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"Die Intelligenzforschung ist eigentlich von jeher umstritten"

Der Arzt Thomas Grüter zum 100. Jahrestag der Erfindung des IQ

Das Gespräch führte Mario Dobovisek

Das Genie Albert Einstein - mittelprächtig in der Schule, aber gesegnet mit außergewöhnlicher Intelligenz
Das Genie Albert Einstein - mittelprächtig in der Schule, aber gesegnet mit außergewöhnlicher Intelligenz (AFP)

Vor 100 Jahren entsann der deutsche Psychologe William Stern eine Methode zur Ermittlung der Intelligenz eines Menschen: den Intelligenzquotienten, kurz IQ. Bis heute ist die Methode umstritten, sagt der Autor Thomas Grüter - und stellt auch Methodik und Ergebnisse der Pisa-Tests infrage.

Mario Dobovisek: Emotionale Intelligenz, soziale Intelligenz, Körperintelligenz, künstliche Intelligenz oder gar kulinarische Intelligenz – der Begriff der Intelligenz findet die unterschiedlichste Verwendung. Vor 100 Jahren hielt der deutsche William Stern auf dem fünften Kongress für experimentelle Psychologie in Berlin einen Vortrag und veranlasste, dass das durch Tests ermittelte Intelligenzalter eines Menschen durch die Zahl der realen Lebensjahre geteilt und am Ende mal 100 genommen wird. Was hier sehr kompliziert klingt, ist der Intelligenzquotient, der damit geboren war. Noch heute legen Teile unserer Gesellschaft gesteigerten Wert auf einen möglichst hohen IQ, wenn es etwa um die Förderung hochbegabter Kinder geht. – Aus Münster zugeschaltet ist uns Thomas Grüter, er ist Arzt und Wissenschaftsautor. Guten Morgen, Herr Grüter.

Thomas Grüter: Ja guten Morgen, Herr Dobovisek.

Dobovisek: Haben Sie schon mal selbst Ihren IQ errechnet, Herr Grüter?

Grüter: Ja, im Rahmen einer Studie habe ich mal einen Intelligenztest mitgemacht.

Dobovisek: Und was sagt uns ein solcher Test?

Grüter: Ein solcher Test sagt eigentlich nur, dass man in bestimmter besserer oder schlechterer Weise in der Lage ist, bestimmte Aufgaben oder Aufgabenkombinationen durchzuführen. Das sind Aufgaben, da geht es um die Kombination von verschiedenen Dingen, da geht es auch um Wissen. Es geht also um die Definition beispielsweise von Begriffen, die immer schwieriger werden, es geht darum, sich Ziffernfolgen zu merken, vorwärts und rückwärts, also solche Dinge. Das Auswendiglernen gehört eigentlich zu den Dingen, die im Intelligenztest nur eine geringe Rolle spielen. Das Wichtige ist eigentlich die Fähigkeit, schnell auf eine neue Weise Schlussfolgerungen zu ziehen.

Dobovisek: Solche Intelligenztests werden inzwischen in vielen Bereichen des Personalmanagements verwendet, zum Beispiel in Einstellungsverfahren größerer Unternehmen, den sogenannten Assessment-Centern. Ist das Gewicht gerechtfertigt, das manche Personaler dem IQ beimessen?

Grüter: Der IQ alleine kann natürlich nicht entscheiden, ob jemand für eine bestimmte Aufgabe geeignet ist oder nicht. Er stellt eigentlich nicht viel mehr fest als die Eignung, sich schnell in Dinge einzuarbeiten. Das ist in der heutigen Zeit eigentlich relativ wichtig, aber es ist natürlich immer nur ein Aspekt und es gibt tatsächlich Assessment-Center, die sehr großen Wert auf den IQ legen, und ich meine, das ist alleine nicht gerechtfertigt.

Dobovisek: Warum nicht?

Grüter: ... , weil alleine die Fähigkeit, sich in Dinge einzuarbeiten, die im wesentlichen Schulleistungen entsprechen, nicht darüber entscheiden kann, ob man jetzt einen bestimmten Job gut durchführen kann oder nicht. Wenn das beispielsweise ein Job ist, bei dem es sehr darum geht, wie man sich auf seine Mitmenschen einstellen kann, bei dem es also wichtig ist zu kommunizieren, dann ist das gerade ein Bereich, den der IQ nicht erfassen würde.

Dobovisek: Auch der Pisa-Test ist eine Art Intelligenztest und die Ergebnisse verbessern sich mit einer besseren Schulbildung. Ist also jeder, der gut in der Schule auswendig lernt, gleichzeitig intelligenter?

Grüter: Das hängt schon zusammen, ja. Das heißt, der Pisa-Test und die gängigen Intelligenztests bringen normalerweise ein relativ ähnliches Ergebnis. Jemand, der im Pisa-Test gut abschneidet, hat eine höhere Wahrscheinlichkeit, auch in den gängigen Intelligenztests besser abzuschneiden.

Dobovisek: Wir legen ja sehr viel Wert als Wissensgesellschaft auf das Abschneiden in der Schule. Kann der Pisa-Test denn tatsächlich Auskunft darüber geben, wie gut das Schulsystem ist?

Grüter: Der Pisa-Test ist natürlich nur ein Faktor, der anzeigt, wie gut das Schulsystem ist, und der internationale Vergleich ist sicherlich etwas umstritten, weil beispielsweise in einigen Ländern die Kinder im Durchschnitt eher eingeschult werden und in anderen Ländern im Durchschnitt später, wie in Deutschland zum Beispiel. Die Pisa-Tests werden aber durchgeführt nicht in einem bestimmten Schuljahr, sondern bei einem bestimmten Alter der Kinder und deswegen ist die Vergleichbarkeit natürlich eingeschränkt.
Dann ist immer die Frage, wo wird der Pisa-Test entwickelt, in welcher Sprache wird er erstmals entwickelt und in welche Sprachen muss er dann übersetzt werden, wobei bei der Übersetzung natürlich einiges verloren gehen kann. Deshalb ist der Pisa-Test zwar, sagen wir mal, ein grundsätzliches Maß für die Qualität des Schulsystems, weil er eben abprüft, was Kinder in einem bestimmten Alter in bestimmten Fächern können.
Die Frage ist auch immer, wie wollen die Schulsysteme die verschiedenen Fächer einordnen und was wird wann gelehrt. Das ist auch überall verschieden. Man hat also eine grundsätzliche Vorstellung davon, wie gut das Schulsystem ist, man sollte aber bei den Pisa-Studien jetzt nicht auf den letzten Punkt gucken.

Dobovisek: Wie aussagekräftig ist dann ein solcher Test?

Grüter: Der Pisa-Test gibt einen Anhaltspunkt. Wenn man jetzt genau sieht, beispielsweise bei den verschiedenen Pisa-Tests werden ja Punkte ermittelt für die einzelnen Länder und die meisten Industrieländer liegen relativ nah beieinander. Das heißt, man kann also nicht sagen, jemand ist, sagen wir mal, siebter Platz, sechster Platz, fünfter Platz, wenn diese Plätze nur drei, vier Prozent auseinanderliegen. Das ist dann schon mehr zufallsbedingt. Und die Aussagekraft ist eigentlich dann gegeben, wenn man sagt, oh, da ist aber jetzt ein großer Punktverlust und da könnten wir noch einiges nachholen.

Dobovisek: Jetzt stehen die umstrittenen Thesen Thilo Sarrazins im Raum, Intelligenz sei zu 50 bis 80 Prozent erblich, sagt er. Gibt es ein Intelligenzgen, das so etwas beeinflussen kann?

Grüter: Man hat noch kein Intelligenzgen gefunden. Man hat aber festgestellt, dass die Intelligenz von Geschwistern geringere Unterschiede aufweist als die Intelligenz von völlig fremden. Das gilt selbst dann, wenn man berücksichtigt, dass Geschwister ja im Allgemeinen in ähnlichen Verhältnissen aufwachsen. Deswegen darf man schon schließen, dass eine gewisse erbliche Komponente da ist. Welche das nun genau ist, kann man schlecht feststellen. Die saloppe Feststellung, dass Intelligenz zu 50 bis 80 Prozent erblich ist, ist allerdings unsinnig, denn die Intelligenz eines Menschen ist zu einem wesentlich höheren Prozentsatz erblich - er hat ja erst mal ein menschliches Gehirn und dieses menschliche Gehirn ist ausschließlich von den Genen bestimmt -, sondern es geht lediglich um die Intelligenzunterschiede zwischen den Menschen. Und da hat man jetzt festgestellt, dass die Erblichkeit der Intelligenzunterschiede im Allgemeinen in, wie das so schön heißt, bildungsnahen Familien wesentlich höher ist. Das heißt, diese Kinder sind in der Lage, ihre ererbten Anlagen besser auszuspielen, während in bildungsfernen Familien die Umgebung wesentlich wichtiger ist. Das heißt, durch eine Verbesserung der Umgebung könnte man hier sehr viel erreichen.

Dobovisek: Welche Umgebungseinflüsse sind das genau? Was müssen Eltern tun, damit ihre Kinder intelligenter sind?

Grüter: Damit ihre Kinder intelligenter sind, heißt lediglich, man hat ein höheres Maß im Intelligenztest und das kann man einfach durch bessere Bildung erreichen. Denn Intelligenz ist jetzt nicht eine Eigenschaft wie beispielsweise die Schuhgröße, sondern wenn Sie drei Intelligenztests machen, sagen wir im Abstand von einem Monat, dann werden Sie merken, dass die meisten Leute sukzessive besser abschneiden, also im dritten Test deutlich besser als im ersten Test, weil auch dieses Dinge sind, die man eben lernen kann. Und wenn die Eltern darauf achten, dass beispielsweise die Kinder regelmäßig ihre Hausaufgaben machen, wenn sie dafür sorgen, dass sie in der Schule immer gut mitkommen, wenn sie dafür sorgen, dass Fragen, die sie aus dem Unterricht mitbringen, beantwortet werden können – wenn sie es nicht selber können, vielleicht macht das dann ein Nachhilfelehrer -, dann würden die Kinder wesentlich besser abschneiden.

Dobovisek: Wie viele dieser Erkenntnisse, die wir gerade besprochen haben, sind gesichert? In welchem Bereich befindet sich da die Intelligenzforschung im Moment?

Grüter: Die Intelligenzforschung ist eigentlich von jeher umstritten. Es gibt Intelligenzforschung etwa seit 100 Jahren. Das ist kurz eigentlich vor William Stern, mit seinem Intelligenzquotienten setzte das ein, und seitdem kann sich die Wissenschaft bisher nicht darüber einigen, wie man Intelligenz eigentlich genau definiert. Man hat zwar Intelligenztests, aber was diese Intelligenztests nun genau messen, das weiß keiner. Diese Intelligenztests werden aneinander validiert, wie das im Fachausdruck heißt. Das heißt, man stellt fest, ob ein neuer Intelligenztest die Leute in eine ähnliche Rangfolge bringt wie die bisherigen. Und daraus weiß man dann immerhin, dass er etwas Ähnliches misst. Ob das aber nun Intelligenz ist und ob es überhaupt Sinn macht, eine lineare Reihenfolge der Intelligenz festzulegen, das ist noch völlig unklar.

Dobovisek: Der Arzt und Wissenschaftsautor Thomas Grüter über die Intelligenzforschung. Seit 100 Jahren gibt es den Intelligenzquotienten. Vielen Dank.

Grüter: Ja bitte! Bitte gerne.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

IQ-Test auf den Seiten des Hochbegabtenvereins Mensa

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