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StartseiteBüchermarktDie höfische Gesellschaft / Über die Einsamkeit der Sterbenden27.02.2003

Die höfische Gesellschaft / Über die Einsamkeit der Sterbenden

Im Sommer 1979 stand ein älterer Herr im überfüllten Audimax der Tübinger Universität und versuchte, den Studenten den Prozess der Zivilisation zu erklären. Interdependenzen, Figurationen, Verhaltensmuster, Affektkontrolle - das war nicht recht in Mode damals. Die Marxistische Gruppe schrie lautstark dazwischen und trat belehrend in Aktion, da der alte Mann Ökonomie und Klassenkampf nicht genügend gewürdigt hatte.

Christian Gampert

Von heute aus mag das damalige Happening eher als absurdes Theater erscheinen. Denn Norbert Elias, er war die Hauptfigur jenes denkwürdigen Abends, wurde in den 80iger Jahren zu einer wichtigen Referenz für die Kulturwissenschaften - weil er anhand der Tischsitten oder des Spuckens oder Schneuzens die Veränderung von Verhaltensformen en detail untersuchte, vom Mittelalter über Renaissance und Absolutismus bis in die Moderne.

Elias vielfach untermauerte These ist folgende: die Geschichte der abendländischen Zivilisation ist ein Prozess zunehmender Verhaltensdifferenzierung und Affektkontrolle. Dieser von der Gesellschaft immer weiter standardisierte "Zwang zum Selbstzwang", die Möglichkeit, nicht blind den ersten aggressiven Impulsen zu folgen, sondern reflektiert mit ihnen umzugehen und sie sogar strategisch einzusetzen, befördert auf gesellschaftlicher Ebene die Entwicklung von den dezentralisierten Krieger-Gesellschaften des Mittelalters (um es mit manchen Verhältnissen der heutigen Dritten Welt zu vergleichen: der Herrschaft von War Lords) hin zu den differenzierteren und größeren Gesellschaften zunächst des Absolutismus und später der Moderne, welche Gewaltmonopole bilden und so veränderte manufakturielle oder eben industrielle Produktionsweisen für sich nutzbar machen können.

Im Rahmen der vom Suhrkamp-Verlag betreuten Elias-Gesamtausgabe sind nun zwei neue Bände erschienen, die das Lebenswerk umreißen: "Die höfische Gesellschaft" und "Die Einsamkeit der Sterbenden", das eine ein sehr früher, das andere ein sehr später Text. Beide sind wenig bekannt und bedürfen deshalb umso mehr der Aufmerksamkeit. "Die höfische Gesellschaft" ist im Prinzip eine Vorarbeit zur Zivilisations-Theorie; hier geht es noch nicht um veränderte Peinlichkeits-Schwellen oder um den großen Individualisierungs-Schub der Neuzeit, sondern um jene fast gespenstisch anmutenden protokollarischen Abhängigkeiten, in die sich Menschen, auch jenseits wirtschaftlicher Verwicklungen, in einer "verhoften" Gesellschaft (wie Elias das nennt) zueinander begeben.

Wie ist es zu erklären, so fragt sich Elias, dass über viele Generationen hinweg sich Menschen immer wieder in derselben "höfischen" Figuration bewegten und - bei nicht gerade großartigen eigenen Macht-Chancen - sich deren Zwängen und Etiketten unterwarfen? Wie kann es sein, dass über Jahrhunderte immer nur eine einzige Familie herrschte und alle anderen sich der jeweils zentralen Figur unterwarfen? Elias untersucht das anhand der symbolischen Darstellung von Macht, die sich etwa in Bauwerken oder Zeremonien ausdrückt. Und er stellt fest, dass dieses "höfische" soziale System einiges an Herrschafts-Sicherheit bietet sowie auch gewisse Spielräume bei der Rollen-Interpretation. Abgrenzung nach unten - der Adel arbeitete nicht. Ein Geflecht von Abhängigkeiten durch Vasallentum, Lehen und fein abgestufte aristokratische Vorrechte und Pflichten. Befriedung nach innen, Wehrhaftigkeit nach außen. Zentralisierung und damit: Effektivierung der Herrschaftsfunktionen für den König.

Rund 10 000 Menschen lebten Mitte des 18. Jahrhunderts im Schloß von Versailles, um ihrem König nahe zu sein. Sie hatten eine Wohnung im königlichen Haus (und auch noch eine Wohnung in der Stadt, das "Hotel"). Der König verstand sich als Machthaber und Hausherr - im großen Gebäude Frankreich. Diese besondere Form gegenseitiger Loyalität wurde durch die entsprechenden Zeremonien und Förmlichkeiten immer wieder beglaubigt.

Die Adligen unterschieden sich nicht unbedingt durch vermehrten Besitz (der bis zu einem bestimmten Grad selbstverständlich war), sondern durch einem besondern Umgang untereinander, durch ein verfeinertes Benehmen von der Restbevölkerung. Um den Preis, dass manche Etikette, manch Möbel, Prunkbau und oder manche Selbst-Inszenierung zum "Prestige-Fetisch" verkamen und dass der Funktions-Schwund, die Überflüssigkeit dieser Fürstenpositionen mit zunehmender Industrialisierung und Verstädterung immer offenkundiger wurde. Die französische Revolution sprach dann ein Machtwort.

Im Frankreich des "verhoften" Absolutismus hatte also eine adlige gesellschaftliche Oberschicht aufgehört, sich ständig zu bekriegen, und mühsam einigermaßen friedliche Umgangsformen gefunden. Und es ist durchaus erhellend zu wissen, dass Elias weite Teile dieses Buchs über den französischen Hof, ursprünglich einmal seine Habilitationsschrift, am Vorabend jener Machtübernahme von 1933 schrieb, mit der dann zivilisierte Verhaltensstandards zu einem großen Teil zusammenbrachen. In dieser Situation stellte sich für Elias erneut die Frage, wie sich Gesellschaften denn zivilisieren - sagte er 1979 im Interview mit Eckart Frahm:

Das ist also ein Problem der Balanceverhältnisse. Wenn man die Affekte zu viel zügelt, wird man unglücklich, wenn man sie zu wenig zügelt, kann man mit anderen Menschen nicht zusammenleben. (...) Diese Gleichgewichte des Verhältnisses von einem Menschen und vom anderen, das ist noch heute ein Zentralproblem. Und die Entwicklung im Sinne eines Zivilisationsprozesses zeigt, dass dazu der Einbau von Selbstkontrollen, nicht zu viel und nicht zu wenig, eine der zentralen Fragen bildet.

Selbstkontrolle ist der eine, Identifikation der andere psychische Mechanismus, der im Verlauf der Geschichte immer weiter ausgebildet wurde. Unsere Fähigkeit, uns zu identifizieren, auch: mit anderen mitzuleiden, ist weitaus ausgeprägter als zum Beispiel die des Publikums im Imperium Romanum, das mit großer Freude zusah, wie Menschen von Tieren zerrissen wurden oder Gladiatoren sich gegenseitig umbrachten. Und gerade weil der Tod so bedrohlich ist, weil der Tod der anderen qua Identifikation uns an den eigenen Tod erinnert, wird er in der Moderne aus dem Alltag weitgehend herausgedrängt.

Dies ist der Ansatzpunkt von Norbert Elias' später Schrift "Über die Einsamkeit der Sterbenden". Sterben beginnt für ihn mit der Aussonderung der Kranken, mit ihrem Herausfallen aus sozialen Bezügen. Elias analysiert allerdings auch die Aggressionsneigung hochgerüsteter Gesellschaften als Todesangst: aus ihrer Zentralfunktion heraus, die eigene Gesellschaft vor Vernichtung zu schützen, sie sozusagen unsterblich zu machen, greifen sie andere Gesellschaften an. Schließlich werden auch die verschiedenen Religionen von Elias auf ihre Grundfunktion zurückgestutzt, nämlich den Menschen die Angst vor dem Tod zu nehmen und ihnen ein Weiterleben in einem wie auch immer gearteten Jenseits zu versprechen. Dabei ist klar, dass nur der eigene Glaube ewige Seligkeit verspricht und die jeweils anderen Religionen zu bekämpfen sind. Elias verfolgt diese Struktur über Kreuzzug und Inquisition bis in innerweltliche Glaubenssysteme, das heißt: bis zu Nazi-Parteitagen und bis in die Gaskammern. Der eklatante Mangel an Mitgefühl, an Identifikation mit den anderen, der solchen Prozessen eigen ist, wirft ganz nebenbei ein Licht auf die heutige Verführungskraft des Islam: des metaphysischen Schutzes (und der priesterlichen Erlaubnis zu töten) bedürfen offenbar besonders jene Bevölkerungsgruppen aus der dritten Welt, deren ökonomische Existenz am ungesichertsten ist.

Elias' kleine Soziologie des Todes garniert die Verdrängungs-These mit Schriftgut aus der Bestattungs-Industrie, Werbebroschüren von Friedhofsgärtnern und Schulbüchern der 1970iger Jahre. Die relative Präsenz des Todes in früheren Zeitaltern belegt er mit Liebesgedichten aus dem 17. Jahrhundert von Martin Opitz oder dem ironischen Andrew Marvell: "An seine spröde Geliebte": "The grave's a fine and private place,/ but none, I think, do there embrace". (Ich übersetze frei: "Das Grab ist wohl ein nobler Ort/ doch ohne Liebe liegt man dort".)

Und Elias unterzieht ganz nebenbei den - nach seiner Meinung - romantisierenden Todestheoretiker Philippe Ariès von der französischen "Annales"-Gruppe einer herben Kritik: die Auswahl von Ariès Belegen sei einseitig, bei seiner Interpretation mittelalterlicher Epen habe er gar nicht verstanden, dass diese Idealisierungen des Ritterlebens darstellten. Schließlich sei Ariès' Hauptthese - vom sanften, freundlichen, "gezähmten" mittelalterlichen Tod inmitten der liebenden Verwandtschaft - angesichts der von großen Schmerzen gequälten Kranken, des lamentablen Kenntnisstandes der Medizin, der von der Kirche angeheizten Angst vor der Hölle und der hungernden, mißgünstigen und erbschleicherischen Verwandten nicht so recht nachzuvollziehen.

Hat die Geschichte einen Sinn? Hat der Zivilisationsprozeß einen "Zielpunkt"? Nein, sagte der ältere Herr schon damals, 1979 im Tübinger Audimax, angesichts der fortschrittsgläubigen marxistischen Jugend. Die Geschichte ist sinnlos, der Prozeß der Zivilisation ungerichtet. Das einzige, was Elias schon damals sicher zu wissen glaubte: wir, als die Subjekte der Geschichte, "wir sind die Sinngebenden".

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