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StartseiteBüchermarktDie Geschichte eines seelischen Zyklopen07.08.2012

Die Geschichte eines seelischen Zyklopen

David Mazzucchelli: "Asterios Polyp", Eichborn Verlag

Nach jahrelanger Arbeit legte Zeichner David Mazzucchelli 2009 sei Opus Magnum vor - nun ist die Graphic Novel "Asterios Polyp" auch in der deutschsprachigen Ausgabe erhältlich: Eine traurige Liebesgeschichte, ein grotesker Künstlerroman und ein vertrackter Bild-Essay zugleich.

Von Nils Kahlefendt

In Manhattan wird Asterios Polyp von einem gewaltigen Blitz aus seinem bisherigen Leben gesprengt.  (AP)
In Manhattan wird Asterios Polyp von einem gewaltigen Blitz aus seinem bisherigen Leben gesprengt. (AP)

Mit seinen Superhelden-Comics "Daredevil" und "Batman: Year One", beide entstanden nach Skripten des Übervaters Frank Miller, gehörte der 1960 geborene Zeichner David Mazzucchelli bereits Ende der 80er zu den Shootingstars der Szene. Doch nach der gefeierten Comic-Adaption von Paul Austers "City of Glass" (1994) wurde es ruhiger um ihn;

Mazzucchelli verdiente sich seinen Lebensunterhalt abseits des Mainstreams, an Kunsthochschulen und als Illustrator für den "New Yorker". Zehn Jahre dauerte es, bis er, inzwischen fast 50, 2009 sein Opus magnum vorlegen konnte – die erste lange Geschichte, die er als Zeichner und Texter verantworte.

Gemessen an dieser Spanne sind die zwei Jahre, die bis zur deutschsprachigen Ausgabe von "Asterios Polyp" verstrichen, fast ein Witz. Denn mit Ausnahme des Texts gleicht der Band dem amerikanischen Original aufs Haar.

Ein kleines Ausstattungs-Wunder: Das japanische Recycling-Papier, die seltsam ausgebleicht wirkenden Farben, der Halbleinen-Einband mit Blindprägung – auf nichts sollten Mazzucchellis deutsche Leser verzichten. Auf seine Order hin wurde sogar in der chinesischen Druckerei von Pantheon Books produziert. Auch Thomas Pletzinger, der 2008 mit dem Roman "Bestattung eines Hundes" als Autor debütierte, hat die Herausforderung einer Comic-Übersetzung zunächst unterschätzt.

"Was mir ein bisschen zugute kam, glaub’ ich: Dass ich gerade vorher einen Lyrik-Band übersetzt hatte aus dem Englischen, von Gerald Stern. Und die Übersetzungsarbeit an "Asterios Polyp" war sehr, sehr ähnlich der Übersetzungsarbeit an dem Lyrik-Band. Weil man natürlich begrenzten Platz nur hat, bestimmte Zeilenbrüche... Die Sprechblasen haben bestimmte Formen. Das ähnelt dann ein bisschen dem Lyrik-Übersetzen.

Ich habe natürlich unbedarft am Anfang gedacht: Ja, ja, das ist ein Comic-Buch, da übersetze ich dann halt BÄNG! BOOM! ZACK! Und dann ist es fertig. Das war aber mitnichten so. Das war wahrscheinlich das komplizierteste Projekt, was ich jemals gemacht habe. Eben aus Platzgründen. Die Sprechblasen sind nicht einfach da, sondern die haben besondere Formen. Da muss man dann so übersetzen, als wär’s ein Gedicht: In Zeile 1 gibt es halt 40 Zeichen Platz, in Zeile 2 gibt es 36, in Zeile 3 gibt es nur noch 32. Und das muss man dann im Deutschen neu schaffen..."

Zu Beginn lässt es Mazzucchelli ordentlich krachen: Als ein Blitzschlag sein schickes Appartement in Schutt legt, steht der New Yorker Architekt Asterios Polyp, dessen Ruhm einzig auf seinen Entwürfen beruht – keines der kühnen Projekte wurde je gebaut – vor den Trümmern seiner Existenz. Er steigt in den nächsten Greyhound-Bus, strandet in einem Provinz-Kaff und findet Arbeit und Unterschlupf bei der Familie des Automechanikers Stiff Major.

Mit dem gutmütigen Stiff, dessen schamanistisch angehauchter Frau Ursula und den befreundeten Mitgliedern der Amateur-Anarcho-Punkband "The Radniks" plaudert er über Gott und die Welt – und hat überdies jede Menge Zeit, über das richtige Leben im falschen zu sinnieren. Parallel dazu entfaltet sich in kaleidoskopartigen Rückblenden Asterios’ Geschichte.

Sie wird, ein verblüffender Kniff, zum Teil von seinem tot geborenen Zwillingsbruder Ignazio erzählt, der beständig durch seine Träume geistert: Asterios wächst als Kind griechischer und italienischer Migranten auf; die Einwanderungsbehörde auf Ellis Island hatte den ursprünglichen Familiennamen verstümmelt und nur die erste Hälfte übrig gelassen.

Anders als Polyphemos, der einäugige Riese der "Odyssee", ist Asterios eine Art seelischer Zyklop – gewinnend, genial, aber ebenso egozentrisch und empathieunfähig. Ein Manko, an dem seine Ehe mit der hoch emotionalen Bildhauerin Hana Sonnneschein schließlich zerbricht. Aber wer weiß? Wenn ein Star-Architekt, der noch nie ein Haus gebaut hat, plötzlich Autos repariert – vielleicht ist ihm ja noch zu helfen?

"Also, das Schöne an dem Buch ist, finde ich, dass keine der Figuren grundgut ist. Oder grundschlecht. Also, das ist etwas, was das Projekt auch auszeichnet: Dass alles – obwohl gezeichnet – irgendwie "reale" Figuren sind. Mit einem ganz komplexen Satz von Problemen, Schwierigkeiten, und guten Seiten. Also, das ist ein tolles Figuren-Setup, was man da hat. Und mir ist keine richtig fremd – und keine richtig nahe, wie man das so von manchen seichteren Projekten kennt. Also, das ist einfach toll, dass sich das um "echte" Menschen handelt."

Es ist beeindruckend, mit welch stilistischer Meisterschaft Mazzucchelli seinem Personal diese Tiefe verleiht. Konzeptionell und formal ist "Asterios Polyp" ganz großes Kino: Jede der Hauptfiguren tritt in ihrem individuellem Strich, ihrer Farbe, ihren Sprach-Manierismen auf – bis hin zum Lettering der Sprechblasen, dem der Zeichner für jeden Charakter eine andere Form gegeben hat.

Wenn Asterios also wieder einmal selbstgerecht monologisiert, drängen sich seine in Versalien gehaltenen Sätze in eckigen Blasen ganz plastisch vor jene zart-runden seiner Frau Hana. Mit wachsender Entfremdung der beiden erscheint der Kopf-Mensch Asterios als Kasperl-Puppe mit Schablonenkopf in kaltem Blau, während ihm Hana, filigran gestrichelt, in warmem Rot entgegentritt. "Alles, was nicht funktional ist, ist lediglich dekorativ", lässt Mazzucchelli seinen tragischen Helden dekretieren. Und auch er selbst überlässt in seinem Buch nichts dem Zufall. Im Labyrinth der Querverweise schwirrt dem Leser schon mal der Kopf.

"Ganz zu Beginn des Buches, in der Eröffnungs-Szene, sitzt Asterios Polyp bei sich zu Hause, in einem New Yorker Appartement. Und er sitzt auf dem Sofa, und starrt in den Fernseher. Und man hört die Geräusche aus dem Fernseher. Und man denkt: Ah, da sitzt ein einsamer Mann und kuckt einen Porno. Und hat sofort das Gefühl, dass es sich um einen traurigen Menschen handelt, der einsam auf dem Sofa lümmelt und so ganz apathisch Pornographie konsumiert.

Und man merkt aber dann später, während das Buch zurückgeht in seine Vergangenheit, dass er Video-Tapes gemacht hat vom ersten Abendessen mit seiner großen Liebe. Und dass er sich dieses Abendessen immer wieder ansieht. Guckt sich also immer wieder dieses Abendessen an, und man hört dann diese Geräusche -"hmm!", "gut!". Und es geht um Salat! Und es geht nicht um Pornographie. Solche Sachen sind Tausende in dem Buch. Man kriegt ganz viel solcher kleinen "Belohnungen", wenn man das Buch noch mal liest..."

"Asterios Polyp" ist eine traurige Liebesgeschichte, ein grotesker Künstlerroman, ein vertrackter Bild-Essay über Ästhetik und Design – eine "Graphic Novel", die sich vor einschlägigen Groß-Werken postmoderner amerikanischer Erzähler nicht verstecken muss.

Dass wir Mazzucchellis Geniestreich ausgerechnet dem jüngst Pleite gegangenen Eichborn Verlag verdanken, ist eine fast tragische Pointe. Doch Thomas Pletzinger, der hart geforderte Übersetzer, ist sich ziemlich sicher: Wo immer der Verlag mit der Fliege landet - dieses Buch wird seine Leser finden.

"Das ist ein Buch, was Leute lesen, und dann noch mal kaufen, um es anderen Leuten zu geben, weil sie so begeistert sind. Und ich glaube, das ist Teil der Kalkulation gewesen: Dass Leute dieses Buch weiter tragen ... Das ist kein Buch, was man kauft und wegkonsumiert. Sondern das ist ein Buch, das man kauft, sich ankuckt, liegen lässt, sich noch mal ankuckt, begeistert ist, es noch mal kauft, und es jemandem anderen als Geschenk zukommen lässt. Und dann funktioniert der genau so. Also ein Schneeball-System-Buch."

David Mazzucchelli: Asterios Polyp
Aus dem Amerikanischen von Thomas Pletzinger
Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2011
344 Seiten, 29,95 Euro

Die von Mazzucchelli zwischen 1991 und 1993 im Selbstverlag herausgegebenen und gestalteten drei Ausgaben der Anthologie "Rubber Blanket" sind unter dem Titel "Discovering America" bei Edition Moderne, Zürich erschienen.

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