten werden? Wenn in Deutschland über den Mord an einer Freiburger Studentin, der mutmaßlich von einem afghanischen Flüchtling begangen wurde, in der Tagesschau zunächst nicht berichtet wurde? Herrscht auch hier vielleicht nicht der reine ‚Wille zum Faktischen‘? Sondern möglicherweise die Idee der politischen Korrektheit oder die wohlmeinende Intention, Ressentiments gegenüber Flüchtlingen und Migranten nicht weiter zu schüren. Die Gegenöffentlichkeit diffamiert das als "Lügenpresse":

"Ich glaube, dass die Post-Truth–Politik ziemlich eng mit sozialen Medien zusammenhängt." 

so Internet-Analytiker und Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo.

"Da entsteht eine Gegenöffentlichkeit mit sehr vielen Menschen, die von vielen Leuten und vielen Wählern glaubwürdiger wahrgenommen wird als die traditionellen, die redaktionellen Medien."

Das Netz ist voller gefühlter Tatsachen, die sich in Windeseile verbreiten

Mit dem gefühlten Verlust der Glaubwürdigkeit der Medienberichterstattung kommt es zur Bildung einer Art von Gegenöffentlichkeit, die ihren eigenen Gefühlen freien Lauf lässt. Das Netz ist voller gefühlter Tatsachen, die sich in Windeseile verbreiten.

Wolf Jürgen Schünemann: "Heute haben wir eine Vielzahl von Informationskanälen und in der Tat Bürgerinnen und Bürger, die bewusst sagen, was in den etablierten Medien verbreitet wird, das schau ich mir gar nicht mehr an. Ich hab da meinen Blog so und meinen  Facebook-Account mit Freunden, die mich mit Nachrichten versorgen und mit meinen Feeds, die ich abonniert habe und das sind meine Nachrichtenquellen."

Dass Menschen Gleichgesinnte suchen, mit denen sie ihre Welt-Bilder teilen können, ist kein neues Phänomen. Die sogenannten K-Gruppen, die chinafreundlichen Kommunisten der 70er Jahre schwadronierten damals sozusagen postfaktisch vom Sieg im Volkskrieg. Sie leben in ihrer eigenen Realität, hieß das damals. Doch heute, meint Alexander Filipovic, habe diese Realität sich immens verfestigt:

"Die  Verfestigungstendenzen sind noch ein bisschen dynamischer heute Auf der ganzen Welt findet man Gleichgesinnte, es sind nicht nur 10 oder 5, sondern plötzlich 2 oder 3000 in so einem Forum oder einer Gruppe. Man kann sagen, ja  die Tendenz, dass sich Echokammern bilden, befördert eher so etwas wie eine Postfaktizität, wobei das immer ein Schlagwort ist, d.h. dass Wahrheiten immer weniger eine Rolle spielen."

In den sogenannten "Echokammern" des Internets umgeben sich Menschen mit Gleichgesinnten. Sie sind z.B. Mitglied in einer Facebookgruppe,  posten ihre Likes und Kommentare, aufgrund derer Facebook Informationen sucht, die dazu passen. Der Spiegel-Journalist Jan Fleischhauer schilderte vor einigen Wochen, wie die Welt aus einer solchen Perspektive aussieht. Er hatte sich unter anderem Namen einen  Facebook-Account zugelegt und Freundschaftsanfragen an AFD-Politiker gerichtet. Er bekam - FilmClips über arabische Jugendliche, die auf ‚Einheimische‘ einschlugen. Nachrichten, dass ein Kiosk in Neuss auf Druck von Muslimen nur noch Hühnchen-Spieße statt Bockwurst verkaufe. Und  Schockbilder  von Tieren, die geschächtet wurden. In den sozialen Netzwerken werden Nachrichten "personalisiert" nach dem Motto: wir zeigen Ihnen, was Sie noch interessieren könnte und unterdrücken, was Sie garantiert nicht sehen wollen.  Singles zeigt man keine Hochzeiten, Hundefreunden keine Katzenbilder, schreibt Fleischhauer. Und AfD-Wähler werden von positiven Nachrichten über Flüchtlinge verschont. Für Alexander Filipovic bedeutet das: Wir sind nicht nur im postfaktischen, sondern ebenso im "postredaktionellen" Zeitalter angekommen. Und noch andere sagen: im Zeitalter des "Postexpertentums".

"Die These von der ‚postredaktionellen Gesellschaft‘, die ist ja eigentlich mal ne Utopie gewesen, dass man nicht mehr journalistische Redaktionen braucht, sondern dass alle Journalisten sind und gleichberechtigt an der Verteilung und Weitergabe von Information beteiligt sind. … Das hat sich ins  Gegenteil verkehrt, bzw. die Auswirkungen sind, dass sich keiner mehr Gedanken macht über das verantwortliche Weitergeben von  Informationen. Das hat man z. B. bei dem Amoklauf in München gesehen, was passiert, wenn alle ungefiltert die Bilder durchs Netz schicken, Videoaufnahmen ins Netz stellen oder Gerüchte kommuniziert werden, am Stachus wird geschossen. Das führt zu wahnsinnigen Dynamiken von Unsicherheiten, denen kaum noch beizukommen ist."

Politikwissenschaftler: Suchmaschinen personalisieren ihre Suchergebnissen, indem sie speziell auf die eigenen Vorlieben zugeschnitten sind

Doch nicht nur die sozialen Netzwerke, so Wolf Jürgen Schünemann, Politikwissenschaftler an der Uni Hildesheim, filtern die Realität im Hinblick auf die eigene gefühlte Wahrheit. Sondern auch Suchmaschinen personalisieren ihre Suchergebnissen, indem sie speziell auf die eigenen Vorlieben zugeschnitten sind.

"Da steckt Code dahinter, die sind programmiert und die bedienen unsere Nutzungserwartungen. … Ich sehe Facebook bei der Grundidee soziales Netzwerk fast unproblematischer als die Suchmaschine. Die Suchmaschine versorgt viele Menschen kommt direkt nach der Tagesschau, bei jüngeren sogar vor der Tagesschau. Letztlich ist Google der Informationslieferant. Diese undurchschaubaren Algorithmen sind problematisch, die Aufbereitung von News und der Suchen sind personalisiert, dessen sind sich viele Nutzer nicht bewusst und hier sehe ich ein Problem, wenn wir das nicht durchschauen oder verunmöglichen, dass wir in eine informationelle Unmündigkeit hineinkommen."

Der "Digital News Report 2016" der Nachrichtenagentur Reuters kam in einer groß angelegten Studie in 26 Ländern zum Ergebnis, dass 64 % der jungen Menschen zwischen 18 und 24 ihre Nachrichten hauptsächlich online und 28 % vorwiegend durch soziale Netzwerke erhalten. Nur 24% dagegen gaben das Fernsehen als Hauptinformationsquelle an. Und Print-Medien wurden von gerade einmal 6 % genutzt. Schlittern wir also in eine Welt der Echokammern und Filterblasen, in der die zentralen Informationsräume der Wahrheits- und Meinungsbildung zunehmend erodieren? - Immerhin sind die jungen internetaffinen ‚Digital Natives‘ offensichtlich nicht die Avantgarde der postfaktischen Welt und ihrer Repräsentanten.  55% der Menschen zwischen 18 bis 29 stimmten in den USA für Clinton, nur 37 % dagegen für Trump. Und in Großbritannien waren die jungen Wähler überwiegend für den Verbleib in der EU und nicht für den Brexit. Die sozialen Netzwerke können eben auch ein Medium der Weltoffenheit sein, gibt Wolf Jürgen Schünemann zu bedenken:

"Wenn es um die sozialen Medien geht, ist es so, dass aufgrund der Vielzahl sogenannter Weak-Ties, die über Facebook und andere soziale Medien erzeugt werden, also lockere Bindungen. Da ist jemand mit mir befreundet, den ich vor 20 Jahren mal kannte, letztlich darüber, dass ich dessen Timeline wahrnehme, dessen Nachrichten und das, was er teilt, womit ich dadurch gerade konfrontiert werde. Während in meinem Offline-Bekannten-Kreis, Leute, mit denen ich Tennis spiele, mit denen ich ins Theater gehe oder in den Schützenverein, dass ich mich da unter Gleichgesinnten viel eher bewege."

Rückt an die Stelle des Faktums das "Faktoid"

Ein unklares Bild. Leben wir zunehmend in einer Welt, wie der Physiker und Philosoph Eduard Kaeser unlängst in der Neuen Züricher Zeitung schrieb, in der an die Stelle des Faktums das "Faktoid" tritt? Gespeist statt durch Vernunft durch lautstarke Gefühle, die sich in der Echokammern des Internets wie digitale Flächenbrände ausbreiten? Oder sind die sozialen Netzwerke nur die Stammtische des digitalen Zeitalters, in dem auch die hirnrissigste Meinung den überschaubaren Raum des Wirtshauses verlässt? Vielleicht ist die Grenze, die zwischen der faktischen und der postfaktischen Welt verläuft, weniger eine von Wahrheit und Unwahrheit als eine der Zivilisiertheit. In der einen Welt bleiben Emotionen wie Angst oder Hass weitgehend ausgeschlossen, manchmal bis hin zur überbordenden politischen Korrektheit. Und die andere Welt will diese Gefühle schüren, um sich politisch durchzusetzen. Allerdings ist auch die faktische Welt von Gefühlen bestimmt, aber mehr von den freundlichen.  Angela Merkels "Wir schaffen das" war ein Appell an die Gefühle der Deutschen. Ob dieser Satz zum Faktum wird, wird erst die Zukunft zeigen. Die Kanzlerin  jedenfalls lässt sich ihr Gefühl nach wie vor nicht nehmen. So im September 2016:

"Ich habe das absolut sichere Gefühl, dass wir aus dieser zugegeben komplizierten Phase besser herauskommen werden, als wir in diese Phase hineingegangen sind."

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