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StartseiteBüchermarktDie jungen Jahre01.12.2002

Die jungen Jahre

Fischer, 219 S., EUR 18,90

Die Jugend könnte man auch als die Zeit bezeichnen, in der noch der kürzeste Gedanke mit einem Fragezeichen versehen ist. Das ist der Fluch der Jugend, aber vielleicht auch ihr Privileg. Sie muss sich nicht entscheiden, darf schwanken, unsicher den einen Fuß hierhin, den anderen dorthin setzen. Genau wie der Antiheld in John Michael Coetzees Buch "Die jungen Jahre". Es ist die Fortsetzung seines autobiografischen Rückblicks, den er vor vier Jahren mit <em>Der Junge. Eine afrikanische Kindheit</em> begonnen hat.

Shirin Sojitrawalla

Aus dem Jungen, der in den vierziger und fünfziger Jahren seine Kindheit in der südafrikanischen Provinz und in Kapstadt verbrachte, ist nun ein junger Mann geworden: Er studiert Mathematik an der Universität von Kapstadt und bestreitet seinen Lebensunterhalt mit Nebenjobs, wie "Deppen aufs Abitur vorzubereiten".

Dieser John ist ein wunderlicher junger Mensch, unauffällig bis zur Langeweile, einer, der sich selbst, ehrlich wie er ist, als "nicht tollen Fang" bezeichnet. Einer, dem das Leben passiert wie eine Schiffskatastrophe, ohne dass er auch nur ans Steuerrad heranreichte. John ist unsicher, unentschieden, doch eines weiß er genau, er möchte ein Künstler werden, genauer, ein Dichter. Und, er möchte die Liebe kennen lernen, von der er sich erhofft, dass sie ihn zu dem macht, was er insgeheim sein möchte.

Er ist dünn und schlaksig, aber auch schlaff. Er wäre gern attraktiv, doch er weiß, dass er's nicht ist. Etwas Wesentliches fehlt ihm, etwas Charaktervolles. Er hat noch etwas Kindliches. Wann wird er endlich kein Kind mehr sein? Was wird ihn davon befreien, ihn zum Mann machen? - Befreien wird ihn, wenn es so weit ist, die Liebe. Wenn er auch nicht an Gott glaubt, an die Liebe und die Macht der Liebe glaubt er. Die Geliebte, die ihm Bestimmte, wird sofort das wunderliche und sogar langweilige Äußere, das er zur Schau trägt, durchschauen und das Feuer sehen, das in ihm brennt. Bis dahin ist sein langweiliges und wunderliches Aussehen Teil einer Prüfung, durch die er hindurchmuss, um eines Tages ins Licht hinauszutreten - in das Licht der Liebe, in das Licht der Kunst. Denn er wird ein Künstler sein, das ist längst entschieden. Jetzt ist er verkannt und lächerlich - das muss so sein, weil es das Los des Künstlers ist, missverstanden und verspottet zu werden, bis zu dem Tag, an dem er sich in seiner wahren Größe offenbart und aller Hohn und Spott verstummt.

Auf diesen Tag, an dem die Liebe in sein Leben tritt, wartet John in diesem Buch ebenso sehnsüchtig wie vergeblich. Auch der große Künstler, der er werden will, wird er in diesem Buch noch nicht. Nachdem sich 1960, mit dem Massaker von Sharpeville, die politische Situation in seinem Heimatland, zuspitzt, geht er mit einem Mathematikexamen in der Tasche nach London. Dass es ihn ausgerechnet nach London verschlägt, ist kein Zufall, sondern Teil seines ausgeklügelten Lebensplans.

Es gibt zwei, vielleicht drei Orte auf der Welt, wo das Leben mit größter Intensität gelebt werden kann: London, Paris, vielleicht auch Wien. Paris steht an erster Stelle: die Stadt der Liebe, die Stadt der Kunst. Aber um in Paris leben zu können, muss man eine von den vornehmen Schulen besucht haben, in denen Französisch gelehrt wird. Und Wien - Wien ist für die Juden, die zurückkehren, um ihr Erbe zurückzufordern: logischer Positivismus, Zwölftonmusik, Psychoanalyse. Bleibt also London, wo Südafrikaner keine Papiere brauchen und die Menschen Englisch sprechen. London mag zwar ein kaltes steinernes Labyrinth sein, aber hinter seinen abweisenden Mauern sind Männer und Frauen damit beschäftigt, Bücher zu schreiben, Gemälde zu malen, Musik zu komponieren.

In London angekommen, fängt John aber keineswegs damit an, Bücher zu schreiben, Gemälde zu malen oder Musik zu komponieren. Nein, er beginnt bald als Programmierer für IBM zu arbeiten. Zahlenreihen und nicht poetische Zeilen, kurze Affären und nicht die große Liebe warten auf ihn. Doch nebenbei macht John das, wovon er noch nicht ahnen mag, dass es der womöglich beste Weg zu seinem Berufsziel ist: Er liest, und zwar alles, was ihm in die Finger kommt. Von seinen Lieblingsschriftstellern Ezra Pound und T. S. Eliot über Ingeborg Bachmann und Günter Grass bis hin zu Pablo Neruda und Samuel Beckett. Dabei vermengen sich in seinem Kopf Dichtung und Wahrheit, werden Schriftsteller zu Ratgebern und literarische Figuren zu Idealen:

Flaubert gefällt ihm. Besonders Emma Bovary mit ihren dunklen Augen, ihrer ruhelosen Sinnlichkeit, ihrer Bereitschaft, sich hinzugeben, hat ihn in Bann geschlagen. Er würde gern mit Emma ins Bett gehen, den berühmten Gürtel wie eine Schlange zischen hören, wenn sie sich auszieht. Würde das aber Pound gutheißen? Er weiß nicht genau, ob der Wunsch, Emma zu begegnen, ein ausreichender Grund ist, Flaubert zu bewundern. In seiner Empfindungswelt ist, so vermutet er, immer noch etwas Verdorbenes, etwas, was an Keats erinnert. Natürlich ist Emma Bovary ein erdichtetes Geschöpf, er wird ihr nie auf der Straße begegnen. Doch Emma wurde nicht aus dem Nichts heraus erschaffen: Sie hatte ihren Ursprung in den leiblichen Erfahrungen ihres Autors, Erfahrungen, die dann durch das verwandelnde Feuer der Kunst gingen.

Und nur deshalb giert der junge Mann nach Erfahrungen, die sich partout nicht einstellen möchten, um sie dann in den Dienst der großen Kunst stellen zu können. Auch wenn er einige Frauengeschichten in London erlebt, für seine Dichtkunst lassen sie sich, jedenfalls zum damaligen Zeitpunkt, nicht nutzen. Das gelingt erst dem schon alt gewordenen John M. Coetzee, der in der Rückschau, eigene Erfahrungen zur Literatur verdichtet.

Ob es sich bei diesem Buch um eine Autobiografie oder bloß um eine fiktive Autobiografie handelt, ist dabei vollends unerheblich. Autobiografien fußen immer zu einem guten Teil auf Erinnerungen, die sich bekanntlich nicht gerade durch Wahrheitstreue und Lückenlosigkeit auszeichnen. Auch das eigene Leben kann im Rückblick wie Fiktion erscheinen. Mag also sein, dass Coetzee nichts von alledem, was er hier beschreibt, genau so erlebt hat. Und wenn schon. Das ändert nichts am Grad der Authentizität, den er in diesem Buch erreicht. Freilich teilt Coetzee mit seinem Protagonisten biografische Gemeinsamkeiten. Auch er verließ die Universität von Kapstadt mit einem Mathematikexamen und ging nach London, um dort als Programmierer zu arbeiten. Später zieht es ihn dann in die Vereinigten Staaten, worüber er hoffentlich und wahrscheinlich in einem künftigen Band erzählen wird. Doch der Verlag und sein Autor verzichten trotzdem darauf, das vorliegende Buch mit der Gattungsbezeichnung "Autobiografie" zu versehen. Dazu passt, dass Coetzee gegen jede autobiografische Gepflogenheit von seinem Protagonisten in der dritten Person spricht. Damit gelingt es ihm nicht nur, den eigenen Erfahrungen einen objektiveren Anstrich zu verleihen, sondern er macht auch die Distanz deutlich, die zwischen dem zwanzig Jahre alten John und dem mehr als sechzig Jahre alten Schriftsteller John M. Coetzee liegt. Alles, was John einmal dachte, muss Coetzee schon längst nicht mehr denken. Diese Distanz macht er für sein Schreiben fruchtbar, indem er die Erfahrungen In jungen Jahren zuweilen ironisch bricht, wodurch das Buch eine angenehm komische Note erhält.

Er glaubt an die leidenschaftliche Liebe und ihre verwandelnde Kraft. Seine Erfahrung ist jedoch, dass Liebesbeziehungen seine Zeit verschlingen, ihn auslaugen und seine Arbeit behindern. Ist es möglich, dass er nicht dazu geschaffen ist, Frauen zu lieben, dass er in Wahrheit schwul ist? Wenn er schwul wäre, würde das seine Leiden von Anfang bis Ende erklären. Doch seit seinem siebzehnten Lebensjahr ist er immer fasziniert gewesen von der Schönheit der Frauen, von der Atmosphäre geheimnisvoller Unerreichbarkeit, die sie umgibt. Als Student glühte er im ständigen Liebesfieber, einmal für dieses, das andere Mal für jenes Mädchen, manchmal für zwei gleichzeitig. Das Lesen von Gedichten steigerte sein Fieber nur noch. Durch die blind machende sexuelle Ekstase wird man in eine Klarheit ohnegleichen versetzt, ins Herz der Stille, sagten die Dichter; man wird eins mit den Elementarkräften des Universums. Obwohl ihm diese Klarheit ohnegleichen bisher nicht zuteil geworden ist, zweifelt er keinen Moment daran, dass die Dichter Recht haben.

Hätte Coetzee diese schwülstigen Gedanken in der Ichform niedergeschrieben, wäre das Ergebnis nur schwerlich zu ertragen. Im distanziert ironischen Rückblick aber versöhnt er mit dem pubertierenden Pathos und dem jugendlichen Überschwang der Gefühle. Ja, mehr noch, nur so gelingt es ihm, den Leser für seinen Protagonisten einzunehmen. Der Leser schließt diesen merkwürdigen jungen Mann ins Herz, verzeiht ihm vieles und spricht sich so auch von der eigenen Jugend frei. Die vielen Fragen, die sich John den ganzen Tag stellt, machen ihn zur sympathischen Ausnahme in einer Welt, in der die Überzeugung mehr zu zählen scheint als der Zweifel.

Das Unsichere, Schwankende, das Nicht-ein-noch-aus-Wissen machen ihn zu einem Menschen aus Fleisch und Blut. Denn John gelingt es nicht, sich selbst zu orten, er pendelt hin und her und findet keinen Ruhepol. Er weiß nicht, ob er sich in Lyrik oder Prosa ausprobieren sollte, ob es ihn mehr zu Frauen oder zu Männern hinzieht, ob er sich eher noch wie ein Kind oder doch schon wie ein Greis fühlt und ob er nun sein Heil im Programmieren oder doch im Künstlerdasein findet. Von dieser Suche nach dem eigenen Weg im eigenen Leben erzählt Coetzee mit leichter Hand und großer Präzision, wobei er den Gedankensprüngen des jungen Mannes freien Lauf lässt. Er gewährt uns einen tiefen Blick in seinen Schädel und verfolgt seine zuweilen verworrenen Überlegungen mit augenzwinkernder Genauigkeit. Und schafft es auf diese Weise, die Lektüre dieses Buches zum ebenso unterhaltsamen wie aufschlussreichen Erlebnis werden zu lassen.

In zwanzig kurzen Kapiteln begleitet er John durch seine ersten Londoner Jahre. Dreimal wird es Sommer werden, und am Ende ist auch John am Ende. Eine Entwicklung gestattet Coetzee ihm zum Glück nicht. John darf auf der Stelle treten, sich um sich selbst drehen, was er ausgiebig und mit Vorliebe tut. Seine Selbstzweifel, Selbstgespräche und Selbstbespiegelungen machen den größten Teil des Buches aus.

Hin und wieder ist es ihm möglich, sich für einen Moment von außen zu sehen: als flüsternden, besorgten Kindmann, so langweilig und gewöhnlich, dass man ihm keinen zweiten Blick schenkt. Diese plötzlichen Erleuchtungen verstören ihn, statt sie festzuhalten, versucht er, sie im Dunkeln zu begraben, sie zu vergessen. Ist das Ich, das er in solchen Momenten wahrnimmt, nur was er zu sein scheint oder was er wirklich ist? Wenn Oscar Wilde nun Recht hat und es keine tiefere Wahrheit als den äußeren Schein gibt? Kann es sein, dass man langweilig und gewöhnlich nicht nur an der Oberfläche, sondern bis ins tiefste Innere und trotzdem ein Künstler ist? Könnte T. S. Eliot zum Beispiel insgeheim langweilig bis ins Innere sein, und könnte Eliots Behauptung, dass die Persönlichkeit des Künstlers irrelevant für sein Werk ist, nichts als ein Winkelzug sein, um seine Langweiligkeit zu verbergen?

Mit solchen selbstquälerischen Zweifeln verbringt John seine Tage in London. Coetzee wählt wie auch schon im ersten Teil seiner Erinnerungen das Präsens, um davon zu erzählen. Das birgt den Vorteil, dass das Geschehen an Unmittelbarkeit gewinnt. Die Jugend wird so nicht zur abgeschlossenen Handlung, sondern zum allseits präsenten Erlebnis, das in die Gegenwart wirkt.

Die chronische Versagensangst von John verliert auf diese Weise nichts von ihrer trotzigen Traurigkeit. John, der "kein Talent für Vergnügungen und modische Sachen hat", dem "Fröhlichkeit, Romantik und Stil abgehen", wie er sagt, erinnert in seiner buchhalterischen Verschrobenheit ein wenig an Melvilles Schreiber Bartleby, auch wenn er freilich in seiner Verweigerungsgshaltung nicht dessen Konsequenz erreicht. Wo Barleby es vorzog, es lieber nicht zu tun, ist John zu erschöpft, um es zu tun. Bange fragt er sich, ob die Müdigkeit wohl nur die erste Prüfung sei, die auch die großen Meister Hölderlin, Blake, Pound und Eliot bestehen mussten.

Eigentlich müsste man John bemitleiden, so wie er sich selbst leidenschaftlich selbst bemitleidet, weil er nicht kann, wie er will. Dass der Leser ihn nicht bemitleidet liegt auch an der Lakonie, mit der Coetzee von ihm erzählt und die Reinhild Böhnke schnörkellos ins Deutsche übersetzt.

Das Leben ist halb so schlimm, auch wenn es sich weit schlimmer anfühlen mag, scheint Coetzee dem jungen John zuraunen zu wollen. Dabei gelingt ihm die Gratwanderung zwischen ironischer Vergangenheitsbewältigung und ehrlicher Rückschau. Er macht sich nicht lustig über den Mann, der er womöglich selbst einmal war. Er berichtet nur derart genau vom chaotischen Gefühls- und Seelenleben des Zwanzigjährigen, dass es nicht mehr Zwanzigjährige zwangsläufig anrührt.

Er wünscht, ihm möge es vergönnt sein, zum Leben zu erwachen und nur für eine Minute, nur für eine Sekunde zu erfahren, wie es ist, wenn man das heilige Feuer der Kunst in sich brennen fühlt. Leiden. Wahnsinn, Sex: drei Möglichkeiten, das heilige Feuer auf sich herabzurufen. Er hat die unteren Regionen des Leidens besucht, er ist mit Wahnsinn in Berührung gekommen; was weiß er vom Sex? Sex und Kreativität verbünden sich, alle sagen das, und er zweifelt nicht daran. Weil sie kreativ sind, besitzen Künstler das Geheimnis der Liebe. Frauen können das Feuer, das im Künstler brennt, sehen, sie haben einen Instinkt dafür. Frauen besitzen das heilige Feuer selbst nicht ( es gibt Ausnahmen: Sappho, Emily Bronte). Auf der Suche nach dem Feuer der Liebe folgen Frauen den Künstlern und geben sich ihnen hin. (...) Und was ist nun mit ihm? Wenn noch keine Frau bisher hinter seiner hölzernen Art, seinem verbissen-düsteren Wesen ein Flackern des heiligen Feuers entdeckt hat; wenn anscheinend keine Frau sich ihm ohne die schlimmsten Skrupel hingibt; wenn der Liebesakt, den er kennt, vonseiten der Frau und von seiner Seite entweder ängstlich oder gelangweilt ist, bedeutet das nun, dass er kein richtiger Künstler ist, oder bedeutet es, dass er noch nicht genug gelitten hat, nicht genug Zeit in einem Purgatorium verbracht hat, in dem auch Runden mit leidenschaftslosem Sex vorgeschrieben sind?

Es ist das Unfertige des Künstlers als junger Mann, das den Leser verstört und anzieht. John benutzt die Fragezeichen wie Krücken auf dem Weg in eine bessere, wahrhaftigere, seine eigentliche, ihm vorherbestimmte Existenz. Dabei gelingt es ihm nicht, so etwas wie Routine im Leben zu entwickeln. Wie ein Zuschauer sitzt er immer irgendwie am Rande seiner selbst. Er versteht das Leben als Prüfung und hofft doch auf den alles entscheidenden Zufall.

Der Charme des Buches liegt natürlich auch darin, dass der Leser weiß, dass John es letztendlich noch schaffen wird, zählt Coetzee doch zu den bedeutendsten Schriftstellern der Gegenwart. So muss der Leser nie besorgt sein um diesen zuweilen recht verwirrt wirkenden jungen Mann, denn die Wirklichkeit setzt den versöhnlichen Schlussakkord zu diesem Buch. Doch auch wenn sich an Johns Situation im Laufe des Buches nichts wesentliches ändern mag, er nicht als Held in einem Entwicklungsroman taugt, ist er doch dem Erwachsenwerden einen gehörigen Schritt näher gekommen, auch wenn das bloß heißt, dass er am Ende desillusionierter ist als zu Beginn. So heißt es zum Schluss des Buches ebenso lapidar wie resigniert:

Er ist Programmierer, ein vierundzwanzigjähriger Programmierer in einer Welt, in der es keine dreißigjährigen Programmierer gibt. Mit dreißig ist man zu alt zum Programmieren: man wird dann etwas anderes - irgendein Geschäftsmann -, oder man erschießt sich.

Doch mittlerweile kennt der Leser John gut genug, um zu wissen, dass hier einer auch gerne am Leiden leidet. Eigentlich ist er nämlich der tiefen Überzeugung, dass wer ein richtiger Dichter werden möchte, neben vielen Erfahrungen eben auch eine merkliche Portion Leid auf dem Buckel haben muss. So dient John sein Berufsziel auch immer wieder als Rechtfertigung dafür, so zu sein, wie er nun einmal ist. Er ist kein warmer Mensch? Na und?

Rimbaud war kein warmer Mensch. Baudelaire war kein warmer Mensch.

Und wer weiß, ob sie Großes hervorgebracht hätten, wenn sie warme Menschen gewesen wären. Für alle seine Macken und Ticks kann John einen Künstler aus dem Hut ziehen, der beweist, dass er gut daran tut, so zu sein, wie er ist. Nur, glücklich wird er so nicht.

Doch auch das Unglück wiederum scheint ihm ja, wie er sich überlegt hat, geradezu Bedingung für künstlerische Aktivität. Zum Glück, denn das Unglück ist das Einzige, auf das sich John im Leben wirklich verlassen kann

Einst, als unschuldiges Kind, glaubte er, dass Klugheit der einzige Maßstab sei, der zählte, dass er alles, was er wollte, erreichen würde, solange er klug genug war. Die Universität wies ihn in die Schranken. Die Universität zeigte ihm, dass er nicht der Klügste war, bei weitem nicht. Und jetzt sieht er sich mit dem wahren Leben konfrontiert, wo man sich nicht einmal auf Prüfungen zurückziehen kann. Im richtigen Leben, so scheint es, kann er nur eins richtig: unglücklich sein. Im Unglücklichsein ist er immer noch Klassenbester. Für das Unglück, das er auf sich ziehen und ertragen kann, scheint es keine Grenzen zu geben. Selbst als er in den kalten Straßen dieser fremden Stadt herumläuft, ohne Ziel, nur in Bewegung, um müde zu werden, damit er wenigstens schlafen kann, wenn er in sein Zimmer zurückkehrt, spürt er in sich nicht die leiseste Veranlagung, unter dem Gewicht des Unglücks zusammenzubrechen. Unglück ist sein Element. Im Unglück fühlt er sich zu Hause wie der Fisch im Wasser. Wenn das Unglück abgeschafft werden würde, wüsste er nicht, was er mit sich anfangen sollte.

So denkt sich John in seine selbst gemachten Teufelskreise, denen er nicht entfliehen kann, weil er Angst hat, wie es heißt.

Angst vorm Schreiben, Angst vor den Frauen.

Am meisten Angst aber hat er zweifellos vor sich selbst und der Unberechenbarkeit des eigenen Lebens. Und das ist es wohl auch, was dieses Buch so menschlich macht: die Angst vorm eigenen Leben, die auf jeder Seite zu spüren ist. Derart unruhig wartet John darauf, dass sein Leben beginnt, dass er gar nicht merkt, dass es längst ohne ihn begonnen hat. Es gelingt ihm einfach nicht, sich an sein Leben zu gewöhnen. Um so mehr gelingt es dem Schriftsteller John M. Coetzee, in klugen, klaren Sätzen genau den richtigen Ton zu finden, um das in Worte zu fassen. Die Jugend könnte man auch als die Zeit bezeichnen, in der noch der kürzeste Gedanke mit einem Fragezeichen versehen ist. Das ist der Fluch der Jugend, aber vielleicht auch ihr Privileg. Sie muss sich nicht entscheiden, darf schwanken, unsicher den einen Fuß hierhin, den anderen dorthin setzen. Genau wie der Antiheld in John Michael Coetzees Buch "Die jungen Jahre". Es ist die Fortsetzung seines autobiografischen Rückblicks, den er vor vier Jahren mit Der Junge. Eine afrikanische Kindheit begonnen hat.

Aus dem Jungen, der in den vierziger und fünfziger Jahren seine Kindheit in der südafrikanischen Provinz und in Kapstadt verbrachte, ist nun ein junger Mann geworden: Er studiert Mathematik an der Universität von Kapstadt und bestreitet seinen Lebensunterhalt mit Nebenjobs, wie "Deppen aufs Abitur vorzubereiten".

Dieser John ist ein wunderlicher junger Mensch, unauffällig bis zur Langeweile, einer, der sich selbst, ehrlich wie er ist, als "nicht tollen Fang" bezeichnet. Einer, dem das Leben passiert wie eine Schiffskatastrophe, ohne dass er auch nur ans Steuerrad heranreichte. John ist unsicher, unentschieden, doch eines weiß er genau, er möchte ein Künstler werden, genauer, ein Dichter. Und, er möchte die Liebe kennen lernen, von der er sich erhofft, dass sie ihn zu dem macht, was er insgeheim sein möchte.

Er ist dünn und schlaksig, aber auch schlaff. Er wäre gern attraktiv, doch er weiß, dass er's nicht ist. Etwas Wesentliches fehlt ihm, etwas Charaktervolles. Er hat noch etwas Kindliches. Wann wird er endlich kein Kind mehr sein? Was wird ihn davon befreien, ihn zum Mann machen? - Befreien wird ihn, wenn es so weit ist, die Liebe. Wenn er auch nicht an Gott glaubt, an die Liebe und die Macht der Liebe glaubt er. Die Geliebte, die ihm Bestimmte, wird sofort das wunderliche und sogar langweilige Äußere, das er zur Schau trägt, durchschauen und das Feuer sehen, das in ihm brennt. Bis dahin ist sein langweiliges und wunderliches Aussehen Teil einer Prüfung, durch die er hindurchmuss, um eines Tages ins Licht hinauszutreten - in das Licht der Liebe, in das Licht der Kunst. Denn er wird ein Künstler sein, das ist längst entschieden. Jetzt ist er verkannt und lächerlich - das muss so sein, weil es das Los des Künstlers ist, missverstanden und verspottet zu werden, bis zu dem Tag, an dem er sich in seiner wahren Größe offenbart und aller Hohn und Spott verstummt.

Auf diesen Tag, an dem die Liebe in sein Leben tritt, wartet John in diesem Buch ebenso sehnsüchtig wie vergeblich. Auch der große Künstler, der er werden will, wird er in diesem Buch noch nicht. Nachdem sich 1960, mit dem Massaker von Sharpeville, die politische Situation in seinem Heimatland, zuspitzt, geht er mit einem Mathematikexamen in der Tasche nach London. Dass es ihn ausgerechnet nach London verschlägt, ist kein Zufall, sondern Teil seines ausgeklügelten Lebensplans.

Es gibt zwei, vielleicht drei Orte auf der Welt, wo das Leben mit größter Intensität gelebt werden kann: London, Paris, vielleicht auch Wien. Paris steht an erster Stelle: die Stadt der Liebe, die Stadt der Kunst. Aber um in Paris leben zu können, muss man eine von den vornehmen Schulen besucht haben, in denen Französisch gelehrt wird. Und Wien - Wien ist für die Juden, die zurückkehren, um ihr Erbe zurückzufordern: logischer Positivismus, Zwölftonmusik, Psychoanalyse. Bleibt also London, wo Südafrikaner keine Papiere brauchen und die Menschen Englisch sprechen. London mag zwar ein kaltes steinernes Labyrinth sein, aber hinter seinen abweisenden Mauern sind Männer und Frauen damit beschäftigt, Bücher zu schreiben, Gemälde zu malen, Musik zu komponieren.

In London angekommen, fängt John aber keineswegs damit an, Bücher zu schreiben, Gemälde zu malen oder Musik zu komponieren. Nein, er beginnt bald als Programmierer für IBM zu arbeiten. Zahlenreihen und nicht poetische Zeilen, kurze Affären und nicht die große Liebe warten auf ihn. Doch nebenbei macht John das, wovon er noch nicht ahnen mag, dass es der womöglich beste Weg zu seinem Berufsziel ist: Er liest, und zwar alles, was ihm in die Finger kommt. Von seinen Lieblingsschriftstellern Ezra Pound und T. S. Eliot über Ingeborg Bachmann und Günter Grass bis hin zu Pablo Neruda und Samuel Beckett. Dabei vermengen sich in seinem Kopf Dichtung und Wahrheit, werden Schriftsteller zu Ratgebern und literarische Figuren zu Idealen:

Flaubert gefällt ihm. Besonders Emma Bovary mit ihren dunklen Augen, ihrer ruhelosen Sinnlichkeit, ihrer Bereitschaft, sich hinzugeben, hat ihn in Bann geschlagen. Er würde gern mit Emma ins Bett gehen, den berühmten Gürtel wie eine Schlange zischen hören, wenn sie sich auszieht. Würde das aber Pound gutheißen? Er weiß nicht genau, ob der Wunsch, Emma zu begegnen, ein ausreichender Grund ist, Flaubert zu bewundern. In seiner Empfindungswelt ist, so vermutet er, immer noch etwas Verdorbenes, etwas, was an Keats erinnert. Natürlich ist Emma Bovary ein erdichtetes Geschöpf, er wird ihr nie auf der Straße begegnen. Doch Emma wurde nicht aus dem Nichts heraus erschaffen: Sie hatte ihren Ursprung in den leiblichen Erfahrungen ihres Autors, Erfahrungen, die dann durch das verwandelnde Feuer der Kunst gingen.

Und nur deshalb giert der junge Mann nach Erfahrungen, die sich partout nicht einstellen möchten, um sie dann in den Dienst der großen Kunst stellen zu können. Auch wenn er einige Frauengeschichten in London erlebt, für seine Dichtkunst lassen sie sich, jedenfalls zum damaligen Zeitpunkt, nicht nutzen. Das gelingt erst dem schon alt gewordenen John M. Coetzee, der in der Rückschau, eigene Erfahrungen zur Literatur verdichtet.

Ob es sich bei diesem Buch um eine Autobiografie oder bloß um eine fiktive Autobiografie handelt, ist dabei vollends unerheblich. Autobiografien fußen immer zu einem guten Teil auf Erinnerungen, die sich bekanntlich nicht gerade durch Wahrheitstreue und Lückenlosigkeit auszeichnen. Auch das eigene Leben kann im Rückblick wie Fiktion erscheinen. Mag also sein, dass Coetzee nichts von alledem, was er hier beschreibt, genau so erlebt hat. Und wenn schon. Das ändert nichts am Grad der Authentizität, den er in diesem Buch erreicht. Freilich teilt Coetzee mit seinem Protagonisten biografische Gemeinsamkeiten. Auch er verließ die Universität von Kapstadt mit einem Mathematikexamen und ging nach London, um dort als Programmierer zu arbeiten. Später zieht es ihn dann in die Vereinigten Staaten, worüber er hoffentlich und wahrscheinlich in einem künftigen Band erzählen wird. Doch der Verlag und sein Autor verzichten trotzdem darauf, das vorliegende Buch mit der Gattungsbezeichnung "Autobiografie" zu versehen. Dazu passt, dass Coetzee gegen jede autobiografische Gepflogenheit von seinem Protagonisten in der dritten Person spricht. Damit gelingt es ihm nicht nur, den eigenen Erfahrungen einen objektiveren Anstrich zu verleihen, sondern er macht auch die Distanz deutlich, die zwischen dem zwanzig Jahre alten John und dem mehr als sechzig Jahre alten Schriftsteller John M. Coetzee liegt. Alles, was John einmal dachte, muss Coetzee schon längst nicht mehr denken. Diese Distanz macht er für sein Schreiben fruchtbar, indem er die Erfahrungen In jungen Jahren zuweilen ironisch bricht, wodurch das Buch eine angenehm komische Note erhält.

Er glaubt an die leidenschaftliche Liebe und ihre verwandelnde Kraft. Seine Erfahrung ist jedoch, dass Liebesbeziehungen seine Zeit verschlingen, ihn auslaugen und seine Arbeit behindern. Ist es möglich, dass er nicht dazu geschaffen ist, Frauen zu lieben, dass er in Wahrheit schwul ist? Wenn er schwul wäre, würde das seine Leiden von Anfang bis Ende erklären. Doch seit seinem siebzehnten Lebensjahr ist er immer fasziniert gewesen von der Schönheit der Frauen, von der Atmosphäre geheimnisvoller Unerreichbarkeit, die sie umgibt. Als Student glühte er im ständigen Liebesfieber, einmal für dieses, das andere Mal für jenes Mädchen, manchmal für zwei gleichzeitig. Das Lesen von Gedichten steigerte sein Fieber nur noch. Durch die blind machende sexuelle Ekstase wird man in eine Klarheit ohnegleichen versetzt, ins Herz der Stille, sagten die Dichter; man wird eins mit den Elementarkräften des Universums. Obwohl ihm diese Klarheit ohnegleichen bisher nicht zuteil geworden ist, zweifelt er keinen Moment daran, dass die Dichter Recht haben.

Hätte Coetzee diese schwülstigen Gedanken in der Ichform niedergeschrieben, wäre das Ergebnis nur schwerlich zu ertragen. Im distanziert ironischen Rückblick aber versöhnt er mit dem pubertierenden Pathos und dem jugendlichen Überschwang der Gefühle. Ja, mehr noch, nur so gelingt es ihm, den Leser für seinen Protagonisten einzunehmen. Der Leser schließt diesen merkwürdigen jungen Mann ins Herz, verzeiht ihm vieles und spricht sich so auch von der eigenen Jugend frei. Die vielen Fragen, die sich John den ganzen Tag stellt, machen ihn zur sympathischen Ausnahme in einer Welt, in der die Überzeugung mehr zu zählen scheint als der Zweifel.

Das Unsichere, Schwankende, das Nicht-ein-noch-aus-Wissen machen ihn zu einem Menschen aus Fleisch und Blut. Denn John gelingt es nicht, sich selbst zu orten, er pendelt hin und her und findet keinen Ruhepol. Er weiß nicht, ob er sich in Lyrik oder Prosa ausprobieren sollte, ob es ihn mehr zu Frauen oder zu Männern hinzieht, ob er sich eher noch wie ein Kind oder doch schon wie ein Greis fühlt und ob er nun sein Heil im Programmieren oder doch im Künstlerdasein findet. Von dieser Suche nach dem eigenen Weg im eigenen Leben erzählt Coetzee mit leichter Hand und großer Präzision, wobei er den Gedankensprüngen des jungen Mannes freien Lauf lässt. Er gewährt uns einen tiefen Blick in seinen Schädel und verfolgt seine zuweilen verworrenen Überlegungen mit augenzwinkernder Genauigkeit. Und schafft es auf diese Weise, die Lektüre dieses Buches zum ebenso unterhaltsamen wie aufschlussreichen Erlebnis werden zu lassen.

In zwanzig kurzen Kapiteln begleitet er John durch seine ersten Londoner Jahre. Dreimal wird es Sommer werden, und am Ende ist auch John am Ende. Eine Entwicklung gestattet Coetzee ihm zum Glück nicht. John darf auf der Stelle treten, sich um sich selbst drehen, was er ausgiebig und mit Vorliebe tut. Seine Selbstzweifel, Selbstgespräche und Selbstbespiegelungen machen den größten Teil des Buches aus.

Hin und wieder ist es ihm möglich, sich für einen Moment von außen zu sehen: als flüsternden, besorgten Kindmann, so langweilig und gewöhnlich, dass man ihm keinen zweiten Blick schenkt. Diese plötzlichen Erleuchtungen verstören ihn, statt sie festzuhalten, versucht er, sie im Dunkeln zu begraben, sie zu vergessen. Ist das Ich, das er in solchen Momenten wahrnimmt, nur was er zu sein scheint oder was er wirklich ist? Wenn Oscar Wilde nun Recht hat und es keine tiefere Wahrheit als den äußeren Schein gibt? Kann es sein, dass man langweilig und gewöhnlich nicht nur an der Oberfläche, sondern bis ins tiefste Innere und trotzdem ein Künstler ist? Könnte T. S. Eliot zum Beispiel insgeheim langweilig bis ins Innere sein, und könnte Eliots Behauptung, dass die Persönlichkeit des Künstlers irrelevant für sein Werk ist, nichts als ein Winkelzug sein, um seine Langweiligkeit zu verbergen?

Mit solchen selbstquälerischen Zweifeln verbringt John seine Tage in London. Coetzee wählt wie auch schon im ersten Teil seiner Erinnerungen das Präsens, um davon zu erzählen. Das birgt den Vorteil, dass das Geschehen an Unmittelbarkeit gewinnt. Die Jugend wird so nicht zur abgeschlossenen Handlung, sondern zum allseits präsenten Erlebnis, das in die Gegenwart wirkt.

Die chronische Versagensangst von John verliert auf diese Weise nichts von ihrer trotzigen Traurigkeit. John, der "kein Talent für Vergnügungen und modische Sachen hat", dem "Fröhlichkeit, Romantik und Stil abgehen", wie er sagt, erinnert in seiner buchhalterischen Verschrobenheit ein wenig an Melvilles Schreiber Bartleby, auch wenn er freilich in seiner Verweigerungsgshaltung nicht dessen Konsequenz erreicht. Wo Barleby es vorzog, es lieber nicht zu tun, ist John zu erschöpft, um es zu tun. Bange fragt er sich, ob die Müdigkeit wohl nur die erste Prüfung sei, die auch die großen Meister Hölderlin, Blake, Pound und Eliot bestehen mussten.

Eigentlich müsste man John bemitleiden, so wie er sich selbst leidenschaftlich selbst bemitleidet, weil er nicht kann, wie er will. Dass der Leser ihn nicht bemitleidet liegt auch an der Lakonie, mit der Coetzee von ihm erzählt und die Reinhild Böhnke schnörkellos ins Deutsche übersetzt.

Das Leben ist halb so schlimm, auch wenn es sich weit schlimmer anfühlen mag, scheint Coetzee dem jungen John zuraunen zu wollen. Dabei gelingt ihm die Gratwanderung zwischen ironischer Vergangenheitsbewältigung und ehrlicher Rückschau. Er macht sich nicht lustig über den Mann, der er womöglich selbst einmal war. Er berichtet nur derart genau vom chaotischen Gefühls- und Seelenleben des Zwanzigjährigen, dass es nicht mehr Zwanzigjährige zwangsläufig anrührt.

Er wünscht, ihm möge es vergönnt sein, zum Leben zu erwachen und nur für eine Minute, nur für eine Sekunde zu erfahren, wie es ist, wenn man das heilige Feuer der Kunst in sich brennen fühlt. Leiden. Wahnsinn, Sex: drei Möglichkeiten, das heilige Feuer auf sich herabzurufen. Er hat die unteren Regionen des Leidens besucht, er ist mit Wahnsinn in Berührung gekommen; was weiß er vom Sex? Sex und Kreativität verbünden sich, alle sagen das, und er zweifelt nicht daran. Weil sie kreativ sind, besitzen Künstler das Geheimnis der Liebe. Frauen können das Feuer, das im Künstler brennt, sehen, sie haben einen Instinkt dafür. Frauen besitzen das heilige Feuer selbst nicht ( es gibt Ausnahmen: Sappho, Emily Bronte). Auf der Suche nach dem Feuer der Liebe folgen Frauen den Künstlern und geben sich ihnen hin. (...) Und was ist nun mit ihm? Wenn noch keine Frau bisher hinter seiner hölzernen Art, seinem verbissen-düsteren Wesen ein Flackern des heiligen Feuers entdeckt hat; wenn anscheinend keine Frau sich ihm ohne die schlimmsten Skrupel hingibt; wenn der Liebesakt, den er kennt, vonseiten der Frau und von seiner Seite entweder ängstlich oder gelangweilt ist, bedeutet das nun, dass er kein richtiger Künstler ist, oder bedeutet es, dass er noch nicht genug gelitten hat, nicht genug Zeit in einem Purgatorium verbracht hat, in dem auch Runden mit leidenschaftslosem Sex vorgeschrieben sind?

Es ist das Unfertige des Künstlers als junger Mann, das den Leser verstört und anzieht. John benutzt die Fragezeichen wie Krücken auf dem Weg in eine bessere, wahrhaftigere, seine eigentliche, ihm vorherbestimmte Existenz. Dabei gelingt es ihm nicht, so etwas wie Routine im Leben zu entwickeln. Wie ein Zuschauer sitzt er immer irgendwie am Rande seiner selbst. Er versteht das Leben als Prüfung und hofft doch auf den alles entscheidenden Zufall.

Der Charme des Buches liegt natürlich auch darin, dass der Leser weiß, dass John es letztendlich noch schaffen wird, zählt Coetzee doch zu den bedeutendsten Schriftstellern der Gegenwart. So muss der Leser nie besorgt sein um diesen zuweilen recht verwirrt wirkenden jungen Mann, denn die Wirklichkeit setzt den versöhnlichen Schlussakkord zu diesem Buch. Doch auch wenn sich an Johns Situation im Laufe des Buches nichts wesentliches ändern mag, er nicht als Held in einem Entwicklungsroman taugt, ist er doch dem Erwachsenwerden einen gehörigen Schritt näher gekommen, auch wenn das bloß heißt, dass er am Ende desillusionierter ist als zu Beginn. So heißt es zum Schluss des Buches ebenso lapidar wie resigniert:

Er ist Programmierer, ein vierundzwanzigjähriger Programmierer in einer Welt, in der es keine dreißigjährigen Programmierer gibt. Mit dreißig ist man zu alt zum Programmieren: man wird dann etwas anderes - irgendein Geschäftsmann -, oder man erschießt sich.

Doch mittlerweile kennt der Leser John gut genug, um zu wissen, dass hier einer auch gerne am Leiden leidet. Eigentlich ist er nämlich der tiefen Überzeugung, dass wer ein richtiger Dichter werden möchte, neben vielen Erfahrungen eben auch eine merkliche Portion Leid auf dem Buckel haben muss. So dient John sein Berufsziel auch immer wieder als Rechtfertigung dafür, so zu sein, wie er nun einmal ist. Er ist kein warmer Mensch? Na und?

Rimbaud war kein warmer Mensch. Baudelaire war kein warmer Mensch.

Und wer weiß, ob sie Großes hervorgebracht hätten, wenn sie warme Menschen gewesen wären. Für alle seine Macken und Ticks kann John einen Künstler aus dem Hut ziehen, der beweist, dass er gut daran tut, so zu sein, wie er ist. Nur, glücklich wird er so nicht.

Doch auch das Unglück wiederum scheint ihm ja, wie er sich überlegt hat, geradezu Bedingung für künstlerische Aktivität. Zum Glück, denn das Unglück ist das Einzige, auf das sich John im Leben wirklich verlassen kann

Einst, als unschuldiges Kind, glaubte er, dass Klugheit der einzige Maßstab sei, der zählte, dass er alles, was er wollte, erreichen würde, solange er klug genug war. Die Universität wies ihn in die Schranken. Die Universität zeigte ihm, dass er nicht der Klügste war, bei weitem nicht. Und jetzt sieht er sich mit dem wahren Leben konfrontiert, wo man sich nicht einmal auf Prüfungen zurückziehen kann. Im richtigen Leben, so scheint es, kann er nur eins richtig: unglücklich sein. Im Unglücklichsein ist er immer noch Klassenbester. Für das Unglück, das er auf sich ziehen und ertragen kann, scheint es keine Grenzen zu geben. Selbst als er in den kalten Straßen dieser fremden Stadt herumläuft, ohne Ziel, nur in Bewegung, um müde zu werden, damit er wenigstens schlafen kann, wenn er in sein Zimmer zurückkehrt, spürt er in sich nicht die leiseste Veranlagung, unter dem Gewicht des Unglücks zusammenzubrechen. Unglück ist sein Element. Im Unglück fühlt er sich zu Hause wie der Fisch im Wasser. Wenn das Unglück abgeschafft werden würde, wüsste er nicht, was er mit sich anfangen sollte.

So denkt sich John in seine selbst gemachten Teufelskreise, denen er nicht entfliehen kann, weil er Angst hat, wie es heißt.

Angst vorm Schreiben, Angst vor den Frauen.

Am meisten Angst aber hat er zweifellos vor sich selbst und der Unberechenbarkeit des eigenen Lebens. Und das ist es wohl auch, was dieses Buch so menschlich macht: die Angst vorm eigenen Leben, die auf jeder Seite zu spüren ist. Derart unruhig wartet John darauf, dass sein Leben beginnt, dass er gar nicht merkt, dass es längst ohne ihn begonnen hat. Es gelingt ihm einfach nicht, sich an sein Leben zu gewöhnen. Um so mehr gelingt es dem Schriftsteller John M. Coetzee, in klugen, klaren Sätzen genau den richtigen Ton zu finden, um das in Worte zu fassen.

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