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StartseiteBüchermarktDie Kaimane werden ihm schon nichts tun ...02.03.2005

Die Kaimane werden ihm schon nichts tun ...

"Der letzte Fürst" von Ahmadou Kourouma erscheint nun auf Deutsch

Fama ist der letzte seines Stammes, der letzte Fürst der Dumbuya. Er betet für bessere Zeiten, denn seit der Unabhängigkeit der Ebenholzküste muss der Fürst, der letzte Abkomme eines großen afrikanischen Malinke - Geschlechts, betteln gehen vor den Moscheen der Hauptstadt. Er betet zu Allah, doch die Götter der Malinke vergisst er nicht:

Von Simone Hamm

In den Romanen Kouroumas verbindet sich der reale Schrecken mit der sinnlichen Magie Afrikas (AP)
In den Romanen Kouroumas verbindet sich der reale Schrecken mit der sinnlichen Magie Afrikas (AP)

Das Gebet besteht aus zwei Hälften wie eine Kolanuss. Die erste, in der das Paradies erfleht wird, wurde in der gesegneten Sprache Allahs, dem Arabischen rezitiert. Die zweite wurde vollständig auf Malinke gesprochen, und zwar wegen ihres gänzlich materiellen Charakters: in ihr bezeugte man seinen Dank für den Lebensunterhalt, für die Gesundheit, für die Abwendung von Schicksalsschlägen und Verwünschungen, die unter den Sonnen der Unabhängigkeiten ihre Schatten auf den Neger werfen.

Ein Zitat aus dem ersten Roman des großen afrikanischen Schriftstellers Ahmadou Kourouma. Im Dezember 2003 ist er in Frankreich gestorben. Nur vier Romane hatte der 76-jährige hinterlassen, der erste, bereits 1968 veröffentlichte, heißt im Original: "Les soleils des independances - die Sonnen der Unabhängigkeiten". Endlich ist sein Roman auch in deutscher Sprache erscheinen unter dem Titel "Der letzte Fürst".

Dieser Roman hatte zunächst lange keinen französischen Verleger gefunden. Die Sprache Kouroumas, so die ablehnenden Lektoren, sei doch kein Französisch, "Sonnen der Unabhängigkeiten, die ihre Schatten auf den Neger werfen":

Die französische Sprache kann nicht alle Feinheiten der afrikanischen Kultur wiedergeben. Dafür fehlt ihr die Struktur. Wir müssen also Worte erfinden oder ihnen einen anderen Sinn geben, als den, den sie im Französischen haben, um sie unserer Kultur anzupassen,

erklärte Ahmadou Kourouma in einem seiner letzten Interviews. Und in der Tat, so hatte noch niemand geschrieben, so bildhaft, farbig, witzig, ironisch und einfühlsam zugleich. Und hochpolitisch. Bisweilen klingt Kouroumas Sprache wie ein rauschhaftes Lied, dann wieder ganz nüchtern oder sogar sarkastisch, wenn er die Situation des Postkolonialismus beschreibt.

Die Sprache ist sehr wichtig, aber die gesprochene Sprache, denn in Afrika haben wir nie geschrieben. Und die mündliche Sprache versuche ich wiederzugeben. Das gibt Probleme auf, strukturelle Probleme, weil sie viele Wiederholungen macht. Die Sprache, die ich benutze ist also ganz verschieden von der gebräuchlichen Schriftsprache. In "Les soleils des independances" verwende ich die Struktur des Malinke.

Ahmadou Kourouma, geboren 1927, stammt aus der damals zur Französisch - Westafrika gehörenden Elfenbeinküste. Er studierte in Frankreich, wurde Versicherungsmathematiker, diente in der Kolonilalarmee, war Rundfunksprecher in Vietnam. 1960 kehrte er in die inzwischen unabhängig gewordene Elfenbeinküste zurück. Kurz darauf wurde er angeklagt, an einem Komplott gegen den Präsidenten Houphouet-Boigny beteiligt gewesen zu sein. Nur, weil er eine französische Frau hatte, entging er dem Gefängnis. Er arbeitete weiter in seinem Brotberuf, ließ sich in Frankreich nieder, lebte in Algerien, Kamerun, Togo. Die gewaltsame Geschichte seines Heimatlandes, der Staatsstreich, der korrupte, grausame Staatschef, der Bürgerkrieg ließen ihn nicht los. Im Exil schrieb er seinen großartigen Roman über die Elfenbeinküste, die er im Roman Ebenholzküste nennt.

Kourouma hat Zeit seines Lebens gegen die ihre Macht missbrauchenden Machthaber gekämpft. Mit Worten. Damit hat er sich in seiner Heimat natürlich nicht nur Freunde gemacht. Noch 2002 gab es Pressestimmen, ihm die Staatsbürgerschaft der Elfenbeinküste abzuerkennen.

Ich bin Schriftsteller. Aber eigentlich ist der Unterschied zwischen einem Schriftsteller und einem Historiker in Afrika gar nicht so groß. Denn die afrikanischen Schriftsteller sprechen immer von dem, was geschehen ist.

So spielt auch Geschichte von Fama vor dem Hintergrund der Unruhen an der Elfenbeinküste. Fama, der betende letzte Fürst, hat nach der Unabhängigkeit nichts als einen Pass und eine Mitgliedskarte der Einheitspartei bekommen. Und dabei hat er sich doch mit Eifer und Redegewandtheit in die Politik gestürzt, um bei der Vertreibung der Franzosen mit dabei zu sein. Jetzt aber gehört ihm sein eigenes Land nicht mehr, das Land seiner Väter.

Aber er hat noch einen weiteren, gewichtigen Grund, zu beten. Er will endlich einen Nachkommen zeugen. Seine Frau Salimanta hat nichts unversucht gelassen, hat Zauberer um Rat gefragt und sich von Marabus Pillen und Pasten verschreiben lassen - ohne Erfolg. Auch Fama macht viele Versuche - vor allem mit ehrlosen Frauen aus der Hauptstadt - ohne Erfolg. Ein Fluch scheint auf dem letzen Spross der alten Malinkefamilie zu liegen. Der letzte Fürst ist ein abergläubischer Bettler, der von dem lebt, was seine fleißige Frau erarbeitet. Sie hat Vertrauen zu ihm wie zu keinem anderen Mann. Nachdem sie das barbarische Ritual einer Beschneidung nur knapp überlebt hatte, ist sie zu ihm geflohen. Und er hat sie einigermaßen gut behandelt. Mit Salimanta hat Kourouma eine starke, stolze, warmherzige Person geschaffen - das Gegenstück zum schwachen, unentschlossenen Fama. Kourouma wechselt den Blickwinkel, erzählt sowohl aus Famas, als auch aus Salimantas Perspektive.

Fama organisiert ein prächtiges Begräbnis für seinen Cousin. Nun ist er selbst Clanchef. Da wird er in der Hauptstadt ins Gefängnis geworfen. Er soll gegen die neuen Machthaber intrigiert haben. Halbtot entlässt man ihn Jahre später in die Freiheit. Dem Staatschef ist es opportun erschienen, sich großherzig zu zeigen. Sofort macht Fama sich auf den Weg in sein Dorf. Man will ihn nicht dorthin lassen.

Fama lief auf die linke Brückenseite. Das Geländer war nicht hoch und unter der Brücke war an dieser Stelle die Uferböschung. Die großen, heiligen Kaimane schwammen im Wasser und wärmten sich auf den Sandbänken. Die heiligen Kaimane würden den letzten Spross der Dumbuya nicht anzugreifen wagen...Fama schwang sich über das Geländer und ließ sich auf eine der Sandbänke fallen. Er erhob sich, das Wasser war nur knietief. Er wollte einen Schritt vorwärts tun, sah aber, wie ein heiliger Kaiman auf ihn zugeschossen kam wie ein Pfeil.

Die Magie spielt eine große Rolle in Kouroumas Roman. Die kinderlose Frau, die zum Zauberer geht. Der zurückkehrende letzte Fürst, der glaubt, dass die Kaimane ihm schon nichts tun werden…

Die Leute in Afrika glauben an Magie. Sie glauben, dass Leute fliegen können oder einfach verschwinden. Ich selbst weiß nicht, ob das richtig oder falsch ist. Magie ist einfach so sehr vorhanden in Afrika, dass es eine Realität geworden ist.

Mit seinen Romanen in der so ganz eigenen Erzählweise hat Ahmadou Kourouma den Europäern Afrika ein Stück näher gebracht.
Afrika ist niemals friedlich gewesen, weder vor noch während noch nach der Kolonialisierung. Die glücklichen Wilden hat es nie gegeben.

Ich schreibe mit den Afrikanern für die Europäer. Ich schreibe wie sie, ich nehme ihre Probleme und breite sie vor den Europäern aus.

"Der letzte Fürst", dieser pralle, sinnliche Roman, der in einer Welt voller Zauber und Magie spielt und zugleich in einer ganz realen afrikanischen Diktatur mit ihrer Unmenschlichkeit, ihrem Schrecken, hat aber natürlich nicht nur in Europa von Jahr zu Jahr mehr Leser erreicht. Ahmadou Kouroumas Erstling ist heute längst Schullektüre in allen afrikanischen Ländern, die früher französische Kolonie waren.

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