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StartseitePodiumDie Kathedrale des Fußballs ist bereit21.05.2013

Die Kathedrale des Fußballs ist bereit

Tour durch das Wembley Stadion in London

Borussia Dortmund und Bayern München spielen am 25. Mai im Londoner Wembley Stadion um den Champions League-Pokal. Die Arena ist eine Pilgerstätte für Fußballfans und gerade für deutsche Anhänger mit vielen schönen und nicht so schönen Erinnerungen verknüpft.

Von Jochen Spengler

Das umstrittene Tor der Engländer zum 3:2 gegen Deutschland im WM-Finale 1966 im Wembley Stadion. England gewann 4:2. (AP Archiv)
Das umstrittene Tor der Engländer zum 3:2 gegen Deutschland im WM-Finale 1966 im Wembley Stadion. England gewann 4:2. (AP Archiv)

Selbst Stevie hat keine Karten bekommen für das Champions League-Finale. Dabei ist das Wembley Stadion seine zweite Heimat, auch wenn die Lieblingsmannschaft 15 Kilometer weiter östlich spielt.

"I am a Tottenham Fan, Jürgen Klinsmann."

Stevies Liebe zu den Tottenham Hotspurs ist durchaus vereinbar mit seinem Beruf, Neugierige durch das Wembley Stadion zu führen. Denn seit es 1923 errichtet wurde, gehört es keiner Vereinsmannschaft, sondern der ganzen Nation oder genauer: dem englischen Fußballbund, der die Arena auch für Konzerte vermietet: ob Michael Jackson, Take That oder Queen. Rund drei Dutzend Events finden in Wembley jährlich statt – Konzerte, American Football Rugby – vor allem aber Fußball: alle Heimspiele der englischen Nationalmannschaft, die Cupfinals oder nun schon zum siebten Mal das Champions League-Finale. Natürlich kennt Stevie Pelés berühmten Satz auswendig:

"Er hat tatsächlich nie in Wembley gespielt, er kam hierhin während der WM 66, schaute auf das Spielfeld und sagte: ‚Wow man, this is like the church – the church of football‘"

Und wie das so ist mit Kirchen – man kann sie besichtigen. Gleich rechts vom Eingang auf dem Weg zur Bar hängt jenes ovale Corpus delicti von 1966, das für den bislang einzigen WM-Titel und damit größten Erfolg des Mutterlands des Fußballs sorgte.

"Nicht im Tor – kein Tor – oder doch? Was entscheidet der Linienrichter? Tor!"

"Das ist die Latte von 1966 – wir wissen alle was geschehen ist – der Ball sprang von da auf den Boden. Whas it in or out? I was a baby, I didn’t really see it.”"

Er sei noch ein Baby gewesen, sagt der 48-jährige Glatzkopf, der es sich wohl nicht gleich mit dem deutschen Gast verderben mag.

""Es gibt eine Menge Geschichte hier in Wembley, gerade für Deutschland. 1966 das Weltmeisterschaftsfinale, dann habt Ihr die Europameisterschaft ‘96 hier gewonnen mit dem Golden Goal, dieses Jahr haben wie das Champions League-Endspiel mit zwei deutschen Mannschaften, aber das Großartigste in der Geschichte ist wahrscheinlich 1956 – Bert Trautmann."

Als deutscher Kriegsgefangener war Bernd Trautmann auf der Insel geblieben und gilt den Briten bis heute als bester Torhüter aller Zeiten. Der Deutsche gewann ‘56 mit Manchester City das Cupfinale gegen Birmingham und wurde zur Legende, als er bei der Abwehr einer Flanke mit einem Stürmer zusammenprallte:

"Er brach sich das Genick dabei. Ersatzspieler gab es nicht und so spielte er die letzten 15 Minuten des Cupfinales mit einem gebrochenen Genick."

Und er übersteht sogar das anschließende Schulterklopfen der Fans. Stevie zeigt uns das Tafelsilber des 150 Jahre alten Fußballbunds, Pokale, das Original-Regelwerk aus dem Jahr 1863 und die kleine Ausstellung, die jedem Champions League-Sieger eine Glasvitrine mit Devotionalien widmet. Einmal ist Dortmund vertreten – viermal die Bayern. Stevie sagt, der Bessere möge gewinnen, aber als Tottenham-Fan meint er:

"Das einzige Problem, das ich habe, wenn die Bayern siegen, ist, dass dann alle Arsenal-Fans behaupten, da sie ja Bayern in München geschlagen haben, hätten sie es auch hier geschafft."

Dann tauchen wir ab in die Eingeweide des imposanten Stadions, das von 2003 bis 2007 an der Stelle des alten errichtet wurde. Doppel so groß und und mit fast einer Milliarde Euro dreimal teurer als geplant.

"Das alte Stadion wurde 2000 geschlossen. Und im letzten Spiel dort traf England auf Deutschland. Didi Hamann war der letzte Torschütze dort und Deutschland gewann 1:0."

Und natürlich war es die deutsche Nationalelf, die 2007 England dann die erste Niederlage im neuen Stadion zufügte. Sie ist mit fünf Siegen in neun Spielen die erfolgreichste Gastmannschaft in Wembley. Der Blick auf sein grünes Spielfeld und die 90.000 roten Sitzplätze ist überwältigend. Vor allem von der Royal Box aus, 107 Stufen oberhalb des Geschehens.

"Die königliche Loge in Wembley hat Platz für 400 Leute. Im alten Stadion waren es es nur 200. Du kannst nicht einfach ein Ticket kaufen, du musst eingeladen werden."

Sepp Blatter, Michel Platini, Angela Merkel werden dort am 25. Mai Platz nehmen. Stevie erinnert an den früheren Bayern-Trainer Tschik Cajkoswki: genauso klein und verschmitzt. Er rattert die Daten herunter: 380 Flutlichter, 17.000 Plätze und 161 Logen allein für VIPs und Geschäftskunden, 98 Küchen.

"Wenn ich Dir jetzt eins verrate, wirst Du sagen: das ist ja erstaunlich Stevie. Wir haben hier nämlich mehr Toiletten als in jedem anderen Fußballstadion der Welt. 2618. Deutschland hat drei WM-Titel, England hat mehr Toiletten."

Den Spielern bietet die Arena elegante Umkleiden mit LCD-Bildschirmen und großzügigen Holzsitzbänken.

"Die zwei Umkleideräume sind exakt gleich. England nutzt immer den westlichen Raum, rechts von den Ehrenplätzen, den kriegt Bayern München und Dortmund den östlichen. Genauso ist es mit den Fans - auf der Westseite des Stadions sind die Bayern und Dortmund auf dem Ostende."

Zwischen den Umkleiden der Spielertunnel, ein Raum, in dem sich Mannschaften und Schiedsrichter vor dem Einlauf versammeln. Stevie zeigt ein Aufputschvideo, um die Stadion-Touristen in ähnliches Fieber zu versetzen, wie es die Fußballer erfassen dürfte, kurz bevor sich die beiden Tore öffnen und sie unter dem aufbrandenden Jubel der 90.000 Zuschauer einlaufen.

Raus auf den makellosen Rasen – umringt von drei sich hoch auftürmenden Zuschauerrängen bis unter das verschiebbare Dach, über dem der 133 Meter hohe Leuchtbogen schwebt. Als der große Pelé erstmals das neue Wembley Stadion besichtigte, da sagte er, nein dies ist keine Kirche.

"”Well man - this is not a church - this is a cathedral – the cathedral of football!”"

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