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Die Geister der ungeborenen Kinder

Buch der Woche: Mo Yan: "Frösche", Hanser Verlag

Von Martin Zähringer

Der Schriftsteller Mo Yan bekam 2012 den Literaturnobelpreis
Der Schriftsteller Mo Yan bekam 2012 den Literaturnobelpreis (picture alliance / dpa)

Der chinesische Schriftsteller Mo Yan reflektiert in seinem Roman "Frösche" die Geburtenpolitik Chinas. Hauptfigur ist eine Frauenärztin, die sich streng an die Ein-Kind-Politik hält, später jedoch von ihrem Gewissen eingeholt wird.

Seit über dreißig Jahren befasst sich Mo Yan in seinen Werken vor dem Hintergrund der geschichtlichen Entwicklung mit dem Schicksal der Chinesen. Seine große Stärke ist die Variation, der Schauplatz ist immer Nordost-Gaomi in der Provinz Shandong, wo der Autor selbst aufgewachsen ist. Viele seiner meist bäuerlichen Figuren tragen Züge realer Personen, realsozialistische Helden der Bauernmacht sind sie aber nicht. Im Gegenteil, sie sind vollauf damit beschäftigt, sich gegen die Zumutungen der Macht zur Wehr zu setzen, und oft geht es ums nackte Überleben.

In wechselnden Rollen, Masken und Formationen zieht Mo Yans episches Romanpersonal vom Ende des Feudalismus in das Zeitalter der Globalisierung. Und weil sich nicht nur die Rollen und Masken der Figuren verändern, sondern die Darstellung selbst dem Wandel der Zeit unterworfen ist, liefert Mo Yan kein ungebrochenes oder gar heroisches Geschichtsbild. Alles bewegt sich in einem ausufernden Roman fleuve, in dem Autoren, Erzähler und Dichter aller Art untrennbar Teil von Geschichte, Stoff und Handlung sind. Der Leser kann und soll sehen, wie sie mutig jene "heiklen Themen" anfassen, oder auch feige die Finger davon lassen.

Im Roman "Frösche" ist das heikle Thema die Bevölkerungspolitik der Kommunistischen Partei Chinas. Die Geburtenregelung nach chinesischem Modell hat eine entscheidende Bedeutung für das Verständnis chinesischer Politik, wie Mo Yan im Nachwort schreibt. Für deutsche Leser wäre also dieser Roman ein exklusiver Zugang zu weiteren Zusammenhängen. In China liegt die Debatte schon länger in der Luft:

Mo Yan: "Viele berühmte Politiker, Wissenschaftler und Vertreter der Wirtschaft schreiben kritische Aufsätze zu diesem Thema, in den Medien wird es heiß diskutiert. Im Internet ist die Erörterung dieser Fragen noch lebhafter. Es ist zu beobachten, dass eine Erforschung der Fakten der Geburtenpolitik in den vergangenen dreißig Jahren, eine Aufarbeitung der Folgen, ein Hinterfragen der Vorfälle längst im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehen."


Weiter führt Mo Yan aus, dass die Bedingungen für die Durchführung der Geburtenpolitik nicht mehr gegeben sind. Reformpolitik, die Politik der Öffnung und der Wechsel der kollektiv geführten Wirtschaft zur Privatwirtschaft hätten neue Voraussetzungen geschaffen. Und im Zuge der heute für alle Bauern bestehenden Bewegungsfreiheit wäre eine Kontrolle sowieso unmöglich. In diesem Sinn gibt es eine klare politische Empfehlung des Schriftstellers Mo Yan: Man sollte heute klar einsehen, dass die Politik der Geburtenplanung nicht mehr durchführbar ist:

"Die Bauern auf dem Land können frei den Ort wählen, an dem sie ein Kind zur Welt bringen lassen möchten, ob es nun die eigene Frau zur Welt bringt oder jemand anderes, sie können es auch heimlich tun. Natürlich gilt das auch für die Frauen, für die verheirateten und die nicht verheirateten. Die Reichen und die bestechlichen Regierungsbeamten nutzen gern die Möglichkeiten, Bußgelder zu zahlen, oder sie verlassen sich bei der Vermehrung ihres Nachwuchses auf Zweit- und Drittfrauen. Unverhohlen und nach persönlichem Belieben bringen die Chinesen heutzutage überzählige Kinder zur Welt, um der Familie männliche Nachkommen zu schenken oder um einen Erben für ihr Familienunternehmen zu haben, damit das Vermögen in der Familie bleibt."

In dieser Phase der Geschichte befindet sich die chinesische Gesellschaft heute. Und hier endet auch Mo Yans Briefroman über die Geburtenpolitik der Kommunistischen Partei Chinas. Er beginnt in der Epoche ihres Anfangs und umspannt - wie der zeitgleich entstandene Monumentalroman "Der Überdruss" - die letzten sechs Jahrzehnte in der Volksrepublik. Das Konzept des Romans funktioniert so: Ein fiktiver Theaterautor in Peking schreibt einem japanischen Kollegen über mehrere Jahre hinweg Briefe. Er bereitet ein Theaterstück über eine berühmte Frauenärztin aus seiner Heimatprovinz Nordost-Gaomi vor. In den Briefen will er sich vorab mit dem Thema des Stückes auseinandersetzen, vor allem aber seine eigene Rolle in der Geschichte klären. Er ist mit der Ärztin verwandt und hat persönliche Erfahrungen mit ihrer Durchführung der Geburtenpolitik. Das jahrelange Briefeschreiben ergibt letztlich vier große Epochenportraits, Teil fünf ist das angekündigte Theaterstück zum gleichen Thema mit dem Titel "Frösche".

Die Hauptfigur im Briefwechsel und im angehängten Drama ist eine Frauenärztin namens Gugu. 1953, im Alter von 17 Jahren tritt sie ihren Dienst als Hebamme an. Sie ist eine vorbildhafte Arbeiterin im Geist der kommunistischen Idee und erfüllt das Soll auch auf ihrem Gebiet. Bis zum Jahr 1957 hat sie bereits 1612 Entbindungen durchgeführt. Rabiat setzt sich die junge Frau mit den modernen Methoden der Geburtshilfe gegen die traditionellen Wehmütter durch. Und bald ist Gugu bekannt und beliebt als die eilige Hebamme von Gaomi. Aber auch als "Rotes Holz". Ein Holz, das vollständig mit der KP und dem Vorsitzenden Mao verwachsen ist. "Solange ich lebe", so Gugus Bekenntnis, "gehört mein Leben der Partei, nach meinem Tode gehört mein Geist der Partei".

Da passt es gut, dass die Geburtenpolitik in Maos China Chefsache ist. Und so wird die engagierte Gugu schon Anfang der 1960er-Jahre zur Leiterin der Gynäkologie in der Kommunenkrankenstation ernannt. Sie setzt moderne Standards, senkt die Säuglingssterblichkeit und fördert den Erfolg der staatlichen Geburtenpolitik. Bis es Ende 1965 zu einem sprunghaften Anstieg der Bevölkerung kommt. Jetzt erlebt das Neue China seine erste Kampagne zur Geburtenplanung, und die Parolen des Fortschritts schwirren auch durch Nordost-Gaomis Luft:

"Ein Kind ist gut, zwei Kinder sind korrekt, drei Kinder schlecht."
"Eine neue Epoche ist angebrochen! Mann und Frau sind gleich."

Armee- und Parteiangehörige sind ausnahmslos auf die Ein-Kind-Politik verpflichtet, die Bauern in Gaomi dürfen bis zu einem männlichen Stammhalter weitermachen, aber höchstens bis zum dritten Kind. Gugu kreuzt mit einem eigens für die Geburtenkontrolle ausgestatteten Patrouillenboot durch Nordost-Gaomi, Bordlautsprecher verkünden eine neue Wahrheit:

"Das ist ein Appell der Partei an das Volk! Eine Anordnung vom Vorsitzenden Mao. Das ist Staatspolitik! Der Vorsitzende Mao lehrt uns: Die Menschheit darf nicht unkontrolliert wachsen, sie soll Selbstbeschränkung üben und sich nur geplant vermehren."


Aber Gugus Ruhm als Geburtshelferin leidet, denn jetzt muss sie den Müttern von Gaomi direkt nach der Geburt des ersten Kindes eine Spirale einsetzen. Und wenn sich eine Frau ein sogenanntes "überzähliges Kind" leisten will und illegal schwanger wird, kommt es im äußersten Fall zur Zwangsabtreibung. Gugu bleibt sogar eisern, als eine Abtreibung in ihrer eigenen Familie fällig wird. Die Frau ihres Neffen, der Partei- und Armeeangehöriger ist, hat sich heimlich von ihrem Mann zum zweiten Mal schwängern lassen. Brutal setzt die Ärztin der jungen Frau zu und zwingt sie zu einer Abtreibung im sechsten Monat. Ein weiterer Sieg für die Partei, eine Niederlage für Gugu, denn die Frau überlebt die Abtreibung nicht. Der Witwer ist Gugus Neffe, der in diesem Roman als retrospektiver Erzähler mit leichter Neigung zum Verdrängen auftritt. Er kommentiert die Entwicklung so:

Es gab Leute, die verpassten meiner Tante nun den Spitznamen Lebender Höllenfürst Yama. Aber sie empfand es als Ehrung. Wenn die werdenden Mütter, die dem Reproduktionsmodell entsprechend schwanger geworden waren, bei ihr eine Niederkunft hatten, war sie respektvoll, brannte Weihrauch ab, reinigte sich, brachte das gewollte Leben möglichst sanft auf die Welt. Aber bei den unplanmäßig schwanger Gewordenen ging sie brutal vor – ihr ging kein überzähliges Kind durchs Netz! Sie kriegte alle zu fassen.


Gugu nimmt Familien in Geiselhaft und erpresst Nachbarn mit Planierraupe und Sturmkommando, wenn die so dumm sind, eine Geflüchtete zu verstecken. Sie setzt den Willen der Partei mit aller Macht und gnadenloser Härte durch. Zu dieser furchtbaren Genossin gehört die ihr ergebene Helferin Tinchi, genannt Kleiner Löwe. Dieser sprechende Name passt zu Tinchis Einsatzfreude, während die Bauernkinder im Roman oft nach Körperteilen benannt werden. Die Jungen heißen Nase und Backe, Hand und Zahn, die Mädchen Augenbraue und Ohr oder Lippe. Das wirkt beim Lesen zunächst etwas merkwürdig, ist aber für die allegorische Anlage der Figur Gugu entscheidend. Denn Gugu holt all diese Fragmente eines Gesamtkörpers auf die Welt, und sie selbst trägt den Namen Herz. Das harte, rote Holz Gugu als Herz des ganzen dörflichen Organismus? Die Kommunistische Partei Chinas als Herz der chinesischen Gesellschaft? Das ist selbst für den zunächst loyalen Erzähler ein ambivalentes Bildnis. Denn Gugu und die KP sind es doch auch, die Tausende von Kindern gegen den Willen der Mütter abtreiben. Und so ist es kein Wunder, dass dieser kollektive Namenskörper sich nie zu einem ganzen Menschen zusammensetzt. Oder gar zu einem Volkskörper. Stattdessen geht alles einem dekadenten Zerfall entgegen, und der Schriftsteller geht – nicht nur als Chronist der Ereignisse - mit.

Das ist in diesem Fall unser Erzähler und Briefeschreiber mit dem Künstlernamen Kaulquappe. Den Namen hat er sich in Peking zugelegt, er gehört zur zweiten Hälfte seines Lebens. Vor dem Wechsel in die Metropole und der Wandlung zum Theaterautor war Kaulquappe ein Armeeoffizier in Gaomi. In dieser offiziellen Funktion war er in das politische Geschehen jener Zeit verstrickt, und zugunsten der Karriere hat er seine eigene Frau ans Messer der Abtreibungsärztin Gugu geliefert. Dieser Schuld- und Verstrickungskomplex wird in den ersten vier Büchern des Romans aus Kaulquappes retrospektiver Sicht ermittelt. Naturgemäß ist das subjektive Erinnerungsprojekt dieses Erzählers sehr brüchig, aber die Schwächen des Mannes sind fatal und lassen sich nicht verbergen. Schon kurz nach dem Tod seiner geliebten Frau lässt er sich willenlos neu verheiraten:

Der Hochzeitstag wurde festgesetzt. Alles wurde nach Gugus Vorstellungen abgewickelt. Ich fühlte mich wie ein fauliges Stück Holz, das auf dem Wasser treibt. Ein Schubs, und ich bewegte mich.

Die neue Gattin des willenlosen Offiziers ist Gugus fleißige Helferin an der Abtreibungsfront. Das führt zu einem zweiten Verrat, denn in diese Frau ist sein bester Freund schon jahrzehntelang verliebt. Und so verbindet sich - in einer moralisch fragwürdigen Erzählerfigur - der große Bericht von Gugu und ihrer Zeit mit einer zaudernden Introspektion und Wahrheitssuche:

Im Wegrennen war ich schon immer gut. Ich bin wirklich ein willensschwacher Mann.

Umso größer steht Gugu vor seinen Augen. Sie ist der Wille in Person, sie ist das Symbol der Macht und das Signum ihrer Epoche:

Ich bin und bleibe bedingungslos parteitreue Kommunistin! Sogar während der Kulturrevolution habe ich dem Kommunismus nicht abgeschworen! Dann werde ich’s ja jetzt wohl auch nicht tun! Die Politik der Geburtenplanung muss sein. Wenn wir alle nach Lust und Laune Kinder kriegen lassen, sind es in einem Jahr dreißig Millionen mehr, in zehn Jahren dreihundert Millionen, und nach noch einmal fünfzig Jahren haben die Chinesen unseren Globus plattgemacht. Deshalb muss uns jedes Mittel recht sein, wenn es darum geht, die Geburtenrate zu senken. Nebenbei ist das Chinas Geschenk an die Menschheit.

Es wird ein teures Geschenk für die Chinesen. Die Bilanz der Geburtenpolitik wird im vierten Teil des Romans gezogen. Kaulquappe zieht wieder nach Gaomi, um die Erinnerungen und Bilder für sein Theaterstück aufzufrischen. Aber die Provinz hat sich sehr verändert. Wo früher ärmliche Flöße den Fluss hinuntertrieben, kreuzen jetzt Luxusliner, wo Eselskarren und Traktoren das staubige Straßenbild beherrschten, fahren jetzt Edelkarossen aus deutscher Produktion. Aus einem Dorf ist eine kleine Metropole geworden, und die Bauern Nase, Hand, Backe oder Zahn, früher einmal so etwas wie der noch unfertige Körper des kommunistischen Bauernkollektivs, sind jetzt vollständig auseinanderdividierte Kleinbürger und Kleinkriminelle, Bettler und Arbeitslose, Restaurantinhaber und Unternehmer, oder Froschfarmer. Diese Froschfarm hat es in sich.

Ihr Hauptgeschäft ist eine klandestine Leihmütterfirma. Betrieben wird sie von Backe, früher dafür bekannt, dass er den Frauen die von Gugu eingesetzte Spirale heimlich entfernte. Die Zeiten ändern sich, jetzt ist er zuständig für künstliche Befruchtung mit oder ohne Geschlechtsverkehr. So wird die hermetisch abgeriegelte Froschfarm das Symbol für die kapitalistische Wende im Land, wo die Neureichen und korrupten Kader ihre Zweit - oder Drittfrauen gebären lassen. Hier werden verarmte Mädchen und Frauen von Gaomi zu Leihmüttern degradiert, und Kaulquappe, seine Frau Kleiner Löwe und sogar Gugu spielen dabei eine unrühmliche Rolle, denn auch dieses schon ältere und leider kinderlose Paar wird Opfer der biologischen Macht des Kinderwunsches. Und dabei treiben auch sie haltlos in den Sumpf der neuen gesellschaftlichen Dekadenz.

Deren symbolische Antithese sind die Frösche. Frösche sind in diesem Roman die Botschafter einer neuen Moral, einer Moral im strikten Gegensatz zu Maos sozialrealistischer Heldenvision: gao da quan – stark, groß, perfekt. Das sind Mo Yans Frösche sowenig wie die Erzähler und Autoren, um die es in diesem Roman eben auch geht. Je prekärer deren Möglichkeiten werden, sowohl ihre eigene Wahrheit als auch die des politischen Prozesses zu erkennen, umso drastischer werden die Auftritte der Frösche. Von zentraler symbolischer Bedeutung ist dabei eine surrealistische Episode, eine wahrlich dämonische Szene: Eines Nachts wird Gugu auf dem Heimweg durch eine Sumpflandschaft von Fröschen überfallen. Tausende Frösche greifen an, sie wird praktisch von ihnen vergewaltigt und schafft es gerade noch, mit zerrissenem Rock zu flüchten. Und nun kommt Gugus Wende, sie beginnt mit der Einsicht in die Schuld:

Sie habe ja das Schreien der Neugeborenen immer so gern gehört! Für eine Frauenärztin ist der erste Schrei des Neugeborenen die schönste und bewegendste Musik auf der ganzen Welt! Aber in jener Nacht habe in dem Froschgesang Hass mitgeklungen. Das Schreien von Wesen, die ihrer Würde beraubt wurden, die in äußerster Bedrängnis sind, so habe es geklungen! Als wären es die Neugeborenen, an denen sie sich versündigt hatte, und deren Totengeister nun die Anklage erheben würden.

Hier bricht Gugus Weltbild zusammen. Als knallharte Materialistin wird sie mit einem mystischen Ereignis konfrontiert, dessen Echtheit sie nicht einmal bezweifelt: Dieser revolutionäre Froschangriff war real. Das ist Gugus Katharsis, jetzt wandelt sie sich zu einer metaphysisch Suchenden, die versucht, sich von ihrer Schuld reinzuwaschen:

Ich hatte davon gehört, dass man sein Karma doch noch ändern kann, wenn man sich einer sehr harten Praxis oder Prüfung unterzieht, so wie der schlangenköpfige Mahoraga, und ich wusste, dass ich mich gehäutet und auch meine Knochen ausgetauscht hatte.

Die gesellschaftliche Entwicklung in China aber folgt einem Gesetz, das sich wenig um die historische Schuld gegenüber den Opfern der Geburtenpolitik schert. Der Roman beschreibt detailliert, wie pragmatisch sich das heute abspielt. Wer reich oder mächtig ist, kann sich die Zwangsabgaben für die sogenannten "überzähligen" Kinder leisten - die Froschfarm ist überall. Nun ist das Thema der Korruption nichts Neues in den öffentlichen Foren der Volksrepublik China. Aber das kritische Verfahren der Literatur erschließt das Thema ästhetisch, und die Ästhetik findet hier durchaus einen neuen und sehr witzigen Code. Das Froschmotiv – weniger ironisch als aufmüpfig - erscheint in den verschiedensten Bedeutungsebenen. Mal ganz zufällig als kleines, lästiges Tierchen, das einem Wächter immer wieder auf den Schuh springt, mal als überdimensionierte Skulptur in der Froschfarm, dann wieder als Episode aus der Zeit des Großen Sprungs nach vorn. Das war die Hungerzeit, in der - wie Kaulquappe sich erinnert - Frösche zur Nahrung in der Not wurden, und Menschen - wie er verschweigt. Aber dieser Erzähler heißt nicht ohne Grund Kaulquappe, das Spiel der Frösche führt direkt zu den Fragen von Autobiografie und Fiktion.
MO YAN: Frösche. Roman. Aus dem Chinesischen übersetzt von Martina Hasse. Hanser 2013, 512 Seiten 24,90

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