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Die heilige Matrix

Synergie-Verlagsbuchhandlung, 461 S., EUR 24,90

An Utopien glauben nur noch Unbelehrbare, höhnt - im schrillen Chor - das deutsche Feuilleton. Utopien seien immer Ideologien, Zwangsveranstaltungen zum kollektiven Glück. Aber muss man denn gleich an sie glauben, ganz so als wären sie nur Religionsersatz? Könnte man nicht einfach mal ausprobieren, was von den uralten - und nicht selten universellen - Menschheitsträumen sich in dieser unserer fortgeschrittenen Gesellschaft endlich verwirklichen lässt, hier und jetzt, da wir all die technischen, wissenschaftlichen, kulturellen und materiellen Voraussetzungen dafür geschaffen haben? Was hindert uns? Was lässt uns blind weiterwursteln, gefangen in der angeblichen Eigendynamik angeblicher Sachzwänge? Sind Konkurrenz (einer Variante der Kriegsführung ohne physische Waffen, wie schon Hobbes wusste), Klassenkämpfe (auch wenn sie heute nicht mehr so heißen), Ausbeutung (auch wenn das Wort längst aus der Mode fiel) und Gewalt wirklich anthropologische Konstanten, die Menschennatur gewissermaßen, die jeden Versuch, sie zu ändern, naiv, blasphemisch oder aussichtslos erscheinen lässt?

Eike Gebhardt

Das Unbehagen in und an unserer Kultur ist längst kein Privileg hypersensibler Intellektueller mehr, sondern der allgemeine Kulturpessimismus der schweigenden Mehrheit - Utopien sind immer das Deckelbild des momentanen Leidens. Warum sonst träumt fast jeder, bewusst oder unbewusst, von einer besseren Welt?

Der Psychoanalytiker Dieter Duhm, dem wir eine scharfsinnige Untersuchung der Angst im Kapitalismus verdanken (so der Titel seines ersten Buches), leitet heute - nach langen Wanderjahren durch utopische Kommunen - ein soziales Experiment im südlichen Portugal, in dem ökologische Lebensweise, Friedensarbeit, alternative Erziehung und so etwas wie eine befreite Sexualität durchgespielt werden. Jährlich finden sich hier im Spätsommer Gäste aus aller Welt Ideentausch zum ein, denn die Kommune will kein Getto bleiben, sondern zurückwirken auf die Gesellschaft.

Stets hat Duhm seine eigene Entwicklung theoretisch begleitet - die Titel seiner Veröffentlichungen sind soz. programmtische Autobiographien. Der Mensch ist anders, titelte der Auf- und Ausbruch aus der sich verhärtenen politischen Linken, es folgte Der unerlöste Eros, später Sammlungen seiner verstreuten Artikel - und jetzt gleichsam ein Testament des bisherigen Lebens - Titel: Die heilige Matrix. Denn ab hier beginne ein ganz neuer Lebensentwurf, eine Art Wiedergeburt.

Duhms Grunddiagnose für die verkorkste Gegenwart: Soziale Verhältnisse seien überall Gewaltverhältnisse - Kriege sind nur die Spitze des Eisbergs, ja eigentlich nur eine besonders sichtbare Folge der Gewalt im Alltag: in den Institutionen, den sozialen Hierarchien und Abhängigkeiten bis hinein in die Familien und Geschlechterverhältnisse. Das ist keine atemberaubend originelle Diagnose; sympathisch allerdings die Chuzpe, mit der Duhm diese Verhältnisse als kurierbar - und seine Kommune kurzum zum exemplarischen "Heilungsbiotop" - erklärt. Duhm:

Die Gesellschaft ist ausgetreten ist aus der Ordnung. Schauen Sie auf diese ganze Patriarch. Welt von Gewalt und Unterdrückung, z.B. die Kriegschauplätze, die materielle Not in der 3. Welt, sexuelle Not usw. Unser Heilungsbiotop will austreten aus Ordnung der Gewalt in eine Ordnung der Freiheit und Liebe.

Wie eine solche Ordnung aussehen könnte, bleibt reichlich nebulös. Dass Liebe nicht liebesfremden Zwecken wie Fortpflanzung unterworfen sein sollte, klingt zumindest an. Und auch, dass die ursprünglichen Hochkulturen Matriarchate gewesen seien - und Frauen seien ja bekanntlich liebevoller, friedfertiger, fürsorglicher. Da hat Duhm wohl eine Überdosis der Kollegin Mitscherlich geschluckt:

Sexueller Hintergrund dieser Ursünde. Sex ist Thema Nr. 1: kein Thema in der Geschichte ohne diesen sexuellen Hintergrund. Die Gesellschaft war überall bis vor ca. 10000 Jahren hauptsächlich weiblich/matrilinear. Irgendwann war der weibl. Stammesverband zu eng für die aufkommende männlichen Macht - diese zerschlugen überall die matriarchalen Kulturen.

Doch unabhängig von solchen historischen Fantasmen, die Duhms Abschottung gegen zeitgenössischen Diskurs - auch übrigens der gender studies - bezeugen, hat die Idee der Erotik als Selbstzweck bzw. als Form der Friedensarbeit natürliche ehrenwerte Vorfahren, Von Fourier bis Fromm und Reich; sie soll vor allem den Fluch der Kleinfamilie außer Kraft setzen, in der die Kinder ihr ersten Liebesobjekte zugleich als die Menschen erfahren, von denen sie abhängig sind; lebenslang also werden sie Liebe mit Abhängigkeit in Verbindung bringen - typisches Symptom: "Ich brauche Dich": Die Liebeserklärung als Abhängigkeitserklärung. Das gilt dann bald für alle Liebesformen, auch die erotikfreien.

Deshalb z.B. sollen Kinder in eigenen Kinder-Dörfern von Älteren betreut werden (wie übrigens auch in manchen anderen Kulturen, denen Ethno-Psychiater eine weitgehende Neurosenfreiheit attestiert haben). Zwar haben sie jederzeit Zugang zu den Eltern - verhindern aber will man, dass sich die Eltern eventuelle narzistische Defizite, also ihre eigenen Liebesbedürfnisse, mit Hilfe der abhängigen Kinder kompensieren.

All you need is love - die Schlüsselqualifikation der Duhmschen Utopie. Ein Potpourri von esoterischen und teils seriösen Referenzen (mal zitiert und mal referiert, mal ohne Quellenhinweis nur umschieben); seine Hauptreferenz jedoch ist eine gewisse Sabine Lichtenfels, die den Sinnsuchern im Projekt den spirituellen (und manchmal spiritistischen) Überbau liefert: Z.B. die Unterstellung einer paradiesischen matriarchalen Hochkultur vor 6-, 7000 Jahren, deren Struktur ihr irgendwo im Mittelmeerraum visionär offenbar wurde. Nötig für den konkreten oder auch nur den idealistischen Kern des Projekts ist das freilich nicht, ahnt auch Duhm:

Ich wäre froh, wenn jemand meine Bücher übersetzen könnte in eine Art neuer universalistischer Universaltheorie. Ich kann es nicht selber. Ich kann nicht taktieren oder diplomatisch schreiben: zwar mit Logik, aber nur aus dem Herzen ... Meine Erfahrung aus denen ich schöpfe sind eben hauptsächlich spiritueller Art.

Die spirituellen Quellen sprudeln vermutlich vor allem in ihm selber - und es ist gut möglich, dass Duhm sein jüngstes Buch als Antwort auf ein quasi-religiösen Glaubensbedürfnis schrieb, das ihn nach so vielen Lebensexeperimenten überfiel: Endlich ein Ende machen mit den Experimenten - zu denen er gleichwohl noch rhetorisch steht - und in einen sicheren Glaubens-Hafen zu gleiten. Das Bedürfnis gebar die Vision eines zeitlosen, ausdrücklich "übergeschichtlichen" "Schöpfungsplans", in dem die natürliche Ordnung der Welt festgelegt sei. Doch nichts untergräbt den Anspruch, das Heilungsbiotop sei ein Experiment, wirkungsvoller als dieser Glaube selber: Denn wenn alles schon feststeht, brauchen wir nur noch im Befehlsnotstand des sog. Schöpfungsplans zu handeln - mündige Bürger sind dann überflüssig, ihre kritischen Einwände krankhaft weil uneinsichtig. Duhm:

Es gibt einen Punkt, wo Freiheit identisch ist mit Einordnung in bestehende Lebensverhältnisse, übergeordnete Lebenszusammenhänge. Und die gibt es - das ist eine Sache der spirituellen Grunderfahrung, z.B. bei Grenzerfahrungen.

Aus aller Welt kämen die Signale dieser Aufbruchstimmung, und zunehmend wende man sich an ihn und sein exemplarisches Projekt:

Seit 2 Jahren öffnet sich Welt dafür, doch ich erwarte immer noch keine gute Presse. Die Menschen (?) reagieren positiv und erwartungsvoll. Natürlich reagiert die bürgerliche Presse gar nicht, nur die alternative Presse, und die wegen unseres angeblich Machtanspruchs: sie fühlen sich vereinnahmt, bevormundet, als strebten wir die Herrschaft über den Rest des New Age an. Ich fühle mich wie Reinhold Messner, als er ohne Maske den Berg bestieg: Die ganze Bergsteihgerwelt hat protestiert, fühlten sich vereinnahmt, bevormundet, von dem, was nicht sein konnte - bis einige merkten: Das können wir auch, das ist machbar.

Im Gegensatz zur Hohepriesterin Frau Lichtenfels hat Duhm sich eine Rest-Ahnung bewahrt von jener Welt da draußen, für deren Heilung sich sein Sozio-Biotop bereithält. Doch jede Gemeinschaft braucht einen Schutzraum, in dem Visionen sich entfalten können und sich nicht gleich vor einem nörgelnden Realitätsprinzip rechtfertigen müssen - das war im frühen Feminismus nicht anders, als Männer ausgeschlossen wurden, es ist in jeder Therapie vonnöten, schon gar in einer experimentellen. Und als solche versteht sich das Projekt, für das Duhms Buch gleichsam die Gebrauchsanleitung sein will. In den Nischen der spiritistischen Fantasien findet sich immer wieder die ehrenwerte Sorge um den Zustand unserer Gesellschaft - und der einsame Mut, den sonst niemand unter unseren postmodernen Analytikern und Apokalyptikern mehr aufbringt: Alternativen zum Status quo, zum angeblichen Ende der Geschichte, durchzuspielen.

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