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StartseiteKultur heuteDie geheime Revolution11.04.2009

Die geheime Revolution

Sprachentwicklung und Kulturtransfer im Iran

Der Iran ist ein junges Land: Rund 70 Prozent der Iraner sind unter 30. Ihr Einfluss auf die persische Sprache – und damit auch auf Irans Kultur – ist nicht zu unterschätzen. Sogar ein Wörterbuch der Jugendsprache gibt es - allerdings nur noch unter der Hand. Denn die Konservativen möchten auch die Sprache frei von modernen Einflüssen halten.

Von Stephanie Rohde

Sprache als Widerstand. (Stock.XCHNG / Jessica Purviance)
Sprache als Widerstand. (Stock.XCHNG / Jessica Purviance)

Teheran an einer Straßenkreuzung, ein Jugendlicher spricht "Jugendsprache". Übersetzung: "Schau mal die Tussi an, wie hot/heiß die ist! Das ist das Geilste!"

Dies ist kein normales Persisch, diese Jugendlichen sprechen eine "Geheimsprache" wie es der Autor Mohammadi Samaai nennt. Seit einiger Zeit kursiert sein Buch auf Straßen nahe der Universität Teheran. Eigentlich ist es vergriffen und nur unter der Hand zu kaufen. Der iranische Sprachwissenschafter Manucher Amirpur verfügt über ein Exemplar und erklärt, welche Bewandtnis es mit dem Titel hat:

"Die haben merkwürdigerweise dieses Wörterbuch das Wörterbuch der Geheimsprache genannt. Es gibt schon seit alters her sehr viele Geheimsprachen im Iran. Jede Schicht hat für sich eine eigene Sprache gehabt und da die Jugendlichen Wörter sagen, die von den Erwachsenen nicht verstanden werden, glauben sie sagen zu müssen, dass dies auch eine Geheimsprache ist. Viele haben, wie ich höre, dagegen protestiert überhaupt so ein Wörterbuch zu schreiben und es dann Geheimsprache zu nennen."

Problematisch ist das "Wörterbuch der Geheimsprache", weil es die Jugendsprache in offizielles Persisch übersetzt. Damit werden Jugendliche der Möglichkeit beraubt, sich sprachlich von den Erwachsenen abzusetzen, so die Kritiker. Einige junge Iraner empfinden das Wörterbuch als kleinen Verrat. Andere hingegen haben bereitwillig an dem Projekt mitgewirkt. Mehr als 800 Jugendliche zwischen 18 und 28 Jahren haben dem Herausgeber Samaai ihren Wortschatz zur Verfügung gestellt, um die umgangssprachlichen Wörter systematisch zu sammeln.

So wurden viele Ausdrücke in einer für den Iran sehr typischen Kategorie zusammengetragen: In der Kategorie "Probleme mit der Sicherheit und den Sittenwächtern". Ebensolche Sittenwächter bezeichnen die Jugendlichen wegen ihrer grünen Kleidung und ihrer mitunter stacheligen Schlagstöcke als Kaktus. Viele dieser Teheraner Jugendlichen schreiben selbst auch Weblogs. In den Internettagebüchern erzählen sie von ihren Sorgen, verraten Geheimnisse und kritisieren die Politik. In der islamischen Republik brechen sie damit nicht nur inhaltliche sondern auch sprachliche Tabus:

"Das ist ein neues Phänomen eigentlich, bis jetzt hatten wir so etwas nie gehabt, denn die Jugendlichen kamen normalerweise nie zur Sprache, das heißt sie haben zwar mündlich versucht, die Sprache zu verändern, aber schriftlich kamen sie ja gar nicht zu Wort, denn in den Zeitungen und anderen Medien waren ja nur diejenigen, deren Sprache so ausgebildet war, dass sie Angst hatten, überhaupt eine Veränderung daran vorzunehmen."

Mit mehr als 700.000 Internettagebüchern beeinflussen meist jugendliche Weblogger die persische Sprache, indem sie nicht nur einzelne Wörter sondern auch den gesamten Satzbau verändern. Die bislang nur gesprochene Jugendsprache hält Einzug in die Schriftsprache des Internets. Auch weil zwei Drittel der Iraner unter 30 Jahre alt sind, befürchten konservative Kulturpolitiker, die persische Sprache könnte durch die junge Generation "negativ" beeinflusst werden. Um diese Entwicklungen im Blick zu behalten gibt es seit der Revolution im Iran die sogenannte "Dritte Akademie für persische Sprache und Kultur". Eine Gruppe ausgewählter Literaten, Sprachpfleger und Sprachwissenschaftler entwerfen für englische Wörter wie beispielsweise "Software" neue persische Ausdrücke ("narmafzar"). Den Sprachpflegern ist daran gelegen, das Persische von fremden Einflüssen rein zu halten, Sprachwissenschaftler hingegen plädieren für die englischen Einflüsse:

"Diesen Streit zwischen Sprachwissenschaftlern und Sprachpflegern gibt es sehr heftig im Iran. Indem die Sprachpfleger dagegen immer protestieren, dass die alte schöne persische Sprache verunstaltet wird, ... die Sprachwissenschaftler sind der Meinung: lasst die Sprache sich entwickeln, man kann keine Sprache verunstalten, denn es gibt keine reine Kultursprache."

Wenn sich die Sprachpfleger bemühen, dass Persische frei von englischen Einflüssen zu halten, geht es ihnen nicht nur um Wörter, sondern auch um Gedankengut.

Doch die Übernahme von westlich geprägten Konzepten wie beispielsweise Homosexualität konnten die Wissenschaftler der Sprachakademie nicht verhindern. Seit wenigen Jahren ist das englische Wort "gay" ein fester Bestandteil der Jugendsprache geworden, ein Wort und auch ein Konzept, das ältere Iraner nicht verstehen. Im Gegensatz zu dem persischen Wort "hamjensbaz" was zu Deutsch bedeutet "dem gleichen Geschlecht gegenüber offen" ist "gay" kaum negativ konnotiert.

In solchen Fällen muss sich die dritte Akademie der Erkenntnis beugen, dass man Sprache für das Volk nicht am Schreibtisch entwerfen kann. Es scheint, dass die junge Generation ihre kleine Revolution in den Seitenstraßen bereits begonnen hat.

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