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StartseiteBüchermarktDie Gesellschaft der Individuen11.03.2002

Die Gesellschaft der Individuen

Suhrkamp, 330 S., EUR 28,63

Nach dem 11. September verschärfte sich das gängige Lamento, wir würden heute in einer Gesellschaft von Ichlingen, Singles und Egoisten leben, denen jeder allgemeine Lebenssinn abhanden gekommen sei. Währenddessen führe Mohammed Atta vor, zu welcher Opferbereitschaft gläubige Menschen fähig seien. Dagegen verteidigt der Münchner Soziologe Ulrich Beck solche Individualisierungsprozesse durchaus als Eröffnung von Lebenschancen. Er sieht in ihnen keineswegs bloß negativen Sinn- und Werteverlust.

Hans-Martin Schönherr-Mann

Doch Individualisierungsprozesse entspringen nicht erst jenen westlichen Gesellschaften, die durch die unruhige 68er Generation einen massiven Liberalisierungsschub erführen. Sie könnten vielmehr - so Norbert Elias - zur conditio humana gehören. Jedenfalls diagnostiziert er solche Entwicklungen bereits in den dreißiger Jahren unter anderem in seinem jetzt neu edierten Werk Die Gesellschaft der Individuen. Die Karlsruher Soziologie-Professoren Annette Treibel, die die Gesammelten Schriften von Norbert Elias in leitender Funktion mitherausgibt, bemerkt über Die Gesellschaft der Individuen:

Das Spannende an diesem, von vielen nicht hoch genug eingeschätzten Text ist die Tatsache, dass es ja eine Dreiteilung gibt in diesem Buch. Es sind theoretische Ausflüsse zum klassischen Werk von Elias über den "Prozeß der Zivilisation" aus den dreißigern. Der zweite Teil stammt aus den vierziger, fünfziger Jahren, wo er sich um das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft unablässig weiter gekümmert hat und der für gerade die heutige Diskussion um den Individualisierungsprozess in heutigen Gesellschaften der spannendste Text ist. Der letzte Text aus dem Jahre 87, hier hat Elias zu verstehen versucht wie verändert sich das Individuum im Laufe seiner Biographie einerseits und mit der Gesellschaft, in der es lebt.

In Die Gesellschaft der Individuum diagnostiziert Elias individualisierende soziale Prozesse, die dem einzelnen vorgaukeln, er könne sein Ich für sich allein definieren unabhängig von gesellschaftlicher Einbindung. Jede Selbstdefinition beruht indes auf dem Bezug des Individuum zu anderen Menschen. Damit plädiert Elias allerdings nicht für ein Primat der Gesellschaft gegenüber dem Individuum. Vielmehr insistiert er darauf, dass jedes Individuum die Gesellschaft genauso braucht, wie es keine Gesellschaft ohne Individuen geben kann. Daher fordert Elias stärker als Ulrich Beck eine Balance zwischen dem Ich und einem Verständnis vom Wir, einer notwendigen Orientierung an Kollektiven, ohne die sich das Ich nicht zu stabilisieren vermag. Anders als Beck betont Elias dabei eher die negativen Effekte von Individualisierungsprozessen, eben den Verlust traditioneller Bindungen und die Vereinsamung. Annette Treibel:

Bei einer Entscheidung pro oder contra Individualisierung à la Beck oder à la Elias halte ich den eliasschen Ansatz für ausgereifter, weil er auch sich weniger von der Begrifflichkeit an neuen oder neumodischen Konzepten festmacht, sondern etwas übergeordnet argumentiert und man auch den Texten in der Gesellschaft der Individuen die langfristige Arbeitsweise von Elias anmerkt, sich sowohl mit der Soziogenese als auch Psychogenese auseinandergesetzt zu haben und man merkt die Verankerung in einer historischen Denkweise bei Elias, die ich so bei Beck nicht sehe.

Sollten die Menschen heute mit Orientierungslosigkeit besser zurecht kommen als früher, könnte sich Elias' Verständnis von Individualisierung indes als eher überholt erweisen. Allemal vermittelt er damit die Makroebene der gesellschaftlichen Entwicklung mit der Mikroebene beispielsweise von individuellen Situationen, während man sich in der Soziologie üblicherweise entweder nur mit der einen oder nur mit der anderen Perspektive beschäftigt. Er beschränkt sich nicht wie der französische Strukturalismus auf allgemeine Phänomene. Auch die Systemtheorie Niklas Luhmanns mit ihren Modellen entsprach für Elias nicht der sozialen Realität bzw. seinem eigenen humanen Anspruch. Gegenüber persönlichen Bezügen blieb er allerdings als Soziologe skeptisch, obgleich er sich davon natürlich auch nicht völlig befreien konnte. Annette Treibel:

Er hat das 20. Jahrhundert mehrheitlich als Erwachsener und als wissenschaftlich sensibler Mensch erlebt und kommentiert. Bis kurz vor seinem Tod hat er publiziert, hat Werke noch edieren können, sich an Diskussionen beteiligt, hat den Fall der Mauer noch miterlebt, zwei Weltkriege, die Verfolgung seiner eigenen Person als Jude, die Ermordung seiner Mutter in Auschwitz. Die Tatsache, dass er es aber auch immer wieder versucht hat, seine persönlichen Erfahrungen und Betroffenheiten wissenschaftlich zu wenden, das finde ich mit Blick auf ( das gesamte Lebenswerk von Elias das Beachtliche und das Faszinierende.

Man könnte meinen, dass ihn die eigene Lebensgeschichte der Frankfurter Schule von Horkheimer und Adorno annähern müsste, die sein Emigranten-Schicksal teilten. Doch er hat deren Theorien nicht zuletzt auch ob deren Nähe zum Marxismus massiv abgelehnt und daher deren wissenschaftliche Breite und Vielfalt nicht erkennen können. Annette Treibel:

Elias war auch von ideologischen blinden Flecken selbst nicht frei und hat sich da auch manchen Diskussionen der Sozialwissenschaften verweigert oder sich vorschnell entzogen etwa durch seine Kritik an der Frankfurter Schule, Kritik auch an Popper und seinen Anhängern.

Die
Gesammelten Schriften von Norbert Elias setzen sich zum Teil aus erweiterten Neuausgaben auf deutsch bereits verfügbarer Texte und zum Teil aus wirklichen deutschen Neuerscheinungen zusammen - z.B. die Symboltheorie, die bisher nur englisch ediert war. Ziel der Edition ist es dabei auch, bisher fast nicht verfügbare Texte zugänglich zu machen, weil sie vor langer Zeit in abseitigen Zeitschriften veröffentlicht worden waren:

Allein die Aufsatzbände werden für Elias eingeweihte Leser noch mal ganz neue Aspekte bedeuten, da bin ich ganz sicher, auch die Frühschriften. Da ist etwa ein Text drin von Elias, ein Zeitungsartikel aus den dreißigern, den er veröffentlichte unter dem Namen Michael Elias in einer jüdischen Zeitung, die in Mannheim bzw. Heidelberg erschienen ist unter dem Titel Soziologie des Antisemitismus. Das sind so kleine Schmankerl, die sind aufgetaucht, und die werden wir nun publizieren können. Das wird der Rezeption noch mal einen richtigen Schub geben.

Bisher unveröffentlichte Texte aus dem Nachlass erwartet man jedoch vergebens. Das Editionsprinzip versammelt nur solche Texte, die Elias selber zu Lebzeiten veröffentlichte, von denen viele aber bisher nicht auf Deutsch vorliegen.

Um einen solchen Text handelt es sich denn auch bei der
Symboltheorie. Bis zu seinem Lebensende hat Elias an ihr gearbeitet. Auch hier kehren Elias' Fragestellungen nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft wieder. Dabei versucht er gängige Unterscheidungen wie diejenigen von Subjekt und Objekt, Idealismus und Materialismus zu hintergehen, indem er seinen sozialwissenschaftlichen Ansatz sprachwissenschaftlich erweitert. Subjektivität entspringt weder einer individuellen Leistung noch einer Naturanlage. Die Sprachgemeinschaft vermittelt Individuum und Gesellschaft mit ihrer sprachlichen Symbolik. Sie eröffnet den Horizont, in dem sich der Mensch als Subjekt verstehen kann - Einsichten, die in der Philosophie des 20. Jahrhunderts vielerorts entfaltet wurden, sei es bei Michel Foucault, bei Charles Taylor oder bei Jürgen Habermas.

So vollzieht Elias einerseits damit jene Entwicklung nach, dass die Sprache zum großen Thema in den Wissenschaften im 20. Jahrhundert avancierte. Andererseits gibt es bisher wirklich wenige Ansätze, die sprachwissenschaftliche Methoden in den Sozialwissenschaften berücksichtigen. Insofern macht sich die
Symboltheorie von Elias doch verdient. Annette Treibel skizziert die Bedeutung von Norbert Elias:

Und ich glaube auch, dass Elias heute zu den soziologischen Klassikern gehört, sich nicht zuletzt der Tatsache verdankt, dass er einen Bekanntheitsgrad über die engeren Fachgrenzen hinaus hat. Und sein Werk eine Möglichkeit bietet, viele Fragen der Gegenwartsgesellschaften immer wieder neu zu beleuchten.

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