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StartseiteBüchermarktDie Geschichte des Suhrkamp Verlages,27.06.2000

Die Geschichte des Suhrkamp Verlages,

Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2000, 342 Seiten, DM 30,-

Es ist kein gewöhnliches Verlagsjubiläum. Der 50. Geburtstag des Frankfurter Suhrkamp Verlags wird zelebriert, mit einem großen Festakt im Frankfurter Schauspielhaus, mit Lesungen quer durch die Republik, mit Reden, Feiern, Feierstunden. Dieser Verlag hat eben nicht nur erfolgreich Bücher herausgebracht und darunter auch schwierige theoretische Texte massenhaft verkauft, sondern das Bewußtsein der Deutschen über Jahrzehnte geprägt.

Martin Lüdke

Jetzt, rechtzeitig zum Jubiläum, ist eine - allerdings eher dröge - Verlagschronik erschienen: "Die Geschichte des Suhrkamp Verlags. 1. Juli 1950 bis 30. Juni 2000", 342 Seiten, gebunden und schmuck in einem silbernen Schutzumschlag eingeschlagen.

Eine ‘normale’ Besprechung dieses Buches ist allerdings nur mühsam möglich, auch deshalb, weil es sich nicht um ein normales Buch handelt. Gestatten Sie mir darum bitte eine eher persönliche Bemerkung.

Als ich Ende der fünfziger Jahre mit meinen Eltern aus der DDR nach Frankfurt kam, war der Suhrkamp Verlag bereits zur ersten Adresse der deutschen, überhaupt der modernen Literatur geworden.

1959 sind Uwe Johnsons "Mutmaßungen über Jakob" erschienen, und Ernst Blochs "Prinzip Hoffnung", nur ein Jahr später Peter Weiss "Der Schatten des Körpers des Kutschers", Martin Walsers Roman "Halbzeit" und von Max Frisch: "Stiller". Und dann, je älter ich wurde, Jahr für Jahr Bücher, die (nicht nur) für mich wie die Bibel waren, Enzensbergers "Einzelheiten", Adornos "Jargon der Eigentlichkeit", Herbert Marcuses frühe Aufsätze aus der Zeitschrift für Sozialforschung, die Arbeiten von Habermas, die Stücke Becketts, Hildesheimer, Günter Eich, Handke, Thomas Bernhard, usw., usw., und so fort.

Bei der Frankfurter Buchmesse galt die Einladung zu dem "Kritikerempfang" vom Suhrkamp Verlag im Hause Unseld als Ausweis der Nobilitierung, wer da war, der gehörte dazu. Was habe ich mich gefreut, als ich zum ersten Mal eingeladen wurde. Seite an Seite mit den berühmten Kollegen, und vor allem mit den berühmten Autoren des Hauses, Max Frisch, Martin Walser, Enzensberger, Hildesheimer, Peter Weiss, Uwe Johnson. Deren Bücher - das war mein Leben.

Aber in dieser jetzt erschienenen Verlagsgeschichte sind davon nur Spuren erkennbar. Es fängt gut an, mit Siegfried Unselds kleinem Porträt seines großen Lehrmeisters Peter Suhrkamp, das aber schon mehrere Male an anderer Stelle veröffentlicht worden ist. Ansonsten findet sich nur ein kommentierter Katalog. An sich wenig aufschlußreich und wohl nur den Suhrkamp-Lesern zu empfehlen, die - wie ich - mit der bloßen Nennung von Daten und Fakten persönliche Erinnerungen verbinden können.

Etwa: 1961 - Uwe Johnson: "Das dritte Buch über Achim". Das Vorbild zu dieser Figur gab der DDR-Fahrradrennfahrer Täve Schur ab, so etwas wie Jan Ullrich & Eric Zabel in einer Person. Jahr für Bücher, die geblieben sind.

Oder: die Gesamtausgaben, Werkausgaben, Neuübersetzungen. Proust und später Joyce. Robert Walser und Hermann Broch. Psychoanalyse und Kritische Theorie. Bibliothek und edition suhrkamp.

In der Verlagsgeschichte sind diese Sensationen hinter den bibliographischen Angaben eher versteckt als ausgestellt. Eben: eine Chronik. Daten, Fakten. Basta. Ein kurzer, lapidarer Brief, siebzehn Worte auf einer alten Schreibmaschine getippt, typisch für den Autor - damit fing diese beispiellose Erfolgsgeschichte in der deutschen Kulturgeschichte an. Geschrieben wurde der Brief in Berlin, am 21. Mai 1950:

"Lieber Suhrkamp, natürlich möchte ich unter allen Umständen in dem Verlag sein, den Sie leiten. Herzlichst Ihr Bertolt Brecht."

Das genügte. Brecht und, vor allem, Hermann Hesse, der seinen Verleger immer wieder zur Gründung eines eigenen Verlag gedrängt hatte, bekannten sich zum Suhrkamp Verlag. Peter Suhrkamp, noch immer von seinem KZ-Aufenthalt gezeichnet, schwer krank, hatte eigentlich schon resigniert und den ganzen Kram hinschmeißen wollen. Er war gewiß auch ein schwieriger, kompromißloser Charakter mit eigenen Vorstellungen, die sich in den zwölf Jahren der Nazi-Herrschaft eher noch gefestigt hatten. Den Auseinandersetzungen mit den Fischer-Erben fühlte er sich nicht mehr gewachsen.

Er aber war es, der den Fischer Verlag über das Dritte Reich hinweg gerettet, dabei seine Kraft und seine Gesundheit geopfert hatte.

Am 1. Januar 1933 war Peter Suhrkamp zum S. Fischer Verlag gekommen, zunächst um die Leitung der Redaktion der "Neuen Rundschau", der damals wohl einflußreichsten deutschen Kulturzeitschrift, zu übernehmen. Schon im Herbst 1933 wurde er in den Vorstand des Verlages berufen. 1936 mußten die Erben Samuel Fischers, weil sie Juden waren, Deutschland verlassen. Peter Suhrkamp erwarb treuhänderisch den Verlag und leitete ihn durch die Zeit des Dritten Reiches, von 1942 an unter dem, von den Nazis erzwungenen Namen, "Suhrkamp Verlag vorm. S. Fischer". Immer stärker geriet der Verleger unter Druck. 1944 schließlich wurde er, angeklagt wegen Landesverrat und Hochverrat, ins KZ Sachsenhausen eingewiesen. Hermann Kasack sagte später über diese Zeit:

"Suhrkamp "hat nichts getan, um sein privates Leben zu erhalten. Sein Handeln wurde durch die Aufgabe bestimmt, der er sich verpflichtet wußte. Aus der präzeptorischen Anlage seiner Natur entwickelte sich das Herrscherliche seines Wesens. Er war aus bäuerlichen Gnaden ein Edelmann, ein Herr. Daher das Unbeugsame seines Charakters. Ein Herr beugt sich nicht."

Im Dritten Reich konnten 443 Autoren, die zu sogenannten "unerwünschten Schriftstellern" erklärt worden waren, dennoch veröffentlicht werden. Fast ein Drittel davon, 123, sind allein im S. Fischer Verlag erschienen. Hermann Hesse zählte deshalb Suhrkamp mit Recht zum "geistigen Widerstand" Deutschlands. Bereits am 4. Oktober 1945 erhielt Suhrkamp, als erster deutscher Verleger überhaupt, eine Lizenz von der britischen Militärregierung für einen Buchverlag . Doch schon bald danach begannen die Auseinandersetzung mit den Erben Samuel Fischers. Siegfried Unseld schreibt in seinem Porträt Suhrkamps:

"Autoren und Mitarbeiter und insbesondere Hermann Hesse bestürmen ihn, auf die Verlagsarbeit nicht zu verzichten und den Verlag nicht zurückzugeben. Schließlich - die lange Geschichte ist gut bezeugt - kommt es zu einem Vergleich. 48 Autoren, die Suhrkamp wärend der Nazizeit in Deutschland publizieren konnte, dürfen votieren, ob sie im zu restituierenden alten S. Fischer bleiben oder von Suhrkamp in dessen neuem Suhrkamp Verlag verlegt werden wollen. 33 Autoren entscheiden sich für Suhrkamp, darunter und an erster Stelle Hermann Hesse. Zu ihm kommt Bertolt Brecht, und mit Werken und Rechten dieser beiden Autoren hat Suhrkamp die Basis für den am 1. Juli 1950 neu gegründeten Suhrkamp Verlag"

Zu den ersten Büchern des neuen Verlags gehören unter anderem:

Walter Benjamin: Berliner Kindheit um neunzehnhundert

Bertolt Brecht: Versuche

Max Frisch: Tagebuch 1946 - 1949

T.S. Eliot: Ausgewählte Essays

Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel

Hermann Kasack: Die Stadt hinter dem Strom

Die Grundzüge des späteren Programms, Klassische Moderne und Kritische Theorie, lassen sich hier bereits erkennen. Doch was - ohne ihn - daraus geworden wäre, ist schwer zu sagen.

Keine zwei Jahre nach der Gründung des Verlags, am 1. Januar 1952, beginnt der junge Germanist und Buchhändler Siegfried Unseld, der über Hermann Hesse promoviert hatte, auf Hesses Empfehlung seine Arbeit im Suhrkamp Verlag, als eine Art Assistent des Verlegers, zuständig auch für Werbung und Verkauf. Damals arbeiten insgesamt sechs Personen im Verlag. Keine hundert Bücher waren lieferbar. Unterdessen sind 12.711 Titel bei Suhrkamp erschienen, und lieferbar sind davon 6.554. Die Anzahl der Mitarbeiter beträgt 136. Und die Frage stellt sich: wie es das gekommen?

Peter Suhrkamp starb am 31. März 1959 in Frankfurt am Main. Siegfried Unseld war als Nachfolger bestellt und bereits persönlich haftender Gesellschafter des Verlages geworden. Seinem designierten Nachfolger hatte Peter Suhrkamp einige Ratschläge mit auf den Weg gegeben:

"Merken Sie sich eines: Jeder Autor, und sei er noch so jung, steht als schöpferische Persönlichkeit turmhoch über uns." Und:

"Versuchen Sie nie den Verlag so zu machen wie ich. Das können Sie gar nicht. Machen Sie den Verlag so, wie Sie es für richtig halten. Und wenn Sie dann noch Glück haben, dann wird’s gut."

Glück hat Unseld zweifellos gehabt, viel Glück. Aber, ebenso sicher, Geschick. Ein Gespür für den richtigen Bücher zur richtigen Zeit. Und die Durchsetzungsfähigkeit, das auch einem großen Publikum zu vermitteln. "Autor und Werk" standen für ihn immer im Zentrum. Unseld hat es, wie kein zweiter, verstanden, sich durchzusetzen, um andere durchsetzen. Bei der Verleihung des Hessischen Kulturpreises an Siegfried Unseld behauptete darum Marcel Reich-Ranicki, daß der oft bemühte und zeitweilig etwas überstrapazierte Begriff der "Suhrkamp-Kultur", den George Steiner einmal geprägt hatte, die Sache eigentlich gar nicht treffe. Reich-Ranicki sagte:

"Kann man da noch von Suhrkamp-Kultur reden? Wäre es nicht richtiger diesen Begriff gegen einen anderen auszutauschen und jetzt von der Unseld-Kultur zu sprechen. Wir haben in diesem Jahrhundert große deutsche Verleger gehabt, Samuel Fischer zumal und Ernst Rowohlt. Doch die Palme gebührt ihm, Siegfried Unseld, der ein glänzender Organisator und ein begnadeter Manager ist und auch noch ein gründlicher Philologe, gebührt ihm, dem Verleger, der mit seinen Büchern das Gesicht einer Epoche grpägt hat. Nehmt alles nur in allem: Er ist ein Verleger, wie ihn Deutschland noch nie gekannt hat."

Jürgen Habermas geht, beim gleichen Anlaß, noch einen kleinen Schritt weiter. Er behauptete sogar:

"Siegfried Unseld hat Genie, er hat die Begabung zu einer Freundschaft besonderer Art (...) Aus dem Schatten des ruhmreichen.S. Fischer Verlages heraustretend, hat sein Verlag das Profil der Stadt mitgeprägt. Ohne diesen Verlag hätte Frankfurt, die geographische Mitte der alten Bundesrepublik, nicht deren intellektuelle Mitte werden können. ...Wenn es denn so etwas wie Suhrkamp Kultur gegeben hat, dann hat sie unser genialer Freund - Siegfried als die Spinne im Freundschaftsnetz - allein aus sich heraus gesponnen."

Was dieser Begriff von George Steiner meint, was er einmal bedeutet hat, läßt sich aus einem, in der vorliegenden Verlagsgeschichte eher versteckten Satz herauszulesen. Für das Jahr 1968 sind die folgenden Fakten verzeichnet.

"Sehr beachtet wird der Bericht eines deutschen Arztes aus Vietnam, Georg W. Alsheimer, ‘Vietnamesische Lehrjahre’. Die Reihe ‘1’ Neue deutschsprachige Autoren bringt Texte von Jürgen Eicke, J. Wolfgang Körner, Barbara Frischmuth, Jochen Ziem und Dominick Steiger.

Der Verlag trennt sich nach der Nummer 15 im November von der Zeitschrift ‘Kursbuch’, die ab Heft 20 in einem selbständigen Verlag erscheint. Im wissenschaftlichen Programm werden wichtige Neuerscheinungen aufgeführt, darunter Barrington/Moore, Merlau-Ponty, Claude Levi-Strauss und Jürgen Habermas, dessen Werk von nun an im Suhrkamp Verlag erschien.

Daß eine Kulturzeitschrift wie das Kursbuch in einem eigenen Verlag erscheinen wird, mag dem heutigen, zumal einem jüngeren Leser belanglos vorkommen. Doch diese Mitteilung verwies auf einen Konflikt, in dem sich, wie in einem Brennspiegel, der Aufstieg Suhrkamps zum weitaus bedeutendsten deutschen Verlag und - nun wahrlich nicht, Gott behüte, sein Fall - aber doch der langsame, allmählich fortschreitende Bedeutungsschwund erkennen läßt. Was einmal "Suhrkamp-Kultur" war, ist unterdessen Kulturgeschichte geworden.

Am Fall des Kursbuches läßt sich das sehr gut zeigen. Zumal am Kursbuch 15, das damals, weit über Frankfurt hinaus, erhebliche Turbulenzen ausgelöst hat. Das Inhaltsverzeichnis liest sich wie die Programmschrift der Klassischen Moderne: Erzählungen eines cubanischen Sklaven, ein Dossier über die chinesische Kulturrevolution, Prosa von Barthelme, Beckett, Charms und Buselmeier. Gedichte von der Bachmann, Delius und Mao Tse-tung, Essays von Boehlich, Gustafsson, Karsunke, Michel und Enzensberger.

Literatur und Politik und die Theorie, die beides, wie man damals sagte, miteinander "vermittelte". Dem Kursbuch beigelegt war ein sogenannter Kursbogen, in dem Walter Boehlich, der damalige Cheflektor des Suhrkamp Verlages mit einigem rhetorischen Aufwand die bürgerliche Kritik, zusammen mit der bürgerlichen Welt und der bürgerlichen Literatur und der bürgerlichen Ästhetik, zu Grabe getragen hat. Boehlichs "Autodafé" hat viele und keineswegs nur ‘bürgerliche’ Schriftsteller mächtig aufgebracht. Noch mehr Ärger hat allerdings Hans Magnus Enzensberger erregt, der nicht - wie immer wieder fälschlicherweise erzählt wird - den Tod der Literatur verkündet hatte, sondern, viel schlimmer, ihre Belanglosigkeit. Enzensberger schrieb:

"Ich fasse zusammen: Eine revolutionäre Literatur existiert nicht, es wäre denn in einem völlig phrasenhaften Sinn des Wortes. (...) Für literarische Kunstwerke läßt sich eine wesentliche Funktion in unserer Lage nicht angeben. (...) Wer Literatur als Kunst macht, ist damit nicht widerlegt, er kann aber auch nicht mehr gerechtfertigt werden. (...) Wenn wir eine Literatur nur noch auf Verdacht hin haben, wenn es prinzipiell nicht auszumachen ist, ob im Schreiben noch ein Moment, und wärs das winzigste, von Zukunft steckt, wenn also Harmlosigkeit den Sozialcharakter dieser Arbeit ausmacht, dann kann auch eine Kulturrevolution weder mit ihr noch gegen sie gemacht werden."

‘1968’, das Datum als Chiffre begriffen, hatte sich gezeigt, daß die Kunst der bürgerlichen Epoche ihrem eigenen Ansprüchen nicht genügen konnte. Der utopische Gehalt der modernen Kunst, von Hegel als "sinnliches Scheinen der Idee", von Ernst Bloch als "Vorschein", von Adorno als "Statthalter des Nichtidentischen im Banne universaler Identität" bestimmt, hatte sich einfach verflüchtigt. Der Pariser Wandspruch, "La poésie est dans la rue." - war eben keine bloße Phrase gewesen. Anders gesagt: das Programm des Suhrkamp Verlages hatte seine Grundlage verloren. Die Grundlinien dieses Programms lagen, als Unseld bei Suhrkamp anfing, bereits festgelegt. Die Namen standen für das Programm: Benjamin und Brecht, Frisch, T.S. Eliot, Proust und Beckett, dann die jungen Deutschen, Walser und Enzensberger, Uwe Johnson.

Darauf ließ sich aufbauen. Und Unseld hat aufgebaut, das Programm erweitert und, vor allem, die abstützende Theorie hinzugezogen. Der Erfolg des Verlages beruht auf dieser Verbindung.

Das Autorenverzeichnis des Suhrkamp Verlages, nimmt nur die Namen der bedeutendsten Reihe, die Bibliothek Suhrkamp, deckt das gesamte Spektrum der Klassischen Moderne ab. Das heißt, etwas überspitzt gesagt, Suhrkamp hatte nicht, wie der Fischer Verlag mit Freud und Thomas Mann, Schnitzler und Hofmannsthal, wie Rowohlt mit Henry Miller und Sartre, ein Programm. Sondern:

Suhrkamp war das Programm. Der Suhrkamp Verlag konnte auch die - das Programm begründende - Theorie anbieten. Der Philosoph Ernst Bloch, der Psychanalytiker Alexander Mitscherlich, die Kritische Theorie der sogenannten Frankfurter Schule, Benjamin, Adorno, Herbert Marcuse und der Literatursoziologe Leo Löwenthal, deren Werkausgaben allesamt bei Suhrkamp erschienen sind, also: Ästhetik, Gesellschaftstheorie, Politik und Geschichtsphilosophie waren hier auf kühne Weise verbunden. "Fortschritt" war die zentrale Kategorie, für die Kunst ebenso wie für die Gesellschaft.

In Adornos "Ästhetischer Theorie" wird diese wechselseitige Beziehung von Kunst und Theorie herausgestellt:

Kunst bedarf "der Philosophie, die sie interpretiert, um zu sagen, was sie nicht sagen kann, während es doch nur von der Kunst gesagt werden, indem sie es nicht sagt."

Diese, von Adorno selbst so genannte "Paradoxie der Ästhetik" beschreibt den innersten Kern der ‘Suhrkamp-Kultur’: die Wechselbeziehung von moderner Literatur und gesellschaftlicher Theorie. In der edition suhrkamp wurde diese Verknüpfung gleichsam prozessual, Band für Band, entfaltet und im Farbspektrum des Regenbogens sinnfällig sichtbar gemacht. Im Kursbuch 15 wurde diese Einheit aufgekündigt.

Die eigentliche Brisanz dieses Kursbuches war damals allerdings kaum zu erkennen. Im SPIEGEL 51 aus dem Jahr 1968 hatte auch Reinhard Baumgart nur die merkwürdige Mischung "aus Verlegenheit und Aggression" konstatieren können, mit der sich "der Herausgeber selbst", also Enzensberger, "von der Literatur verabschiedet" habe.

Seine Diagnose aus dem Kursbuch, vollmundig und vage zugleich formuliert, traf etwas Richtiges: mit den Ansprüchen der Moderne war auch ihr Kanon zerfallen. Aber erst in seiner Vers-Komödie "Der Untergang der Titanic", 1978, sind auch Enzensberger die weitreichenden Konsequenzen bewußt geworden. Mit der zentralen Kategorie des Fortschritts war das gesamte Projekt der Moderne fragwürdig geworden.

"Das war der Anfang. / Der Anfang vom Ende / ist immer diskret."

Ein Bändchen der edition suhrkamp von Jürgen Habermas brachte 1985 die Folgen dieser Entwicklung auf eine griffige Formel: "Die neue Unübersichtlichkeit". Das heißt, zugegeben etwas grob gesagt: das Programm des Suhrkamp Verlags hatte das Programmatische, das es vor allen anderen Verlagen aufzeichnete, eingebüßt. Der große, bedeutende Verlag, der über Jahrzehnte hinweg immer an der Spitze zu finden, den Ton angab, die Richtung vorgab, und die Gangart, dieser Verlag war wieder einer unter anderen geworden. Noch immer groß und wichtig, noch immer bedeutend, aber eben nicht mehr tonangebend.

Für die Freunde des Hauses, Autoren, Buchhändler, Kritiker, hat Suhrkamp zu seinem 50. Geburtstag, neben der eher hausbackenen "Verlagsgeschichte", noch eine illustrierte Festgabe, fein in einem Schuber verpackt, herausgebracht. Am Ende dieses Bandes gibt Siegfried Unseld, einen "Ausblick", der ihm unter der Hand, bezeichnenderweise, zu einem sehr nostalgischen Rückblick geraten ist. Unseld schreibt:

"Das alte Europa stirbt, die Nachfolge jener Werte, die es einst ausgemacht hat - Mystik, Phantasie, die großen Gefühle -, treten die Technik, die Droge aus der Steckdose und der Autismus vor dem Computer an. Eine Veränderung dessen, was es bedeutet, Mensch zu sein, scheint im Gange. Wir sind auf dem Wege, die eigenen Möglichkeiten radikal einzuschränken und die Erfahrungsfähigkeit als Zugang zur Welt aufzugeben, wir gleichen unser Denken der Struktur jener symbolverarbeitenden Maschine an, die wir selbst erfunden haben, lassen von ihr leben, identifizieren uns mit ihr.

‘Die Medien bestehlen die Phantasie’, hat Wolfgang Koeppen gesagt, ‘die Welt ist böse.’

Weit weniger zuversichtlich als trotzig zitiert Unseld seinen Autor Samuel Beckett, dessen Roman "Der Namenlose" mit den Worten endet: "man muß weitermachen, ich werde weitermachen."

Das heißt, nur etwas schlichter gesagt: Der Zug ist abgefahren. Alles hat eben seine Zeit. Auch der große Suhrkamp Verlag und sein genialer Verleger Siegfried Unseld. Was kommt, wir werden es - lesen.

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