• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
StartseiteInterview"Die kloppen das Zeug in die Tonne"08.09.2011

"Die kloppen das Zeug in die Tonne"

Regisseur Thurn über "Taste the Waste" und Lebensmittel auf Abfallhalden

Valentin Thurn zeigt in seinem Film, wie Tonnen Lebensmittel allein in Deutschland auf dem Müll landen. Das Problem sei riesengroß und hierzulande bislang verschlafen worden, erklärt Thurn.

Valentin Thurn im Gespräch mit Peter Kapern

Brot wird in einem Müllcontainer entsorgt. - Szene aus dem Film "Taste the Waste" von Valentin Thurn (W-film)
Brot wird in einem Müllcontainer entsorgt. - Szene aus dem Film "Taste the Waste" von Valentin Thurn (W-film)

Peter Kapern: Schon der Trailer für den Film macht fassungslos. Das Essen, das allein in Europa auf dem Müll landet, würde reichen, um alle Hungernden auf der Erde zweimal satt zu machen, so kann man dort erfahren. Theoretisch natürlich! Gleichwohl: Der Streifen mit dem Titel "Taste the Waste" zeigt, dass etwas, was wir alle kennen, eine Dimension hat, die wir uns wohl kaum vorstellen konnten. 20 Millionen Tonnen Lebensmittel landen allein in Deutschland jedes Jahr auf dem Müll. Der Film seziert diesen Skandal mit zuweilen kuriosen Bildern, etwa wenn er zeigt, wie zwei Jungs kopfüber in einem Müllcontainer landen.

Lebensmittelverschwendung, die kennt jeder von uns, aber dass daraus allein in Deutschland jedes Jahr ein essbarer Müllberg von 20 Millionen Tonnen entsteht, wer hätte das gedacht. Wie er die Dimension dieses Skandals entdeckt hat, das habe ich vor der Sendung den Regisseur des Films gefragt. Valentin Thurn heißt er.

Valentin Thurn: Tatsächlich war das gar nicht so leicht, weil in Deutschland gibt es eigentlich keine Untersuchungen, die das wissenschaftlich belegen würden. Das sind Hochrechnungen, die wir aufgrund von Studien aus England und Österreich gemacht haben. Aber zunächst mal gab es diese Thematik in Deutschland nicht, die wurde nicht diskutiert, bei keiner Behörde, aber auch nicht bei den Verbänden. Ich bin eigentlich per Zufall ist übertrieben, aber wir haben eine Reportage gemacht über junge Aktivisten, die Lebensmittel aus den Supermarktcontainern fischen.

Kapern: Aus den Müllcontainern?

Thurn: Aus den Müllcontainern, ja. Das war für mich so der Augenöffner. Da waren original verpackte, noch vor Ablauf, also gut genießbare Lebensmittel drin und ich dachte mir, warum machen die Unternehmen das, das ist ja eine Vernichtung von Warenwerten, die tun doch sonst nichts, was ökonomisch unsinnig ist, und habe angefangen zu recherchieren und bin zwar in Deutschland nicht fündig geworden, aber dann eben in den USA. Es gab in anderen Ländern schon Untersuchungen dazu, die mir auch klar gemacht haben, das Problem ist riesengroß, und wir haben in Deutschland die Diskussion bisher verschlafen. Sie ist allerdings – das muss ich dazu sagen – auch im Ausland noch nicht so alt, fünf bis zehn Jahre, dass das Thema überhaupt ins Auge rückt.

Kapern: Setzen wir mal beim Endverbraucher dieser Lebensmittel an. Im Grunde genommen, Herr Thurn, kennt das Phänomen ja jeder. Da landet ein trockener Brotkanten im Müll, der Rest eines Mittagessens, der nicht mehr groß genug ist für die nächste Mahlzeit, ein Joghurt, bei dem man nicht mehr sicher ist, ob er noch gut ist, oder ein schimmeliger Pfirsich. Aber das alles kann sich nicht zu 20 Millionen Tonnen auftürmen. Wo entstehen diese Lebensmittelmüllberge? Ist das in den Supermärkten, oder wo ist das?

Thurn: Nein. Tatsächlich ist es so, dass das meiste an Lebensmittelmüll schon produziert wird, bevor es uns Verbraucher überhaupt erreicht. Aber der Handel ist da auch nur ein kleiner Teil von. Eigentlich ein ganz großer Teil schon ganz am Anfang in der Landwirtschaft. Das hat zwar dann auch wiederum mit den Normen und Standards des Handels zu tun, der sagt den Bauern, wir nehmen euch nur Kartoffeln einer bestimmten Größe ab, Tomaten eines bestimmten Reifegrades, Karotten, die gerade und nicht krumm sind, Kohlköpfe, die nicht zu groß sind, also ganz bestimmte Kriterien setzt er, wo der Handel glaubt, dass die Kunden das goutieren und dann mehr einkaufen. Vielleicht ist es auch so, dass wir inzwischen auch so einen Perfektionswahn haben, dass wir auch die Produkte, die eigentlich in der Natur ganz unterschiedlich wachsen – in der Stadt haben wir das ja verlernt, dass wir die nach rein optischen Gesichtspunkten nur noch auswählen.

Wir hatten vorgestern eine Kinopremiere in Düsseldorf, da kamen Bauern vom Niederrhein und haben Früchte mitgebracht, Karotten. Da muss ich selber zugeben, so eine dicke große Karotte, ich hätte so meine Bedenken gehabt: Ist die nicht überdüngt, oder schmeckt die denn. Und der Bauer hat dann gesagt, ja, probiert die ruhig mal. Aufgeschnitten, und die hat genauso geschmeckt wie die kleinen, aber man ist das halt nicht gewohnt, man kennt das nicht. Und es wäre letztendlich auch ein Gewinn, wenn wir uns wieder tatsächlich damit beschäftigen würden, was ist denn gut, was ist schlecht.

Wir wissen ja oft gar nicht mehr, wie man einen Qualitätsapfel erkennt. Wir würden vielleicht eher den, der makellos aussieht, wählen und der, der einen kleinen Schorffleck hat, würden wir liegen lassen. Dabei ist der Geschmack eigentlich sehr viel besser zu erkennen, wenn man mal an einem Apfel riecht. Das hat mir ein Sternekoch gezeigt, der ist natürlich Profi. Das ist so einfach, dass ich gedacht habe, warum weiß ich das eigentlich nicht.

Kapern: Wie war das eigentlich bei den Dreharbeiten, wenn Sie dort mit Ihrem Kamerateam aufgetaucht sind? Die Leute, die die Lebensmittel im großen Stil in den Müll werfen, haben die versucht, das zu verbergen, oder waren die selbst so betroffen davon, dass sie quasi Ihre Hilfe und Unterstützung gewünscht haben? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht, wenn Sie aufgetaucht sind?

Thurn: Es gab beides. Zunächst einmal: Große Unternehmen wollen darüber nicht gerne reden. Wenn man Supermärkte oder Herstellerindustrie fragt, können wir denn bei euch drehen, was ihr an Abfall produziert, dann heißt es entweder schlicht und einfach nein, oder es heißt sogar, was ich noch dreister finde, wir haben überhaupt keinen Abfall, wir geben alles zur Tafel. Wir haben aber bei einigen Supermarktketten gehört, was natürlich – das wissen die Tafeln auch – Quatsch ist. Die Tafeln haben ehrenamtliche Mitarbeiter, die können gar nicht an jedem Wochentag in die Supermärkte kommen. Sie haben sicherlich ein tolles Netz, aber nicht so engmaschig, dass jeder Supermarkt erfasst würde, die kleineren schon gar nicht. Es gibt viele, die liefern auch nichts an die Tafel, das sieht man in den Mülltonnen. Man muss nur mal den jungen Mülltauchern, den Politaktivisten abends mal folgen, und dann sieht man, wie voll die Supermarkttonnen sind mit Essbarem.

Also ich finde diese Reaktion zwar verständlich, weil es ist schlecht fürs Image, wenn man den Müll zeigt. Andererseits wäre es glaubwürdiger, wenn sie offen darüber reden würden. Es gibt allerdings auch die andere Seite. Profis wie Supermarktchefs und Köche, da gibt es einige, die anders drauf sind, weil sie natürlich jeden Tag wegwerfen müssen. Also vor allem bei den Angestellten - je weiter runter man in der Hierarchie geht, desto häufiger trifft man das -, die sind diejenigen, die das ja ausführen müssen. Die kloppen das Zeug in die Tonne, und eigentlich hassen sie es und reden auch darüber.

Kapern: Wenn ich mir diesen Film anschaue, entdecke ich darin die ein, zwei oder drei Dinge, die man tun kann, um die Müllberge von 20 Millionen Tonnen jährlich auf, sagen wir, zwei oder drei zu reduzieren?

Thurn: Ja ob wir das schaffen, weil ich nicht. Die Welternährungsorganisation hält eine Reduzierung auf die Hälfte für gut machbar. Vielleicht kann man noch weiter gehen, aber ich denke, das ist eigentlich schon so eine große Stellschraube, so eine Menge. Wenn man sich vorstellt, wir werfen ungefähr die Hälfte dessen weg, was wir anbauen für den Menschen. Anders herum gesagt: Wir vernichten so viel, wie wir essen. Das ist so eine große Menge, da würde schon zehn Prozent davon Verringerung gigantische Auswirkungen haben.

Kapern: Sagen Sie uns ein, zwei Stellschrauben, an denen man drehen muss, damit sich das ändert.

Thurn: Also jeder muss mitarbeiten, auch der Verbraucher kann hier nicht aus der Pflicht gelassen werden. Wir können selber dazu beitragen, indem wir ein bisschen gezielter einkaufen, mit Einkaufszettel vielleicht zwei-, dreimal die Woche. Das lässt sich besser planen als einmal die Woche. Sehr stark in der Pflicht sehe ich aber – das ist einer der Hauptakteure – den Handel.

Nicht so sehr, weil er so viel in den Supermarktfilialen vernichtet. Das ist auch eine Menge, aber das ist die große Menge eben vorher in der Landwirtschaft durch Standards und Normen, die mit der Ernährungsqualität dessen, was da geerntet wird, nichts zu tun haben, sondern rein kosmetische, optische Gesichtspunkte berücksichtigt.

Kapern: Die Internet-Seite des Films ist verlinkt zu Bewegungen, die sich um das Thema weltweit kümmern. Was sind das für Bewegungen, wer steckt dahinter, wer macht die?

Thurn: Wir haben eigentlich von vornherein gedacht, wir wollen dieses Thema in die Gesellschaft tragen, weil da gibt es nicht einen Bösewicht, der das abstellen kann, sondern das ist ein System, in dem wir alle mittendrin stecken. Wir haben sehr schnell festgestellt, das Thema hat einen klaren Zusammenhang mit dem Welthunger. Je mehr wir wegwerfen, desto höher sind die Preise auf den Getreidebörsen, von denen sich auch die Afrikaner ernähren, gerade jetzt in der Hungerkrise. Es gibt einen Zusammenhang mit dem Klima, also das ist eine starke Belastung des Klimas.

Insofern haben wir jetzt Umweltverbände, Entwicklungsverbände. Was mir aber besonders wichtig war, dass dieses ganze Thema eben nicht nur als ein Appell zur Sparsamkeit, zur Askese missverstanden wird. Deswegen sozusagen die Message, die auch im Bauch ankommen soll über Slow Food, wir gewinnen etwas dabei, wenn wir uns mit der Qualität unseres Essens beschäftigen. Das ist was Positives für unsere Lebensqualität, und quasi automatisch werfen wir nebenbei weniger weg.

Kapern: Sie haben es eben angedeutet: es hat erste Previews gegeben. Wie sind die Reaktionen im Kino nach dem Film?

Thurn: Die Reaktionen sind sehr emotional. Manche Zuschauer bringen dann so Sprüche wie, ich fühle mich ertappt. Stimmt! Wir werfen täglich weg und haben ein schlechtes Gewissen dabei. Das ist vielleicht so ein Gefühl. Andere oder die meisten sind eigentlich über das Ausmaß, die Größenordnung geschockt. Wir haben jetzt nicht eineinhalb Stunden Müllberg an Müllberg gereiht, das war nicht mein Ansatz und das haben auch viele dankbar entgegengenommen, dass wir sehr viele Lösungsansätze zeigen, also dem Zuschauer das Gefühl geben, das war zumindest mein Ansatz, ich kann was tun, ich bin nicht hilflos.

Kapern: Valentin Thurn war das, der Regisseur des Films "Taste the Waste", der heute in die Kinos kommt. Und zum Film gibt es übrigens auch ein Buch, und das wird bei uns in der Sendung "Andruck" besprochen, am kommenden Montag um 19:15 Uhr.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk