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Die kleine Hexe und die Negerlein

Kinderbuchklassiker im Visier der Sprachpolizei

Von Burkard Müller-Ullrich, freier Journalist

Negerkönig ade - viele Kinderbücher werden sprachlich aktualisiert.
Negerkönig ade - viele Kinderbücher werden sprachlich aktualisiert. (AP)

Es gibt eine sich immer weiter ausbreitende Sprachpest der Political Correctness, die sich in selbstgerechten Abmahnwellen äußert, weil es nichts Schöneres gibt, als anderen über den Mund zu fahren und diesen zu verbieten. Die Säuberungskampagne, die derzeit etliche Kinderbücher erfasst, gehört eindeutig zu den üblen Beispielen von gedankenlosem Aktionismus.

Die Sprache ist eine alte Verräterin. Sie verrät immer mehr, als man eigentlich verraten will, denn sie unterliegt nur zum Teil unserer Kontrolle. Daher kommt ja die magische Kraft der Dichtkunst, dass Worte plötzlich einen Weg zum unbewussten weisen. Und wer hat noch nicht die peinliche Erfahrung gemacht, welche Sprengkraft ein gedankenlos gebrauchter Ausdruck entfalten kann?

Die Sprengkraft kommt unter anderem daher, dass die Wörter eine Geschichte haben. Sie sind vollgesogen mit Dingen, die wir gar nicht wissen oder eigentlich nicht meinen, sie transportieren eine Vergangenheit, die nicht vergeht.

Man muss also vorsichtig sein beim Reden und Schreiben. Aber wie vorsichtig? Es gibt ja auch eine wild gewordene Sprachpolizei, die ihre richtige Gesinnung gern zu völlig unnötigen Machtdemonstrationen benutzt. Es gibt eine sich immer weiter ausbreitende Sprachpest der Political Correctness, die sich in selbstgerechten Abmahnwellen äußert, weil es nichts Schöneres gibt, als anderen über den Mund zu fahren und diesen zu verbieten.

Die Säuberungskampagne, die derzeit etliche Kinderbücher erfasst, gehört eindeutig zu den üblen Beispielen von gedankenlosem Aktionismus, der sich im falschen Glanz seiner bigotten Moralität spreizt. So wie es schon seit geraumer Zeit keine Negerküsse und keine Mohrenköpfe mehr zu kaufen gibt, obwohl immer noch eine Menge Apotheken ihren Mohren-Namen tragen und auch Heinrich Heines "Mohrenkönig" noch nicht zwangsumgetauft wurde, so wurden jedenfalls der Negerkönig aus Astrid Lindgrens "Pippi Langstrumpf" und die Negerlein aus Otfried Preußlers "Kleiner Hexe" hinwegeskamotiert, damit die jungen Leser von dem bösen N-Wort nicht vergiftet werden.

Tatsächlich hat die Bezeichnung Neger einen ähnlich raschen und radikalen Bedeutungswandel durchgemacht wie Salisbury, das zu Harare wurde, Chemnitz zu Karl-Marx-Stadt (und wieder zurück), Eskimos zu Inuit und Sekretärinnen zu Sachbearbeiter-Schrägstrich-innen. Es gibt keine Neger und keine Zigeuner mehr, weil ihnen früher Böses angetan wurde und sie sich durch die Benennungen daran erinnert fühlen. Es gibt keine Putzfrauen mehr, weil schon in der Tatsache, dass Frauen ihren Lebensunterhalt durch Putzen verdienen, etwas Diskriminierendes liegt. Die korrekte Tätigkeitsbezeichnung lautet: Raumpflegefachkraft.

Die "Innen"-Welle, die sich inzwischen über fast jedes männliche Substantiv ergossen hat, schwappte in den achtziger Jahren aus der feministischen Sprachwissenschaft in eine nach neuen Redeweisen süchtige Publizistik.

Doch die damit einhergehenden Bedeutungsverschiebungen unseres aktuellen Vokabulars wirken nicht nur in die Zukunft. Nach den Vorgaben der Political Correctness werden sie auch auf historische Texte angewandt. Selbst die Bibel ist vor dem Furor der linguistischen Reinigungsbrigaden nicht gefeit und wird jetzt "in gerechter Sprache" angeboten.

Dagegen ist die Entnegerung einiger Kinderbücher fast harmlos. Sie ist ja vor allem eine kommerzielle Operation, mit der ein datiertes Stück Literatur in eine künstliche Zeitlosigkeit versetzt werden soll – als ob man nicht auch Kindern ein Geschichtsgefühl vermitteln könnte, das den einfachen Zusammenhang: 'Früher sagte man Neger, aber heute besser nicht' umfasst.

Geschichte hat schließlich auch etwas mit Treue zu sich selbst zu tun. Das verbale Verschwindenlassen von Geschichte ist nichts anderes als Fälschung und Lüge.

Nun wird die angebliche Harmlosigkeit des Unterfangens gern mit dem Argument begründet, die Negerlein in der "Kleinen Hexe" und der Negerkönig in "Pippi Langstrumpf" seien doch für die Handlung gar nicht wichtig.

Hinter dieser entspannten Mitteilung steckt wahres Kulturbanausentum. Denn wenn dieses Kriterium gilt, dann sind dem Modernisierungswillen der Geschmackslinienrichter keine Grenzen gesetzt: Dann findet man sicher auch auf Gemälden Elemente, die für das Gesamtgefüge "nicht wichtig" sind, und aus allen Kunstwerken können Anstößigkeiten jeder Art wohlmeinend-pädagogisch eliminiert werden: die Rollenklischees in "Minna von Barnhelm", der Antisemitismus im "Kaufmann von Venedig" und der Rassismus im "Othello".

Die französische Nationalbibliothek ging vor ein paar Jahren schon so weit, auf einem Ausstellungsplakat die Zigarette des Philosophen Sartre wegzuretouchieren, weil öffentliches Rauchen verpönt ist.

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