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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie Grammatik der Gesten25.05.2006

Die Grammatik der Gesten

Ein interdisziplinäres Projekt erforscht den Zusammenhang von Sprache und Gestik

Manchmal sind es die ganz einfachen Dinge, die große Fragen aufwerfen. So geht es jedenfalls der Berliner Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Ellen Fricke. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage: welche Rolle spielen Gesten in der zwischenmenschlichen Verständigung? Die Bedeutung der Gesten, so Ellen Fricke, wird gemeinhin unterschätzt. Dabei tritt sie ganz offenkundig zu Tage, wenn man sich mal ganz einfache, alltägliche Handlungen ansieht.

Von Andreas Beckmann

Jeder Mensche besitz eine eigene besondere Gestik. (Stock.XCHNG / Andy Stafiniak)
Jeder Mensche besitz eine eigene besondere Gestik. (Stock.XCHNG / Andy Stafiniak)

"Die Gesten können rein auf Grund ihrer spezifischen Medialität, dadurch dass sie visuell und räumlich sind, ganz bestimmte Leistungen vollbringen. Sie sind besonders geeignet, Handlungen darzustellen.
Versuchen Sie mal zu beschreiben, wie man sich eine Schleife bindet. Rein verbal. Fixieren Sie die Hände zwischen Oberschenkeln und Stuhl. Versuchen Sie das einmal. Sie werden Schwierigkeiten haben."

Und selbst wenn man passende Worte findet, ist es in diesem Fall sehr unwahrscheinlich, dass der Gesprächspartner sie versteht. Eltern, die ihren Kindern das Schleife binden beibringen, versuchen es daher meist gar nicht erst mit Worten. Mehr als "Guck mal, das macht man so" sagen sie kaum. Dabei machen sie die Bewegungen vor und die Kleinen verstehen meist recht schnell. Gesten besitzen also eine hohe kommunikative Qualität und spielen entsprechend eine große Rolle, wenn wir uns unterhalten. Dennoch wird der Zusammenhang von Sprache und Gestik bis heute von der Wissenschaft weitgehend übersehen, sagt Ellen Fricke.

"Bisher sind Gesten nicht unbedingt als zum Gegenstand der Sprachenwissenschaften zugehörig verstanden worden. Man hat eher gesagt, Gesten gehören gar nicht dazu, das ist non-verbale Kommunikation, damit müssen wir Linguisten uns gar nicht beschäftigen. Diese strikte Trennung, die wollen wir aufheben, und wir meinen gute Argumente dafür zu haben und in diese Richtung wollen wir weiter forschen."

Wir, das sind Frauen, die zusammen mit Ellen Fricke seit einigen Jahren das Berlin Gesture Center betreiben, Kommunikationswissenschaftlerinnen, Linguistinnen und Neurologinnen. Nach einigen Jahren interdisziplinärer Grundlagenforschung beginnen sie jetzt mit ihrer Untersuchung der "Grammatik der Gesten". Geleitet wird dieses Projekt von der Professorin Cornelia Müller, die an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder Angewandte Sprachwissenschaft lehrt. Sie hat in zahllosen Versuchen festgestellt: es gibt keine Sprache ohne Gestik.

"Ich denke, jede Sprache ist multimodal verfasst, d.h. die Lautsprache ist immer auch von Körperbewegungen begleitet, und genauso wie sich die Lautsprache unter-scheidet, unterscheiden sich auch die Körperbewegungen, die die Lautsprache un-terstreichen oder begleiten besser gesagt in verschiedener Hinsicht."

Bei vielen Nord- oder Mitteleuropäern fallen diese Bewegungen so minimal aus, dass sie sie gar nicht bemerken. Sie meinen dann, Gestikulieren, das sei eine Eigenschaft etwa der Südländer. Cornelia Müller hat in Versuchen Deutsche und Spanier die gleiche einfache Geschichte erzählen lassen: ein Ball rollt eine Treppe hinunter. Keiner hat diese Geschichte erzählt, ohne dabei die Hände mitzubenutzen.

"Spanische Sprecher werden raumgreifender gestikulieren, d.h. ihre Bewegungen sind tendenziell prototypisch entweder im Ellenbogengelenk oder im Schultergelenk verankert und deswegen sind die Gesten sichtbarer. Bei den Deutschen ist die proto-typische Geste eher im Handgelenk verankert und wenn es dann mal etwas weit-räumiger wird, geht’s bis zum Ellenbogen und dadurch sind die Gesten weniger sichtbar."

Beide erzählen dasselbe, aber so wie deutsch und spanisch völlig verschieden klingen, so fallen auch die Gesten unterschiedlich aus. Gibt es da einen inneren Zusammenhang? Das unter anderem soll das Forschungsprojekt klären. Mit "Grammatik der Gesten" ist also keine eigenständige Grammatik gemeint, die neben der der Lautsprache existierte. Die Wissen-schaftlerinnen wollen vielmehr verstehen, wie sich die Gesten in die sprachliche Grammatik einpassen. Sie suchen nach Gesetzmäßigkeiten im Zusammenspiel von Sprache und Gestik.

Um dahinter zu kommen, wollen sie sich die Gesten erst einmal genau anschauen. Sie scheinen nämlich ganz ähnlich aufgebaut zu sein wie Worte. So wie Worte aus einzelnen Buchstaben bestehen, so setzen sich viele Gesten aus einzelnen Stellun-gen oder Bewegungen von bestimmten Körperteilen zusammen. Ellen Fricke erklärt das am Beispiel der Form der Handhaltung beim Schwören.

"Zwei Finger, nämlich der Zeigefinder und der Mittelfinger, zeigen senkrecht, zuein-ander parallel verlaufend nach oben. Die Handfläche ist dem Körper abgewandt, der Handrücken ist dem Körper zugewandt und Daumen und Ringfinger und vielleicht noch der kleine Finger dazu berühren sich."

So, und nur so ist die Geste des Schwörens eindeutig. Genauso wie etwa das Wort rot nur dann eindeutig klingt, wenn es aus den Buchstaben r, o und t zusammenge-setzt ist. Ändert man einen Buchstaben, ersetzt man das r durch ein t heißt das Wort tot und bedeutet etwas ganz anderes. Ähnliches kann man mit der Geste machen, wenn man nur ein einziges Element verändert.

"Also wenn wir noch mal die Schwurhand nehmen: Ich spreize jetzt Zeigefinger und Mittelfinger auseinander. Das heißt, ich ändere etwas an der Handform. Das ist das einzige, was ich jetzt verändere. Was bekomme ich? Es ergibt sich ein V. Ich be-komme diese sogenannte Victory-Geste, diese Geste für Sieg. Jetzt führe ich dieses Spiel noch ein bisschen weiter fort und ändere noch. eine weitere Charakteristik, ich ändere nämlich die Orientierung der Handfläche. Bis jetzt zeigt die Handfläche vom Körper weg und jetzt zeigt mein Handrücken vom Körper weg. Und mit dieser Geste könnte ich zumindest in Deutschland in jedem Biergarten zwei Bier bestellen."

Das funktioniert dann sogar ganz ohne Sprache. Dass es solche Gesten gibt, die ganz für sich allein stehen können, bringt manche Wissenschaftler zu der Vermutung, Gesten seien einfach eine Vorform der Sprache. Anfangs hätten sich unsere Vorfahren eben durch Handzeichen verständigt. Wenn sie zum Beispiel etwas haben wollten, hätten sie den Zeigefinger ausgestreckt in Richtung des betreffenden Ge-genstandes. Als der Mensch dann die Sprache entwickelte, konnte er auf Gestik weitgehend verzichten. Eine Gegenposition zu dieser Theorie geht dagegen davon aus, dass Sprache und Gestik gleichzeitig entstanden sind und deshalb immer noch synchron auftreten. Zur Klärung dieses uralten Streits soll das Forschungsprojekt ebenfalls beitragen, durch neurologische Untersuchungen. Hirnforscher wissen nämlich mittlerweile ziemlich genau, welche Teile des Gehirns aktiv sind, wenn der Mensch spricht. Cornelia Müller und ihre Kolleginnen wollen untersuchen, ob die gleichen Areale des Gehirn arbeiten, wenn Gesten gebildet werden.

"Wenn wir zeigen können, dass Gesten und Sprache an derselben Stelle im Gehirn produziert werden, dann deutet das einfach daraufhin, dass der Zusammenhang ein sehr enger ist."

Umgekehrt: wenn beim Gestikulieren ganz andere Hirnpartien als beim Sprechen aktiv sind, darf man annehmen, dass diese Gesten in keiner engen Beziehung zur Sprache stehen. Cornelia Müller vermutet, dass es sowohl sprachnahe als auch sprachferne Gesten gibt. Zur dieser These fühlt sie sich durch Beobachtungen an Kindern ermutigt.

"Da haben wir zeigen können dass redeersetzende Gesten ganz, ganz stark vertre-ten sind solange bis Kinder den sogenannte Wortschatzspurt machen, d.h. wenn sie anfangen gegen Ende des zweiten Lebensjahres ganz viele Wörter zu lernen, dann gehen diese redeersetzenden Gesten ganz stark zurück."

Aber ganz legt der Mensch die Gestik nie ab, sie ist als Kommuniaktionsmittel offensichtlich zu wertvoll. Gehörlose zeigen mit ihrer Gebärdensprache sogar, dass es zur Not auch ohne Laute geht. Sie können alle grammatikalischen Formen bilden, also etwa alle Fälle und alle Zeiten. Trotzdem macht die Lautsprache die Kommunikation natürlich entschieden facetten-reicher.

"Wir finden ja bei der Lautsprache sehr viel komplexere sozusagen Satzstrukturen als wir das bei der Gestik finden und wir finden natürlich auch einen größeren Wortschatz."

Trotz dieser Vorzüge hat die Lautsprache die Gestik nie völlig verdrängt. Das deutet darauf hin, dass offenbar immer noch wichtige Inhalte durch Gesten besser transportiert werden können als durch Laute. Welche Inhalte das sind und wie das Zusam-menspiel genau funktioniert, das wird sich auch in der dreijährigen Laufzeit des Projekts "Grammatik der Gesten" nicht klären lassen. Aber vielleicht begreifen wir am Ende besser, warum wir überhaupt so einfache Dinge verstehen wie das Schleife-binden, auch wenn wir sie mit Worten kaum beschreiben können.

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