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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDie Geschichte einer undurchsichtigen Megabehörde10.12.2012

Die Geschichte einer undurchsichtigen Megabehörde

KURSIV Lesempfehlung: "Der deutsche Goldrausch. Die wahre Geschichte der Treuhand"

Dirk Laabs Buch über die Geschichte der Treuhand ist für Franziska Günther, leitende Sachbuch-Lektorin im Aufbau-Verlag, das Buch des Jahres 2012. Ein Thema, das auch den Verlag selbst lange beschäftigte. Denn Aufbau war jahrzehntelang der größte belletristische Verlag der DDR.

Von Jens Rosbach

1993: Arbeitnehmer der Stahl- und Maschinenbau AG (Stamag) in Leipzig - die Treuhand war für Tausende DDR-Betriebe zuständig.  (picture alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)
1993: Arbeitnehmer der Stahl- und Maschinenbau AG (Stamag) in Leipzig - die Treuhand war für Tausende DDR-Betriebe zuständig. (picture alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)

Franziska Günther, leitende Sachbuch-Lektorin im Aufbau-Verlag, hat ein edles Profi-Pult auf ihrem Schreibtisch stehen: eine handgearbeitete Holzplatte zum Hoch- und Runterklappen, mit einer Stütze zum Einrasten. Wie bei einem Liegestuhl.

"Genau. Der Liegestuhl für die Bücher, für die Manuskripte"

"Ich redigiere immer noch auf dem Papier, das werde ich auch nicht mehr umstellen. Ich mache halt nicht alles auf dem iPad, sondern ich bin hier noch in analoger Weise unterwegs. Und das soll auch so bleiben. Denn immerhin sind wir ja im Buchgeschäft."

Stöße von Manuskripten, zusammengehalten von Schnappgummis. Und Berge aktueller Bücher liegen im Lektoren-Büro herum. Auch zahlreiche Werke fremder Produktion. Darunter "Der deutsche Goldrausch. Die wahre Geschichte der Treuhand" aus dem Pantheon Verlag. Das Buch beschreibt, wie die undurchsichtige Megabehörde, zuständig für 10.000 DDR-Betriebe, Millionen Ostdeutsche entlässt und Milliarden Schulden auftürmt. Für Franziska Günther das persönliche Sachbuch 2012.

"Das gehört zum Geschäft, dass man beobachtet, was machen die Kollegen in anderen Häusern und dann auch neidlos sagt: Chapeau, gut gemacht!"

Franziska Günther - 41 Jahre, schlank und ganz in Schwarz gekleidet – gibt eine Kostprobe aus dem Treuhandbuch. Es geht um die vereinigungsbedingten Proteste in Ostdeutschland. Autor Dirk Laabs beschreibt Ereignisse um den 19. März 1991.

"Eine Zeitung zitiert ein anonymes Regierungsmitglied: Man habe derzeit keine Vorstellung, wie der Unzufriedenheit und der Verzweiflung vieler Demonstranten über ihre wirtschaftliche Lage, insbesondere über die Arbeitslosigkeit, begegnet werden könne. Der Bundesregierung bereite zudem Sorge, dass sie immer mehr Briefe von Westdeutschen bekomme, die sich über die hohen Zahlungen an Ostdeutschland beschweren. Am Nachmittag des Vortages sagte Bundeskanzler Kohl, dass er immer auf die Opfer und die Schwierigkeiten hingewiesen habe, die mit der Umwandlung der Wirtschaft verbunden seien. Zunächst fährt er für zwei Wochen nach Bad Hofgastein in Österreich zu seiner alljährlichen Fastenkur."

Die studierte Kulturwissenschaftlerin erklärt, sie habe - trotz ihrer Ost-Herkunft – in dem Buch viel Neues erfahren - etwa wie viele DDR-Intellektuelle vor den Folgen der Vereinigung gewarnt hätten. Auch die Abgebrühtheit vieler Westdeutscher habe sie erstaunt.

"Und dann zugleich auch dieser Aspekt mit der Fastenkur. Das hat mir so gut gefallen als Pointe, weil da so zusammengefasst ist, dieses Saturierte, ja die Perspektive derer, die aus dem Wirtschaftswunderland kommen. Die auch vermutlich nicht verstehen können, was da passiert ist."

Das Treuhand-Buch wird bei Aufbau mit besonderem Interesse gelesen. Denn der ehemalige DDR-Verlag war einst selbst – rechtswidrig – von der Mega-Behörde verkauft worden. Franziska Günther resümiert, Laabs Report zeige auf, wie zum einen Bonner- und zum anderen Stasi-Seilschaften die Treuhandanstalt missbrauchen und plündern.

"Das beschreibt er ungeheuer mitreißend und spannend. Und gerade auch weil er sehr sehr stark ins Detail geht, einzelne Beteiligte zu Wort kommen lässt und man ganz dicht am Geschehen ist. Wie ein Krimi – so spannend!"

Aufbau kann die Bücher der Konkurrenz ganz entspannt loben, weil der Berliner Traditionsverlag selbst immer wieder Sachbuch-Erfolge landet. In diesem Jahr mit Christina von Brauns "Der Preis des Geldes: Eine Kulturgeschichte", das bereits in der dritten Auflage erschienen ist. Das Werk greift die Finanzkrisen-Debatte auf, geht aber weit in die Historie zurück - beginnend mit den ersten Tauschmitteln, wie der Muschel.

"Das ist auch das, was Sachbuch ohnehin können muss heute. Es geht nicht mehr um reine Informationen, das können Sie alles googeln. Es geht darum, Zusammenhänge herzustellen und sie so plausibel und letztlich auch unterhaltsam darzustellen, dann wird ein Thema zum Buch."

Was 2012 bei Aufbau nicht so gut lief, waren Ost-Themen.

"Mit dem Wendejubiläum, das jetzt nun gerade hinter uns liegt, 2009 und 2010, muss man feststellen, dass da `ne gewisse Müdigkeit auch eingetreten ist im Buchhandel. Das ist dann auch normal."

Dennoch will das ehemalige DDR-Buchhaus langfristig ein Ost-Standbein behalten - mit Autoren wie Ex-Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer. Aber auch Umwelt- und Menschenrechtsthemen stehen auf dem Programm. Dabei muss Aufbau, als kleiner Verlag ohne Koppelung an einen Medienkonzern – immer genau kalkulieren.

"Natürlich ist es so in der Akquise, dass wir für bestimmte Autoren nicht die Summen ausgeben können, die dann einfach ein größerer Verlag zu zahlen bereit ist, wenn es um Vorschüsse zum Beispiel geht. Da stehen wir dann im Zweifel auch mal vor der Situation, dass wir sagen: Wir hätten gern einen Titel und einen bestimmten Autoren bei uns im Programm, aber – Mensch – wir können den jetzt nicht bezahlen. Weil dann ein Random House Verlag oder ein Holtzbrinck-Verlag das Doppelte oder Dreifache hinlegt."

Diesen Nachteil versucht der Verlag wettzumachen durch eine enge Bindung der Autoren. So kommt es immer wieder vor, dass Franziska Günther mit ihren Schreibern ein Match spielt im Sitzungsraum des Unternehmens - an der Tischtennisplatte.

Autoren-Gespräche, Konkurrenz-Beobachtung, zudem Medien- und Politik-Analyse - schließlich entsteht das Verlagsprogramm auch durch ungefragt eingesandte Manuskripte. Rund 5000 sind es bei Aufbau pro Jahr – doch nur selten sind Sachbuchtexte darunter. Und nur ganz selten gehaltvolle Manuskripte. Das Meiste hat keine Chance, auf dem "Literatur-Liegestuhl" der Cheflektorin zu landen.

"Birgt übrigens auch die Gefahren des Aufklappen eines Liegestuhls – man klemmt sich oft die Finger!"

Dirk Laabs: Der deutsche Goldrausch. Die wahre Geschichte der Treuhand
Pantheon Verlag
384 Seiten, 16,99 Euro
ISBN: 978-3-570-55164-6

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