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StartseiteBüchermarktDie Haut vergisst nichts13.02.2012

Die Haut vergisst nichts

Dagmar Burkhart: "Hautgedächtnis". Georg Olms Verlag.

Anti-Aging-Kuren, Botoxspritzen, Lifting und Permanent-make-up versprechen jugendliche Haut. Doch ist das wirklich wünschenswert? Die Slawistin und Autorin Dagmar Burkhart untersucht, was auf der Jagd nach dem ewigen Jungbrunnen verloren geht: das Hautgedächtnis.

Von Matthias Eckoldt

Ein Tattoo - eingeritzt für ein ganzes Leben (Stock.XCHNG / Beatriz Chaim)
Ein Tattoo - eingeritzt für ein ganzes Leben (Stock.XCHNG / Beatriz Chaim)

Mit der Wahl des Titels "Hautgedächtnis" zeichnet Dagmar Burkhart bereits den Weg vor, den sie mit ihrem Buch nehmen möchte. Sie interessiert nicht der Zustand, also nicht die Haut als solche, sondern jene Prozesse, die sich auf der Haut zeigen. Insofern ist der Ansatz der Slawistik-Professorin ein semiotischer, was erst einmal nicht mehr bedeutet, als dass die Haut nicht nur für sich, sondern zugleich auch – zeichenhaft – für etwas anderes steht.

"Der semiotische Ansatz ermöglicht die Erforschung der Narbe als Zeichenbildung. Narben sind Zeichen auf der Haut, die zur Entzifferung und damit zur Kommunikation einladen. Seit dem 18. Jahrhundert findet ein prinzipieller Wandel in der Wahrnehmung des Leibes statt, welche die Vorstellung von der Haut als Oberfläche hervorbringt. In der Vormoderne bildete die Haut noch eine unüberwindbare Schranke vor dem mysteriösen Inneren. Erst im 16. Jahrhundert beginnt sich das Tabu der Öffnung von Leichnamen zu lockern."

Dagmar Burkhart lädt ein zu einem Lektürekurs für die Haut und gibt inspirierende Leseanleitungen für die Male der menschlichen Hülle. Die nichtpathologischen Zeichen, die sich an der Grenze zwischen Innen und Außen einschreiben, teilt sie in drei Kategorien ein: Zu den von ihr sogenannten Alpha-Phänomenen gehören all jene Stigmen, die vom Anfang der individuellen Existenz künden wie Nabel und Muttermale. Unter Zoe-Phänomenen fasst die Autorin Narben und Wunden, die sich der Mensch im Laufe seines Lebens zuzieht. Demgegenüber stehen die Omega-Phänomene, die von der Endlichkeit erzählen – etwa Falten und Altersflecken.

"Was mich vor allem interessiert hat, ist die Haut sozusagen vom Ende her zu denken. Das, was bei der ganzen Kultivierung der Oberfläche, die wir erleben – buchstäblich Kult des Äußeren, des Oberflächlichen – beiseitegelassen wird, ist die Endlichkeit, die Zeitlichkeit. Da sind wir dann schon bei dem großen Komplex der Eingriffe in die Haut vonseiten der Dermatologie und vonseiten der plastischen Chirurgie. Da hat die Alterung, die Vergänglichkeit, der Tod schlechthin, häufig das Stigma des Unnatürlichen. Alterung und Tod werden als größtmögliche Kränkung des menschlichen Narzissmus aufgefasst. Insofern ist Hautbetrachtung auch eine philosophische Betrachtung."

Es ist faszinierend mitzuvollziehen, wie Dagmar Burkhart in ihrem Buch immer wieder ein Gleichgewicht zwischen kenntnisreicher Darstellung sowie philosophischer Überhöhung ihres Themas findet. Exemplarisch wird dies, wenn sie über die pathologischen Zeichen auf der Haut schreibt. Den durch - im Fachterminus - selbstverletzendes Verhalten oder umgangssprachlich "Ritzen" entstehenden Narben auf der Haut widmet die Autorin ein eigenes Kapitel und führt zuerst in die psychologischen und sozialen Dimensionen des Themas ein. Demnach bilden zwei Prozent der Mädchen in Deutschland diese Form eines Borderline-Symptoms aus. Animiert durch die Peergroup und verleitet durch die Taktgeber des Lifestyles wie Lady Gaga vollziehen die Mädchen ein Ritual und schneiden sich mit Rasierklingen die Haut der Unterarme auf. Dagmar Burkhart betont auch an diesem Phänomen die zeichenhafte Dimension, also das, was die Selbstverletzungen zeigen.

"Eins der beliebtesten Lieder zum Ritual stammt von der Gruppe Rammstein, ein Song mit dem zentralen Vers "rote Striemen auf weißer Haut". Rammstein greift das Thema auf, weil eine nicht unbeträchtliche Zahl von Menschen sich Formen der Selbstverletzung zuwendet, um in Zeiten sozialer und ideologischer Verunsicherung ihr Grenzorgan, ihre Hülle, ihre Haut möglichst intensiv zu spüren."

Auch das Thema Tätowierungen begreift die Autorin als biologisches, soziales und kulturelles Phänomen. Dabei versteht sie es zugleich, die historische Dimension herauszuarbeiten:

"Tätowierungen – Tatauierungen war das ursprüngliche Wort – diese auch mit Schmerz und Lust verbundene Einschreibung von bestimmten Mustern in die Körperhaut, die hat in Europa, aus dem ethnologischen Bereich kommend, Eingang in breite Bevölkerungsschichten gefunden. Während sie zunächst noch um die Jahrhundertwende des vorigen Jahrhunderts eher Zeichen von Gefängnis oder Lageraufenthalten waren. Oder Seeleute haben sich auch tätowieren lassen. Andererseits waren aber auch Mitglieder von Königshäusern tätowiert. Also das war Anfang des 19. Jahrhunderts der Reiz des Neuen, als diese tätowierten Menschen nach Europa gebracht worden sind. Das war sozusagen ein Life-Style-Phänomen schon damals."

Auch das Life-Style unserer Tage nimmt großen Raum ein, wenn Dagmar Burkhart sich den zahlreichen Versuchen widmet, das Hautgedächtnis zu löschen. Protagonist in diesen Passagen ist der in betreffenden Kreisen als "Falten-Terminator" apostrophierte Chirurg Werner Mang, der mit Sarkasmus über seine eigene Klientel sagt:

"Bei manchen ist die Gesichtshaut so gestrafft, dass sie die Knie anziehen müssen, um lächeln zu können, was aber nicht empfehlenswert ist, denn es könnte ja irgendwo die Sollbruchstelle reißen."

Dagmar Burkhart erzählt ihre Geschichte vom Hautgedächtnis noch in den faktenreichen Passagen klar und pointiert und kann sich dabei auf ihr gutes Gespür für den Einsatz beredter Beispiel und Episoden verlassen. Dabei verfällt sie nur wohltuend selten in einen professoralen Slang. Dass sie ihn drauf hat, demonstriert die langjährige geschäftsführende Direktorin des Instituts für Slawistik an der Universität Mannheim, in Textstellen wie folgender:

"Neben der Tatsache, dass Narben als Gegenstand der nonverbalen, visuellen beziehungsweise taktilen und der verbalen Kommunikation eine Rolle spielen, ist jede Narbe – genau wie die Falte – als Zeichen gelebten Lebens auch ein Phänomen der Chronemik, das heißt der Semiotik der Zeit."

Abgerundet wird das Buch durch die Auslotung der symbolischen Dimension des Hautgedächtnisses in der Kultur. Dazu unternimmt die Autorin einen Parforceritt durch die Geschichte der Literatur, Malerei, des Films und des Theaters. Interviews öffnen das Buch noch einmal für eine neue Tonlage. Der Fotograf Peter Wattendorff erzählt feinfühlig über seine Fotoserie "Bauch meiner Mutter", für die er in Absprache mit seiner Erzeugerin die Operationsnarben beschriftet und mit Jahreszahlen versehen hat. Von 1926, wo der Frau der Blinddarm entfernt wurde über drei Kaiserschnitte in den Fünfziger Jahren bis zur Herzoperation 2001. Tatsächlich hat man nach der Lektüre des Buchs den Eindruck, eine gesamte Biografie aus der faltig-wulstigen Haut herauslesen zu können. Die Konklusion von "Hautgedächtnis" fand Dagmar Burkhart jedoch in einer Erzählung von Alexander Kluge:

"'Trudes Wert'. Von einer 81-Jährigen wird erzählt, die ins Altersheim eingeliefert werden soll gegen ihren Willen und die eine offene Hautstelle hat am unteren Rücken. Sie hat ihr Leben lang entfremdet gelebt unter der Familie, da spricht jetzt sozusagen die Haut. Dieses Wundmal schließt sich nicht mehr. Sie ist sozusagen wie Christus, dessen Wundmale sich auch nicht schließen durften, damit das Heilsgeschehen seinen Lauf nimmt. So ist diese Trude sozusagen eine Schmerzensfrau mit ihren Wundmalen. Und so heißt es dann auch: Ihr Mund konnte nicht mehr sprechen, ihr Körper sprach. Und sie hat noch eine Tochter, die nur widerwillig dieses Wundmal versorgt."


Mit "Hautgedächtnis" ist es Dagmar Burkhart gelungen, das mit 1,6 Quadratmetern größte Organ des Menschen aus seinem biologischen Kontext herauszulösen und in den Rang eines vielschichtigen Phänomens zu erheben. So schärft sich Seite um Seite das Bewusstsein des Lesers für die besondere Art des Informationsspeichers, den er sein Leben lang mit sich herum trägt.

Dagmar Burkhart: "Hautgedächtnis". Georg Olms Verlag, 268 Seiten, 39,00 Euro

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