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StartseiteBüchermarkt"Die Griechen hatten keine Griechen vor sich"13.05.2009

"Die Griechen hatten keine Griechen vor sich"

Christian Meier: "Kultur, um der Freiheit willen. Griechische Anfänge – Anfang Europas"

"Die Griechen hatten keine Griechen vor sich", schreibt Christian Meier in seiner jüngsten Publikation "Kultur, um der Freiheit willen. Griechische Anfänge - Anfang Europas?". Die im Siedler Verlag erschienene Studie greift vieles auf, was schon in früheren Schriften des Althistorikers wohl aufgearbeitet zu lesen war und arrangiert es noch einmal neu.

Rezensiert von Andrea Gnam

Blick in das Herod Atticus Theater in Athen (AP Archiv)
Blick in das Herod Atticus Theater in Athen (AP Archiv)

Eher erzählend, denn streng wissenschaftlich argumentierend. Wer sich für Werktitel und Quellen interessiert, sollte zu älteren Büchern des renommierten Gelehrten greifen, wie etwa "Die Entstehung des Politischen bei den Griechen" aus dem Jahr 1980.

Meier wirft zu Beginn seiner Studie weitreichende Fragen zur Geschichte Europas auf, die sein großformatiges, wenn auch nicht immer präzise ausgearbeitetes Historiengemälde nicht direkt beantworten wird. Das mittelalterliche und neuzeitliche Europa, das sich selbst mehr als "Christenheit" denn als Europa begreift, ist gekennzeichnet durch immense Spannungen zwischen unterschiedlichen politischen Interessengruppen und die Erfahrung des permanenten gesellschaftlichen Wandels: Nichts kann bleiben, wie es ist. Das sei eine europäische Grunderfahrung. Die griechische Polisgemeinschaft bildet indes eher ein kompensatorisches "Gegenbild", einen lange nach außen hin abgeschotteten Mikrokosmos, als ein Urbild des gebeutelten Europa: "Aber vielleicht barg die antike Hinterlassenschaft auch etwas Besonderes, Faszinierendes, zumindest für die, die vermittels christlicher Überlieferung dafür aufgeschlossen worden waren. Jedenfalls lag ihr etwas zugrunde (...), wofür wir in der Weltgeschichte zuvor kein zweites Beispiel finden: "Freiheit", gibt Meier zu bedenken, um dann vor allem auf die Besonderheiten der Poliskultur zu sprechen zu kommen. Der Freiheitsgedanke wäre demnach wie eine Art Flaschenpost zu verstehen, der sich in den über die Jahrhunderte überlieferten Texten erhalten hat. Die griechische Freiheit sei eine positive Freiheit, die sich nicht aus einem Widerstand gegen die Herrschaft eines Despoten definiert, sondern als "Eigenschaft" der Polisbewohner begriffen wird. Allerdings unter genau bestimmten Voraussetzungen, die nie grundlegend in Frage gestellt werden: Die gesamtgriechische Gemeinschaft bildet einen Zusammenschluss von Hunderten selbstständiger Polisbürgerschaften, eine Zentralgewalt fehlt. Sklaverei, Geringschätzung von Arbeit, Ausschluss von Frauen aus dem öffentlichen politischen Leben beschränken indes die Freiheit auf einen ausgewählten Personenkreis.

In den frühen Polisgemeinschaften hat sich – anders als bei anderen Hochkulturen – keine Monarchie oder Aristokratie etabliert. Stattdessen wurden basisdemokratischen Ideen und Organisationsformen der Boden bereitet: "Einmal jedoch lief es ganz anders. Da war es keine Monarchie und kein herrschaftsgeübter Adel, sondern eine relativ breite, über hunderte von selbständigen Gemeinden sich verbreitende Schicht von Freien, von 'Bürgern', die sich ihre Welt formte", schreibt Maier. So beginnen Erzählungen und, da für die Zeit vor 800 die Quellenlage dünn ist und man für weite Strecken der griechischen Geschichte auf Dichtung zurückgreifen muss, können ganze Zeitabschnitte nur großflächig skizziert werden: "Es wird eine ganze Weile lang vieles hin und hergewogt sein", heißt es dann. Noch für die zweite Hälfte des 6. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung sind eigentlich nur zwei Ereignisse sicher datierbar: die Sonnenfinsternis von 648, die bei Archilochos erwähnt ist und die Sonnenfinsternis von 585, die Thales von Milet vorausgesagt hat. Die eher statische Organisation der Polis bildet zwar im 6. Jahrhundert ein Experimentierfeld für Ämter, Ratskollegien, Volksversammlungen und Gerichtsbarkeit. Immer wieder werden von den Bürgerschaften sogenannte "Ins-Lot-Richter" berufen, um Missstände zu beheben. Auch kennt man kurzfristige Zeiten der Tyrannis. Dennoch erlebt die Polis zwar beständigen Wechsel, aber kaum strukturelle Umbrüche. Athen mit seiner hohen Bevölkerungszahl bildet eine besondere Herausforderung, da hier Organisationsformen entwickelt werden müssen, die lokale, identitätsbildende Verankerung und Interessen der Gesamtpolis miteinander vernetzen müssen, ohne dass einige Wenige die Kommunikationswege von vornherein blockieren können. Solons Gesetze, welche den – grundsätzlich für gut befundenen alten Zustand – wieder herstellen sollen, besonders aber Kleisthenes' Neuordnung der Polisorganisation setzen eine Zäsur im historischen Gedächtnis.

Wo es keinen Hof, kein politisches Zentrum gibt, müssen andere Formen der Öffentlichkeit gepflegt werden: religiöse Feste, Spiele, Musisches. Der Gedanke des Wettkampfs wird sehr hoch eingestuft, Sportler werden maßlos verehrt und die Olympiaden bilden die einzige allgemeingriechische Zeitrechnung. Eine wichtige Rolle für den Informationsaustausch kommt dem Orakel in Delphi zu. Es steht den Ratsuchenden nicht nur mit "dunklen Sprüchen" zur Seite, sondern dient, da es von Gesandten aus dem Ägäisraum und den Kolonien an der kleinasiatischen Küste besucht wird, als "Umschlagplatz von Ideen". Deutlich wird bei der Lektüre von Meiers Buch allerdings auch, dass der Freiheitsbegriff nicht nur positive, sondern auch negative Auswirkungen zeitigt: Besitz zeichnet den freien Bürger aus und das Besitzstreben geht soweit, dass Überfälle auf fremde Herden, Städte und Dörfer keine Schande bedeuten: "Zu Anfang des 6. Jahrhunderts fungieren im attischen Gesetz Vereinigungen der 'auf Raub Ausfahrenden' in einer Reihe mit denen der Kaufleute sowie den Begräbnis- und Opfervereinen. Für alle gelten die gleichen Bestimmungen."

Auf der "Agora", dem für die Debatte bestimmten öffentlichen Platz, steht derjenige gut da, der prächtig gekleidet ist, seine Stärken herauszukehren, seine Schwächen zu verbergen und gut zu reden weiß. Auch diese Ausrichtung auf den schönen Schein ist ein Stück antikes Erbe und zeigt unter der Hand wie sehr "unsere Sprach-Bilder, und Vorstellungswelt von Begriffen, Figuren und Geschichten aus der Antike bevölkert" sind.


Christian Meier: Kultur, um der Freiheit willen. Griechische Anfänge – Anfänge Europas? Siedler Verlag, 350 S., 22,95 Euro

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