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StartseiteBüchermarkt"Die israelische Gesellschaft nimmt das Leiden der Anderen immer weniger wahr"01.03.2007

"Die israelische Gesellschaft nimmt das Leiden der Anderen immer weniger wahr"

Die Romanfiguren des israelischen Autors Ashkenazy suchen allesamt nach Halt. Die Lebensläufe von Krankenschwestern, Lehrern, Apothekern, Schülern und Rekruten werden in 18 Kapiteln miteinander verschränkt. Die Lektüre der "Geschichte vom Tod meiner Stadt" ist beklemmend, denn Ashkenazys Figuren taumeln durch die Hölle.

Von Sigrid Brinkmann

Ein israelischer Polizist verfolgt in Jerusalem eine palästinensische Demonstrantin. (AP)
Ein israelischer Polizist verfolgt in Jerusalem eine palästinensische Demonstrantin. (AP)

Yiftach Ashkenazy hat den Roman dem Andenken seines in Karmiel begrabenen Vaters gewidmet. Dieser starb - kurz bevor der Sohn den Militärdienst beendete - bei einem Autounfall. Aus der Armee entlassen, kehrte Yiftach Ashkenazy 2003 in seine ihm fremd gewordene Geburtsstadt Karmiel zurück, um literarisch mit dem, wie er sagt, "Rassismus der Armee" abzurechnen. Das israelische Militär, sagt der 26jährige, "breche die menschliche Fähigkeit zur Empathie".

" Für mich war der Checkpoint ein Trauma. Alle Macht zu besitzen, und du siehst, wie Leute sie einsetzen und Palästinenser demütigen. Natürlich macht das nicht jeder, aber manche eben doch. Ein Freund von mir - er war Offizier - hat zu Beginn der Zweiten Intifada aus Versehen einen Demonstranten getötet. Und er war total schockiert, dass die Armee die Akte einfach schloss. Er erhielt keinerlei Strafe. So läuft das beim Militär. Die israelische Gesellschaft nimmt das Leiden der anderen immer weniger wahr. Das war auch das wirkliche Problem des letzten Krieges."

Ashkenazys Romanfiguren suchen allesamt nach Halt. Der Autor schlüpft in ihre Haut, spricht aus ihrem Mund. Die Lebensläufe von Krankenschwestern, Lehrern, Apothekern, Schülern und Rekruten werden in 18 Kapiteln miteinander verschränkt. Eine Frau, die sich "die Alte vom Busbahnhof" nennt, beobachtet eine Soldatin, auf die niemand wartet. Sie lädt sie zu einer Partnertauschfête ein, die ihr Ehemann regelmäßig organisiert. Ein ehemaliger Kompanieführer, der bei einer Sicherheitsfirma jobbt, liest bevorzugt Vergewaltigungsberichte. Er identifiziert sich mit den Tätern. Eine Clique Jugendlicher trifft sich in alten Grabhöhlen, um im Dunkel den Geist eines im Libanon gefallenen Freundes zu beschwören. Sie trinken exzessiv, sie nehmen Drogen, sie feiern Orgien. Tagsüber treffen sie sich im "Gedächtnispark".

Er hat eine schwarze gewundene Mauer. Frisch goldgemalte Inschriften von Toten im Hinblick auf den Holocaustgedenktag. Wenn man in zeitlicher Nähe dieses Tages dort hinkommt, kann man den Ort richtig gepflegt vorfinden, mit den trockenen Kränzen der städtischen Betriebe rund um die Mauer. In der Mitte steht eine Skulptur in Form eines Altars, der ursprünglich eine Wasser- und Feuerfontäne war, doch gibt es schon seit Jahren keinen Etat, um ihn wiederzubeleben. Uns diente er hauptsächlich dazu, Bierflaschen aufzumachen.

Eltern, denen die Kinder entgleiten, versuchen mithilfe abergläubischer Rituale wieder Kontrolle zu gewinnen.

"Vor Rivkas Abtreibung hatten sie eine reinigende Séance gemacht und versucht, Nostradamus heraufzubeschwören, der wütend wurde und ihnen Hitler auf den Hals hetzte (den stärksten Geist, der ganz allein zwischen den Daseinsebenen wechseln konnte). Sie wollten, dass wir ihnen halfen, ihn zu verjagen, und empfahlen uns, mit einem Psalmenband herumzulaufen. Sie wollten, dass wir zum Stamm zurückkehrten. Wir lachten über sie (...)"

Der pseudoreligiöse Schamanismus der Elterngeneration verstärkt den Zynismus der Jüngeren. Die kennen kaum ein anderes Fernziel als den nächsten Trip nach Indien. Sexistisch, berechnend, einsam und verzweifelt tönen die Figuren. Im Anfangs- und Schlusskapitel wählt Yiftach Ashkenazy unvermittelt die Ich-Perspektive. Dieses Ich, am Schluss auch "Yiftach" genannt, ist ein empfindsames Wesen. Für Ashkenazy war es nötig, dass eine einzelne Stimme dem Zynismus der anderen Figuren widerstrebt. Dieser "Yiftach" blickt unsentimental auf seine Umgebung: auf Menschen und Bauten. So erinnert er sich an arabische Häuserruinen und Reste von Glaswerkstätten aus byzantinischer Zeit, die unter der Stadt Karmiel begraben liegen. Die von Dornengestrüpp überwucherte, verleugnete Geschichte des Ortes und seiner ehemaligen arabischen Bewohner weist den Weg in eine dunkle Zukunft.

"Der Kollaps passiert in Kapitel 15. Das ist schon fast ein Epilog. Dieses Kapitel ist äußerst gewaltsam. Das vergisst keiner. Es provoziert, es fordert alle Aufmerksamkeit, und es verändert das Denken. Es beschreibt den größten Konflikt. "

Ein ehemaliger Feldwebel hält seit einem Monat ein arabisches und ein jüdisches Mädchen in einem unterirdischen Lagerraum gefangen. In einem atemlosen Monolog enthüllt Ashkenazy die Motive des Mannes, der sich als Friedensbringer versteht, in Wahrheit aber nichts anderes tut, als Kinder zu misshandeln.

Meine persönliche Friedensinitiative kam mir beim Militär in den Kopf, als ich Kommandant an einer Straßensperre in Ramallah war, zwischen zwei Häusern und Olivenhainen, die mich an die Umgebung von Karmiel erinnerten. (...) Meiner Meinung nach habe ich schon jetzt den Nobelpreis verdient, zumindest den Zeitungsschlagzeilen und der Solidarität des gemeinsamen Hasses nach, die ich zwischen den Völkern geschaffen habe. Völker in vereinter Sorge, die sich in ihrer Furcht umarmen, werden nicht kämpfen.

Der Entführer plant den Moment, in dem Polizisten sein Versteck entdecken. Er wird sich erschießen, um sie mit seinem Blut zu beflecken. Und zuvor vergewaltigt er die Mädchen. Gemäß seiner Logik sät er den "Samen des Friedens". Die Lektüre der "Geschichte vom Tod meiner Stadt" ist beklemmend. Ashkenazys Figuren taumeln durch die Hölle. Nur im körperlichen Schmerz erfahren sie noch die Konturen ihres Selbst. Unüberhörbar jedoch vernimmt man zwischen den verbalen Überschreitungen den Appell, das Erbarmen wieder zu lernen. Beiläufig erwähnt Yiftach Ashkenazy, die Schriften des Marquis de Sade gelesen zu haben. Es klingt ein wenig so, als meine er, seinen Text theoretisch unterfüttern zu müssen. Aber man versteht auch so, dass der Autor den Leib im Grunde als etwas Heiliges betrachtet und dessen Unversehrtheit ein Gebot bleibt. Yiftach Ashkenazy arbeitet in Yad Vashem. Er führt Schüler durch die Gedenkstätte und bringt sie mit Zeitzeugen zusammen, die erzählen, wie sie das Gefangensein in den Konzentrationslagern überlebten. Eine sinnvollere Aufgabe, davon ist Yiftach Ashkenazy überzeugt, lässt sich derzeit nicht finden. Karmiel, der "toten Stadt" hat er den Rücken gekehrt. In Jerusalem fühlt er sich am richtigen Platz.

"Wenn ich erschöpft bin, dann laufe ich einfach durch die Stadt und sehe sie mir an. Man kann Jerusalem auch hassen. Normalerweise geht das zu Wochenbeginn am Sonntag los, aber wenn der Freitagabend anbricht und alles zur Ruhe kommt, dass ist es hier wunderbar. Es bleibt ein inspirierender Ort."


Yiftach Ashkenazy hat den Roman dem Andenken seines in Karmiel begrabenen Vaters gewidmet. Dieser starb - kurz bevor der Sohn den Militärdienst beendete - bei einem Autounfall. Aus der Armee entlassen, kehrte Yiftach Ashkenazy 2003 in seine ihm fremd gewordene Geburtsstadt Karmiel zurück, um literarisch mit dem, wie er sagt, "Rassismus der Armee" abzurechnen. Das israelische Militär, sagt der 26jährige, "breche die menschliche Fähigkeit zur Empathie".

" Für mich war der Checkpoint ein Trauma. Alle Macht zu besitzen, und du siehst, wie Leute sie einsetzen und Palästinenser demütigen. Natürlich macht das nicht jeder, aber manche eben doch. Ein Freund von mir - er war Offizier - hat zu Beginn der Zweiten Intifada aus Versehen einen Demonstranten getötet. Und er war total schockiert, dass die Armee die Akte einfach schloss. Er erhielt keinerlei Strafe. So läuft das beim Militär. Die israelische Gesellschaft nimmt das Leiden der anderen immer weniger wahr. Das war auch das wirkliche Problem des letzten Krieges."

Ashkenazys Romanfiguren suchen allesamt nach Halt. Der Autor schlüpft in ihre Haut, spricht aus ihrem Mund. Die Lebensläufe von Krankenschwestern, Lehrern, Apothekern, Schülern und Rekruten werden in 18 Kapiteln miteinander verschränkt. Eine Frau, die sich "die Alte vom Busbahnhof" nennt, beobachtet eine Soldatin, auf die niemand wartet. Sie lädt sie zu einer Partnertauschfête ein, die ihr Ehemann regelmäßig organisiert. Ein ehemaliger Kompanieführer, der bei einer Sicherheitsfirma jobbt, liest bevorzugt Vergewaltigungsberichte. Er identifiziert sich mit den Tätern. Eine Clique Jugendlicher trifft sich in alten Grabhöhlen, um im Dunkel den Geist eines im Libanon gefallenen Freundes zu beschwören. Sie trinken exzessiv, sie nehmen Drogen, sie feiern Orgien. Tagsüber treffen sie sich im "Gedächtnispark".

Er hat eine schwarze gewundene Mauer. Frisch goldgemalte Inschriften von Toten im Hinblick auf den Holocaustgedenktag. Wenn man in zeitlicher Nähe dieses Tages dort hinkommt, kann man den Ort richtig gepflegt vorfinden, mit den trockenen Kränzen der städtischen Betriebe rund um die Mauer. In der Mitte steht eine Skulptur in Form eines Altars, der ursprünglich eine Wasser- und Feuerfontäne war, doch gibt es schon seit Jahren keinen Etat, um ihn wiederzubeleben. Uns diente er hauptsächlich dazu, Bierflaschen aufzumachen.

Eltern, denen die Kinder entgleiten, versuchen mithilfe abergläubischer Rituale wieder Kontrolle zu gewinnen.

"Vor Rivkas Abtreibung hatten sie eine reinigende Séance gemacht und versucht, Nostradamus heraufzubeschwören, der wütend wurde und ihnen Hitler auf den Hals hetzte (den stärksten Geist, der ganz allein zwischen den Daseinsebenen wechseln konnte). Sie wollten, dass wir ihnen halfen, ihn zu verjagen, und empfahlen uns, mit einem Psalmenband herumzulaufen. Sie wollten, dass wir zum Stamm zurückkehrten. Wir lachten über sie (...)"

Der pseudoreligiöse Schamanismus der Elterngeneration verstärkt den Zynismus der Jüngeren. Die kennen kaum ein anderes Fernziel als den nächsten Trip nach Indien. Sexistisch, berechnend, einsam und verzweifelt tönen die Figuren. Im Anfangs- und Schlusskapitel wählt Yiftach Ashkenazy unvermittelt die Ich-Perspektive. Dieses Ich, am Schluss auch "Yiftach" genannt, ist ein empfindsames Wesen. Für Ashkenazy war es nötig, dass eine einzelne Stimme dem Zynismus der anderen Figuren widerstrebt. Dieser "Yiftach" blickt unsentimental auf seine Umgebung: auf Menschen und Bauten. So erinnert er sich an arabische Häuserruinen und Reste von Glaswerkstätten aus byzantinischer Zeit, die unter der Stadt Karmiel begraben liegen. Die von Dornengestrüpp überwucherte, verleugnete Geschichte des Ortes und seiner ehemaligen arabischen Bewohner weist den Weg in eine dunkle Zukunft.

"Der Kollaps passiert in Kapitel 15. Das ist schon fast ein Epilog. Dieses Kapitel ist äußerst gewaltsam. Das vergisst keiner. Es provoziert, es fordert alle Aufmerksamkeit, und es verändert das Denken. Es beschreibt den größten Konflikt. "

Ein ehemaliger Feldwebel hält seit einem Monat ein arabisches und ein jüdisches Mädchen in einem unterirdischen Lagerraum gefangen. In einem atemlosen Monolog enthüllt Ashkenazy die Motive des Mannes, der sich als Friedensbringer versteht, in Wahrheit aber nichts anderes tut, als Kinder zu misshandeln.

"Meine persönliche Friedensinitiative kam mir beim Militär in den Kopf, als ich Kommandant an einer Straßensperre in Ramallah war, zwischen zwei Häusern und Olivenhainen, die mich an die Umgebung von Karmiel erinnerten. (...) Meiner Meinung nach habe ich schon jetzt den Nobelpreis verdient, zumindest den Zeitungsschlagzeilen und der Solidarität des gemeinsamen Hasses nach, die ich zwischen den Völkern geschaffen habe. Völker in vereinter Sorge, die sich in ihrer Furcht umarmen, werden nicht kämpfen. "

Der Entführer plant den Moment, in dem Polizisten sein Versteck entdecken. Er wird sich erschießen, um sie mit seinem Blut zu beflecken. Und zuvor vergewaltigt er die Mädchen. Gemäß seiner Logik sät er den "Samen des Friedens". Die Lektüre der "Geschichte vom Tod meiner Stadt" ist beklemmend. Ashkenazys Figuren taumeln durch die Hölle. Nur im körperlichen Schmerz erfahren sie noch die Konturen ihres Selbst. Unüberhörbar jedoch vernimmt man zwischen den verbalen Überschreitungen den Appell, das Erbarmen wieder zu lernen. Beiläufig erwähnt Yiftach Ashkenazy, die Schriften des Marquis de Sade gelesen zu haben. Es klingt ein wenig so, als meine er, seinen Text theoretisch unterfüttern zu müssen. Aber man versteht auch so, dass der Autor den Leib im Grunde als etwas Heiliges betrachtet und dessen Unversehrtheit ein Gebot bleibt. Yiftach Ashkenazy arbeitet in Yad Vashem. Er führt Schüler durch die Gedenkstätte und bringt sie mit Zeitzeugen zusammen, die erzählen, wie sie das Gefangensein in den Konzentrationslagern überlebten. Eine sinnvollere Aufgabe, davon ist Yiftach Ashkenazy überzeugt, lässt sich derzeit nicht finden. Karmiel, der "toten Stadt" hat er den Rücken gekehrt. In Jerusalem fühlt er sich am richtigen Platz.

"Wenn ich erschöpft bin, dann laufe ich einfach durch die Stadt und sehe sie mir an. Man kann Jerusalem auch hassen. Normalerweise geht das zu Wochenbeginn am Sonntag los, aber wenn der Freitagabend anbricht und alles zur Ruhe kommt, dass ist es hier wunderbar. Es bleibt ein inspirierender Ort."


Yiftach Ashkenazy:
"Die Geschichte vom Tod meiner Stadt"
(Luchterhand Literaturverlag)

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